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Medizingeschichte Höhrrohr und Hoheitszeichen: Warum Ärzte das Stethoskop bis heute so lieben

Das Stethoskop revolutionierte die Diagnose. Nicht nur deshalb lieben es die Ärzte noch immer.
Clooney

Das Stethoskop als Beweis der Kompetenz: George Clooney trug es in der TV-Serie »Emergency Room« über die Gänge einer fiktiven Chicagoer Klinik. Der Beginn einer großen Karriere – nicht als Arzt, sondern als Schauspieler

Ein Papierrohr ermöglicht medizinischen Fortschritt

Lange Zeit verstehen die Ärzte Krankheiten vor allem als ein Ungleichgewicht von „Säften“. Die Mediziner meinen, sie in Gesprächen und äußeren Zeichen ergründen zu können, für das Innere ihrer Patienten interessieren sie sich lange nicht. Aus den üblicher werdenden Autopsien wird jedoch deutlich, dass Krankheiten innere Organe zerstören. Ist es da nicht konsequent, das Organ als Ort der Krankheit anzunehmen? Diese „organpathologisch“ denkenden Ärzte kommen als Therapeuten freilich stets zu spät, müssen sie doch den Tod des Patienten abwarten, um den Sitz seiner Krankheit feststellen zu können.

In GEO CHRONIK geht es um die großen Momente der Menschheit. Die Heftreihe folgt der Idee, chronologisch und an jeweils einem Thema den Einfallsreichtum der menschlichen Spezies zu zeigen. Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe “100 Triumphe der Medizin”.

Es ist ein simples Instrument aus Holz, dessen Erfindung im Jahre 1816 die Wende einleitet: das Hörrohr des französischen Mediziners René Théophile Hyacinthe Laënnec (1781–1826). Der Gedanke, dass manche der aus der pathologischen Anatomie bekannten Organschäden – etwa ein Herzklappenfehler oder eine tuberkulöse Lunge – sich durch typische Geräusche ver- raten müssten, beschäftigt ihn schon eine ganze Weile.

Auf die entscheidende Idee bringt ihn allerdings erst sein Bedürfnis nach diskretem Abstand zum Oberkörper einer Patientin: Er rollte ein Stück Papier zu einem Rohr – und hörte mit dessen Hilfe die Geräusche im Körper der Frau nicht nur lauter, sondern auch klarer und deutlicher als zuvor. In vielen Versuchen entwickelt er schließlich jenen Holztubus, mit dessen Hilfe er und andere Pioniere in der Folgezeit die Diagnose vor allem der Herz- und Lungenkrankheiten revolutionieren.

Das Höhrrohr als Statussymbol

Der Siegeszug des Hörrohrs, das sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein durchsetzt, lenkt nun das ärztliche Augenmerk immer stärker auf die inneren Organe des Kranken. Diese Wendung der Aufmerksamkeit von der Oberfläche in die Tiefe fördert auch die Vorstellung, dass die Organe die eigentlichen Krankheitsherde seien. Sie überzeugt die Mediziner schließlich vom Nutzen körperlicher Untersuchungen.

Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass sie auch mit anderen Instrumenten das Körperinnere zu erforschen beginnen: Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte eine Renaissance der bereits in der Antike bekannten Endoskopie, die Neuerfindung und Verbesserung von Proktoskopen zur Untersuchung des Analkanals, von Vaginalspekula und urologischen Sonden mit Aufblasvorrichtungen und Beleuchtung, die Entwicklung des Kehlkopf- und des Augenspiegels.

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Die neuen Untersuchungsgeräte und -techniken erzeugen ein Paradox in der Beziehung von Arzt und Patient. Einerseits machen sie die oft irreführenden Gefühle und Erzählungen des Kranken für die Diagnose immer unwichtiger und ermöglichen dem Arzt, wie ein Ingenieur nur noch den eigenen Beobachtungen an den schadhaften Organen der „Maschine Mensch“ zu vertrauen. Andererseits aber wühlen diese so sachlichen Untersuchungsmethoden selbst heftige Gefühle auf. Zur Zeit Laënnecs verweigern beispielsweise viele Frauen, sich mit dessen Erfindung abhorchen zu lassen; zu intim erscheint ihnen das Verfahren.

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Im Jahre 1929 dann entwickelt der englische Arzt Nicholas Comins das Stethoskop mit langem, flexiblem Tubus, welches auch die Untersuchung von „Frauen aus den höchsten Gesellschaftsschichten ohne Peinlichkeit“ erlaube. Im Laufe der Jahrzehnte wird das Stethoskop, neben dem Äskulapstab, zu dem ärztlichen Symbol schlechthin. Wer es über dem Kittel trägt, strahlt Kompetenz aus. Doch neuerdings ist unter Medizinern ein Streit entbrannt, ob das Gerät noch zeitgemäß sei. Die einen wollen es durch ein kleines, in die Kitteltasche passendes Herz- Ultraschallgerät ersetzen; für die anderen wäre dies eine weitere Entfremdung vom Patienten – und von der eigenen Kunst.
 

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