Autsch: Warum uns Schmerzen schützen

Schmerz , lass nach – oder doch lieber nicht? So unangenehm Magenkrämpfe, Zahnweh oder aufgeschlagene Knie auch sind: Ohne Schmerz würden wir gefährlich leben. Er ist unsere körpereigene Alarmanlage
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Alarm im Körper
Tapfer oder wehleidig?

Alarm im Körper

Léonard schreit nicht, wenn er sich beim Fußballspielen das Knie aufschürft. Oder wenn er sich – wie vor ein paar Monaten – das Bein bricht. Kurz darauf hüpfte er schon wieder munter über den Krankenhausflur. Kein Stöhnen, kein Jammern, kein Weinen. Denn Léonard, neun Jahre, aus Stockholm in Schweden, kann keinen Schmerz empfinden. Die sogenannten Schmerzfühler in seinem Körper funktionieren nicht. Normalerweise leiten diese Fühler Signale an unser Rückenmark und unser Gehirn weiter, wenn wir uns etwa in den Finger schneiden oder den Ellenbogen stoßen. Auf diese Weise sorgen sie dafür, dass wir Schmerz spüren.

Alarm im Körper

Autsch: Warum uns Schmerzen schützen

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Klingt eigentlich gut: Mit gelähmten Schmerzfühlern würden wir uns über eingeklemmte Finger höchstens ärgern. Magenkrämpfe nicht mal spüren. Aber – toll wäre das ganz und gar nicht! Denn Schmerz dient als körpereigene Alarmanlage und ist bisweilen lebensnotwendig. Er sorgt dafür, dass wir die Hand von der heißen Herdplatte ziehen, und schützt uns so vor schlimmeren Verbrennungen. Er zwingt uns dazu, ein gebrochenes Bein zu schonen, damit die Knochen in Ruhe zusammenwachsen können. Auch vor Überlastung und Fehlhaltungen warnt der Schmerz: Wenn wir zu viel Ski fahren, tun uns die Muskeln oder Kniegelenke weh. Wenn wir krumm und schief auf einem Stuhl lümmeln, schmerzt irgendwann der Rücken, und wir nehmen eine andere Haltung ein. Auch Hunger oder eine volle Blase können uns Schmerzen bereiten. Wir wissen dann: Jetzt ist es allerhöchste Zeit, etwas zu essen oder aufs Klo zu gehen. Besonders wichtig aber ist Schmerz bei Entzündungen im Inneren unseres Körpers: Ohne Hals-, Ohr- oder Bauchschmerzen wüssten wir vermutlich gar nicht, dass wir krank sind. Im Fall einer Erkältung wäre das vielleicht nicht dramatisch. Bei einer Blinddarmentzündung kann das allerdings wirklich gefährlich werden.

Tapfer oder wehleidig?

Léonard hatte bislang Glück: Schnupfen, Husten oder andere Krankheiten fängt er sich so gut wie nie ein. Trotzdem sei seine Krankenhausakte so dick wie ein Telefonbuch, sagt sein Vater. Beide Beine hat sich Léonard schon gebrochen, einen Fuß, den Arm, die Schulter. Weil er manchmal genauso stürmisch durchs Leben jagt wie andere Kinder.

Autsch: Warum uns Schmerzen schützen

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Nur Angst hinzufallen hat er nie. Und auch vor dem Krankenhaus fürchtet sich Léonard nicht. Warum auch? Ihm tut schließlich nichts weh. Da kann ihn die Schwester noch so oft mit der Spritze piksen. Dass Menschen wie Léonard gar keine Schmerzen spüren können, ist ein seltenes und extremes Beispiel. Aber auch alle Frauen, Männer und Kinder mit funktionierenden Schmerzfühlern empfinden Schmerzen unterschiedlich. Manche schreien bei der kleinsten Verletzung auf. Andere schlucken nicht einmal Schmerztabletten, nachdem ihnen der Zahnarzt die Weisheitszähne gezogen hat. Selbst ein und dieselbe Person ist mal mehr, mal weniger wehleidig – je nachdem, ob sie gerade einen schlechten Tag hat oder gut gelaunt und abgelenkt ist. Ein Fußballer, der ein Tor schießt und sich dabei den Fuß verstaucht, läuft trotzdem jubelnd über den Platz. Sein Gehirn schüttet nämlich körpereigene Schmerzmittel aus, sogenannte Endorphine. Wie manche Schmerzmedikamente sorgen sie dafür, dass das Rückenmark keine Schmerzsignale mehr weiterleitet.

Diesen Trick beherrscht der Körper schon seit Urzeiten. Schließlich war es einst wichtig, auf der Jagd vor einem wilden Tier flüchten zu können, egal ob man sich verletzt hatte oder nicht. Doch der Endorphin-Kick hält nur für kurze Zeit: Sobald unsere Vorfahren in Sicherheit waren, schmerzten ihre Wunden. Und spätestens in der Kabine setzt auch beim Torschützen der Schmerz wieder ein – damit er den Fuß im nächsten Training schont. Léonard muss ein Leben ohne Schmerz mühsam lernen, um sich nicht laufend in Gefahr zu begeben. Neulich ist er auf dem Schulhof gestürzt, aufs Gesicht. Blut schoss ihm aus der Nase, die anderen Kinder starrten ihn an. Léonard spürte nichts. Trotzdem heulte er laut auf. Er hatte es sich von seinen Mitschülern abgeschaut.

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Wie wir Schmerzen wahrnehmen

Tatsächlich lässt sich die Körper-Alarmanlage mit einer Haus-Alarmanlage vergleichen: Wie deren Sensoren spüren Schmerzgühler, sogenannte Nozizeptoren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Manche Fühler reagieren auf zu starken Druck, andere auf Hitze oder chemische Reize. Sie befinden sich überall in der Haut, den Muskeln und in fast allen inneren Organen. Die Schmerzfühler sind die Enden langer Fasern, die zu einer Nervenzelle im Rückenmark gehören. Stromkabeln gleich ziehen sich diese Fasern durch den Körper. Piksen wir uns an einem Nagel, wie in der Zeichnung angedeutet, nehmen die Schmerzfühler im Finger die Verletzung wahr und senden elektrische Signale durch die Fasern an das Rückenmark. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 30 Meter pro Sekunde rast die Botschaft dorthin, so schnell wie ein fest geschossener Ball beim Elfmeter. Das Rückenmark ist eine Art Schaltzentrale: Es sendet den Befehl „Finger sofort wegziehen!“ zu den Muskeln in Arm und Hand, noch bevor uns der Schmerz überhaupt bewusst wird. Eine solche Reaktion nennt man Schutzreflex. Gleichzeitig sendet das Rückenmark über andere Nervenfasern ein Schmerzsignal an das Gehrin – und wir nehmen die Verletzung bewusst wahr. Autsch!

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