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75 Jahre Ausbruch des II. Weltkrieges

Sechs Jahre lang hat Adolf Hitler aufgerüstet, im Sommer 1939 fühlt er sich bereit: Durch einen schnellen Sieg über Polen will Deutschland all die Gebiete erobern, die es im Ersten Weltkrieg verloren hat - und weitaus mehr noch dazu. Großbritannien und Frankreich, so hofft der Diktator, werden sich ihm nicht in den Weg stellen
In diesem Artikel
11. August 1939, Berghof:
23. August, Moskau, etwa 14 Uhr Ortszeit (in Berlin ist es 11 Uhr):
30. August, London:
25. September, Warschau:
26. Oktober, Berlin:

Seit mehr als zwei Wochen wartet Alfred Helmut Naujocks im Hotel "Haus Oberschlesien" in der Stadt Gleiwitz nahe der polnischen Grenze auf seinen Einsatzbefehl. Am 31. August 1939 gegen 16 Uhr kommt endlich der Anruf aus Berlin mit dem Losungswort: "Großmutter gestorben".

Der 27-jährige SS-Sturmbannführer und eine Handvoll weiterer Männer sollen am Abend als vermeintliche polnische Rebellen den deutschen Rundfunksender Gleiwitz überfallen. Die Aktion ist eine von zahlreichen Scheinattacken der SS, die Polen zugeschrieben werden und der NS-Führung als Vorwand für den Überfall auf den östlichen Nachbarn dienen sollen. Adolf Hitler hat den Angriffsbefehl für die Wehrmacht vor gut drei Stunden unterschrieben.

Kurz vor 20 Uhr erreichen Naujocks und seine Komplizen den nordwestlich von Gleiwitz gelegenen Sender. Die beiden Polizisten an der Pforte sind eingeweiht, der Pförtner hat seinen Posten verlassen. Niemand hält das mit Maschinenpistolen bewaffnete Kommando auf. Die Männer dringen in das Sendegebäude ein, gehen zum Betriebsraum. Dort überwältigen sie vier Männer und bringen sie gefesselt in den Keller.

Doch als sie die Mikrofonanlage in Gang setzen wollen, um den Hörern zu verkünden, dass der Sender (angeblich) besetzt worden ist, stellen sie fest, dass Gleiwitz kein eigenständiges Programm mehr ausstrahlt, sondern alle Sendungen aus Breslau übernimmt. Das hat bei der Planung niemand bedacht.

Hektisch suchen die Eindringlinge nach dem Gewittermikrofon, mit dem im Notfall auch Ansagen während des laufenden Programms möglich sind. Schließlich finden sie das Gerät in einem Schrank - und gehen auf Sendung.

Die Menschen, die gerade in der Region Gleiwitz vor dem Radioapparat sitzen, hören plötzlich eine Stimme: "Achtung! Hier ist Gleiwitz! Der Sender befindet sich in polnischer Hand!" Er sei "Freiheitskämpfer" behauptet der Sprecher in einer - teils auf Polnisch gehaltenen - Erklärung. Mit den Worten "Hoch lebe Polen!" beendet er die Ansprache nach wenigen Minuten.

Als die Männer aus dem Gebäude stürzen, hasten sie an einem auf dem Boden liegenden Körper vorbei.

Es ist die Leiche des Oberschlesiers Franciszek Honiok, eines 41-jährigen Ver treters für Landmaschinen aus der Gegend, der öffentlich mit Polen sympathisiert. Am Vortag ist er von zwei Männern der Geheimen Staatspolizei verhaftet worden; nun haben ihn Gestapo- Beamte betäubt und anschließend erschossen, noch während im Sender die Erklärung verlesen wurde.

Es soll so aussehen, als sei Honiok einer der Männer, die die Radiostation überfallen haben. Der "Beweis" für einen Übergriff polnischer Freiheitskämpfer auf deutsches Territorium.

Franciszek Honiok ist der erste Tote des Zweiten Weltkriegs.

Um 22.30 Uhr meldet der Reichsrundfunk den Angriff auf den Sender Gleiwitz und andere vermeintliche Grenzzwischenfälle. In der Nacht verüben SSKommandos weitere Scheinattacken an der östlichen Reichsgrenze: So überfallen etwa 30 als polnische Soldaten verkleidete Männer die Zollstation bei Neukrug, und in Hochlinden töten Uniformierte sechs Menschen (die Toten, die die SS-Männer zurücklassen, sind ermordete KZ-Häftlinge).

Am nächsten Morgen tritt Hitler in Berlin vor den Reichstag und beklagt die "Gräueltaten" und "Grenzzwischenfälle" der letzten Stunden. Es seien 14 Vorfälle gewesen, "darunter drei ganz schwere". Polen habe "zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen", so der Reichskanzler.

Und fügt dann hinzu: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!" (Tatsächlich hat die Wehrmacht den Angriff bereits eine Stunde vorher eröffnet.)

Der Krieg, der an diesem 1. September 1939 mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen seinen Anfang nimmt, erschüttert bald ganz Europa, vom Nordkap bis nach Gibraltar, aber auch den Atlantik und das Mittelmeer, die Wüsten Nordafrikas und die Steppen Russlands sowie die Küsten der USA.

Er wird mehr als 55 Millionen Todesopfer fordern, Leid und Elend in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß über die Menschheit bringen, das Leben und die Erinnerung von Generationen prägen. Und den Erdball stärker verändern als jedes geschichtliche Ereignis zuvor.

75 Jahre Ausbruch des II. Weltkrieges

Polizisten und Grenzbeamte reißen einen Schlagbaum bei Danzig nieder. Die deutsch-polnische Grenze ist 2300 Kilometer lang - und kaum zu verteidigen (gestellte NS-Propagandaaufnahme)

Ein Grund für diese Katastrophe ist die Gedankenwelt Adolf Hitlers.

Der Nationalsozialist glaubt, der Wille zur "Selbsterhaltung" sei der Antrieb für die Handlungen eines "gesunden Volkes". Um sich neuen "Lebensraum" im Osten zu erkämpfen, hätten die vermeintlich rassisch überlegenen Deutschen das Recht, die slawischen Völker Osteuropas zu unterwerfen. Der Kampf sei sogar notwendig, schreibt er, um die "bedenklichen Seiten unseres Volkskörpers" auszumerzen.

Hitler ist zudem besessen von einer angeblichen "jüdischen Weltverschwörung". Wahrscheinlich entwickelte sich diese Feindseligkeit 1907, als er mit 18 Jahren nach Wien übersiedelte und begann, antisemitische Zeitungen zu lesen. Gut möglich, dass sich die Feindschaft zu Hass steigerte, als ihn die Kunstakademie der Stadt als Studenten ablehnte und er ohne Anstellung in einem Obdachlosenasyl wohnte. Gewiss aber hat er in jenen Tagen realisiert, dass antisemitische Reden beim Publikum gut ankommen. Nicht nur in Wien.

Überall vermutet Hitler Komplotte: Die russische Oktoberrevolution von 1917 etwa sei das Werk von Juden. Wenig später sieht er auch das Reich vom "jüdischen Bolschewismus" bedroht. Deutschland sei nur zu retten, wenn die kommunistische Bewegung "vernichtet" werde, notiert er. In seiner Logik ist ein Krieg gegen die UdSSR unvermeidlich.

Bereits vier Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 geht Hitler daran, sein außenpolitisches Programm umzusetzen: Vor Offizieren erklärt er, allein in der "Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung" liege die Lösung der wirtschaftlichen Probleme Deutschlands. Er kündigt die Wiedereinführung der Wehrpflicht und Aufrüstung der Streitkräfte an.

