Olga ist zwölf Jahre alt und gehört zum Volk der Poqomchi’. Das sind Nachfahren der Maya, der Ureinwohner des Landes. Gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern lebt sie an einem Berghang im Dorf Aguil Grande in Guatemala.

"Die Berge sind hungrig", sagen die Menschen hier. Denn immer wieder rutschen Hänge ab und verschlingen Häuser, Tiere und Menschen. Deshalb wurde auch diese Straße gesperrt. Die meisten Menschen beachteten das Verbot jedoch nicht. Irgendwie mussten sie schließlich vom Dorf in die Stadt gelangen. Doch dann geschah ein Erdrutsch von solchen Ausmaßen, wie niemand sie sich hätte vorstellen können.

Am 4. Januar 2008 rutschten hier im Hochland Guatemalas Erdmassen auf einer Breite von anderthalb Kilometern ins Tal. Olga musste mit ansehen, wie über 140 Menschen unter dem Schutt begraben wurden.

Jetzt lebt das Mädchen mit seiner Familie in einer Notunterkunft in der nahen Stadt San Cristobal Verapaz. Am Hang ist es immer noch zu gefährlich. In der Zwischenzeit werden Olga und andere Kinder von UNICEF betreut. Das Malen hilft ihr die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten.

Doch auch Stifte, Knete, Bastelscheren, Dinge die sie zuhause nicht hat, können sie nur wenig trösten. Denn Olga hat bei dem Erdrutsch ihre Großeltern und ihren Bruder Miguel verloren. Die drei gingen gerade auf der Straße, die durch das Unglücksgebiet führte.

Vielleicht weil ihr Miguels Tod zu Nahe geht, malt Olga keine Menschen. Nur ihr Haus und daneben den gewaltigen Erdrutsch.

Olga ist nicht die einzige, die von UNICEF zum Malen der Ereignisse ermuntert wird. Auf Melvins Bild ist deutlich zu sehen, wie die Erde mehrere Menschen überrollt.

Nachdem die Bilder fertig sind, sprechen die Betreuer mit Olga und ihren Freunden darüber. Das ist wichtig, denn so lernen die Kinder, mit ihren Erinnerungen umzugehen.

Malen ist aber längst nicht das einzige, womit sich die Kinder in der Notunterkunft beschäftigen. Sie spielen verschiedene Spiele, singen und tanzen. So gelingt es ihnen, die Katastrophe wenigstens für einige Augenblicke zu vergessen.

Und sie schminken sich! So viel Farbe im Gesicht hatte Olga noch nie – und noch nie solch bunte, kunstvolle Formen.

Manche Schminkgesichter erinnern an Tiere; das soll den Kindern Glück bringen.

Schwierig wird es erst am Abend, wenn alle versuchen, die Farbe wieder vom Gesicht zu waschen.

Dann kochen die Familien gemeinsam: Im Küchenzelt dient eine kleine Feuerstelle als Herd.

Dort bereiten die Bewohner auch das Heißgetränk "Atol" zu: Weizen, Zimt, Zucker und Pfeffer werden gemischt und später mit Wasser aufgegossen.

Fladen gehören in Guatemala zum Speiseplan wie hierzulande Brot – auch in der Notunterkunft.

Einen großen Esstisch gibt es hier nicht. Deshalb hocken die Kinder auf einer Matratze im Schlafraum, während sie essen.

Wenn Olga heute mit ihrer Familie zusammensitzt, spürt sie die Lücke: Ihr großer Bruder Miguel fehlt. Noch weiß niemand, wie lange die Familie in San Cristobal Verapaz bleiben wird – und ob sie überhaupt wieder in ihr Heimatdorf Aquil Grande zurückkehren kann. Doch Olga gibt die Hoffnung nicht auf.

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