Odyssee in Afghanistan

Dass die Arbeit in Krisengebieten nicht nur gefährlich ist, sondern auch zur nervenzehrenden Geduldsprobe ausarten kann, dokumentiert der Mail-Verkehr zwischen Kriegsfotograf Marco di Lauro und der GEO-Redaktion

Marco di Lauro ist ein erfahrener Kriegsfotograf, der schon oft aus Afghanistan berichtet hat. Als der Italiener im Sommer 2009 für GEO erneut an den Hindukusch flog, um den Einsatz des US-Ethnologen Ted Callahan im Grenzgebiet zu Pakistan zu dokumentieren (GEO 05/2010), war alles wie immer: kompliziert. Der Auftrag entwickelte sich zu einer 45-tägigen Odyssee. Wir dokumentieren diese hier im Original: Anhand der E-Mails, die Marco di Lauro an Callahan und an die GEO-Redaktion schickte, sowie der Antworten des Ethnologen aus dem Kriegsgebiet.

Odyssee in Afghanistan

Marco di Lauro beim Einsatz in Afghanistan

di Lauro an GEO:

03.07.09, 12.29 Ich bin in Bagram gelandet, der großen Airbase bei Kabul. Sollte eigentlich gleich weiterfliegen, um zu Ted zu kommen. Darf aber nicht. Da unten ist ein US-Soldat entführt worden, die wollen zurzeit keine Presse.

di Lauro an Callahan:

05.07.09 Ted! Alles, was die Amerikaner sagen, ist: Du musst noch warten. GEO hat mich vor Monaten gebucht, ich bin extra aus Europa her geflogen, und nun dies. Seit drei Tagen hänge ich in Bagram fest. Kannst Du irgendwas für mich tun?

Callahan an di Lauro:

06.07.09, 14.59 Marco, Oberst Howard sagt: keine Ausnahmen. Presseverbot, so lange nach dem entführten Soldaten gesucht wird.

di Lauro an GEO:

Odyssee in Afghanistan

Ethnologe Ted Callahan mit afghanischen Soldaten in der Provinz Khost

09.07.09, 13.47 Jetzt sitze ich seit acht Tagen in einem fensterlosen Raum und warte darauf, dass etwas passiert. Ich kann natürlich hier fotografieren, das ist aber nicht so spannend. Um die Geschichte hinzukriegen, muss ich zu Ted fliegen und ihn eine Woche lang bei Einsätzen begleiten. Es tut mir leid. Wir können nichts tun.

Callahan an di Lauro:

09.07.09, 19.11 Hey Marco, ich weiß, wie es Dir geht. Ich saß auch schon mal sechs Tage lang in Bagram fest. Es war schrecklich. Acht Tage mag ich mir gar nicht vorstellen. (...) Ich werde wohl bald auf Einsatz gehen – vor allem Tagestrips. Wir befürchten viel Gewalt, die Taliban hatten die letzten beiden Wochen freie Hand, weil unsere Truppen nach dem vermissten Soldaten gesucht haben.

di Lauro an GEO:

12.08.09, 18.24 Kurzes Update zur Lage: Nach zwei verschwendeten Wochen in Bagram und einer weiteren verschwendeten Woche hier unten im Einsatzgebiet bin ich jetzt bei Ted Callahan am Zielort, Camp Clark. Wir warten auf Einsätze, damit ich endlich fotografieren kann. Wir hatten ursprünglich 15 Tage von Italien und zurück geplant. Jetzt werden es wohl mindestens 35.

di Lauro an GEO:

13.08.09, 11.43 Es ist hier so gefährlich wie immer in letzter Zeit. Aber ich habe 16 Jahre Erfahrung in Kriegsfotografie. Also werde ich besonders vorsichtig sein. Es sollen ja auch keine Kriegsbilder werden.

di Lauro an GEO:

26.08.09, 11.03 Bin jetzt endlich wieder in Kabul. Der Auftrag ist ausgeführt. Bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis – auch weil wir die Bilder der Flüchtlinge haben. Als wir bei denen waren, griffen uns die Taliban an. Wir rannten weg. Keine Verletzten, keine Toten. 400 Meter von uns entfernt schlug ein Geschoss ein – 200 Meter näher, und sehr viele Flüchtlinge wären gestorben. Hier waren gut 600 Menschen. Ein Helikopter hat uns rausgeholt, es war merkwürdig, zu fliegen und gleichzeitig attackiert zu werden. Aber es ging ja alles gut aus.

di Lauro an GEO:

09.03.10, 15.19, aus Rom: Nein, ich habe im Rückblick wirklich nichts Besonderes über diesen Auftrag mitzuteilen. Er war nicht schwieriger oder gefährlicher als andere Jobs. Nur sehr langwierig. (...) Was ich aber gern sagen würde, ist dies: Ich war nun schon oft in Afghanistan. Aber bei diesem Auftrag, in diesen 45 Tagen, habe ich mehr über das Land und seine Bewohner gelernt als in all den Einsätzen zuvor. Es war herausfordernd, faszinierend, interessant.