In Benito Mussolini, Italiens faschistischem Diktator, sieht er einen idealen Verbündeten; er hofft zudem auf ein Bündnis mit Großbritannien, dessen Weltreich er bewundert. Dagegen hält er eine Auseinandersetzung mit Frankreich, das viele Deutsche spätestens seit den napoleonischen Befreiungskriegen von 1813/14 als "Erbfeind" ansehen, für unvermeidlich. Eigentliches Ziel aber bleibt der Krieg gegen die UdSSR - sowie die Vorherrschaft über den europäischen Kontinent, den er gemäß seiner Rassenideologie neu ordnen will: Juden, Sinti und Roma sowie Behinderte haben nach seinem Willen kein Existenzrecht. Der im österreichischen Braunau Geborene sieht sich ausersehen, diese Aufgabe für das "deutsche Volk" zu vollbringen. Und er geht davon aus, dass er dafür nur wenig Zeit hat: Jederzeit könne ihn ein Attentäter töten, erklärt er seinen Vertrauten immer wieder.

Daher spielt Hitler von Beginn an mit hohem Einsatz. Er ist ein Hasardeur, stets bereit, das völlige Scheitern zu riskieren. Er scheut keine Lüge, keine Verstellung, keinen Vertragsbruch. Sein wichtigstes Etappenziel ist die Revision des Friedensvertrags von Versailles - unter anderem deshalb, weil er die Aufrüstung Deutschlands verbietet. In dem Abkommen von 1919 hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs dem Reich zudem Reparationszahlungen auferlegt. Seine Kolonien musste es abtreten.

Schmerzlich traf die Deutschen vor allem der Verlust Oberschlesiens, Posens sowie des größeren Teils Westpreußens an Polen. Die Stadt Danzig steht nun unter Verwaltung des Völkerbundes. Das Memelland ging verloren, ebenso Elsass-Lothringen und Eupen-Malmedy im Westen. Eine etwa 50 Kilometer breite Zone entlang des Rheins wurde zur entmilitarisierten Zone erklärt.

Insgesamt büßte Deutschland ein Siebtel seines Territoriums und ein Zehntel seiner Bevölkerung ein. Zudem beschränkten die Siegermächte das deutsche Heer auf 100 000 und die Marine auf 15 000 Mann. Sie verboten der Reichsregierung den Bau von U-Booten, Flugzeugen, Panzern und Gaswaffen.

Hitler verlangt nun die Wiederherstellung der deutschen Grenzen von 1914 und die Rückgabe der Kolonien. Nicht nur unter seinen Anhängern sind diese Forderungen populär. Und sogar bei der Regierung in London stoßen sie anderthalb Jahrzehnte nach Kriegsende auf ein gewisses Verständnis; denn selbst die Briten halten einige der Versailler Bestimmungen für zu hart und Hitlers Anspruch auf Gleichberechtigung im Kreis der Großmächte für legitim.

Doch im Oktober 1933 schockiert der Reichskanzler die Weltöffentlichkeit zum ersten Mal: Er ruft seine Diplomaten von einer Abrüstungskonferenz zurück und erklärt Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund. Nun muss die NS-Führung keine internationale Kontrolle mehr fürchten und kann ungehindert Luftwaffe, Marine und Heer weiter aufbauen. 1935 führt sie die allgemeine Wehrpflicht ein und verstößt damit ganz offen gegen den Versailler Vertrag. Die Westmächte protestieren, lassen Hitler aber gewähren. Zugleich beteuert der Reichskanzler unermüdlich, er wolle den Frieden erhalten: Mit Polen schließt er gar einen Nichtangriffspakt. Und bei Gesprächen mit ausländischen Politikern wahrt Hitler, der bei seinen öffentlichen Reden oft hysterisch wirkt, zumeist die Form, erhebt nur selten die Stimme. Der Brite David Lloyd George beschreibt ihn als "fesselnde Persönlichkeit mit eisernem Willen und unerschrockenem Herzen". Noch im Frühjahr 1936 ahnt vermutlich kein fremder Regierungschef, dass Hitler an einem verbindlichen Dialog nicht interessiert ist, dass all seine Versicherungen nichts wert sind.

Im März marschiert die Wehrmacht mit 30.000 Soldaten in das entmilitarisierte Rheinland ein - und verletzt damit abermals den Versailler Vertrag. Es ist Hitlers bis dahin gewagteste Aktion. Denn die französische Armee könnte die Deutschen leicht aus der von der Schweiz bis zu den Niederlanden reichenden Zone zurückdrängen. Doch Paris scheut die Auseinandersetzung: weil der französische Geheimdienst die Stärke der deutschen Truppen um das Zehnfache überschätzt. Und weil London jede militärische Unterstützung ablehnt, um den Frieden nicht zu gefährden.

Für den deutschen Regierungschef ist die Besetzung der entmilitarisierten Zone die vielleicht wichtigste Voraussetzung für seine künftige Politik. Denn bis dahin musste er bei jedem Vertragsbruch mit einem französischen Vorstoß in das Gebiet am Rhein rechnen. Nun lässt er die Grenzregion mit einer mehr als 600 Kilometer langen Befestigungsanlage sichern. In der zweiten Jahreshälfte gewinnt der Diktator seinen ersten Verbündeten: Italien. Mussolini feiert das Abkommen als Geburt der "Achse Berlin-Rom". Hitler bewundert den sechs Jahre älteren Italiener, kopiert dessen Personenkult und martialische Masseninszenierungen. Mussolini indes misstraut Hitler anfangs. Nun aber braucht er die Deutschen, da Rom wegen der Annexion Abessiniens (heute Äthiopien) vom Völkerbund mit Sanktionen belegt worden ist. Im November schließen Deutschland und Japan einen Pakt, um die Kommunistische Internationale, die weltweite Vereinigung moskautreuer Parteien, zu bekämpfen. Bedeutsamer sind indes die Bestimmungen eines geheimen Zusatzprotokolls: Für den Fall, dass ein Vertragspartner in einen Konflikt mit der Sowjetunion gerät, sichert der andere "wohlwollende Neutralität" zu.

Deutschlands Isolation ist damit durchbrochen. Hitler wird immer wagemutiger: Im März 1938 marschiert die Wehrmacht in Österreich ein.

Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs wünschen viele Menschen dort die Vereinigung ihres Landes mit dem Reich. Denn Österreich ist durch den Verlust Ungarns sowie seiner Kronländer Böhmen und Mähren wirtschaftlich geschwächt.

Da die Siegermächte fürchteten, Deutschland könne durch einen Zusammenschluss zu mächtig werden, hatten sie im Versailler Vertrag Österreichs Selbstständigkeit festgeschrieben.

Aber auch der nun folgende "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich bleibt ohne Sanktionen. Dieser außenpolitische Triumph steigert Hitlers Machtstellung in Deutschland. Und in Österreich erklären sich in einem - freilich nicht demokratisch abgehaltenen - Plebiszit 99,73 Prozent der Wähler damit einverstanden, deutsche Staatsbürger zu sein.

Hitler hat mit dieser Aktion auch einen strategischen Vorteil: Die Tschechoslowakei ist jetzt zu einem großen Teil von Deutschland umschlossen. Wenig später droht er, Truppen in das östliche Nachbarland zu senden, sollte Prag nicht das überwiegend von Deutschstämmigen bewohnte "Sudetengebiet" an das Reich abtreten. Mit Erfolg: Am 30. September besiegeln Hitler, Mussolini sowie die Regierungschefs Großbritanniens und Frankreichs in München die Eingliederung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich; im Gegenzug werden die Grenzen der nun verkleinerten Tschechoslowakei international garantiert. In den vorausgegangenen Verhandlungen, die ohne Vertreter der Prager Regierung geführt worden sind, hatte Hitler mit Krieg gedroht, falls die Westmächte ihn nicht gewähren ließen. Gleichzeitig hatte er beteuert, das Sudetenland sei seine "letzte territoriale Forderung in Europa".

