Welche Bilder wir nicht drucken

Nicht immer zeigen historische Fotografien, was Bildagenturen glauben. Ein Versuch der Verifikation

Ihren Namen kennt niemand, ihre Geschichte ist ungeschrieben, ihr Foto jedoch unsterblich: das Bild einer Frau kurz vor ihrer Ermordung. Sie wartet auf ihre Erschießung, den Kopf vom Fotografen weggedreht, auf einem Feld, irgendwann im Zweiten Weltkrieg. In ihren Armen liegt ein Kind. Mit dem eigenen Körper versucht die Frau, es vor den Gewehrkugeln eines Wehrmachtssoldaten zu schützen. Im gleichen Moment legt der Soldat ruhig auf sie an.

Welche Bilder wir nicht drucken

Ein schreckliches Bild. Ein wichtiges Bild. Ein Foto, wie es Redaktionen rund um die Welt suchen, um Geschichte zu erklären – und Aufmerksamkeit zu erregen. Ohne Worte erschließt sich in ihm ein Teil des opferreichsten Krieges aller Zeiten, ein Krieg in dem Millionen Zivilisten ermordet wurden.

Es wurde dutzendfach gedruckt, im "Spiegel", in "Time-Life", in Büchern, es lagert im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz und warnt von den Plakaten der "Antifa"-Bewegung.

Doch: Ist das Bild echt?

Welche Bilder wir nicht drucken

Der Fotograf ist unbekannt. Von der Ostfront soll es ein deutscher Soldat 1942 nach Hause geschickt haben, später im Hauptpostamt Warschau von einer Zelle der polnischen Widerstandsbewegung entwendet worden sein, die Beweise der faschistischen Verbrechen sammelt. Spätestens seit den 1960er Jahren wird es gedruckt, weltweit.

Doch in den Bildarchiven finden sich unterschiedliche Angaben: Mal ist das Foto 1942 aufgenommen worden, mal 1944, mal stammt es aus der Ukraine, mal aus Polen, mal soll es die Ermordung einer lettischen Jüdin zeigen. Unterschiedliche Bildausschnitte kursieren: Auf einem sieht man nur den Soldaten und die Frau, auf anderen ist hinter der Frau noch eine Gruppe von Menschen zu erkennen. Auf wen zielt aber der Soldat? Im kleinen Bildausschnitt, der nur den Schützen und die Frau zeigt, scheint der Gewehrlauf auf die Frau zu zeigen. Betrachtet man das ganze Bild, auf die Gruppe dahinter.

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So einfach, wie es der oft gedruckte Ausschnitt zeigt, ist es also nicht. Ein Archiv warnt sogar: "Die Möglichkeit einer Bildmanipulation aus Propagandagründen ist nicht auszuschließen."

221 andere Bilder dokumentieren in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE den Zweiten Weltkrieg. Alle haben eine Prüfung durch Text- und Bildredakteure, Verifikationsabteilung und Fachberater durchlaufen. Im Zweifel entscheiden sie gegen das Bild - selbst wenn es erschütternd ist. Und wählen ein anderes Foto unter Tausenden, die das Grauen dokumentieren, unzweifelbar.

Welche Bilder wir nicht drucken

Der von Adolf Hitler ausgelöste Zweite Weltkrieg ist in seinen Dimensionen so gewaltig und folgenschwer, dass GEOEPOCHE erstmals seit seinem Bestehen einem Thema zwei aufeinander folgende Ausgaben widmet. Das erste Heft, das am 9. Juni erscheint, behandelt wie der begonnene Krieg zum Flächenbrand wurde. Das zweite erscheint am 11. August und rekonstruiert, wie er auf die Täter zurückschlug.