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GEO EPOCHE KOLLEKTION Der Graf von Montefeltro

Federico da Montefeltro ist Feldherr und Feingeist - und typisch für die aufkommende Renaissance

Der Graf von Montefeltro

Seine Frömmigkeit demonstriert der Graf, hier kniend zu Füßen der Muttergottes, durch solche frommen Gemälde. Wie auch auf diesem Bild lässt sich der Söldnerführer stets im Profil malen, weil er in einem Ritterturnier ein Auge verloren hat

Er ist einer der reichsten Männer seiner Zeit und verdient sein Geld mit Mord und Totschlag: Federico da Montefeltro, Graf von Urbino, 1422 geboren, ist ein condottiere, ein Söldnerführer, der sich mit seinen Kämpfern von jedem anheuern lässt, der dafür genügend Dukaten aufbringt. Kaum einer der italienischen Staaten, die zu jener Zeit fast ständig im Krieg miteinander liegen, kann sich ein stehendes Heer leisten. Und so rufen die streitenden Parteien bei Bedarf Männer wie den Grafen von Urbino, die sich mit ihren Gefolgsleuten auf diese Dienstleistung spezialisiert haben, lassen sie ihr tödliches Handwerk ausüben – und bezahlen sie fürstlich: Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs kassiert der Haudegen für einen einzigen Feldzug 119.000 Dukaten.

Eine Summe, für die er nach Abzug aller Kosten immer noch mehrere kleinere Städte kaufen könnte. Was macht man mit so viel Geld? Federico da Montefeltro gibt es vor allem für die Kunst aus. Allein 33 Porträts sind heute noch von ihm erhalten, kein anderer Fürst jener Jahre hat sich so häufig malen lassen. Das bekannteste Bildnis, geschaffen von Piero della Francesca, zu jener Zeit ein Topstar unter Italiens Künstlern, zeigt den Condottiere mit der roten Kappe des Feldherrn – und in strengem Profil. Diese Perspektive ist eine Verneigung vor antiken Vorbildern, aber auch der Versuch des Malers, seinen Auftraggeber möglichst vorteilhaft darzustellen: Denn dem Söldnerführer fehlt ein Auge. Bei einem Turnier hat eine Lanze dem Grafen das Nasenbein zertrümmert und ist ins rechte Auge eingedrungen. Montefeltro zeigte eine bemerkenswerte Haltung: Mit dem verbliebenen Auge, so soll er nach dem Unfall gesagt haben, werde er besser sehen als mit 100 anderen.

Doch der Mann aus Urbino investierte nicht nur in Porträts aller Art, sondern auch in Heiligenbilder, Bronze- und Steinreliefs, Skulpturen, Büsten, aufwendige Intarsienarbeiten, kostbare Handschriften, wissenschaftliche Forschung sowie in eine der bedeutendsten Bibliotheken Italiens. Allein für seine Bücher gibt der Adelige angeblich 30.000 Dukaten aus – dafür hätte er sich sechs Palazzi kaufen können. Etliche Maler arbeiten regelmäßig für ihn, mehr als 30 Schreiber müssen in seinem Auftrag Codices kopieren und mit prächtigen Miniaturen versehen. Und so wird Federico da Montefeltro zum wohl bedeutendsten Mäzen seines Jahrhunderts. Natürlich geschieht das nicht aus reiner Freude an der Kunst. Vielmehr will der Graf Punkte machen bei seinem Volk und den anderen Herrscherhäusern. Die Porträts (wie sein übriges Mäzenatentum) sollen ihn als ideale Verkörperung eines Fürsten herausstellen, der nicht nur stark ist, mächtig und durchsetzungsfähig, sondern auch umfassend gebildet und kunstinteressiert. Denn Montefeltro weiß um die Bedeutung der Bilder und Symbole.

