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GEO EPOCHE KOLLEKTION Hildegard von Bingen

Nur wenige Frauen ihrer Epoche haben so viel Einfluss wie die heilkundige Äbtissin

Hildegard von Bingen

Verehrt als Prophetin, die den Willen des Höchsten empfängt, möchte Hildegard von Bingen die Welt von Schuld und Sünde befreien und den Menschen den Weg zu Gott weisen. Selbst Kaiser und Könige können sich ihren Worten nicht entziehen

Rupertsberger Kloster bei Bingen, um 1168. Die alte Äbtissin zürnt. Hat sie den Herrscher nicht gewarnt? Hat sie, Hildegard, Kaiser Friedrich I. nicht bereits in mehreren Briefen geschrieben, dass der Höchste ihn „zu Boden strecken“ könne, falls er seine Regierung weiterhin so wie bisher führe? Ihm klar zu verstehen gegeben, dass auch er ein Diener Gottes ist? Aber trotz ihrer Briefe setzt der Monarch seinen seit Jahren andauernden Machtkampf mit dem Papst fort.

Friedrich I. Barbarossa, 1155 zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt, versteht sich nicht nur als oberste weltliche Gewalt – er will auch über die Kirche herrschen. Um seine Ansprüche durchzusetzen, hat er den von der Mehrheit der Kardinäle gewählten Papst Alexander III. nicht anerkannt, sondern nach und nach drei ihm ergebene Gegenpäpste unterstützt, zuletzt Kalixt III. Seit 1159 währt nun schon das Schisma. Krone gegen Tiara. Die Kirche, ja das Abendland: gespalten.

Wohl keine andere Frau würde es wagen, den Herrscher des Heiligen Römischen Reiches derart anzugreifen. Doch Hildegard von Bingen ist keine Frau wie andere: Sie versteht sich als Seherin, die Gottes Wort und Gottes Willen offenbart. Als eine Prophetin, die der Welt die Absichten des Höchsten selbst kundgibt. Die Äbtissin vom Rupertsberg pflegt einen intensiven Briefwechsel mit Königen und Herzögen, Päpsten und Bischöfen. Sie verfasst prophetische Schriften, predigt in aller Öffentlichkeit. Keine Frau nimmt in diesen Tagen größeren Einfluss auf die Mächtigen in Politik und Kirche als sie. Dabei hat sie lange Zeit ihres Lebens geschwiegen – aus Angst.

Hildegard wird 1098 als zehntes Kind einer adeligen Familie in Bermersheim geboren. Das Mädchen ist ständig krank. Die Eltern sorgen sich: Eine Vermählung der Tochter schon in jungen Jahren, wie es Brauch ist, scheint wegen Hildegards schwacher Konstitution kaum möglich. Sie beschließen, das Mädchen Gott zu weihen und in ein Kloster zu geben. Mönche und Nonnen genießen hohes Ansehen, da sie als vollkommene Christen gelten. Mit ihren Gebeten und Gesängen vermitteln sie, so der Glaube, zwischen Himmel und Erde. Besonders für Frauen hat das Leben im Kloster viele Vorteile: Als Nonnen sind sie materiell versorgt, müssen sich nicht den Ansprüchen der Ehemänner unterwerfen und gefährden ihre Gesundheit nicht durch Schwangerschaften und Geburten.

Die Klöster sind in chaotischen Zeiten entstanden. Denn die Gemeinschaften von Männern oder Frauen, die sich aus religiösen Gründen von der Welt abwenden, finden in einer Epoche zusammen, in welcher der Westteil des Imperium Romanum durch die Invasionen zahlreicher Germanenvölker ins Taumeln gerät. Es muss um das Jahr 500 gewesen sein, als Benedikt von Nursia, ein junger Studienabbrecher aus begüterter umbrischer Familie, an der Pforte einer dieser Asketengemeinschaften in Mittelitalien klopfte. Einige Jahre später zieht er mit zwölf Getreuen auf den Monte Cassino, einen Berg südöstlich von Rom, und baut auf den Trümmern eines heidnischen Heiligtums ein eigenes Kloster.

