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Das Magazin für Geschichte

Januar

Als 1968 beginnt, geht in China das Morden weiter. Die »Große Proletarische Kulturrevolution«, die der Diktator Mao Zedong zwei Jahre zuvor ausgerufen hat, um sich seiner Gegner in der Partei zu entledigen und die alten Traditionen zu zertrümmern, ist zu einem brutalen Bürgerkrieg eskaliert. Jugendbanden und radikale Milizen terrorisieren das Land – immer auf der Suche nach vermeintlichen Konterrevolutionären. Auch diese beiden Männer aus dem nordchinesischen Harbin fallen ihrem Wahn zum Opfer. Mit Plakaten um den Hals, auf denen ihre Namen und angeblichen Untaten stehen, werden sie zu ihrer Hinrichtung geführt 

Februar

Vor den Kameras westlicher Reporter erschießt der Polizeichef der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon am 1. Februar 1968 einen Guerillakämpfer, der Zivilisten getötet haben soll. Das Foto entsteht am zweiten Tag der Tet-Offensive – eines Überraschungsangriffs des kommunistischen Nordvietnam auf den von den USA unterstützten Süden des geteilten Landes. Für die Menschen in Amerika ist das Foto ein Schock – wie auch die Attacke: Hatten sie zuvor geglaubt, den Vietnamkrieg zu gewinnen, schwindet nun aller Optimismus. Die Regierung stürzt in eine tiefe Krise, und die Gegner des Konflikts werden immer zahlreicher

März

Am 28. März 1968 reist der Prediger Martin Luther King, die mächtigste Stimme der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA, nach Memphis im Staat Tennessee. Er will sich für streikende Müllwerker einsetzen, die gegen schlechte Bezahlung und harte Arbeitsbedingungen protestieren. Was King nicht weiß: Jemand plant seinen Tod. Sieben Tage nachdem dieses Bild aufgenommen worden ist, trifft die Kugel des Attentäters den Nobelpreisträger. Aus Wut und Empörung über den Mord legen Demonstranten anschließend in mehr als 125 Städten ganze Viertel in Schutt und Asche

April

Tatort Kurfürstendamm, 11. April 1968: Die Schuhe von Rudi Dutschke liegen noch dort, wo der Studentenführer kurz zuvor von einem jungen Rechtsradikalen niedergeschossen worden ist. Während das Opfer des Anschlags in einem Westberliner Krankenhaus um sein Leben kämpft, randalieren seine Mitstreiter vor dem Springer-Verlag, dessen Blätter immer wieder gegen Dutschke Stimmung gemacht hatten. Die Unruhen sind der Höhepunkt der Jugendrevolte in Westdeutschland – und zugleich der Anfang von ihrem Ende. Denn mit Dutschke, der Jahre braucht, um sich einigermaßen zu erholen, verlieren die Studenten ihren wichtigsten Kopf

Mai

In Paris, der Stadt der Barrikaden und der Revolutionen, entfaltet der weltweite Aufstand der Jugend seine größte Wucht. Aus Empörung über die Brutalität der Polizei, die Anfang Mai die besetzte Universität Sorbonne gewaltsam geräumt hat, gehen Tausende Studenten auf die Straße – und verwickeln die Sicherheitskräfte in erbitterte Kämpfe. Als sich auch die Gewerkschaften dem Protest anschließen und den Generalstreik ausrufen, scheint es so, als könnten die Rebellen tatsächlich Staatschef Charles de Gaulle stürzen. Doch dann gewinnt der Präsident die Fassung zurück. Schon im Juni ist der revolutionäre Augenblick vorüber

Juni

Und wieder trifft es einen Kennedy: Am 5. Juni 1968 wird der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, Robert Kennedy, in einem Hotel in Los Angeles angeschossen. Nur wenige Minuten zuvor hat der jüngere Bruder des 1963 ermordeten Präsidenten den größten Triumph seiner Karriere gefeiert – den Sieg bei den Vorwahlen im Staat Kalifornien. Am 6. Juni erliegt der charismatische Politiker seinen Verletzungen, und eine ganze Nation trauert um ihn. Denn mit Bobby, wie ihn die Amerikaner nennen, stirbt auch die Hoffnung, das Land zu einen, den Vietnamkrieg zu beenden und Schwarze und Weiße zu versöhnen

