VG-Wort Pixel

Band 14: Philosophie


Ideen, Denker, Visionen: Der Philosoph Dieter Thomä beantwortet den GEO-Fragebogen

Zum Erscheinen des GEO Themenlexikons haben wir Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete gebeten, uns einige Fragen zu beantworten: über Bildung, Wissen und die nie endende Suche nach letzten Gewissheiten zwischen A und Z. In diesem Monat hat Professor Dr. Dieter Thomä unseren Fragebogen ausgefüllt. Er lehrt Philosophie an der Universität Sankt Gallen in der Schweiz.

Welche (Stich-)Worte mit A haben für Sie als Philosophen besondere Bedeutung, und weshalb?

Zum Beispiel das Wort "Anfang", denn philosophieren heißt, selbstbewusst mit dem Nachdenken anzufangen, auch wenn uns diese unvordenkliche Welt auf Schritt und Tritt zuvorkommt. "Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als das Staunen", so heißt es bei Platon. Dieses Staunen hat mit existenzieller Verunsicherung zu tun, aber ebenso mit der Fähigkeit, sich zu sammeln und einen Schritt zurückzutreten. Deshalb hat dieser philosophische "Anfang" auch viel zu tun mit "Angst" und mit "Autonomie": noch zwei Stichworte mit A.

Band 14: Philosophie
Band 14: Philosophie

Zu welchem Thema müsste man für Sie persönlich ein Lexikon erfinden?

Ich wünschte mir ein Lexikon der verpassten Gelegenheiten. Darin gäbe es Artikel zur silbernen Hochzeit von Orpheus und Eurydike, zur Verhinderung der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, zur durchgreifenden ökologischen Wende in den 1990er Jahren oder auch zur Rezeption des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson in Deutschland.

Welcher landläufige Irrtum aus Ihrem Fachgebiet sollte endlich aufgeklärt werden?

Dass Philosophen weltfremd seien. Viele Nicht-Philosophen erheben diesen Vorwurf immer wieder. Und viele Philosophen sind tatsächlich auch noch stolz darauf.

Mit welchem überraschenden Satz können Philosophen bei Abendgesellschaften Eindruck machen?

"Ich bin auf dem Boden meiner Überzeugungen angelangt. Und von dieser Grundmauer könnte man beinahe sagen, sie werde vom ganzen Haus getragen." (Ludwig Wittgenstein.) Oder: "Das Leben ist eine Anstrengung, die einer besseren Sache würdig wäre." (Karl Kraus.)

Wozu braucht man Experten?

Gute Experten sind so etwas wie Eismaschinen: Sie machen das dünne Eis dicker, auf dem wir durchs Leben schliddern.

Wann haben Sie zuletzt, beruflich oder privat, länger nach einer ganz bestimmten Information recherchiert? Welche Information war das?

Ich habe kürzlich versucht herauszufinden, ob Bismarck wirklich geschrieben hat: "Wer Europa sagt, lügt!" Und ich bin immer noch auf der Suche nach der wahren Quelle für den berühmten Satz "So viel Anfang war nie ..." - Wer kennt die Herkunft dieses Zitats?

Welchen Lexikoneintrag würden Sie gern selbst schreiben?

Die Einträge über "Liebe" und "Hass". Die Liebe ist das höchste Gut, das dem menschlichen Leben Sinn verleiht. Und die enttäuschte Liebe ist eine Quelle verzehrenden Hasses. Weil das Schöne mit dem Schrecklichen verschwistert ist, bewegt sich das gute Leben auf einem schmalen Grat. Über ein solches Leben zu schreiben ist fast so spannend, wie es zu führen.

Welchem allzu unbekannten "Helden" würden Sie unbedingt einem festen Eintrag im Lexikon wünschen?

Der "Marquise von O ...", der Heldin aus Heinrich von Kleists gleichnamiger Erzählung, die erst durch eine ganz besondere "Anstrengung mit sich selbst bekannt" gemacht wird. Sie muss für ihre Zukunft kämpfen und lernen, ihren Gefühlen zu vertrauen. Eine solche Anstrengung sei den Jugendlichen von heute empfohlen.

Welches Gesetz sollte jeder kennen?

"Neminem laede!" (Verletze niemanden!), ein Satz, den man seit der Antike kennt, aber leider nicht immer befolgt hat.

Was haben Bilder mit Bildung zu tun?

Bilder können verhindern, dass Bildung zu Einbildung wird. Sie sind ein sinnliches Korrektiv gegen die Versuchung, die Welt auf den Begriff zu bringen.

Braucht man in Zeiten des Internet noch ein Lexikon?

Gute Frage ... Man braucht es vermutlich nur noch so lange, wie die Unzuverlässigkeit des Internet mit jener der Deutschen Bahn mithalten kann.

Gibt es ein Stichwort mit Z, mit dem Sie sich bei Ihrer Arbeit als Philosoph immer wieder befassen müssen?

Ja, die "Zeit", aber ich habe zu wenig Zeit dafür.


Mehr zum Thema