Der britische Premier Neville Chamberlain glaubt ihm. Er ist sogar überzeugt, durch das Münchner Abkommen den Frieden „für unsere Zeit“ gerettet zu haben, und hofft, Hitler durch eine Politik des friedlichen Ausgleichs, des appeasement, weiterhin beschwichtigen zu können. Auf diese Position schwenkt auch Frankreichs Premier Édouard Daladier ein, der während der "Sudetenkrise" noch zum Krieg entschlossen war - allerdings nur an der Seite Londons.

Doch schon drei Wochen später stellt das NS-Regime seine nächste territoriale Forderung. Es geht um die Zukunft Danzigs: Die vom Völkerbund verwaltete Stadt soll wieder deutsches Reichsgebiet werden, Deutschland eine exterritoriale Autobahn und Eisenbahnverbindung durch das polnische Westpreußen nach Ostpreußen bauen dürfen. Dafür will Hitler die bestehende deutsch-polnische Grenze anerkennen.

Außenminister Józef Beck, der starke Mann der Regierung in Warschau, lehnt ab. Damit gibt sich der Diktator freilich nicht zufrieden. Doch zunächst wendet sich Hitler erneut der Tschechoslowakei zu. Am 12. März 1939 empfängt er einen führenden Politiker aus dem slowakischen Landesteil: Ungarn beabsichtige, die Slowakei zu besetzen, behauptet der Reichskanzler wahrheitswidrig; er werde dies verhindern - allerdings nur, wenn das Regionalparlament in Bratislava sich von Prag lossage. Zwei Tage später erfüllen die Abgeordneten die Bedingung (die Slowakei ist fortan ein deutscher Satellitenstaat).

Gleichzeitig setzt Hitler den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Emil Hácha unter Druck: Die Städte seines Landes würden bombardiert, falls er nicht einen Vertrag unterzeichne, der das restliche tschechoslowakische Territorium praktisch dem Deutschen Reich übereigne. In der Nacht setzt Hácha seinen Namen unter das vorbereitete Dokument.

Danach besetzt die Wehrmacht das Land.

Es sind vor allem wirtschaftliche Gründe, die Hitlers Handeln bestimmen. Denn im "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren", wie das neue Reichsgebiet nun heißt, liegen hoch entwickelte Industriebetriebe und reiche Rohstoffvorkommen.

Der Westen erscheint wie gelähmt.

Ein amerikanischer Korrespondent notiert: "Totale Apathie heute Abend in Paris angesichts von Hitlers letztem Coup. Frankreich wird keinen Finger rühren."

Langsam begreifen die Politiker, dass Berlin nicht mehr durch Zugeständnisse zu stoppen ist. Neville Chamberlain wendet sich vom Appeasement ab. Vor seinem Kabinett erklärt der Premier am 18. März, falls Deutschland "einen weiteren Schritt in Richtung der Beherrschung Europas unternimmt", werde die britische Regierung "die Herausforderung annehmen". Auch Daladier ist nun entschlossen, jeder weiteren deutschen Aggression entgegenzutreten.

Doch Hitler plant bereits den Krieg gegen Polen. Der Countdown beginnt.

75 Jahre Ausbruch des II. Weltkrieges

Um freie Hand für einen Überfall auf Polen zu haben, schließen das nationalsozialistische Regime und die UdSSR im August 1939 einen Nichtangriffspakt und teilen ihre Einflusssphären in Osteuropa auf (der sowjetische Diktator Stalin (l.) mit dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop)

21. März 1939, Berlin:

Außenminister Joachim von Ribbentrop empfängt den polnischen Botschafter Józef Lipski. Ribbentrop war zuvor Hitlers Chefdiplomat in London und hat dort vergeblich versucht, die britische Regierung für ein Bündnis mit Deutschland zu gewinnen. Nun spricht er mit seinem Gast über die Zukunft Danzigs und bietet an, die deutschen Vorschläge vom vergangenen Oktober bei einem Treffen mit Polens Außenminister Beck, Hitler und ihm selbst in Berlin zu verhandeln.

23. März, Memelland:

Die Wehrmacht rückt in das bis 1919 zu Deutschland, jetzt zu Litauen gehörende Gebiet ein. Zuvor hat Ribbentrop die dortige Regierung mit Drohungen zur Abtretung des Gebietes gezwungen. Polen reagiert mit der Teilmobilmachung seiner Truppen.

24. März, Warschau:

Außenminister Józef Beck erklärt in einer geheimen Besprechung vor seinen Mitarbeitern, dass sich die polnische Führung anders als die Regierungen der Tschechoslowakei und Litauens nicht erpressen lasse. Er werde nur bis zu einer bestimmten Linie mit Deutschland verhandeln. Jenseits davon gelte: "Wir werden kämpfen."

25. März, Wünsdorf bei Berlin:

Auf Anweisung Hitlers beginnt das Oberkommando des Heeres mit der Arbeit an einem Angriffsplan gegen Polen.

26. März, Berlin:

Botschafter Lipski weist im Namen seiner Regierung die deutschen Vorschläge zurück. Ribbentrop droht daraufhin, jede Intervention in Danzig werde wie ein Angriff auf das Deutsche Reich behandelt. Nun wird auch Lipskis Ton schärfer: "Die weitere Verfolgung des Planes hinsichtlich Danzig bedeutet Krieg mit Polen."

31. März, London:

Premier Chamberlain erklärt vor dem Parlament, "im Fall einer Aktion, die die Unabhängigkeit Polens eindeutig bedroht, würde sich die Regierung Seiner Majestät verpflichtet fühlen, der polnischen Regierung sogleich alle in ihrer Macht liegende Unterstützung zu gewähren".

3. April, Wünsdorf:

Das Heeresoberkommando hat die Planungen für den "Fall Weiß" abgeschlossen, so der Deckname für den Überfall auf Polen. Generalstabschef Franz Halder rechnet mit einem Feldzug von zwei bis drei Wochen. Allerdings vermag niemand einzuschätzen, wie sich der sowjetische Diktator Josef Stalin bei einem deutschen Angriff auf Polen verhalten wird.

6. April, London:

Polens Außenminister Beck und Chamberlain sichern sich für den Fall des Angriffs einer europäischen Macht gegenseitige Unterstützung zu - die Einzelheiten sollen später durch einen Vertrag geregelt werden. (Im Mai schließt Polen auch mit Frankreich ein Beistandsabkommen.)

17. April, Berlin:

Der sowjetische Botschafter verhandelt mit Ernst von Weizsäcker, dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt, über eine Rüstungslieferung. Doch offenbar will er vor allem signalisieren, dass die UdSSR die Beziehungen zum Deutschen Reich intensivieren will. Denn er betont, "ideologische Meinungsverschiedenheiten" müssten das beiderseitige Verhältnis nicht stören.

Das deutsche Außenministerium arbeitet schon seit Längerem auf eine Annäherung beider Länder hin. Wenn ein Pakt mit der UdSSR gelänge, wäre Polen im Osten isoliert. Bei einem solchen Bündnis, so Ribbentrops Kalkül, würden es Frankreich und Großbritannien nicht wagen, sich an Warschaus Seite zu stellen. Doch politische Gespräche scheitern zunächst am gegenseitigen Misstrauen der beiden Diktatoren.

28. April, Berlin:

In einer Rede vor dem Reichstag antwortet Hitler auf einen Friedensappell Franklin D. Roosevelts. Der US-Präsident, besorgt über die Zerschlagung der Tschechoslowakei, hat von dem deutschen Regierungschef verlangt, er solle öffentlich eine Garantie dafür geben, dass er in den nächsten 25 Jahren 30 namentlich genannte Staaten nicht angreifen werde. Die Liste umfasst neben europäischen Ländern auch den Irak, Syrien, Palästina und Ägypten. Roosevelt verfolgt die Vorgänge in Europa genau; wahrscheinlich hat er die Gefahr, die von den Deutschen ausgeht, früher erkannt als die meisten anderen Politiker. Doch er agiert nur zögernd, weil Konflikte mit fernen Staaten bei der US-Bevölkerung unpopulär sind. Zudem stehen im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen an.