Diese Selbstinszenierung hat einen politischen Hintergrund: Schließlich gilt es, den Makel einer minderen Abkunft zu tilgen. Federico, der am 7. Juni 1422 im umbrischen Gubbio geboren wird, ist vermutlich der Sohn einer unehelichen Tochter des Grafen von Urbino. Da ein direkter männlicher Nachkomme fehlt, lässt der Graf seinen illegitimen Enkel 1424 zum Sohn erklären. Als wenig später doch noch ein leiblicher Erbe zur Welt kommt, rückt Federico in der Thronfolge an die zweite Stelle. Schon früh steht seine Laufbahn im Zeichen des Militärs, denn so gehört es sich für einen Montefeltro. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts ziehen die Grafen des Kleinstaats Urbino, die formell dem Papst unterstehen, als Söldnerführer für andere italienische Mächte in den Krieg. Für Urbino sind die ewigen Rivalitäten der Großen, etwa von Mailand und Florenz, eine wichtige Einnahmequelle. Mit Söldnertruppen von zumeist einigen Tausend Mann kämpfen die Grafen des Kleinstaats an der Seite ihrer wechselnden Vertragspartner.

Auch Federico erlernt das Handwerk des Condottiere. Schon als 16-Jähriger befehligt er eine Schar von 800 Reitern. Mit 19 erringt er erstmals Ruhm, als es ihm gelingt, die als uneinnehmbar geltende Festung San Leo südwestlich von Rimini zu erobern. Durch eine List lockt er die Besatzung aus ihren Mauern und überrumpelt sie. Im selben Jahr stirbt sein Großvater, der Graf von Urbino. Sein Nachfolger wird Oddantonio, der Stiefbruder Federicos. Doch am 23. Juli 1444 erreicht Federico in Pesaro eine alarmierende Nachricht: Verschwörer sind nachts in den Herzogspalast eingedrungen und haben Oddantonio ermordet. Sofort eilt Federico nach Urbino und reißt dort die Macht an sich – angeblich auf Wunsch des Volkes. Nur: Merkwürdig ist es schon, wie rasch er zur Stelle ist. Sonderbar auch, dass die Mörder des Bruders amnestiert werden. Ist Federico der Draht- zieher der Ermordung Oddantonios? Davon sind nicht wenige überzeugt – und auf der Herrschaft des neuen Grafen von Urbino lastet fortan der Verdacht des Brudermordes. Wie sehr sich Federico auf kalte Machtpolitik versteht, zeigt auch die Härte, mit der er 1446 ein Komplott ehemaliger Anhänger Oddantonios niederschlägt: Drei der Anführer lässt er öffentlich enthaupten.

Danach herrscht Montefeltro unangefochten über seine Grafschaft zwischen Apennin und Adriaküste. Er erfordert viel taktisches Geschick, in den häufig wechselnden politischen Konstellationen stets auf der richtigen Seite zu stehen – und Federico ist darin ein Meister. So steigt er auf zum angesehensten Condottiere Italiens. Doch der Graf von Urbino ist nicht nur ein begabter Heerführer. Geschickter als viele Mächtige seiner Zeit versteht er es, sich durch Künstler in Szene setzen zu lassen. Biografen etwa, die in seinem Auftrag schreiben, beschönigen manche Niederlagen und streichen dafür seine unbedingte Vertragstreue heraus. So wird Federico da Montefeltro der am besten bezahlte Söldnerführer Italiens – und der Krieg ist ein äußerst einträgliches Geschäft. Gewöhnlich werden die Soldverträge der Condottieri im Frühjahr abgeschlossen und gelten für ein Jahr. Während Montefeltros erste überlieferte condotta noch mit 21.000 Dukaten dotiert war, erhält er auf dem Höhepunkt seines Ansehens mehr als 100.000 Dukaten.

