Making-of: Die Bambusbahn von Kambodscha

Die Autorin und Regisseurin der GEO-Reportage über ihre Erfahrungen beim Dreh

Schon bei unserer Ankunft am späten Abend in Battambang bekamen wir einen Vorgeschmack von der bunten Welt, die uns beim Dreh der Bambusbahn erwartete. Kaum gelandet, saßen wir - zu dritt! - auf einem knatternden feuerroten Taximotorrad zum nächsten Restaurant. Und dort, als wie noch beim Abendessen waren, kurvte der Besitzer plötzlich, eine Abgaswolke hinter sich ziehend, seinen neuen Jeep mitten in den Speisesaal hinein – offensichtlich der diebstahlsicherste Parkplatz für die Nacht.

Von da an wurde es richtig turbulent und bizarr.

Schon die Dreh-Logistik versprach Komplikationen. Drei Draisinen mussten wir mieten: eine für Ausrüstung und Proviant, eine für die Protagonisten und eine, um sie von vorn und von hinten während der Fahrt aufzunehmen. Mit ein paar Tonnen Ladung und insgesamt zwei Dutzend Menschen waren wir als bunte Karawane unterwegs und brachten Einheimische immer wieder zum Lachen und Staunen – besonders wenn der großgewachsene Kameramann René Dame seinen futuristischen Easy-Rig-Gestell trug - ein auf dem Rücken geschnallter Galgen zum Halten der Kamera während der Rüttelfahrt auf der Draisine. Wie ein unheimlicher Marsmensch muss er den Kindern vorgekommen sein, die einmal bei dem Anblick losbrüllten und weinten.

Und: Auf dem einspurigen Gleis war es eine sperrige Karawane. Trafen wir auf eine entgegenkommende Draisine, müssten wir oder, je nach Gewicht der Ladung, die anderen jedes Mal aussteigen, den schweren Zug samt Ware und Ausrüstung von den Schienen heben und dann wieder aufstellen. Obwohl wir drei Draisinen hatten, genossen meist die anderen Vorfahrt, weil sie aufgetürmte Reissäcke, Motorräder, Kühe oder gestapeltes Holz transportierten. Bis zu vier Stunden haben wir an manchen Tagen für die 30 Kilometer der Bambusbahn gebraucht. Und, wollten wir die Aktion drehen, bestand die Kunst darin, die tonnenschwere Ausrüstungsdraisine rechtszeitig von den Schienen verschwinden zu lassen, damit sie nicht im Bild war.

Ein paar Mal, auf dem Rückweg in der Dunkelheit, wurde die Begegnung mit entgegenpreschenden Draisinen sogar heikel: Die Fahrer hatten keine Taschenlampe mit sich, und wir konnten sie erst im letzten Moment erkennen - an den Rufen und durch den Schein einer Feuerzeugflamme.

Das feuchtheiße Klima steigerte noch die Strapazen. Doch zugleich machte es uns auch erfinderisch. Um einen klaren Verstand zu bewahren, kippten wir uns regelmäßig das Eiswasser aus der Kühlbox über dem Kopf. Und um Schutz vor der erbarmungslosen Sonne zu finden, guckte sich Tonfrau Vivien Vogel das einheimische System ab und benutzte schattenspendende Äste, die sie durch den Gürtel der Tonanlage steckte.

Auch gegen den heftig niederprasselnden Regen, der uns jeden Nachmittag heimsuchte, waren wir selbstverständlich gewappnet. Nur einmal traf er uns unvorbereitet. Die Ausrüstungsdraisine mit den Plastikplanen war schon vorgefahren, und die Regenschirme flogen in dem apokalyptischen Wind auseinander. Nach 30 nassen Kilometern hätte man uns auswringen können.

Als wir später einen Bauern drehen wollten und mit der Kameraausrüstung über den extrem glitschigen Schlammboden eines Reisfelds laufen mussten, wurden wir zum Glück nur bis zu den Knien nass. Immerhin: Trotz der lauernden Schlangen war das kein so riskantes Unternehmen wie das eine Mal, als die Bahnstrecke durch Holzschmuggler blockiert wurde und wir zu Fuß samt Kamera, Stativ und Aluminiumkisten auf einer zerbombten, skelettartigen Holzbrücke balancieren mussten, um bis zur nächsten Station weiter zu kommen.

Auch Tiere machten uns zu schaffen, und zwar nicht nur die Kühe und Schweine, die ganz stur auf den Gleisen standen. Die Heuschrecken und Glühwürmchen, die in Schwärmen bei voller Fahrt uns entgegen flogen und sich im Haar, in Ohren und Kleidung verhedderten, waren die tägliche Attacke– harmlos allerdings im Vergleich zu der von der jungen, nervösen Kobra, die einmal unter der Draisine hervorlugte und sogar unseren einheimischen Assistenten vor Schrecken kurzfristig versteinern ließ.

Schlangen und Grillen quälten uns auch dann noch, wenn sie schon tot waren - tot auf unseren Tellern! Denn immer wieder beglückten uns die Draisinen-Führer mit Delikatessen wie in Soya geröstete Grillen und Kakerlaken; gekochte Eiern, die schon Küken mit Federn enthielten; krossen Ringelschwanz vom Schwein und scharfes Hundefleisch mit Ingwer. Tapfer goutierten wir jedes Mal kauend und mampfend die Aufmerksamkeit, um das Verhältnis nicht zu trüben. Zum Glück ließ sich die Mahlzeit anschließend mit kopfsprengendem Reiswein oder Kaffeegebräu aus der Plastiktüte neutralisieren.

Den strengen Geruch der tierischen Gerichte habe ich noch in der Nase. Auch das Quietschen der Draisine hat sich in meinen Ohren festgesetzt sowie das ewige Rattern und Rütteln mir noch in den Knochen steckt. Aber genauso geblieben sind die vielen magischen Momente auf den Schienen – etwa, als der violette Himmel während der Rückfahrt am Abend auf einmal zum irrealen Spektakel wurde: um uns herum Gewitter-Blitze, Richtung Stadt buntes Feuerwerk, und aus allen Winkeln schwirrende grüne Glühwürmchen. Allein für einen solchen Augenblick hatten sich alle Strapazen gelohnt.

Grimme-Preis für GEO-Film
Grimme-Preis für GEO-Film
"Die Bambusbahn von Kambodscha", eine TV-Dokumentation aus der Reihe "360° - GEO-Reportage", wurde mit dem Publikumspreis der Marler Gruppe ausgezeichnet