Hitler verspottet Roosevelts Appell in seiner Rede, die immer wieder vom Gelächter der NSDAP-Abgeordneten unterbrochen wird. Seine Regierung habe sich bei jedem der 30 aufgeführten Länder erkundigt, und keines fühle sich durch Deutschland bedroht. Schließlich wiederholt er seine Forderung, Danzig müsse ins Reich zurückkehren. Gleichzeitig gibt er die Kündigung des Nichtangriffspakts mit Polen bekannt.

Einen Monat später bekräftigt Adolf Hitler vor einem kleinen Kreis führender Militärs seine ursprünglichen Pläne: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraums im Osten und Sicherstellung der Ernährung."

Zuvor aber müsse Polen besiegt werden, erklärt er, denn andernfalls würde sich das Land mit den Gegnern Deutschlands im Westen verbünden. Dann wolle er Krieg gegen Frankreich führen. Spätestens nach dem Sieg über Paris sei die militärische Auseinandersetzung mit Großbritannien unausweichlich.

Und erst dann, so plant er es jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, soll es gegen die Sowjetunion gehen.

Aus dem Krieg gegen Polen will er die Westmächte möglichst heraushalten: "Ich müsste ein Idiot sein, wenn ich wegen Polen in einen Krieg schlittern würde", fährt der Diktator fort. Wenn sich dies als unmöglich erweise, "dann gilt der Kampf in erster Linie England und Frankreich". (Mit ernsthaften Planungen für einen Zweifrontenkrieg beginnt die Wehrmachtsführung nach diesem Treffen zwar nicht, dennoch ist sich etwa der angesehene Historiker Hermann Graml sicher, dass Hitler zu diesem Zeitpunkt wusste, "dass jede weitere Expansion des Dritten Reiches auf britischen Widerstand stoßen musste".)

Die Frage ist nur: Wie schnell wird London in den Krieg eintreten?

Im Juni 1939 notiert der französische Botschafter in Berlin: "Der Monat verläuft ohne bemerkenswerte Zwischenfälle in scheinbarer Ruhe, aber in einer drückenden Atmosphäre, die das heraufsteigende Gewitter ankündigt."

Im Reich berichten die Zeitungen jetzt immer häufiger über angebliche Repressalien gegen die deutsche Minderheit in Polen, um die Bevölkerung auf den Krieg vorzubereiten.

Trotzdem leben die Menschen ihren Alltag, gehen zur Arbeit, fahren in die Ferien, suchen an schönen Sommertagen ein Schwimmbad oder Café auf. Tagebücher, Briefe und Aufzeichnungen spiegeln wider, wie fern und unwirklich vielen der Gedanke erscheint, dass bald Krieg herrschen könnte.

Am 17. Juni reist Propagandaminister Joseph Goebbels nach Danzig, um die antipolnische Stimmung in der Stadt zu schüren. In einer Rede wirft er der Regierung in Warschau "Scharfmacherei" vor. Zugleich gibt er eine Weisung an die deutsche Presse heraus, dass "nach wie vor die Polengräuel die entscheidende Aufmachung bleiben müssen. Was das Volk oder das Ausland von den Polengräueln glaubt oder nicht, ist unwichtig. Entscheidend ist, dass diese letzte Phase des Nervenkrieges nicht von Deutschland verloren wird."

Doch die Menschen wollen Frieden. "Die Beantwortung der Frage, wie das Problem ‚Danzig‘ zu lösen ist", heißt es etwa in einem Stimmungsbericht aus einer süddeutschen Kleinstadt, "ist in der Öffentlichkeit immer noch die Gleiche: Angliederung an das Reich? Ja. Durch Krieg? Nein."

Auch deshalb gibt sich Hitler öffentlich als Vorkämpfer internationaler Verständigung und kündigt einen "Reichsparteitag des Friedens" an, der im September in Nürnberg stattfinden soll.

Anfang August 1939 zieht er sich auf den "Berghof" bei Berchtesgaden zurück. Außer Ribbentrop, militärischen Beratern und einigen Vertrauten empfängt er kaum jemanden aus dem Stab seiner Minister und Beamten. Für Hitler hat jetzt nur noch die Vorbereitung des Kriegs Bedeutung.

Um diese Zeit bereiten SS-Männer Zwischenfälle an der deutsch-polnischen Grenze vor, die als Provokationen Polens dargestellt werden sollen. Geplant werden diese vermeintlichen Verletzungen der Souveränität Deutschlands von Heinrich Himmler, dem "Reichsführer SS" und "Chef der deutschen Polizei", sowie dem ihm unterstellten Reinhard Heydrich, der als Leiter des Sicherheitsdienstes und der Sicherheitspolizei für die Verfolgung von Gegnern des NS-Regimes zuständig ist.

Unterdessen richtet die Wehrmacht heimlich Waffendepots in Polen ein und wirbt dort Angehörige der deutschen Minderheit an - eine Schattenarmee für den geplanten Vormarsch.

11. August 1939, Berghof:

In einem Teehaus erwartet Hitler den Schweizer Carl Jacob Burckhardt, den Hohen Kommissar des Völkerbunds in Danzig, der dort die Selbstverwaltung der mehrheitlich deutschen Bevölkerung garantieren und den polnischen Handel über den Freihafen der Stadt schützen soll.

In den Tagen zuvor hat ein Streit zwischen polnischen Hafen- und Zollinspektoren sowie der von der Danziger NSDAP gestellten Stadtregierung die Versorgung der Bürger massiv behindert, und nun, da die polnische Regierung die deutschen Behörden unter Androhung von Gewalt zur Zusammenarbeit mit den Inspektoren aufgefordert hat, droht der lokale Konflikt zu einem europäischen Krieg zu werden.

Zu früh für die Reichswehr. Deshalb zwingt Hitler seine Danziger Anhänger zur Mäßigung. Doch Großbritannien und Frankreich, so fürchtet er, sind nun alarmiert. Deshalb hat er Burckhardt ein geladen. Ihm gegenüber will er als vernünftiger Staatslenker auftreten.

Anfangs gibt er sich auch ausgesucht höflich, steigert sich dann aber in immer größere Erregung: über Presseberichte, die behaupten, er habe "den Nervenkrieg" um Danzig verloren, sowie über das polnische Ultimatum. Er als "Proletarier", so der Kanzler, könne nicht über diesen Dingen stehen. Wenn "der kleinste Zwischenfall" sich ereigne, brüllt er als nachträgliche Antwort auf das Ultimatum, werde er "Polen ohne Warnung zerschmettern, sodass nicht eine Spur von Polen nachher zu finden ist".

Hitler kreischt, schlägt auf den Tisch, senkt dann die Stimme - und verfällt schließlich in vorgetäuschte Traurigkeit. Er wolle lediglich „freie Hand im Osten“, um Deutschland zu ernähren. Und eine Kolonie. In Europa habe er keine Interessen. Zu einem Bündnis mit Großbritannien sei er jederzeit bereit.

Schließlich führt er seinen Gast hinaus auf eine Terrasse mit Alpenpanorama. Er brauche seine Ruhe, erklärt er, würde gern wieder als Künstler arbeiten. Man solle einen "vernünftigen Ausweg" finden. Aber: "Wenn das Geringste in Danzig passiert oder unseren Minderheiten geschieht, werde ich hart zuschlagen." Hitler hofft, Burckhardts Bericht werde die britische und die französische Regierung davon überzeugen, dass eine Unterstützung Polens überflüssig sei.