Um 540 gibt er seinen Getreuen eine regula vor, eine Klosterregel, die in 72 Kapiteln detailliert festlegt, wie Mönche ein gottgefälliges Leben zu führen haben. Diese Regeln werden – wenn auch manchmal abgewandelt oder ergänzt – zur Basis des abendländischen Mönchtums. Sie bestimmen den gesamten Klosteralltag: Gebetszeiten, Ämter und Hierarchien, Arbeit, Kleidung, Speisen, ja sogar den Schlaf. (Erst sehr viel später, um 1200, gründen sich große Mönchsorden mit eigenen Regeln, etwa die Dominikaner und die Franziskaner.) Vom 6. bis 9. Jahrhundert sind die Klöster weitaus mehr als Refugien mönchischen Lebens und Ausgangsbasen großräumiger Mission: nämlich Bastionen des Wissens. Inseln der Zivilisation in einem Ozean der Barbarei. Die Archive der antiken römischen Verwaltung, die Bibliotheken der Provinzadeligen sind untergegangen: verbrannt, zerstreut, geplündert. Zerstört durch Feuchte, Fäulnis oder Rattenfraß.

Hildegard von Bingen

Hildegard erforscht die Heilwirkung von Pflanzen, so der abführenden Euphorbia lathyris (Mitte; Buchmalerei, 15. Jh.)

Nur in den Klöstern gibt es zu dieser düsteren Zeit noch Texte und Folianten – und Menschen, die sie abschreiben und lesen können. Doch nicht nur auf den Umgang mit Buchstaben und Zahlen verstehen sich die Mönche, sie ragen in fast allen Bereichen des Wissens hervor. Sie organisieren eine fortschrittliche landwirtschaftliche Produktion, sie bewahren oder entwickeln eine reiche Tradition in Architektur, Malerei und Musik und engagieren, vom Schmied bis zum Bierbrauer, die besten Handwerker, wenn sie nicht gleich selbst Hand anlegen. Klöster sind Herbergen und Krankenhäuser, Sterbehospize und Apotheken, Altersheime, Schulen und Nachrichtenbörsen. Den Äbten der größten Klöster werden wie Grafen landesherrschaftliche Befugnisse übertragen, Mönche sind Boten, Schreiber, Vertraute von Königen, die Minister ihrer Zeit. Wissen zu erwerben und zu mehren wird zur benediktinischen Pflicht. Bibliotheken und Schreibstuben sind vom 9. Jahrhundert an in fast jedem Kloster zu finden; das Amt des Bibliothekars ist hoch angesehen.

Dank der Klöster beginnt Wissen im christlichen Europa wieder wichtig, wieder erhaltenswert zu werden. Und bald schon bewahren Mönche nicht nur überkommenes Wissen, sie häufen auch neues an: historische und theologische Werke, Gedichte und Gesetze, Schriften zur Philosophie und erste zaghafte Ansätze einer neuen Naturwissenschaft. Auch viele Klöster des 12. Jahrhunderts sind, neben den bischöflichen Domschulen, Zentren der Wissenschaften. Universitäten gibt es in Deutschland noch nicht. In den Klosterschulen lernen Schüler Psalmen auswendig, lesen die Bibel und werden von hochgebildeten Ordensleuten in Disziplinen der artes liberales unterrichtet, der sieben freien Künste der Antike: in Grammatik und Rhetorik, Dialektik und Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik. Ob die Schüler, zumeist Kinder adeliger Familien, außer den für den Unterricht notwendigen Werken noch andere, kostbare Bücher in die Hand bekommen, ist ungewiss. Vielleicht aber zeigt der Bibliothekar ihnen zuweilen ein Manuskript, preist die präzise Handschrift des Kopisten oder erläutert eine kunstvoll gemalte Szene einer illustrierten Bibel. Doch die Regeln in der Klosterschule sind streng: Während des Unterrichts und der Pausen etwa dürfen die Schüler ausschließlich Latein sprechen. Auch Hildegard wird die Sprache der Gelehrten bald verstehen.