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Juli

Im Sommer 1968 wird Kassel zum Mittelpunkt der Kunstwelt: Zu den Attraktionen der »documenta 4«, der größten Schau zeitgenössischer Werke, gehören auch die rätselhaften Installationen von Joseph Beuys. Der ehemalige Kampfpilot verwendet in seinen Arbeiten häufig ungewöhnliche Materialien wie Filz und Fett – oder, wie hier in Kassel, Kupfer. Die beiden mit Kupferblech verkleideten Tische seiner Installation »FOND II« sollen die Weiterleitung von Energie verkörpern. In seinen Ansichten ist Beuys ähnlich radikal wie viele der rebellierenden Studenten: Er will alle Menschen zu Künstlern machen und so die Gesellschaft verändern

August

Auch durch die abgeschottete Welt des Ostblocks hallt 1968 der Ruf nach Freiheit. In der Tschechoslowakei wagt die Führung der KP tatsächlich erste demokratische Reformen, hebt etwa die Pressezensur auf und erlaubt Reisen in den Westen; rasant strebt das Land einer menschlicheren Form des Sozialismus entgegen. Dann aber, am 21. August, schickt Moskau Soldaten in die ČSSR, um dem »Prager Frühling« ein Ende zu setzen. Wie hier in der Hauptstadt stellen sich vielerorts Demonstranten den Panzern entgegen, doch unter dem Druck des Militärs muss die tschechoslowakische Regierung schließlich nachgeben und sich dem Willen des Kreml beugen

September

Der Mythos des Jahres 1968 wäre kaum denkbar ohne den Erfolg der Rockmusik, die oft getrieben von verzerrten elektrischen Gitarren, rebellischem Habitus und einer enormen Lautstärke zum Begleitgeräusch der Revolte wird. Die meisten Bands kommen aus Großbritannien oder den USA, während in Deutschlands Hitparaden noch Schlagersänger wie Heintje oder Peter Alexander regieren. Und so müssen die Redakteure einer TV-Sendung fürs junge Publikum die kalifornische Band The Doors buchen, um ihren Zuschauern etwas zu bieten. Deren Auftritt vor dem Frankfurter Römer, verfolgt von braven Bürgern, schwankt allerdings zwischen Komik und Surrealismus

Oktober

Der Augenblick ihres Triumphs ist zugleich Akt der stillen Rebellion: Die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos haben bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt die Gold- und Bronzemedaille im 200-Meter-Lauf erkämpft. Als bei der Siegerehrung am Abend des 16. Oktober ihre Nationalhymne gespielt wird, recken sie die behandschuhte Faust in den Himmel, den Kopf im Schweigen gesenkt – eine Demonstration gegen die Diskriminierung der Schwarzen in den USA. Das Foto davon löst in ihrer Heimat einen ungeheuren Skandal aus: Beide Sportler müssen das olympische Team verlassen und erhalten Morddrohungen

November

»Bewaffnet euch. Dynamit! Nehmt das Gewehr. Tötet das Schwein, wo immer ihr könnt«: In rasendem Zorn hetzt George Murray (o.) gegen die verhasste Polizei. Radikale Bürgerrechtler wie der Englischdozent (hier bei einem Studentenstreik in San Francisco, November 1968) verachten den friedlichen Widerstand, wie ihn Martin Luther King gepredigt hat. Sie sehen die Zeit des bewaffneten Kampfes gekommen: in ihren Augen legitime Notwehr gegen einen mörderischen Rassismus. Die Aktivisten gründen die »Black Panther Party«, in der FBI-Chef J. Edgar Hoover schon bald die größte Bedrohung der Vereinigten Staaten sieht

Dezember

Auf dem Weg in unerforschte Weiten: Am 21. Dezember 1968 begibt sich die Mannschaft von Apollo 8 zum Startplatz jener Rakete, die sie zum Mond bringen soll. Als erste Menschen überhaupt wollen die US-Astronauten Frank Borman, James Lovell und William Anders (v. r.) den Erdtrabanten erreichen und umrunden: eine wichtige Übung für die im folgenden Jahr geplante Landung. Drei Tage dauert die Reise, an Heiligabend schließlich kreisen sie in ihrem Raumschiff um den Mond und sehen zum ersten Mal dessen dunkle, erdabgewandte Seite. Und so endet das dramatische Jahr 1968 mit einer triumphalen Heldentat

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