Wie alles begann

An einem grauen Novembertag brachte eine besorgte Anwohnerin ein unterkühltes und unterernährtes Igelmädchen in Martina Gehrets Büro. Nach einer ersten Untersuchung nahm sich die Tierschützerin dem kleinen Igel an. Sie befreite das Tier von Zecken und Flöhen, setze es mit einer kleinen Wärmflasche in eine ausgepolsterte Kiste und nahm den Igel schließlich mit zu sich nach Hause.
 

Tipp: Die Zecken selbst, aber auch die vielen Krankheitserreger, die durch die Zecken übertragen werden, können direkten Einfluss auf die Gewichtsentwicklung und Fitness eines Igels haben. Deshalb müssen Zecken sicherheitsalber sofort entfernt werden.

Der Check-up

Nach der ersten Nacht im Igel-Notquartier zeigte die kleine Igeldame "Wilma" keinen Appetit. Sie hatte zwar etwas Futter probiert, doch das meiste liegen gelassen. Dafür hatte sie im Karton randaliert und ihre Wasserschale umgekippt. Oft ist solch ein unruhiges Verhalten ein Anzeichen für eine Krankheit. Auch der abgesetzte Kot war nicht in Ordnung. Es blieb nur der Weg zum Tierarzt - sonst würde Wilma den bevorstehenden Winterschlaf nicht überleben.
 

Tipp 1: Für einen kleinen Igel reicht eine kleine Schale Futter erst einmal aus, um zu prüfen, wie groß der Appetit wirklich ist. Besser später noch ein weiteres Mal Futter anbieten!
Tipp 2: Die Nahrung für einen Pflegeigel muss proteinreich, abwechslungsreich und fett sein. Katzennassfutter, Rührei, gebratenes Hackfleisch oder gekochtes Geflügel eignen sich gut.

Der Appetit kommt wieder

Der Tierarztbesuch und die Medizin zeigten schon bald die erhoffte Wirkung. Bereits wenige Tage nach Beginn der Behandlung fand Wilma ihren Appetit wieder und brachte es nach drei Wochen Pflege bereits auf 600 Gramm! Als es auf Ende Dezember zuging, wurde Wilma wieder ungewohnt unruhig, fraß weniger und zog das komplette Zeitungspapier in ihr Notquartier - der kleine Igel war bereit für den Winterschlaf. Höchste Zeit für Wilmas Umzug ins Außengehege, ein zwei Quadratmeter großer und umzäunter Freilauf mit Igelhaus!

Nachdem Wilma nach drei Nächten nicht mehr zum Fressen raus kam und das Trockenfutter unberührt ließ, war das Zeichen: Wilma hielt nun Winterschlaf. Martina Gehret schob noch etwas Laub in den Hauseingang und stellte ein paar kleine Stöckchen vor den Eingang - sollte Wilma im Frühjahr erwachen, würden die umgestoßenen Stöckchen es verraten.


Tipp 1: Wenn ein gesunder junger Pflegeigel ein Körpergewicht von 500 bis 600 Gramm erreicht hat, kann er zur Überwinterung nach draußen in ein Freigehege gebracht werden. Erwachsene Igel sollten mindestens 800 Gramm auf die Waage bringen.
Tipp 2: Die Umsiedlung eines gesunden Igels nach draußen kann übrigens jederzeit, also auch noch im Januar oder Februar, stattfinden. Lieber ein kurzer Winterschlaf als gar keiner!

Frühlingserwachen

Während die ersten Igel bereits im März draußen herumliefen, war von Wilma noch nichts zu sehen. Da viele Igel regionen- und wetterabhängig jedoch bis Ende April und in kälteren Gebieten sogar bis Anfang Mai schlafen, war das kein Grund zur Sorge. Ende April war es dann schließlich so weit: Wilmas Hauseingang war freigeräumt! Dem kleinen Igel schmeckte es, aber wie! Bereits nach zehn Tagen hatte die Igeldame wieder ihr Vor-Winterschlafgewicht erreicht.

Ab in die Freiheit

Bald war der Tag für Wilmas Auszug in die Freiheit gekommen. Da Wilma an einer stark befahrenen Straße gefunden wurde, kam eine Rückkehr an diesen Ort allerdings nicht infrage. Die Wahl für das neue Zuhause fiel stattdessen auf den riesigen Naturgarten einer Bekannten - ein wahres Paradies für Igel und andere Tiere! Nach der Auswilderung nahme Wilma ihre neue Heimat gut an - und brachte wenige Monate später sogar drei gesunde Igelkinder zur Welt!
 

Tipp 1: Wenn möglich, sollten ehemalige Pflegeigel bei der Auswilderung wieder an ihren Fundort zurückgebracht werden. Besonders erwachsene Igel besitzen ein hervorragendes Ortsgedächtnis und werden ihren "alten Lebensraum" schnell wiedererkennen. Diese Regel gilt jedoch nur für sichere, igelgerechte Umgebungen.
Tipp 2: Die Auswilderung findet am besten im Frühjahr statt, wenn es reichlich Nahrung gibt. Das alte Winterquartier kann dem Igel als Starthilfe dienen.

Das Buch zur Geschichte

Wie es mit Wilma und ihrer kleinen Familie weiter ging, lest ihr in Martina Gehrets Buch "Igel ganz nah", das im BLV Verlag erschienen ist und in der sie die ganze Geschichte der Igeldame erzählt. Das Buch entstand im Rahmen des Mitmach-Projekts "Igel in Bayern" des Landesbundes für Vogelschutz LBV, durch das Martina Gehret die Chance erhielt, sich intensiv mit den Tieren zu beschäftigen.

Am Beispiel vom Wilma erklärt Martina Gehret das spannende Leben unserer heimischen Igel - illustriert durch zahlreiche Bilder und bezaubernde Fotos. Das Buch vermittelt zudem allerlei Wissenswertes über die Biologie der Igel sowie deren kurzzeitige Pflege und erklärt, wie man die kleinen Gartenfreunde unterstützen kann.

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