Wohl mit 14 Jahren zieht sie in Begleitung ihrer Erzieherin und eines anderen Mädchens in eine steinerne Klause, die an ein Kloster der Benediktinermönche unweit von Bingen grenzt. Obwohl sich die Zahl der Klöster zwischen 1050 und 1150 verzehnfacht hat, mangelt es nach wie vor an reinen Frauenklöstern. Viele Nonnen leben bei Männerkonventen. Nur ein einziges Fenster verbindet die rasch wachsende Gemeinschaft der Nonnen neben dem Männerkloster mit der Außenwelt. Die Mönche versorgen die Frauen mit dem Lebensnotwendigen, ein vom Abt bestimmter Priester ist Beichtvater der Nonnen und übernimmt die religiöse Unterweisung. Eine Schulausbildung erhalten die Novizinnen der Klause jedoch nicht. Hildegard liest die Bibel, studiert intensiv die Schriften der Kirchenväter – und lernt die Klosterregel des Benedikt von Nursia. Der fordert von den Mönchen ein einfaches und tugendhaftes Leben: „Nicht stolz sein. Nicht trunksüchtig. Nicht essgierig. Nicht schlafsüchtig. Nicht träge.“

Noch vor ihrem 18. Geburtstag legt Hildegard gemäß den Regeln die ewigen Gelübde ab. Und empfängt ihre neue Kleidung: ein weißes Untergewand, die Tunika, und eine dunkle, weitärmelige Kukulle, die einem Engelsgewand gleichen soll. Ihr Gesicht ist nun stets von einem weißen Gebände umgeben, unter dem Schleier versteckt die Nonne ihre Haare. Zur Ausstattung der Benediktinerinnen gehören unter anderem auch Strümpfe, Schuhe, Sandalen und ein Gürtel. Persönlicher Besitz jedoch ist ihnen verboten. Über Hildegard berichten die Quellen dieser Jahre nur wenig; sie ist oft krank, fastet häufig, spricht kaum – so viel ist bekannt. Im Jahr 1136 wird sie die Leiterin des Frauenkonvents. Und sie hat Visionen. Ein Licht, so schildert sie es später, dringe aus dem Himmel in ihr Innerstes und lasse sie plötzlich den Sinn der biblischen Schriften begreifen. Über ihre „Schauen“ schreibt sie: „Ich habe sie bei vollem Bewusstsein erhalten, im vollkommenen Wachzustand meines Körpers. Die inneren Augen meines Geistes und die inneren Ohren haben mir meine Visionen übermittelt.“ Kein Rausch, kein Wahn, keine Ekstase. Und doch hält Hildegard ihre Erscheinungen geheim. Bis sie mit 42 Jahren einen inneren Befehl vernimmt: „Schreibe sie, wohlbelehrt, nieder und sprich davon.“ Insgesamt 26 Visionen ritzt Hildegard in den folgenden zehn Jahren in Wachstafeln: Ihr Werk „Wisse die Wege“ wird ein gewaltiges Welt- und Heilsdrama voller Zahlensymbolik und apokalyptischer Bilder, in dessen Mittelpunkt der Kampf zwischen Gott und dem Leibhaftigen steht.

Sie lebt in einer Zeit des Umbruchs und der Widersprüche. Einerseits nimmt die Bevölkerungszahl zu, lassen Stadtbürger prächtige Gotteshäuser errichten, stiften Adelige zahlreiche neue Klöster. Andererseits beklagen Gläubige, dass Priester die Seelsorge vernachlässigen, missachten Ordensleute oft ihr Gelübde, indem sie ein bequemes Leben in Wohlstand führen. Strenggläubige Christen fordern vom Klerus den Verzicht auf irdische Güter und weltliche Macht – manche von ihnen wenden sich sogar enttäuscht von der Kirche ab und schließen Ihre Visionen aber, davon ist Hildegard überzeugt, können den Menschen Wege aus der Sünde zu Gott zeigen: Sie wird noch zwei weitere Werke mit göttlichen Eingebungen füllen, in denen sie Ketzerei, Hochmut, Stolz und Heuchelei anprangert und die Christen zur Umkehr auffordert. Hildegards Beichtvater überträgt die Texte auf Pergament und glättet ihr ungelenkes Latein. Wer aber wird den Worten einer unbekannten Nonne Glauben schenken? Und hat der Apostel Paulus die Frauen nicht geheißen, in der Kirche zu schweigen?