Bald ist der Graf einer der reichsten Männer seiner Zeit. Die Einnahmen festigen auch seine Herrschaft in Urbino, denn sie erlauben es, Steuern und Abgaben niedrig zu halten – und das, obwohl Montefeltro sehr viel Geld für Bauten und Kunstwerke ausgibt. Der Feldherr und Feingeist verwandelt seinen Fürstensitz nach und nach in eine Metropole der Gelehrsamkeit und macht Urbino ab 1464 für ein Jahrzehnt zur größten Baustelle Italiens. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht der Umbau der alten Montefeltro-Residenz zu einem prächtigen Herrscherpalast. Er soll dem Grafen als Bühne zur Selbstdarstellung dienen. Bei Federico greifen Kunstpatronage und Imagepflege ineinander. Kaminverzierungen und Intarsienbilder deuten an, wie er gefeiert werden soll: als neuer Herkules – als mythischer Kraftprotz aus der griechischen Antike. ist ein gesuchter Bündnispartner. Es

Denn so wollen die Mächtigen dieser Zeit gesehen werden – nun, da sich in Italien, später fast überall in Europa, ein Blick auf die Welt durchsetzt, der sich auf antike Vorbilder stützt. Als rinascita, Wiedergeburt, der klassischen Ideale empfinden die wichtigsten Vertreter dieser neuen Schule ihre Sichtweise und propagieren als Vorbild den vielseitigen uomo universale, der sich für die Kunst ebenso begeistert wie für die Wissenschaft, für Texte römischer Autoren ebenso wie für Technik und Städtebau. Nicht mehr allein der Glaube beherrscht nun die Köpfe der Denker und Forscher, sondern die Neugier, die alles erkunden will und alles infrage stellt. Und so ist Federico eine echte Figur des Übergangs in diesen Jahren, in denen das Mittelalter einer neuen Zeit weicht, der Renaissance. Kein Zweifel auch, dass der Söldnerführer wirklich echten Kunstverstand besitzt. Ganz dem Ideal des Uomo universale verpflichtet, sucht er mit sicherem Blick Maler – wie etwa Piero della Francesca – sowie Architekten aus und achtet überall auf die Qualität der Ausführung. Der neue Palast soll ein Abbild seiner Herrschaft sein: Federico will keine Trutzburg, sondern ein lichtes Gebäude mit zivilem Charakter. Viele Teile sind öffentlich zugänglich, wie auch der Graf für jedermann ansprechbar ist – das berichten jedenfalls die ihm ergebenen Biografen. Angeblich ist er so beliebt, dass er sich ohne bewaffnete Begleitung unter das Volk mischen kann.

Offen für Besucher ist auch die berühmte Bibliothek, die in besonders feuersicheren Räumen untergebracht ist. Mehr als 1000 Handschriften besitzt Federico – eine der bedeutendsten Sammlungen Italiens. Die Bibliomanie ist keineswegs nur Fassade: Selbst in den Ruhepausen der Schlachten lässt sich der Condottiere vorlesen – vorzugsweise aus Werken antiker Geschichtsschreiber und Philosophen. In seinen letzten Lebensjahren korrespondiert Federico mit Gelehrten und Königen und erhält die höchsten Auszeichnungen. Nur die Verleihung der Herzogswürde lässt lange auf sich warten. Erst 1474, drei Jahrzehnte nach der Thronbesteigung in Urbino, kann Federico den ersehnten Titel aus den Händen des Papstes entgegennehmen: Da ist die nach römischem Recht geltende Verjährungsfrist für Mord abgelaufen. So erinnert die späte Ehrung trotz aller propagandistischen Bemühungen noch einmal daran, auf welch dubiosem Weg der große Kunstmäzen und Bücherfreund einst an die Macht gelangt ist. Acht Jahre später erliegt er auf einem Feldzug der Malaria. Sein Name aber wird unsterblich. Dank seiner Vorliebe für die Kunst – und der Genies einer Epoche, die ideal war für Mäzene wie ihn.

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GEO EPOCHE KOLLEKTION Nr. 1 - 12/2015 - Das Mittelalter
GEO EPOCHE KOLLEKTION Nr. 1 - 12/2015
Das Mittelalter
Der Alltag in einer bewegten Zeit