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55. Todestag JFK - die Wahrheit und der Mythos

Am 22. November 1963 wird John F. Kennedy in Dallas von mehreren Schüssen tödlich getroffen. Bis heute strahlt die Lichtgestalt JFK. Doch wie erfolgreich war er als Politiker? War Kennedy ein guter Präsident? Oder nur ein guter Präsidentendarsteller? Eine Bilanz
John F. Kennedy

John F. Kennedy während eines Besuchs in Detroit, 1960

John F. Kennedy war kein Märtyrer, sondern ein Held. Denn Amerika ist eine gewalttätige Gesellschaft - und in gewalttätigen Gesellschaften werden verehrte Tote nicht als Menschen gesehen, die einen Opfergang gehen, sondern als Kämpfer, die in ihren Stiefeln sterben.

Die USA sind in einem Befreiungskrieg entstanden und in einem Bürgerkrieg geformt worden. Sie fochten in zwei Weltkriegen und vielen kleineren Konflikten, manchmal weit jenseits ihrer Grenzen. Ebenjene Grenzen wurden immer wieder verschoben, von "Pionieren", die, ohne zu zögern, mit Colt und Winchester Indianer vertrieben. In den Einwanderervierteln New Yorks und Chicagos, auf den Plantagen des Südens, in den Goldgräber- und Glücksritternestern von Kalifornien bis Alaska - überall galt das Recht des Stärkeren.

JFK war der strahlendste Held von allen

Ein Präsident, der im Amt getötet wird, gilt vielen Amerikanern deshalb wie ein Soldat, der im Kampf fällt: ein Held eben, kein Märtyrer. Diese Nation hat mehrere Präsidenten durch Attentäter verloren. Das berühmteste Opfer neben Kennedy war Abraham Lincoln, der 1865 erschossen wurde.

John F. Kennedy aber war der strahlendste Held von allen. Jung und charismatisch; ein Kämpfer, der im Zweiten Weltkrieg ein Schnellboot kommandierte und im Kalten Krieg der UdSSR Paroli bot; ein Präsident, anscheinend im Zenit von Macht und Schaffenskraft.

Nicht gerade die ideale historische Gestalt für eine kritische Analyse. Denn Helden symbolisieren ja das Gute einer bestimmten Epoche - und manchmal, wie bei Kennedy, sogar das überzeitlich Bewundernswerte. Für viele Anhänger verkörperte er das Modell des Amerikaners schlechthin: strahlend, zupackend, optimistisch. Der scharfe Blick auf Details, die Frage nach konkreten Taten störten da lange Zeit nur - hätten sie doch gezeigt, wie dünn das Fundament ist, auf dem das Denkmal "Kennedy" errichtet worden ist.

Denn was hat John F. Kennedy tatsächlich geleistet? Was sind die Ergebnisse seiner Präsidentschaft? Hat er die Gesellschaft umgeformt? Die internationale Politik revolutioniert?

Hat JFK der Macht neue Gestaltungsfelder eröffnet?

Bemisst man Politik nach Verträgen und Gesetzen, dann ist Kennedy bestenfalls ein durchschnittlicher Präsident gewesen. Die Babyboom-Gesellschaft blieb eingezwängt in einem Korsett historisch längst überholter Traditionen, eingezwängt in offen diskriminierende Gesetze und nicht ganz so offen zur Schau getragene Konventionen.

Die Bürgerrechte der Schwarzen? Kennedy ging während seiner Präsidentschaft nur zögernd auf ihre Forderung nach echter politischer und wirtschaftlicher Gleichberechtigung ein. Er hielt eher hin, als dass er die Initiative ergriff. Und die Gleichstellung der Frau? Abschaffung der Todesstrafe? Herabsetzung des Wahlalters auf 18 Jahre? Alles nicht auf seiner Agenda.

Der wirtschaftliche Wohlstand der 1950er Jahre trug noch, wurde aber brüchiger. Keine grundlegenden Reformen hier, keine radikalen Veränderungen der Kranken- und Rentenversicherungen hin zu einem modernen Sozialstaat.