Und seine schauspielerische Einlage verfehlt ihre Wirkung nicht. In seinem Bericht erklärt der Schweizer, Hitler habe nervös und ängstlich gewirkt. Ein Unterstaatssekretär in London notiert: "Hitler, allem Anschein nach unentschlossen, recht gealtert."

Der polnischen Regierung legen die Briten nun Zurückhaltung gegenüber Deutschland nahe.

12. August, Berghof:

Hitler empfängt den italienischen Außenminister Graf Galeazzo Ciano. Der Schwiegersohn Mussolinis soll den Diktator im Namen des Duce davon überzeugen, dass es "ein Wahnsinn wäre, jetzt einen Krieg zu entfesseln": Italien sei nicht gerüstet für einen Kampf an der Seite seines Verbündeten.

Ciano hat erst am Vortag von Ribbentrop erfahren, dass es der deutschen Regierung nicht nur um Danzig geht, sondern um die „gnadenlose Vernichtung Polens“. Er ist beunruhigt: Anders als Ribbentrop glaubt er nicht, dass Frankreichs und Großbritanniens Niederlage besiegelt wäre, sollten sie beschließen, Warschau zu unterstützen.

Während der Unterredung mit Hitler gewinnt Ciano nun rasch den Eindruck: "Er hat beschlossen, zuzuschlagen, und er wird zuschlagen."

Noch ehe das Gespräch beendet ist, wird Hitler herausgebeten. Ribbentrop meldet einen Anruf aus Moskau: Man sei zu politischen Gesprächen bereit.

Hitler, Ribbentrop und Weizsäcker haben bereits einen Vertragsentwurf vorbereitet, der die Aufteilung Polens und der baltischen Staaten zwischen Berlin und Moskau festlegt. Zudem soll ein Nichtangriffspakt mit der UdSSR geschlossen werden.

Stalin weiß von dem Entwurf - wenn auch nur durch vage Hinweise eines deutschen Diplomaten.

Und obwohl die Verhandlungen mit Moskau noch nicht begonnen haben, gibt Hitler an diesem Tag den Befehl zum Aufmarsch gegen Polen und legt das Datum des Angriffs fest: 26. August.

14. August, Moskau:

Ribbentrop lässt über die deutsche Botschaft Außenminister Wjatscheslaw Molotow ausrichten, er sei bereit, in die Sowjethauptstadt zu reisen.

19. August, Berghof:

Am Abend kommt über den Fernschreiber eine Offerte aus Moskau. Ribbentrop soll am 26. August kommen - das ist der Tag, den Hitler für den Angriff auf Polen festgesetzt hat.

75 Jahre Ausbruch des II. Weltkrieges

Die Wehrmacht führt ihren Feldzug auch gegen die Bevölkerung. Mit brutaler Gewalt geht die SS wie hier in Kórnik bei Posen gegen vermeintliche Widerstandskämpfer vor (Erschießung von polnischen Geiseln durch Soldaten einer Einsatzgruppe )

20. August, Berghof:

Hitler schickt ein Telegramm an Stalin und verlangt, er solle den Außenminister schon am 22. oder 23. August empfangen.

21. August, Berghof:

In den Abendstunden trifft die Antwort ein - Stalin erwarte Ribbentrop am 23. August. Vor Freude schlägt sich Hitler aufs Knie, er lässt Champagner servieren, trinkt aber selbst nichts. "Das wird sie wirklich in Schwierigkeiten bringen", bemerkt er mit Blick auf die Westmächte. Kurz vor Mitternacht geht die sensationelle Meldung an die Presse, dass Hitlers Außenminister nach Moskau reist.

22. August, Berghof:

Hitler spricht vor etwa 50 Offizieren: "Es war mir klar, dass es früher oder später zu einer Auseinandersetzung mit Polen kommen musste." Die Wahrscheinlichkeit, dass der Westen eingreifen werde, sei gering, beschwichtigt er die Bedenken mancher Zuhörer. Denn der Pakt mit Moskau werde in zwei Tagen unterzeichnet.

"Unsere Gegner sind kleine Würmchen. Ich sah sie in München." Seine einzige Sorge sei, "dass mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt".

Er werde für einen "propagandistischen Vorwand" sorgen, um den Krieg zu beginnen, so wenig plausibel der Anlass auch sein möge. "Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht."

Die Stimmung der Offiziere ist gedrückt. Hitler hat längst nicht alle Zuhörer überzeugt. General Curt Liebmann notiert: "Man hatte das Gefühl, dass hier ein Mann sprach, der jedes Gefühl der Verantwortlichkeit verloren hatte und mit einer nicht zu überbietenden Leichtfertigkeit entschlossen war, ins Dunkle hineinzuspringen."

Aber niemand wagt es, dem Kriegsplan zu widersprechen.

London, am selben Tag: Angesichts der deutsch-sowjetischen Bündnispläne will Kriegsminister Isaac Leslie Hore- Belisha die sofortige Generalmobilmachung ausrufen. Doch Premier Chamberlain ist dagegen, weil Deutschland dies zum Vorwand nehmen könnte, die Wehrmacht in Kampfbereitschaft zu versetzen. Er lässt lediglich 120.000 Mann einberufen.

23. August, Moskau, etwa 14 Uhr Ortszeit (in Berlin ist es 11 Uhr):

Ribbentrop landet mit einem Tross von etwa 30 Mitarbeitern. Zum Empfang sind die Hakenkreuzfahne und das Sowjetbanner mit Hammer und Sichel geflaggt.

Der deutsche Außenminister betritt "mit gemischten Gefühlen" sowjetischen Boden, wie er später schreiben wird. "Niemand bei uns war zuverlässig über die Sowjetunion und ihre führenden Männer unterrichtet. Vor allem war Stalin für uns eine Art mystische Persönlichkeit." Am Nachmittag soll er sich im Kreml einfinden.

Berghof, 13.00 Uhr: Hitler empfängt den britischen Botschafter Sir Nevile Henderson, der einen Brief Chamberlains überreicht. Der Premier warnt Hitler in dem Schreiben, ein Vertrag zwischen Berlin und Moskau werde nichts an den Verpflichtungen Großbritanniens gegenüber Polen ändern.

Hitler reagiert wütend: Er werde Chamberlain binnen zwei Stunden schriftlich antworten. Henderson wird am Nachmittag wieder auf den Berghof gerufen. In seinem Antwortschreiben droht Hitler unmissverständlich mit Krieg (freilich ohne das Wort zu verwenden), sollten Großbritannien und Frankreich ihre Streitkräfte mobilisieren.

Moskau, 17.00 Uhr: Ribbentrop erreicht den Kreml. Durch ein kleines Portal und über eine turmartige Treppe betritt er den Amtssitz der Sowjetführung. Am Ende eines lang gestreckten Saales erwartet ihn Außenminister Molotow - und überraschend auch Stalin.

Der Diktator bemerkt, beide Länder hätten einander in der Vergangenheit mit "Kübeln an Jauche übergossen", doch es gebe keinen Grund, die Auseinandersetzung nicht zu beenden. Tatsächlich diskutieren die Politiker nun sehr konzentriert über ihre Ziele.

Berghof, 17.00 Uhr: Hitler wartet ungeduldig auf Nachrichten aus Moskau und lässt bei der dortigen deutschen Botschaft nachfragen, ob es Neuigkeiten gebe. Wenig später ruft Ribbentrop an. Er hat die Verhandlungen unterbrochen, um mit Hitler über die einzige noch strittige Frage zu reden.

