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Max Schmeling Wie ein Boxer zum Radiostar wird

Die Übertragung seiner Kämpfe im Rundfunk macht den jungen Boxer Max Schmeling zum ersten deutschen Radiostar
Max Schmeling
Max Schmeling

Es ist der 19. Juni 1927, 19.45 Uhr: Ein Radiosender überträgt den Kampf um die Europameisterschaft im Halbschwergewicht. Im Dortmunder Boxring fordert der 21-jährige Max Schmeling den Belgier Fernand Delarge heraus. Für Schmeling soll dieser Abend den Durchbruch bringen, einen Triumph über den Olympiasieger. 8000 Zuschauer verfolgen den Kampf in der Halle, weitere Tausende fiebern an Radiogeräten mit, über krächzende Trichterlautsprecher oder Kopfhörer mit Bügeln. Einmal mehr verläuft das Leben einen Takt schneller. In den Jahrzehnten zuvor ist das Telefon erfunden worden, das Flugzeug. Nun also der Rundfunk.

Zur Premiere des allgemein und drahtlos zu empfangenden Rundfunks in Deutschland ist es am 29. Oktober 1923 gekommen: ein einstündiges Schallplattenkonzert, ausgestrahlt von einem Dach im Zentrum Berlins. Das neue Medium ist in Deutschland, anders als etwa in den USA, kein Geschäft für Privatunternehmen. Der Staat hat die Kontrolle, er vergibt Lizenzen und schafft Aufsichtsgremien für das Programm.

Zunächst sind Radiogeräte noch Kuriositäten. Schnell aber erkennen Geschäftsleute, welcher Markt sich da öffnet. Elektro-, Metall- und Holzwarenfabrikanten stellen auf Rundfunktechnik um. Der Betreiber eines Haveldampfers wirbt damit, dass „von jedem Tisch aus mit dem Kopfhörer die Darbietungen des Berliner Senders“ verfolgt werden können. Ein Café in Hannover verspricht ab 22 Uhr den Empfang von Konzerten aus Großbritannien. Ein Bremer Kaffeehaus lässt einen Empfänger aufstellen und über zwölf Tischen je einen Kopfhörer anbringen. Bayerns Bistümer wehren sich gegen den Versuch, an Glockentürmen Antennen aufzuspannen.

Zwei Mark beträgt ab 1924 die monatliche, von der Reichspost erhobene Rundfunkgebühr. Ende 1924 gibt es 548 000 angemeldete Hörer, ein Jahr später bereits rund eine Million – sowie eine unbekannte Zahl von Schwarzhörern, die sich, wie auch die Hälfte der legalen Hörer, ihr Gerät selbst gebastelt haben.

Die Technik ist einfach, hat aber ihre Tücken. Wer einen „Detektor“ besitzt – Kosten um 1925 zwischen zehn und 20 Mark –, muss eine Kristallplatte mit einem Metalldraht abtasten, um seinen Sender zu finden. Diese Konstruktion wandelt die hochfrequenten, von der Antenne aufgefangenen Radiosignale in niederfrequente und damit per Lautsprecher wahrnehmbare Wellen um. Es braucht aber nur jemand durchs Zimmer zu gehen – schon verschiebt sich durch schwingende Holzdielen das feine Drähtchen, und die mühsame Sendersuche beginnt von Neuem.

Teurere Röhrenempfänger benötigen anders als die Detektoren eine Stromversorgung. Die Programmmacher sind anfangs der bürgerlichen Bildungstradition verhaftet. Man legt Wert auf die Ausstrahlung amtlicher Nachrichtensendungen; der Rest der Programme soll sich auf literarische und musikalische Darbietungen sowie Vorträge beschränken. Und die ersten Sportreportagen werden von gutbürgerlichen Gesellschaftsereignissen wie der Alsterregatta in Hamburg übertragen.

Boxen gehört zunächst nicht dazu. Dabei machen ehrgeizige Talente wie Max Schmeling das Boxen weit über die Unterschicht hinaus populär. Der Jungstar lebt vorbildlich: kein Alkohol, kein Nikotin, keine Mädchen.

Als in Dortmund der Gong zur 14. Runde erklingt, bleibt der Belgier sitzen: Er gibt auf. Damit ist Schmeling der erste deutsche Europameister. In den Wohnzimmern liegen sich Rundfunkhörer in den Armen. Mit jedem weiteren Sieg wird Schmeling beliebter. Er geht in die USA, wird Weltmeister und besiegt 1936 Joe Louis, den „braunen Bomber“. Doch längst missbraucht das NS-Regime ihn für seine Zwecke, etwa um einen Boykott der US-Athleten bei Olympia in Berlin zu verhindern – so wie es auch den Rundfunk nutzt.

Denn die Nationalsozialisten haben erkannt, welche Macht das neue Medium über die Massen hat, wie es sich anbietet zur Fälschung und Manipulation. Und wie leicht der „Führer“ nun die Menschen erreichen kann. Ganz einfach. Bei ihnen daheim.

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