Erst sein Nachfolger Lyndon B. Johnson erreichte etliche Reformen der Bürgerrechte wie auch des Sozialsystems. Zwar profitierte er von Gesetzesinitiativen, die auf seinen Vorgänger zurückgingen, doch es bleibt offen, ob John F. Kennedy sie bei den schwierigen Mehrheitsverhältnissen im US-Kongress jemals hätte durchsetzen können - oder ob nicht vielmehr erst der schockierende Tod des Idols zu einer politischen Wende in Senat und Repräsentantenhaus führte.

Was also bleibt, sind Spekulationen. Ist das reizvolle Spiel mit der letztlich nicht zu beantwortenden Frage: "Was wäre, wenn Kennedy überlebt hätte?" Neue Politikfelder jedenfalls hat er kaum erschlossen.

Umweltschutz beispielsweise war noch kein Thema. Die Energie der Zukunft sollten billiges Öl und ebenso billige Atomkraft liefern - die eine Energiequelle spätestens seit der frühen Massenmotorisierung der 1920er Jahre unverzichtbar, die andere die große Hoffnung der 1950er Jahre.

Die Flucht der Mittelschicht in die Vorstädte? Die Verslumung der Stadtzentren? Niemand in Washington konnte sie stoppen. (Zwar schlug Kennedy ein Ministerium für Stadtentwicklung vor, scheiterte aber auch in dieser Frage am Kongress.)

Und das kühne Apollo-Mondflugprogramm, das John F. Kennedy im Mai 1961 verkündete, war eine geborgte Vision: ein technisches Mammutvorhaben, das von Wissenschaftlern und Militärs schon lange vor seiner Amtseinführung geplant worden war.

In der Außenpolitik, seiner größten Leidenschaft, erlebte der Präsident eine Sternstunde als ebenso besonnener wie unbeugsamer Manager der Kubakrise. Doch die menschheitsbedrohende Rivalität der Supermächte brach er nicht auf, im Gegenteil: Ein Zweikampf der Giganten, ein Duell USA und Sowjetunion um die militärische, politische, ideologische, ökonomische und kulturelle Dominanz der Welt, entsprach wohl durchaus dem Geschmack des zu Wettkämpfen erzogenen John F. Kennedy.

Für die durch die Dekolonisierung entstehenden Staaten Afrikas und Asiens hatte er Ideen wie das "Peace Corps", eine Art Entwicklungshelfer-Armee. Aber er fand keine wirklich neue Weltordnung, die junge Nationen anders integriert hätte denn als bloße Satelliten der Supermächte.

Zu Kuba unterhielt er niemals diplomatische Beziehungen. Und Vietnam? Seine Ziele blieben hier nebulös, waren ihm vielleicht selbst nicht ganz klar. Die Methoden jedenfalls - angebliche Militärberater zu entsenden, einen Diktator anfangs zu fördern, ihn dann zu opfern - waren fast ebenso schmutzig wie die seiner Vorgänger. Das traumatische Desaster, das die USA später in Südostasien erlebten, hatte Kennedy zwar nicht zu verantworten.

Kennedy ist zum Mythos geworden

In seine Amtszeit jedoch fielen Entscheidungen, die zu der Katastrophe beitrugen. Auch seine Außenpolitik also war alles in allem, vorsichtig ausgedrückt, keine Erfolgsgeschichte. Andere US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts haben Größeres geleistet, allen voran Franklin D. Roosevelt, ein Ostküsten-Demokrat wie Kennedy und politischer Rivale des Vaters von JFK.

Roosevelt bekämpfte ab 1933 die schwerste Wirtschaftskrise der US-Geschichte, schuf mitten im Kampf gegen die Depression die ersten Institutionen eines modernen Sozialstaates und stemmte sich schließlich im Zweiten Weltkrieg gegen Adolf Hitler und die japanischen Militärs.

Ein unfairer Vergleich, gewiss. Große Krisen können große Politiker hervorbringen - und Kennedy musste sich, bis auf die zwei Wochen der Konfrontation über Atomraketen auf Kuba, niemals in existenzieller Not bewähren.

