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Schachweltmeisterschaft Wie ein Schachspiel zum Wettstreit der Systeme wurde

Im Kalten Krieg wird während der Schach-WM in Island ein Duell am Brett zwischen einem Russen und einem Amerikaner zum Kampf der Systeme
Kontrahenten: Spasskij und Fischer

Kontrahenten: Spasskij und Fischer

Dienstag, 11. Juli 1972, Reykjavík. Um 17 Uhr beginnt in der Sporthalle Laugardalshöllin einer der aufsehenerregendsten Schachwettkämpfe aller Zeiten. Boris Spasskij, Bürgerder Sowjetunion, 35 Jahre alt und amtierender Weltmeister, zieht einen weißen Bauern auf d4 – und wartet. Denn er sitzt allein am Brett. Sein Herausforderer, der 29-jährige Robert „Bobby“ Fischer, ist nicht erschienen. Eine weitere von etlichen Allüren, mit denen der exzentrische Amerikaner schon in den Monaten vor dem Duell Schlagzeilen gemacht hat. So bemängelte er die Höhe des Tisches, die Beleuchtung , den Abstand zum Publikum. Unzufrieden mit dem Preisgeld, hatte er gar verkündet, nicht teilzunehmen. Schließlich rief Henry Kissinger, der Nationale Sicherheitsberater, bei Fischer an und ermunterte ihn, nach Reykjavík zu reisen.

Kalter Krieg am Schachbrett - ein Machtkampf

Denn bei dem Wettkampf geht es um mehr als die Schach-WM. Es geht um den Kampf zwischen der UdSSR und den USA. Und die Frage: Welches System bringt den intelligenteren Menschen hervor – Kommunismus oder Kapitalismus? So jedenfalls sieht es die Weltöffentlichkeit, und deshalb steht für Moskau und Washington viel auf dem Spiel.

Mit Spasskij und Fischer wird das Ringen der Supermächte auf zwei Figuren verdichtet: auf der einen Seite der höfliche Russe, der Dostojewskij schätzt, auf der anderen der schillernde amerikanische Individualist, der bevorzugt Comic-Hefte liest.

Dass die beiden Männer eigentlich nicht in ihre Rollen passen, Spasskij kein sowjetischer Patriot ist und Fischer vielen seiner Landsleute wegen seiner Eskapaden als unamerikanisch gilt, gerät dabei in den Hintergrund. In der Sporthalle vergeht nun die Zeit, und Spasskij sitzt noch immer allein am Brett. Dann, sechs Minuten nach Spielbeginn, erscheint Fischer auf der Bühne, schüttelt Spasskij die Hand und macht seinen Zug.

Vermeintlicher Sabotagversuch wird ausgeschlossen

Eine Zeit lang ist das Spiel ausgeglichen, bis der Amerikaner einen Anfängerfehler begeht; er zieht seinen Läufer auf eine Position, auf der die Figur blockiert ist. Das Geräusch einer Kamera habe ihn irritiert, beschwert sich Fischer beim Schiedsrichter – und gibt die Partie am nächsten Tag auf. Nun liegt er einen Punkt hinten (ein Sieg bringt einen Punkt, ein Remis einen halben; um die Weltmeisterschaft zu gewinnen, benötigt man 12,5 Punkte). Aus Protest gegen die angebliche Ablenkung tritt Fischer zur zweiten Partie nicht an. Nun hat er schon zwei Punkte Rückstand.

Beim dritten Spiel ist er wieder da, auf seinen Wunsch hin ist das Duell in einen kleineren Raum verlegt worden. Und fortan dominiert er den Wettkampf: Fünf Siege und drei Remis folgen. Nach einem besonders verdienten Erfolg Fischers applaudiert ihm Spasskij, der faire Sportsmann. Doch seine Betreuer werden misstrauisch: Wieso wirkt Spasskij so unkonzentriert? Man lässt die Bühne und selbst die Spielfiguren untersuchen, vermutet Geräte, mit denen Spasskij gestört werde, vielleicht mittels Funk- oder Röntgenstrahlen. Gefunden werden aber laut Presseberichten nur zwei tote Fliegen.

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Zweitplatzierter wird zum Publikumsliebling

Nach weiteren neun Spielen, zumeist Unentschieden, ist Fischers Gesamtsieg in der 21. Partie zum Greifen nahe. Kurz vor der geplanten Fortsetzung am nächsten Tag gibt Spasskij am 1. September auf. Fischer ist neuer Schachweltmeister, als zweiter Amerikaner überhaupt. Überhebliche Freude aber löst sein Sieg in den USA nicht aus. Tatsächlich ist der bescheiden auftretende Spasskij vielen Amerikanern im Laufe des Duells sympathischer geworden als ihr eigener Mann.

Bald nach seinem Triumph zieht Fischer sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Als er sich 1975 bei der Weltmeisterschaft mit den Organisatoren über den Ablauf des Wettkampfes nicht einigen kann, tritt er nicht an und verzichtet damit auf seinen Titel. Erst 20 Jahre später, im September 1992, kommt es zu einer weiteren Partie; Fischer gewinnt erneut. Doch ein vergleichbares Interesse löst die Begegnung nicht aus. Der Kalte Krieg ist beendet – und ein Wettkampf zwischen Fischer und Spasskij nicht mehr als das Duell zweier Schachveteranen.

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