Der Nichtangriffspakt ist praktisch unterschriftsreif. Auch über die Aufteilung des Baltikums und Osteuropas, die in einem geheimen Zusatzprotokoll geregelt werden soll, haben sich Ribbentrop und seine sowjetischen Partner weit gehend geeinigt: Die Sowjetunion beansprucht Finnland, Estland, Lettland sowie das zu Rumänien gehörende Bessarabien und den östlichen Teil Polens. Deutschland will sich vor allem Westpolen und Litauen einverleiben.

Lediglich über zwei Hafenstädte in Lettland sei noch keine Einigung erzielt, berichtet Ribbentrop. Hitler schaut auf einer Landkarte nach und gibt eine halbe Stunde später seine Entscheidung durch: Stalin soll die Häfen bekommen. Bald darauf werden die Verträge formuliert. Stalin lässt ein Festessen mit Wodka und Krimsekt servieren. Er bringt sogar einen Toast auf Hitler aus.

Nach Mitternacht unterzeichnen Molotow und Ribbentrop den Vertrag. Anschließend ruft der deutsche Außenminister auf dem Berghof an und meldet den Abschluss. Hitler triumphiert: "Das wird wie eine Bombe einschlagen."

24. August, London:

"Die internationale Lage" habe sich so weit zugespitzt, sagt Neville Chamberlain vor dem Parlament, "dass wir uns heute vor eine unmittelbare Kriegsgefahr gestellt sehen". Seine Regierung werde den Verpflichtungen gegenüber Polen "entschlossen" nachkommen.

In Paris ordnet Ministerpräsident Édouard Daladier die Teilmobilmachung der französischen Streitkräfte an. Hitler fliegt nach Berlin. Er will im Reichstag seine Empörung kundtun über die polnischen, tatsächlich aber von SS-Männern inszenierten "Gräueltaten" und "Grenzzwischenfälle".

Schon tags zuvor haben Einheiten der Wehrmacht ihre "Bereitstellungsräume" ein bis zwei Tagesmärsche vor der polnischen Grenze erreicht. An diesem Abend beginnt nun die Verlegung einer zweiten Welle motorisierter Einheiten. Soldaten, SS-Männer und Waffen werden nach Danzig eingeschleust.

Auf polnischer Seite werden seit dem 23. August Armeeeinheiten unter anderem in Oberschlesien und weiten Teilen Westpolens mobilisiert - unauffällig, um Provokationen zu vermeiden.

Luftstreitkräfte und Luftabwehr sind in Alarmbereitschaft.

25. August, Berlin:

In der Reichskanzlei verfasst Hitler einen Brief an Mussolini. Er begründet, weshalb er den Pakt mit der Sowjetunion eingegangen ist, und deutet an, dass er in Kürze gegen Polen vorgehen werde.

Zur selben Zeit laufen letzte Vorbereitungen für den "Fall Weiß" an. Damit der Angriff am nächsten Morgen um 4.30 Uhr beginnen kann, muss Hitler den Befehl dazu spätestens bis 15.00 Uhr unterzeichnen.

Zugleich startet er einen Versuch, London von einer direkt auf den Angriff folgenden Kriegserklärung abzuhalten. Er bestellt den britischen Botschafter Henderson in die Reichskanzlei ein.

Hitler gibt sich entspannter als bei der letzten Begegnung auf dem Berghof. Er werde Großbritannien "ein großes umfassendes Angebot" machen und für den Fortbestand des Empire eintreten, sobald die Probleme mit Polen gelöst seien. Mit dieser vagen Offerte solle Henderson noch am selben Tag nach London fliegen - in Hitlers Maschine.

(Eine List, so der Hitler-Biograf Ian Kershaw: "Ein weiterer - und inzwischen immer stärker von Verzweiflung zeugender - Versuch zu vermeiden, dass aus dem ins Auge gefassten begrenzten bewaffneten Konflikt ein allgemeiner europäischer Krieg würde." Denn sollte Hitlers Plan aufgehen, wäre die britische Regierung für einige Stunden mit der Beratung seines Angebots beschäftigt, während gleichzeitig die Wehrmacht Polen angreifen und die ersten militärischen Erfolge erringen könnte. Wieder hätte Hitler vollendete Tatsachen geschaffen.)

Doch Henderson will erst am folgenden Tag nach London reisen - also erst, nachdem deutsche Truppen gemäß den Plänen der NS-Führung auf polnisches Gebiet vorgedrungen sind. Damit ist Hitlers Finte gescheitert.

Noch eine zweite Sorge plagt ihn in diesen Stunden: Die Antwort Mussolinis auf seinen Brief steht noch aus - nur ungern will er ohne die Unterstützung des Duce gegen Polen losschlagen. Doch es kommt keine Nachricht aus Rom. Hitler kann nicht länger zögern.

Um 15.02 Uhr unterschreibt er den Angriffsbefehl. Im Laufe des Nachmittags erreicht die Order die Truppenkommandeure an der deutsch-polnischen Grenze. Am späteren Nachmittag erfährt Hitler, dass London und Warschau einen Beistandspakt geschlossen haben. Um 17.45 Uhr geht endlich Mussolinis Antwort ein: Italien könne keine militärische Hilfe anbieten. "Es ist für mich einer der schmerzlichsten Augenblicke meines Lebens Ihnen mitteilen zu müssen, dass Italien nicht kriegsbereit ist", erklärt der Duce. Hitler, so berichtet ein Zeuge, wirkt verbittert, empört über den vermeintlichen Verrat Mussolinis.

"Schlau müssen wir jetzt sein", sagt er zu einem der Anwesenden, "schlau wie die Füchse."

Doch gegen 19 Uhr informiert ihn Walther von Brauchitsch, der Oberbefehlshaber des Heeres, dass der Aufmarsch der deutschen Truppen noch nicht abgeschlossen ist. Das Heer brauche noch ein paar Tage Vorbereitung.

Hitler ist vollends verunsichert. Bereits zuvor hatte Brauchitsch gewarnt, der Zeitplan sei zu eng, zu wenige Truppen stünden zur Verfügung.

Jetzt zeigen die Worte des Generals Wirkung - Hitler stoppt den Angriff und verabschiedet sich später von seiner Entourage mit der Bemerkung, er müsse die Lage neu überdenken.

26. August, Berlin:

Am frühen Morgen fliegt Botschafter Henderson nach England, um Hitlers Scheinangebot in London vorzutragen.

28. August, Berlin, 22.30 Uhr:

Henderson, der am Nachmittag nach Berlin zurückgeflogen ist, übergibt eine Antwort der britischen Regierung. Hitler will am nächsten Tag antworten. Er müsse das Schreiben erst gründlich studieren.

In dem Brief begrüßt der Premier das deutsche Angebot. Wie von Hitler erwartet, ist Chamberlain aber erst zu Gesprächen bereit, wenn der deutschpolnische Konflikt friedlich beigelegt ist - durch Verhandlungen mit Warschau.

29. August, Berlin, 19.15 Uhr:

Als Henderson in Hitlers Arbeitszimmer dessen Antwort liest, entdeckt er eine neue Bedingung: Deutschland sei zwar zu direkten Gesprächen mit Polen bereit - aber nur, falls ein polnischer Unterhändler mit umfassenden Vollmachten nach Berlin entsandt werde. Und zwar schon am nächsten Tag.

Das ist ein Ultimatum. Unerfüllbar, wie Hitler weiß.

30. August, London:

Der britische Außenminister Lord Halifax erhält ein Telegramm aus Berlin, in dem ihm Henderson den Inhalt von Hitlers Note mitteilt. Er solle der deutschen Regierung ausrichten, kabelt der Minister zurück, dass es aus technischen Gründen unmöglich sei, so kurzfristig einen polnischen Unterhändler nach Berlin zu entsenden.

31. August, Berlin:

Kurz nach Mitternacht sucht Henderson den deutschen Außenminister auf, um ihm die Antwort aus London zu übermitteln.