Doch Hildegards Sorgen sind offenbar unbegründet. Auf Bitten des Mainzer Erzbischofs, der für das Kloster zuständig ist, lässt Papst Eugen III. im Jahr 1147 die Visionen der Nonne aus Bingen von einer Kommission untersuchen. Als dieser Ausschuss die göttliche Inspiration der Glaubensbilder bestätigt, erteilt der Papst Hildegard „im Namen Christi die Erlaubnis, alles zu veröffentlichen, was sie vom Heiligen Geist erfahren habe“, so ihr Biograf später, um 1185. Bald kursiert Hildegards Name auf Märkten, in Klöstern, Domkapiteln und Burgen. Wenig später bricht sie aus der Frauenklause am Benediktinerkloster aus und gründet 30 Kilometer entfernt ein eigenes Kloster: auf dem Rupertsberg.

Hildegard von Bingen

Angeblich hilft die Asche der Korkeiche, deren Wurzel hier mit einem Menschenkörper verziert ist, bei schmerzhaften "Goldaderknoten" (Hämorrhoiden)

Nonnen auf die Anhöhe über, auf der bereits eine Kapelle steht. Den notwendigen Grundbesitz stiften oder finanzieren Hildegards Verwandte sowie weitere Gönner. Denn ihre Mitgift müssen die Frauen zum größten Teil dem Männerkloster überlassen – dies ist der Preis für die Unabhängigkeit, die der Mainzer Erzbischof den Frauen 1158 endgültig zusichert. Kern der Klosteranlage wird eine dreischiffige Basilika. Über den Kreuzgang auf der Südseite gelangen die Nonnen in den Wohntrakt: Schlafsaal, Speisesaal und Latrinen, Küche und Vorratskammern sind nach außen streng verschlossen. An die Klausur schließen sich wahrscheinlich Schreibstuben und Krankenzimmer an.

Im Laufe der Zeit entstehen um die Kirche mehrere hohe und niedrige Gebäude – darunter vermutlich das Wohnhaus des Propstes, ein Gästehaus sowie Unterkünfte für das Gesinde, ferner Wirtschaftsgebäude und eine Schule. Zum Kloster gehören außerdem ein Garten, ein Friedhof mit Kapelle, Gehöfte und Mühlen, Weinberge, Ackerland und Wiesen. Reisende, die an Bingen vorbeikommen, verbreiten Hildegards Ruf als Seherin in ganz Europa. Aus allen Himmelsrichtungen eilen Boten mit Nachrichten herbei, Geistliche und Laien bitten um Gebete und tragen persönliche Anliegen vor. Die frommen Menschen hören auf ihre Worte – auch, weil sie im Namen des Herrn spricht. Obwohl die Äbtissin niemals das Schicksal einzelner Menschen voraussagt, gilt sie als Prophetin. Sie spendet Rat und Trost, und wo sie Ungerechtigkeiten, Unglauben oder Machtmissbrauch ausmacht, reagiert sie mit mahnenden Briefen – gleichgültig, ob es sich um den König von England, den Bischof von Prag, den Papst oder den deutschen Kaiser handelt (den sie in der nahe gelegenen Ingelheimer Kaiserpfalz persönlich trifft). Im Jahr 1163 stellt Friedrich I. ihr Kloster unter seinen Schutz. Gleichwohl scheut sie vor Kritik an seiner Politik nicht zurück. Friedrich indes schlägt alle Mahnungen in den Wind: 1167 nimmt er Rom ein. Doch als es papsttreuen Truppen gelingt, die Stadt zurückzuerobern, muss Friedrich, der Unterlegene, Papst Alexander III. die Ehre des Fußkusses erweisen und ihm den Steigbügel halten. Damit geht das Schisma zu Ende.

