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Keine Stadt, kein gemauertes Gebäude erhob sich zur Zeitenwende zwischen Weser und Weichsel. Die germanischen Acker- und Viehbauern bauten mit vergänglichen Materialien: Holz, Weidenruten, Lehm, Reet. Begannen die Häuser zu vermodern, errichteten die Bewohner in der Nähe neue Gehöfte oder zogen weiter. Beim dänischen Roskilde haben Forscher ein Dorf aus den Jahrhunderten um die Zeitenwende nachgebildet

An Seeufern huldigten die Menschen höheren Mächten. Die germanischen Stämme glaubten an die Wirkkraft bestimmter Bäume, an Geister und Magie. Priester ersannen Zaubersprüche, die Pferde heilen, Fesseln lösen und Menschen vor Unheil schützen sollten. Eine bedeutende Kultstätte jener Zeit lag bei Oberdorla im heutigen Thüringen. Dort haben Archäologen heilige Bezirke mit Bildnissen aus Pfählen und Astgabeln rekonstruiert

Flach nur erhebt sich heute der steinerne Grabhügel in der Nähe des eisenzeitlichen Dorfes Vallhagar auf Gotland. 24 Hausgrundrisse aus Feldsteinen haben Archäologen dort feststellen können. Lange Zeit war die Brandbestattung die vorherrschende Grabsitte der Germanen. Sie legten den Leichnam auf einen Scheiterhaufen, verbrannten ihn und sammelten die übriggebliebenen Knochen in eine tönerne Urne, die sie in der Erde beisetzten. Grabhügel und Körpergräber erhielten oftmals nur herausragende Persönlichkeiten

In Skandinavien errichteten die Germanen zu Bootsrümpfen geformte Gräber und Ehrenmale für Verstorbene. Die größte sogenannte Schiffsetzung Schwedens, Ales Stenar, erhebt sich auf einer Anhöhe in der Provinz Schonen: 59 bis zu zwei Tonnen schwere Findlinge, die vermutlich mehrere Kilometer an der Küste entlang über die zugefrorene Ostsee transportiert wurden

Hoch streckt sich das mächtige Reetdach dieses rekonstruierten Wohn-Stall-Hauses aus der Eisenzeit in den Himmel. In Gebäuden wie diesem auf dem Ausstellungsgelände des germanischen Opfermoors von Oberdorla teilten sich Mensch und Tier ein Dach. Etwa zwei Drittel der Grundfläche des Hauses diente als Stall, der Rest als Arbeitsdiele, Wohn- und Schlafraum. Fenster gab es nicht. Einzig durch Türen und Giebellöcher fiel Licht in das Innere

Zum Opferbezirk in Oberdorla gehörten auch zwei Schiffsheiligtümer aus dem 5. Jahrhundert unserer Zeit: Das kleinere wiesen die Ausgräber einer weiblichen Gottheit zu. Die größere schiffsförmige Opferstelle beherbergte einst ein hölzernes Pfahlidol mit einem Hengstschädel: Hinweis auf eine männliche Gottheit

Die Germanen kannten zunächst keine eigene Schrift. Verloren sind daher ihre Lieder und Riten, die meisten ihrer Zaubersprüche. Aber bis 160 n. Chr. entstanden aus einem südeuropäischen Alphabet die Runen: mehrdeutige, magische Zeichen, die Schriftmeister in Knochenstücke, Metall und Steine ritzten. Rund 800 Jahre später priesen Wikinger – die Nachfolger der Germanen im Norden – auf Gedenksteinen die Taten ihrer Könige und Krieger: so auf diesem Findling, den sie bei Busdorf im Süden Schleswigs errichteten und dessen Original sich heute im Wikinger Museum Haithabu befindet

In den Jahrhunderten nach Christi Geburt erschütterten Machtkämpfe den Norden. Ein Zentrum der blutigen Auseinandersetzungen war Gotland: Um sich vor Angriffen zu schützen, erbauten die Bewohner dieser schwedischen Insel Fluchtburgen, die über Signalfeuer verbunden waren. Von der größten Befestigungsanlage, der Torsburg, sind noch die Ruinen einer zwei Kilometer langen und bis zu sechs Meter hohen Mauer erhalten; eines der wenigen Monumente der Völkerwanderungszeit, an deren Ende sich die Spuren der Germanen nach und nach verloren

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