Ribbentrop fixiert den Briten mit "zusammengekniffenen Lippen und flackernden Augen", wie sich der Dolmetscher Paul Schmidt später erinnert. "Die Frist ist abgelaufen", bemerkt Ribbentrop, "wo bleibt der Pole, den Ihre Regierung herbeischaffen wollte?" Die hinhaltende Antwort der Briten ist ganz im Sinne der deutschen Regierung, die ja längst nicht mehr mit Polen verhandeln will.

Als Henderson ihn bittet, das deutsche Verhandlungsangebot nach Warschau übermitteln zu lassen, brüllt Ribbentrop: "Das kommt jetzt, nach dem, was vorgefallen ist, überhaupt nicht mehr infrage." Niedergeschlagen kehrt Henderson in die britische Botschaft zurück.

12.40 Uhr: Die Wehrmacht hat ihre Stellungen an Polens Grenze nun weitgehend bezogen. Hitler unterschreibt die "Weisung Nr. 1" für die Kriegführung gegen Polen.

Der Angriff ist auf den nächsten Morgen 4.45 Uhr festgesetzt.

13.00 Uhr: Polens Botschafter Józef Lipski ersucht um eine Audienz bei Ribbentrop. Die britische Regierung hat Warschau am frühen Morgen durch ein Telegramm zu direkten Besprechungen mit der NS-Führung aufgefordert.

13.50 Uhr: Hitler bestätigt den Angriffsbefehl und gibt ihn frei. Joseph Goebbels notiert in seinem Tagebuch: "Es scheint, dass damit die Würfel endgültig gefallen sind." Hitlers Generalstabschef Halder hält in seinen Aufzeichnungen fest: "Mitwirkung des Westens angeblich nicht zu vermeiden, trotzdem Führer entschluss zum Angriff."

Der Reichskanzler handelt wie immer auf Risiko. Gegenüber Luftwaffenchef Göring hat er erst vor zwei Tagen bemerkt: "Ich habe in meinem Leben immer va banque ge spielt."

18.30 Uhr: Józef Lipski wird von Ribbentrop empfangen. Doch der deutsche Außenminister beendet die Unterredung rasch, da der polnische Botschafter keine ausreichende Verhandlungsvollmacht habe.

Am Abend rollen die deutschen Divisionen in ihre Ausgangsstellungen. Zwei Heeresgruppen mit fünf Armeen sind aufmarschiert, dazu kommen zwei Luftflotten sowie ein Marinekommando: insgesamt 1,5 Millionen Soldaten mit 3600 gepanzerten Fahrzeugen sowie fast 2000 Flugzeugen. Auf polnischer Seite sind 1,3 Millionen Mann mobilisiert. Aber Warschau verfügt nur über 750 Panzer sowie 900 Flugzeuge.

Kurz nach 20 Uhr sperren Gestapo- Beamte das Gelände des Senders Gleiwitz und nehmen scheinbar Ermittlungen auf. Ein Kriminaltechniker fotografiert Honioks Leiche und nimmt Fingerabdrücke.

1. September 1939, Danzig, 4.47 Uhr:

Das deutsche Schlachtschiff "Schleswig- Holstein", das - angeblich auf Freundschaftsbesuch - im Hafen der Stadt ankert, nimmt die Halbinsel Westerplatte unter Feuer. Ziel ist ein Munitionsdepot der polnischen Armee.

Etwa 15 Minuten später verkündet der Danziger NS-Gauleiter im Radio die Wiedervereinigung der Stadt mit dem Deutschen Reich. Kirchenglocken läuten, am Rathaus hissen Männer eine große Hakenkreuzflagge.

Gleichzeitig überschreiten deutsche Truppen im Norden von Pommern und Ostpreußen aus Polens Grenze; im Süden rücken sie aus Schlesien und der Slowakei vor. Vielerorts entbrennen heftige Kämpfe. Doch lange können die polnischen Streitkräfte, die von Sturzkampfbombern aus der Luft attackiert werden, nirgends standhalten.

Denn die polnische Heeresleitung setzt ihre Verbände vor allem zum Schutz großer Industriezentren ein - etwa in den Regionen Posen, Lodz und Krakau. Bis die erhoffte Unterstützung der westlichen Verbündeten eintrifft, hat der Generalstab angesichts der deutschen Übermacht auch gar keine andere Wahl. Trotz der vorangegangenen Spannungen haben die Menschen den Überfall der Deutschen nicht erwartet. Manche werden aufgeschreckt durch Motorengrollen am Himmel oder vom dumpfen Geräusch ferner Detonationen. Tausende fliehen vor den heranrollenden Panzerkolonnen Richtung Osten ins Landesinnere. Viele werden auf offener Straße oder auf Feldern Opfer der feindlichen Sturzkampfbomber.

Denn die Luftwaffe bombardiert vom ersten Tag an die Städte und Dörfer des Landes - auch wenn auf deren Gebiet weder Kasernen noch Rüstungsbetriebe liegen. So soll die polnische Bevölkerung zermürbt werden.

Gleich in den frühen Morgenstunden wirft ein deutsches Luftgeschwader Bomben auf die Kleinstadt Wielun', 85 Kilometer südwestlich von Lodz. Zwei weitere Angriffswellen folgen. Und immer wieder feuern die Besatzungen auch mit ihren Bordwaffen auf die Menschen am Boden. Weit mehr als die Hälfte der Gebäude werden zerstört, 1200 Menschen sterben.

In ganz Westpolen greifen die Sturzkampfbomber Militärlager an, zerstören auch hinter der Front liegende Industriebetriebe und Warenlager. Große Teile der heimischen Luftwaffe vernichten sie noch am Boden.

Einige polnische Heeresteile bestehen noch aus berittenen Einheiten, die kaum etwas gegen die hochgerüsteten Angreifer ausrichten können. Bei Krojanten in der Tucheler Heide etwa reitet an diesem Tag ein polnisches Ulanen-Regiment einen Entlastungsangriff gegen ein Infanterieregiment, um zurückweichenden Kameraden eine Atempause zu verschaffen. Als plötzlich Panzer aus einem Wald hervorkommen, können sie ihre Pferde nicht rechtzeitig wenden - nur wenigen Reitern gelingt die Flucht.

Kurz vor 10 Uhr, Berlin: Hitler fährt in einer Wagenkolonne zum Reichstag, der seit dem Brand des deutschen Parlaments im Februar 1933 etwa 250 Meter westlich im Gebäude der Kroll-Oper tagt. "Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen", erklärt er in einer Ansprache vor dem Plenum. Er werde "diesen Kampf, ganz gleich, gegen wen, so lange führen, bis die Sicherheit des Reiches und seine Rechte gewährleistet sind".

Der Diktator trägt an diesem Tag zum ersten Mal statt der braunen NS-Parteiuniform einen feldgrauen Wehrmachtsrock. Diese Uniform, verkündet er seinen Zuhörern, werde er erst nach dem Sieg wieder ablegen.

Einem ausländischen Korrespondenten scheint "die gesamte Rede von einer seltsamen Anspannung getragen" - so "als sei Hitler überrascht von der Lage, in die er sich manövriert hat, und nicht sehr glücklich damit".

London, 18.00 Uhr: Der britische Premier tritt vor das Unterhaus, dessen Fenster bereits verdunkelt sind. Chamberlain, der von Hochrufen der Abgeordneten empfangen wird, erklärt, er müsse nun "die furchtbare Entscheidung für den Krieg treffen".

75 Jahre Ausbruch des II. Weltkrieges

Auf der Danziger Westerplatte kommt es Anfang September 1939 zu den ersten heftigen Kämpfen zwischen Wehrmacht und polnischen Truppen. Erst nach siebentägigem Bombardement kapitulieren die Verteidiger

Dann verliest der Premier eine Botschaft, die den Deutschen noch am Abend zugestellt werden soll: Das Vereinigte Königreich verlange von Deutschland, die Aggression gegen Polen zu stoppen, und dass die deutschen Truppen "sofort zurückgezogen werden".