Mit den Id ealen des Klosterlebens ist Hildegards öffentliches Wirken nur schwer in Einklang zu bringen: „Sich dem Treiben der Welt entfremden“, fordert die Regel des Mönchsvaters Benedikt. Ein immergleicher Rhythmus aus Beten, Singen und Arbeiten bestimmt das Leben in der benediktinischen Gemeinschaft, gleich ob Frauen- oder Männerkloster. Inmitten der Nacht, zwischen null und zwei Uhr, erheben sich die Nonnen und Mönche von ihren Strohsäcken im Schlafsaal. Von dort aus begeben sie sich in die Klosterkirche, wo sie mit der Morgenfeier im Chorraum den Tag beginnen. Bis zum Abend folgt etwa alle drei Stunden eine weitere Andacht mit Gebeten, Lesungen aus der Heiligen Schrift und Gesängen. Die Zeit zwischen den Chorgebeten verbringen die Konventsangehörigen mit Arbeit. „Sie sticken, spinnen, weben und nähen vom Morgengrauen bis zum Abendbrot. Müßiggang wird nicht geduldet. Kein ungeziemendes Wort fällt“, beschreibt Hildegards Sekretär Wibert den Alltag der Nonnen. Gesinde und Handwerker aus der Umgebung übernehmen oft die anstrengenden Tätigkeiten. Etwa das Anfertigen des Pergaments: Für eine Evangelienhandschrift müssen Spezialisten die Häute von 400 Schafen mehrere Wochen einweichen, anschließend mit einem halbmondförmigen Schabeisen die oberste Schicht sowie das Untergewebe entfernen, sodann die Lederhaut in einer Kalklösung entfetten und sie über einen Rahmen spannen. Erst nach dem Trocknen übergeben die Handwerker das reißfeste Material an Nonnen oder Mönche. Die schneiden die Bögen zu, falten sie im Skriptorium des Klosters jeweils zu Lagen aus mehreren Blättern und ziehen gleichmäßige Linien über die Seiten. Ihre Federn tauchen die Kopisten in Tinte, die etwa aus einem Sud von Weißdorn- oder Schlehenzweigen unter Zusatz von Wein oder Eisensulfat hergestellt wird. Gekrümmt sitzen die Schreiber an ihren Pulten, kopieren liturgische Gebets- und Liedtexte, schreiben Klosterannalen und Heiligenviten ab oder Wundergeschichten.

Im Gegensatz zu den Klosterschülern müssen die Kopisten für ihr Werk nicht Latein verstehen – einige Schreiber malen die Texte einfach ab, Buchstabe für Buchstabe. Von Zeit zu Zeit schärfen die Ordensleute dabei den Kiel ihrer Feder mit einem Messer, schaben falsch geschriebene Passagen sorgfältig vom kostbaren Pergament. Je nach Inhalt der Texte schmücken Maler die Seiten mit kunstvollen Ornamenten, szenischen Bildern, Pflanzen- oder Tiermotiven. Die meisten ihrer Farben werden aus Mineralien gewonnen, das leuchtend blaue Ultramarin etwa aus dem sehr teuren Halbedelstein Lapislazuli. Erst wenn alle Schreib- und Malarbeit vollendet ist, näht der Buchbinder die einzelnen Pergamentlagen zusammen, versieht sie mit einem schützenden Einband aus Leder oder Holz, schlicht oder mit Gold und Edelsteinen verziert. Ohne Unterlass arbeiten die Mönche. Im Winter fällt es ihnen schwer, oft frieren den Schreibern die Finger steif: Das Kloster hat nur einen beheizbaren Raum, die Wärmestube. Während die Kopisten und Maler dem Kloster im Skriptorium dienen, kümmern sich andere Mönche und Nonnen um den Garten, versorgen Pilger – oder pflegen die Kranken. Denn Benedikt hat die Krankenpflege zur Pflicht der Stifte erhoben. Manche Klöster sind Horte der Heilkunde: Dort wird medizinisches Wissen vermittelt und angewendet; kennen Brüder und Schwestern die pharmakologische Wirkung von Kräutern und Pflanzen; werden Gebrechliche im Spital betreut und in speziellen Räumen zur Ader gelassen. Und dort, in den Kräutergärten der Klöster, wachsen die notwendigen Heilmittel.

