Wildes Europa

Tiere, die verdrängt und vom Aussterben bedroht waren, kehren nach Europa zurück. Der Fotograf des Titelbildes aus GEO 09/2011, Staffan Widstrand, berichtet, wie sein Bild des Seeadlers entstanden ist

Trotz der Rückkehr des europäischen Seeadlers in seine alten Verbreitungsgebiete ist es noch immer nicht leicht, ein Exemplar aus nächster Nähe zu fotografieren. Die Tiere sind gegenüber Menschen extrem scheu. Viele Adler werden sehr alt, manche leben 40 Jahre oder sogar länger, und viele haben leider auch erlebt, dass auf sie geschossen wurde. Also halten sie großen Abstand zu Menschen, mindestens 500 Meter. Als ich den Auftrag erhielt, für „Europa wird wilder“ Seeadler zu fotografieren, musste ich daher zunächst einen guten Ort dafür finden. So viel ich wusste, gab es keinen besseren als das norwegischen Fischerdorf Flatanger in der Provinz Nord-Tröndelag, 200 Kilometer nordwestlich von Trondheim.

Wildes Europa

Das GEO-Titelfoto: ein Seeadler, den Fisch fest im Blick, kurz vorm Zugreifen

Wildes Europa

Fotograf Staffan Widstrand von Wild Wonders of Europe in Flatanger, Norwegen

Dort lebt Ole Martin Dahle, der „Adlermann“. Dahle war früher Fischer, und während seiner Angeltouren trauten sich immer wieder Seeadler in seine Nähe, um sich übriggebliebene Fische aus dem Wasser zu greifen. Mit der Zeit entwickelte Ole Martin Dahle eine tiefe Zuneigung zu den Raubvögeln und fütterte sie absichtlich. Auf diese Weise fassten die Tiere Zutrauen zu ihm, so dass sich jetzt, 19 Jahre später, zwölf Adlerpaare ganz selbstverständlich oft in seiner Nähe aufhalten. Wenn man mit Dahle in seinem offenen Aluminiumboot auf die oft raue See hinausfährt, kommen die Seeadler herbeigeflogen, sobald sie das Geräusch des Außenbordmotors hören. Allerdings nur, wenn auch Möwen in der Nähe sind, weil das ein Zeichen dafür ist, dass keine Gefahr droht. Daher nimmt Dahle immer ein paar Scheiben altes Brot mit aufs Meer, um die Möwen anzulocken. Wenn dann die Seeadler angeflogen kommen, wirft Dahle für jeden von ihnen einen toten Fisch ins Wasser.

Die Adler können diese Fische aus sehr großer Entfernung sehen, und so verwandelt sich ein kleiner Punkt am Himmel sekundenschnell in einen riesigen Raubvogel, der aus großer Höhe herabstößt und sich mit unglaublicher Präzision den Fisch von der Wasseroberfläche schnappt. Die Möwen flattern dabei verstört in alle Richtungen davon.

Auf diese Weise lassen sich zwei wichtige Faktoren beim Fotografieren kontrollieren, nämlich einmal die Entfernung zum Objekt und zum anderen der Lichteinfall. Das allerdings nur, wenn der Seeadler es sich nicht doch noch anders überlegt und der Wind nicht aus der falschen Richtung weht und der Hintergrund nicht zu langweilig ist...

Den Adler genau in dem Moment zu fotografieren, in dem er den Fisch aus dem Wasser greift, ist natürlich eine Herausforderung. Durch das aufspritzende Wasser kann das ein richtiges Action-Foto werden. Allerdings wollte ich einen Sekundenbruchteil früher auf den Auslöser drücken, gerade bevor der Seeadler zupackt, seine eindrucksvollen Krallen aber schon weit nach vorn ausgestreckt sind.

Wildes Europa

Seeadler und Möwe sind Fressfeinde. Wenn eine Möwe einen Fisch gefangen und verschluckt hat, nimmt ein Seeadler die Verfolgungsjagd auf, bis die Möwe den Fisch wieder hervorwürgt und der Seeadler ihn sich schnappen kann. Auf diesem Bild scheint es ausnahmsweise mal umgekehrt zu sein

Wildes Europa

Ole Martin Dahle, dem "Adlermann", fressen die Möwen mittlerweile aus der Hand

Außerdem wollte ich natürlich eine extreme Nahaufnahme. Also wählte ich ein 600-Millimeter-Objektiv für meine Nikon D3s, die an die sechs Kilogramm wiegt und nicht gerade die Idealausrüstung ist bei Freihandaufnahmen in einem kleinen schaukelnden Boot auf hoher See. Ein anderer Fotograf, der ebenfalls an Bord war, machte jedes Mal, wenn ein Adler aus dem Himmel herabschoss, ganze Bilderserien, Hunderte und Aberhunderte von Aufnahmen, während ich bei jede Attacke gerade mal ein-, zweimal abdrückte. Die meisten Bilder waren dann entweder unscharf oder der Ausschnitt war falsch oder der Kopf des Adlers war abgeschnitten.

Endlich, nachdem wir zwei Wochen lang jeden Tag aufs Meer hinausgefahren waren, hatte ich das perfekte Foto! Vor lauter Freude brüllte ich ein „Yes!“ über den Fjord und erschreckte damit nicht nur die Seeadler, sondern auch Ole Martin Dahle. Ohne dessen Hilfe und sein besonderes Verhältnis zu den scheuen Vögeln hätte ich diese Aufnahme niemals hingekriegt.

Staffan Widstrand/Wild Wonders of Europe

Wildes Europa

Ein gelungener Schnappschuss, nur der Ausschnitt ist noch verbesserungswürdig...

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