Und doch ist John F. Kennedy zum Mythos geworden. Der Grund dafür ist ebenso einfach wie schwer zu beschreiben: Das Politische erschöpft sich eben nicht allein in Gesetzen, Verträgen und Abkommen - im Messbaren, Schriftlichen, Formalen. Kennedy ist berühmt geworden nicht für die Ergebnisse seiner Präsidentschaft, sondern für die Chancen, die seine Präsidentschaft versprach.

Er war ein Außenseiter - ein privilegierter, ohne Frage, aber eben ein Außenseiter: ein junger Aufsteiger in einer von älteren Honoratioren geprägten politischen Klasse. Ein Katholik im stark protestantisch dominierten Nordamerika.

Als John F. Kennedy im Sommer 1960 antrat, hatte sich in der da fast 200-jährigen Geschichte der USA nie zuvor ein Politiker mit einer solchen Biografie durchgesetzt. Ihm aber gelang es, als jüngster direkt gewählter Präsident, als erster Katholik. Und wenn er es schafft, kann es dann nicht jeder Mensch schaffen?

Da ist er, der amerikanische Traum vom Aufstieg, von der Chance für jeden, der etwas wagt. Auch wenn Kennedy als Präsident die Schwarzen kaum und die Frauen gar nicht politisch gefördert hat: Allein die Tatsache, dass er selbst Diskriminierungen überwunden hatte, war ein Hoffnungszeichen, dass auch andere Diskriminierungen fallen würden.

Dass dieser Traum mit ererbten Millionen leichter zu realisieren ist, macht ihn trotzdem nicht weniger verführerisch. Denn allein mit Dollars, aber ohne Charisma und Vision, hätte Kennedy wohl kaum die Präsidentschaft errungen (den Sprösslingen aus noch viel reicheren Clans, etwa den Rockefellers, ist der Sprung ins Weiße Haus nicht gelungen).

Vielleicht ist es dieses Versprechen - dass jedermann eine Chance hat, dass jeder eine Chance verdient -, mit dem es Kennedy gelang, zur Stimme einer Generation zu werden.

JFK ist seither Maßstab für seine Nachfolger

Er begeisterte Millionen Menschen für die Politik, verlangte ihnen (in seiner berühmtesten Ansprache) nicht nur ab, dass sie etwas für ihr Land tun sollten, sondern gab ihnen zugleich auch zu verstehen, dass sie durchaus in der Lage wären, so etwas zu leisten - und dass ihnen das Land dafür dankbar sein würde.

Und da sein Charisma auch im neuen Medium Fernsehen wirkte, lockte dieses Versprechen selbst solche, die ihn gar nicht wählen konnten, etwa in Europa.

Kennedys Anhänger einte der Glaube, dass eine bessere Welt möglich sei, eine moderne Utopie: eine Welt, in der die Gegensätze zwischen West und Ost, zwischen Arm und Reich überwunden werden, und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern durch die Arbeit unzähliger Idealisten im Hier und Jetzt.

Kennedy war im Privaten, man denke nur an seine Frauengeschichten, sicher ein Zyniker - aber eben nicht im Politischen, in der öffentlichen Arena. Da war JFK voller Pathos, und so gelang es ihm, den jugendlichen Idealismus einer Generation anzusprechen, nicht zu zerstören.

Es waren kluge, gebildete, ehrgeizige, fleißige Frauen und Männer, die sich von ihm überzeugen ließen, für ihr Land zu arbeiten: als Entwicklungshelfer wie als Lehrer, als Anwälte wie als Forscher, als Beamte, als Berater und Minister.

In diesem Sinne hat Kennedys Präsidentschaft Folgen - bis heute. Er hat vielen Menschen die Hoffnung gegeben, dass eine ernsthafte und doch idealistische, eine starke und doch friedliche Politik möglich ist. Eine Hoffnung, die nach wie vor existiert, auch wenn er selbst sie in seinem unvollendeten Leben durch Taten zum großen Teil nicht erfüllt hat.

John F. Kennedy ist seither zum Maßstab für seine Nachfolger geworden, in den USA wie in anderen Demokratien. Er hat gezeigt, was Politik sein kann, wenn sie Leidenschaft ist und nicht nur Machterhalt.

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