Hildegard von Bingen

Das Harz der Cannabis- Pflanze (oben links) wird bei Frauenkrankheiten sowie Gicht und Rheumatismus verordnet

Auch Hildegart tut sich als Heilkundige hervor. Zwischen 1150 und 1160 verfasst die Autodidaktin mehrere naturkundliche Schriften. Dabei haben Konzilien den Ordensleuten jede ärztliche Tätigkeit verboten: weil die Behandlung von Kranken, mittlerweile ein lukratives Geschäft, sie allzu oft von ihren theologischen Studien ablenke. Und schon bald wird die Heilkunst zur universitären Wissenschaft. So gehören Hildegards Arbeiten zu den letzten großen Werken der Klostermedizin. In der Schrift „Physica“ schreibt die Äbtissin über Pflanzen, Metalle und Mineralien, verzeichnet deren medizinische Wirkung, erläutert die Herstellung von Pillen, Pulvern, Spülungen und Räucherungen. Einem Menschen mit „übermäßig viel Schleim im Kopf, in der Brust oder im Magen“ empfiehlt sie einen Sud aus gekochten Ameisen: „Er atme den Dampf zehn- oder fünfmal durch die Nase und den Mund ein.“

In der Schrift „Causa et curae“ widmet sie sich unter anderem dem Grund der Krankheiten: Sie glaubt, dass der Mensch durch den Sündenfall zu Unheil und Siechtum neigt. Freimütig schreibt die Äbtissin auch über Sexualität, den weiblichen Fruchtbarkeitszyklus und Geburtenkontrolle. Und beschäftigt sich mit Ernährung: „Speisen mit zu viel Fett“ seien ungesund, Wein und Bier besser als Wasser. Zur Mittagszeit werden im Kloster in der Regel gekochte Hülsenfrüchte, Gemüse, Fisch oder Eiergerichte serviert. Die Benediktregel erlaubt für das Hauptmahl zwei warme Speisen, dazu werden Wein, Brot und zuweilen Obst gereicht. Fleisch, zumindest das von Vierfüßern, sollen die Ordensleute nach Benedikt nicht verzehren. Dennoch bereiten die Klosterköche nicht selten auch Gerichte aus Hammeloder Schweinefleisch zu. Wie im Schlafraum und in der Kirche gilt an der langen Tafel im Speisesaal ein striktes Sprechverbot, während an anderen Orten des Klosters zumindest über das Notwendigste gesprochen werden darf, wenn auch oft nur zu bestimmten Tageszeiten. Die Mönche und Nonnen verständigen sich mit einer Zeichensprache. Beim Verteilen der Speisen etwa bedeutet Hand an die Gurgel „Essig“, eine Schwimmbewegung „Fisch“.

Nach einem kalten Abendimbiss und dem letzten Chorgebet des Tages, der Komplet, zwischen 18 und 20 Uhr, beginnt im Benediktinerkloster die Nachtruhe. Obwohl die Mönche und Nonnen auch eine Mittagspause haben, reicht der Schlaf kaum: Immer wieder nickt beim Chorgebet jemand ein. Hildegard jedoch sorgt sich um das körperliche und seelische Wohlbefinden der Ordensleute. Im Streit um die richtige monastische Lebensweise legt sie die Klosterregel deshalb milde aus und lehnt eine allzu asketische Lebensweise ab: Alles, was Benedikt nicht ausdrücklich verboten habe, sei erlaubt – etwa der Genuss von Geflügel. Die Äbtissin wendet sich gegen übermäßiges Fasten, setzt sich für kürzere Gebetszeiten und ausreichend Schlaf ein.