Allerdings nennt der Text keine Frist: Die französische Militärführung hat darauf gedrungen, mit der Kriegserklärung noch zwei oder drei Tage zu warten, bis die Evakuierung von Paris und den Grenzregionen abgeschlossen ist und die Reservisten in ihre Stellungen eingerückt sind.

Daladiers Regierung übergibt am Abend in Berlin durch ihren Botschafter eine ähnliche Note.

2. September, London, 16.30 Uhr:

Das britische Kabinett tagt. Die Minister bedrängen Chamberlain, Hitler endlich eine Frist zu setzen. Nach einer Absprache mit Daladier legt sich der Premier schließlich kurz vor Mitternacht fest: Das Ultimatum gegen Deutschland soll am Tag darauf um 11.00 Uhr auslaufen.

Etwa zur gleichen Zeit versucht Hitler ein letztes Mal, eine Kriegserklärung Großbritanniens abzuwenden: Er bittet Chamberlains Sicherheitsberater, zu Gesprächen nach Berlin zu kommen.

Doch der will die Einladung erst annehmen, nachdem Hitler seine Truppen aus Polen abgezogen hat.

Währenddessen dringen die deutschen Soldaten immer tiefer in polnisches Territorium vor. Ihnen folgen sechs "Einsatzgruppen" der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, um den Befehl Hitlers, die Polen "restlos zu zertrümmern", umzusetzen.

Sie werden in den nächsten Tagen und Wochen Tausende Juden, Priester und Intellektuelle ermorden.

3. September, Berlin:

Für 9.00 Uhr kündigt sich der britische Botschafter im Auswärtigen Amt an. Ribbentrop will Henderson nicht empfangen und schickt seinen Dolmetscher Schmidt vor. Er selbst fährt in die Reichskanzlei.

Mit ernster Miene betritt Henderson Ribbentrops Büro und bleibt mitten im Raum vor Schmidt stehen. Dann verliest er das Ultimatum: Ziehe sich Deutschland nicht bis 11.00 Uhr vom polnischen Territorium zurück, "wird von dieser Stunde an zwischen den beiden Ländern ein Kriegszustand bestehen".

Henderson fügt eine persönliche Bemerkung an Schmidt hinzu: "Es tut mir aufrichtig leid, dass ich gerade Ihnen ein solches Dokument übergeben muss, denn Sie sind stets sehr hilfsbereit gewesen" (so jedenfalls erinnert sich der Dolmetscher später).

Schmidt steckt das Papier in seine Aktentasche und eilt in die Reichskanzlei. Vor Hitlers Arbeitszimmer drängen sich Minister und Parteigenossen, alle warten ungeduldig auf seine Ankunft.

Hitler sitzt an seinem riesigen Schreibtisch, Ribbentrop steht rechts davon an einem Fenster. Beide blicken gespannt auf, als Schmidt in das Zimmer tritt und ihnen den Wortlaut des britischen Ultimatums übersetzt.

Danach herrscht völlige Stille. "Wie versteinert saß Hitler da und blickte vor sich hin", schreibt Schmidt in seinen Memoiren. "Er war nicht fassungslos, er tobte auch nicht. Er saß völlig still und regungslos an seinem Platz."

Nach einer endlos scheinenden Pause wendet er sich mit wütendem Blick an Ribbentrop: "Was nun?"

Der Außenminister erwidert mit leiser Stimme: "Ich nehme an, dass die Franzosen uns in der nächsten Stunde ein gleichlautendes Ultimatum überreichen werden."

London, 11.10 Uhr: Aus Berlin ist keine Reaktion eingetroffen - nun befiehlt Premier Chamberlain den britischen Streitkräften, sie hätten sich "im Kriegszustand zu betrachten". Fünf Minuten später wendet er sich per Rundfunk an die Nation. "Sie können sich vorstellen, welch ein bitterer Schlag es für mich ist, dass mein langer Kampf, den Frieden zu erhalten, gescheitert ist."

Um 17.00 Uhr geht in Berlin die Kriegserklärung Frankreichs ein.

Um 21.00 Uhr besteigt Hitler einen gepanzerten Sonderzug und fährt Richtung Front.

Die Wehrmacht hat mittlerweile zahlreiche Ortschaften eingenommen. In Südwestpolen haben deutsche Panzer die Warthe überschritten. Immer noch leisten polnische Soldaten Widerstand. Einige der noch unzerstörten Kampfflugzeuge haben während des Tages mehrere Angriffe auf vorrückende Verbände geflogen.

Doch ein Großteil der polnischen Armee ist auf dem Rückzug. In der Tucheler Heide versuchen von Deutschen eingeschlossene Verbände zu entkommen.

Ohne Erfolg.

Immer verzweifelter warten die Verteidiger auf Unterstützung der Bündnispartner.

25. September, Warschau:

Seit dem Vortag fliegt die Luftwaffe nahezu ununterbrochen Angriffe gegen die Hauptstadt. Spätestens in einer Woche, melden Funker am Morgen eine Forderung Hitlers aus Berlin, müsse die Wehrmacht die Stadt eingenommen haben.

Nun setzt die Luftwaffe alle zur Verfügung stehenden Maschinen ein, selbst Transportflugzeuge. Wahllos und ungezielt werfen die Bomberbesatzungen Sprengkörper auf Häuser, Brücken, Straßen. Ununterbrochen. 560 Tonnen Spreng- und mehr als 70 Tonnen Brandbomben verwüsten weite Teile der Stadt, zerstören Wasserleitungen, Krankenhäuser und Bahnhöfe. Überall auf den Straßen liegen tote Menschen, dazwischen Pferdekadaver. Die Überlebenden hungern. Das Trinkwasser geht zur Neige.

Bald werden Seuchen ausbrechen, warnen Ärzte.

Am Tag darauf beschießt Artillerie die brennende Stadt, gleichzeitig rückt Infanterie vor. Doch der Stadtkommandant will Warschau unbedingt halten. Erst in den Morgenstunden des 27. September gibt er auf.

Am nächsten Tag unterzeichnet er die offizielle Kapitulationsurkunde. Mehr als 30.000 Menschen sind bei der Belagerung ums Leben gekommen.

Erst am 6. Oktober ergeben sich überall in Polen die letzten Einheiten der Verteidiger. 70.000 polnische Soldaten sind im Krieg mit Deutschland gefallen, 133.000 wurden verwundet, weitere 50.000 Mann sterben im Kampf gegen Stalins Truppen. Die Wehrmacht zählt 11.000 Tote und 30.000 Verwundete.

26. Oktober, Berlin:

Per Erlass löst Hitler Polen auf. Er schafft die neuen Reichsgaue Westpreußen (später "Danzig- Westpreußen") und Posen ("Warthelan") und setzt einen deutschen Generalgouverneur für das polnische Restterritorium ein. Etwa die Hälfte des polnischen Staatsterritoriums ist nun unter NS-Herrschaft. Stalin sichert sich den Rest des Landes. Den Staat Polen gibt es nicht mehr.

London und Paris haben nach ihren Kriegserklärungen nichts getan, um Polen beizustehen. Die Beistandsverträge "hatten weder diplomatische noch militärische Substanz", so urteilt später der US-Historiker Anthony Adamthwaite: "Es fehlten gemeinsame Planungen und gemeinsame Perspektiven."

Während die Deutschen sich zum Angriff rüsten, waren Warschaus Verbündete vor allem auf die eigene Sicherheit bedacht. Wieder einmal hat Hitler "va banque gespielt" - und gewonnen. Vorerst.

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