VG-Wort Pixel

Band 23-25: Kunst und Architektur

Künstler, Stile, Epochen: Professor Dr. Horst Bredekamp beantwortet den GEO-Fragebogen zu den neuen Bänden des Themenlexikons

Das GEO Themenlexikon wird in 15 Bänden mit neuen Themen fortgesetzt. Zum Erscheinen dieser zweiten Staffel haben wir erneut Experten verschiedener Fachgebiete gebeten, uns einige Fragen zu beantworten: über Bildung, Wissen - und die nie enden wollende Suche nach letzten Gewissheiten zwischen A und Z. In diesem Monat hat Professor Dr. Horst Bredekamp unseren Fragebogen ausgefüllt. Er lehrt Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin

Band 23-25: Kunst und Architektur
Von "abstrakte Kunst" bis zum Dresdener "Zwinger": Im A–Z-Teil der drei Bände zu Kunst und Architektur wird das Wissen über Künstler, Stile und Epochen systematisch erschlossen
Von "abstrakte Kunst" bis zum Dresdener "Zwinger": Im A–Z-Teil der drei Bände zu Kunst und Architektur wird das Wissen über Künstler, Stile und Epochen systematisch erschlossen

Professor Dr. Horst Bredekamp, welches Stichwort mit A hat für Sie besondere Bedeutung?

Das "aktive Bild". Dieser Begriff wendet sich gegen die gängige Vorstellung, dass gestaltete Objekte und Formen nichts weiter sind als Illustrationen, gewissermaßen eine Schrift der Analphabeten. "Aktives Bild" drückt aus, dass Bilder die Wirklichkeit nicht passiv kopieren, sondern dass sie selbst Wirklichkeit "erzeugen" - indem sie unser Bild von der Welt mitprägen.

Zu welchem Thema müsste man für Sie ein Lexikon erfinden?

Mein Nachschlagewerk hieße "LTI": Lexikon der Technischen Ikonographie. Es wäre eine Sammlung wissenschaftlicher Beschreibungen von Bildwerken mit technischem Hintergrund - analog zu dem in der Kunstgeschichte bekannten "LCI", dem Lexikon der Christlichen Ikonographie. Der Technik wird bisher auf inhaltlicher Ebene zu wenig Interesse entgegengebracht. Dabei ist doch offensichtlich, dass "Glühbirne" oder "Atombombe" wichtige Bildgegenstände sind, die eine reiche ikonographische Tradition haben.

Mit welchem Satz können Kunsthistoriker bei Abendgesellschaften glänzen?

"Nicht alles ist zu allen Zeiten möglich." Dieser Satz des Schweizer Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin (1864–1945) beschreibt eine Art Evolutionsgesetz visueller Formen, die sich zwischen der freien Fantasie der Künstler und ihrer Prägung durch den Zeithintergrund, durch die "aktiven Bilder" ihrer Epoche bewegen. So hätten van Goghs Schwertlilien eben nicht 200 Jahre früher von jemand anderem gemalt werden können. Jede Form entspringt ihrem spezifischen historischen Rahmen, der zwar komplexe Widersprüche zulässt, aber nicht überschritten werden kann.

Nach welcher Information haben Sie zuletzt länger recherchiert?

Für eine Datierung von Galileis Mondzeichnungen musste ich herausfinden, auf welche Weise sich der Mond am 1. Januar 1610 in Padua gezeigt hat.

Welchen Lexikoneintrag möchten Sie selbst schreiben?

Den über den Begriff "Bildakt". Ähnlich wie für die Sprache der Sprechakt verdeutlicht der Bildakt, dass es sich bei Bildern nicht um tote Objekte handelt, sondern um aktive Gestalter der Wirklichkeit. Ein extremes Beispiel dafür sind Bilder aus der Nanowelt, die uns allerkleinste Dinge zeigen, über die wir ohne diese Bilder gar nicht reden könnten. Einen Eintrag zum "Bildakt" findet man in keinem Lexikon.

Welcher unbekannte Held hätte einen Lexikoneintrag verdient?

Johannes Fabricius, ein friesischer Naturforscher, der 1611 als Erster eine Publikation zu den Sonnenflecken herausbrachte. Durch Christoph Scheiners (1612) und vor allem durch Galileo Galileis Publikationen zum selben Thema (1613) ist er weitgehend aus dem Gedächtnis gefallen. Fabricius war ein bedeutender Methodologe der visuellen Erkenntnis!

Was haben Bilder mit Bildung zu tun?

Bildung und Bilder sind schon als Laute aufeinander bezogen, sie haben einen gemeinsamen Wortstamm. Heute zählt aber in der Philosophie vornehmlich die Sprache. Die meisten Philosophen behaupten, dass Erkenntnis allein durch Sprache erzeugt wird. In diesem Sinne sollte man nicht von Bildung, sondern eher von "Schriftung" sprechen. Wenn man aber die fundamentale Stellung der Bilder für die Bildung verkennt, stößt man schnell an Grenzen. Eine dieser Schwellen offenbart sich derzeit in der Forschung zur Künstlichen Intelligenz: Wenn es nicht gelingt, Computer eine Bilderkennung zu lehren, werden die Erfolge auf diesem Gebiet stagnieren.

Wozu braucht man in Zeiten des Internet noch ein Lexikon?

Jeder, der sich intensiv mit Kunstwerken beschäftigt, kennt den Zauber der Materialität. Allein die haptische Qualität von Papier wird den Fortbestand der "alten" Lexika sichern. Die Informationen im Internet sind flüchtig und folglich geschichtslos.

Welches Wort mit Z ist für Ihre Arbeit wichtig?

"Zuversicht". Auf dem Gebiet der "Bilder" muss man beständig gegen vorgefertigte Meinungen kämpfen. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich Bilder nicht nur als Mittel des Vergnügens und der Stimmung, sondern auch der Reflexion und der Gedankenkraft im allgemeinen Bewusstsein verankern werden.


Mehr zum Thema