Hildegard von Bingen

Heiler schreiben der Kamille (oben links) beruhigende sowie harntreibende und entzündungshemmende Wirkungen zu

Sie selbst aber kommt nicht zur Ruhe. Von ihrem 60. Lebensjahr an macht sich Hildegard zu Predigtfahrten durch die deutschen Lande auf. Das Reisen ist eine Qual. Zu Pferd, zu Fuß, in schwankenden Booten und rumpelnden Kutschen legt sie 25 bis 30 Kilometer am Tag zurück. In Mainz, Trier, Köln, Bamberg und anderen Städten sucht sie die großen Plätze und Kirchen auf. Dort ermahnt sie die Menschen zu Umkehr und Buße, „gemäß dem, was Gott ihr offenbart hatte“, schreibt ihr Biograf Theoderich. Hildegard predigt vor allem gegen die Ketzerei der Katharer. Die angeblich „wahren Christen“ leben in strengster Armut und sind mit ihrer weltfeindlichen, antikirchlichen Lehre inzwischen von Südfrankreich aus über Mainz bis nach Köln vorgedrungen. Auch der weltliche Lebenswandel mancher Priester ist ihr zuwider: „Ihr seid Nacht, die Finsternis aushaucht, und wie ein Volk, das nicht arbeitet und aus Trägheit nicht im Lichte wandelt“, geißelt sie etwa die Kölner Priester. Der Klerus ist erschüttert, das Volk erstaunt. Wohl nie zuvor hat eine Nonne so offen das Wort ergriffen. Viele Zuhörer sind von Hildegard fasziniert: „Als ihr von uns gegangen wart“, schreibt ihr der Domdekan von Köln, „waren wir von großer Bewunderung ergriffen, dass Gott in ein so zerbrechliches Gefäß solche Wunder Seiner Geheimnisse wirkt.“

In Scharen strömen die Menschen zum Rupertsberg. Wohl schon zu Lebzeiten werden der alten Äbtissin in den Dörfern und Städten Wundertaten nachgesagt – Spontanheilungen etwa, nur durch das bloße Auflegen ihrer Hände. Hildegard rühmt sich solcher Wunder freilich nicht; sie spendet Rat und gibt den Kranken Heilmittel für ihre Gebrechen. Selbst hat sie oft solche Schmerzen, „dass sie mich zu Tode zu bringen drohen“. Nicht nur auf dem Rupertsberg ist die Äbtissin jetzt gefordert: In Eibingen bei Rüdesheim hat sie, weil ihr Kloster so beliebt ist, eine Dependance gegründet. Die letzte Kraft aber raubt ihr ein Kampf mit der Mainzer Kirche. 1179 verhängt das Erzbistum ein Interdikt über das Rupertsberger Kloster. Hildegard hat einen exkommunizierten Adeligen auf ihrem Friedhof beisetzen lassen und sich später geweigert, dessen Leiche wieder zu entfernen. Mit der Kirchenstrafe nehmen ihr die Mainzer Geistlichen das Liebste: Hildegard und ihre Nonnen dürfen das Gotteslob nicht mehr singen. Auch die Kommunion und das Glockengeläut fallen unter das Interdikt. Die 81-jährige Äbtissin reist nach Mainz; erklärt, dass sich der Gebannte vor seinem Tod mit der Kirche ausgesöhnt habe, protestiert, weint, fleht. Vergebens. Erst der Erzbischof, der beim Papst in Rom weilt, hebt auf Bitten Hildegards das Interdikt auf.

Ausgezehrt von Kampf und Krankheit, stirbt die von ihren Zeitgenossen als prophetissa teutonica, „deutsche Prophetin“, verehrte Äbtissin wenige Monate später am 17. September 1179 im Kloster auf dem Rupertsberg. Bei ihrer Beerdigung läuten wieder die Kirchenglocken. Hildegards Grab wird schnell zu einer Pilgerstätte. 1228 beantragt der Rupertsberger Konvent in Rom die Heiligsprechung der Äbtissin. Obwohl der Versuch scheitert, wird sie später in das „Martyrologium Romanum“, den vatikanischen Heiligenkalender, aufgenommen. Hildegard bleibt einstweilen inoffizielle Heilige. Aber auch als solche provoziert die Äbtissin noch. Um 1270 meldet sich der künftige Erzbischof von Canterbury zu Wort, John Pecham. Hildegards Prophetie entspringe „unmittelbar aus der List des Teufels“, erbost er sich. Und ihre Schriften bezeichnet der englische Theologe als „Geschreibsel einer Vermessenen“. Denn Hildegard von Bingen hatte das Unerhörte getan: als Frau ihre Stimme erhoben.

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