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Schreibwettbewerb Schreibwettbewerb-Sieger: Eine Flaschenpost erzählt

Eine Plastikflasche fristet ihr Leben in einem stinkenden Mülleimer - bis es plötzlich auf die große Reise geht. Lest hier Stoffeli2006s Siegergeschichte
Schreibwettbewerb: Schreibwettbewerb-Sieger: Eine Flaschenpost erzählt
© Chris Sattlberger/Blend Images/Getty Images

Kurze Freundschaft

Ach, es war wirklich sehr öde, in einem stinkenden Mülleimer zu leben! Doch bald schon sollte sich mein bisheriges Leben als Plastikflasche sehr ändern. Denn schon wenige Tage, nachdem ich in diese Tonne geworfen wurde, hörte ich plötzlich eine laute Stimme von einem Mädchen. Es öffnete den Deckel des Mülleimers. Die Sonne schien mir mitten ins Gesicht. Tatsächlich, ein Mädchen nahm mich auch schon in seine Hände! Mit dem hatte ich wirklich nicht gerechnet! Ich war doch leer und schmutzig! Meine neue Freundin hatte wunderschöne braune lockige Haare. Sie hatte das schönste Lächeln, das ich je zuvor gesehen hatte! Mein Blick blieb an ihr verträumt hängen. Kurzentschlossen packte mich das Mädchen in eine kleine Papiertasche, die es bei sich hatte, und ging zu ihm nach Hause.

Dort putzte und schrubbte meine neue Freundin mich blitzblank. Zu allerletzt schrieb sie einen Brief auf einen Zettel und faltete ihn. Dann drehte sie meinen Stöpsel auf und steckte das Papier mit einem anderen kleinen schwarzen Ding, was ein kleines rotes Lämpchen hatte, in mich hinein. Schließlich wurde der Verschluss wieder ganz fest auf meinen langen Hals gedreht. So ausgestopft wurde ich überraschenderweise zum Bach hinter dem Haus des Mädchens gebracht. Schongleich warf die junge Dame mich, ohne auch nur kurz zu zögern, in das kleine Gewässer hinein. Einfach so!

Ich war zutiefst geschockt, denn ich hatte gedacht, wir wären nun beste Freunde geworden, nachdem das Mädchen mich aus dem stinkenden Verlies in der Form einer Mülltonne befreit und mich dann so wunderbar gereinigt hatte! Da hatte sie mich nun jetzt so betrogen, indem sie mich einfach so wieder wegwarf! So eine Frechheit! Doch eine Tatsache war wenigstens gut: Gott sei Dank war ich nicht aus Glas, sonst wäre ich schon an dem steinigen Bachbeckenrand zerschmettert!

Unterwegs

Aber die größte Reise meines Flaschenlebens war für mich noch lange nicht zu Ende, denn das Wasser des Baches schwemmte mich weiter und weiter. Hier war wirklich ein holpriger Weg durch den niedrigen Wasserstand! Doch ich hatte zumindest eine wunderschöne Aussicht! Die Natur war hier sehr schön! Also glitt ich gelassen über das Wasser.

Kaum war ich in Gedanken versunken, so fühlte ich auf einmal etwas auf der Oberseite. Es hatte zu regnen begonnen. „So ein Mist, bei mir im Mülleimer hatte es nie geregnet!“, verfluchte ich die Regentopfen. Doch schon nach wenigen Minuten stoppte der Regen ganz plötzlich, als hätte der große Flaschengott höchst persönlich im Himmel dieses lästige Wasser von oben extra für mich, die kleine PET-Flasche, per Knopfdruck abgeschaltet! Darüber war ich sehr erleichtert.

Ich war von der Reise auf der Wasseroberfläche schon ziemlich geschafft, deswegen machte ich ein kleines Nickerchen. Wie es aussah, hatte ich wohl die ganze Nacht verschlafen, denn plötzlich weckte mich ein warmer Sonnenstrahl der gerade aufgehenden Sonne! Eigenartigerweise war die Landschaft nun ganz anders als vorhin. Mittlerweile war ich in einen sehr großen Fluss geschwemmt worden. Am Ufer war zwar weniger unberührte Natur, aber dafür war viel mehr Interessantes dort zu sehen. An verschiedenen kleinen Städten schwamm ich vorbei.

Haifischhunger

Noch eine ganze Weile trieb ich so weiter im Wasser, bis plötzlich die Strömung heftiger wurde. Ich kannte mich nicht aus, was da gerade geschah. Am Ufer waren nun riesengroße Häuser und stinkendes Wasser wurde neben mir in meinen netten großen Fluss gelassen. Wie das an manchen Stellen unangenehm stank! Auf einmal aber befand ich mich in sehr, sehr, sehr viel Wasser. Keine Häuser waren mehr zu sehen. Das Wasser hier schien nicht enden zu wollen und überall waren viele freche kleine Dinger um mich herum. Das mussten Fische sein! Von diesen hatte ich schon mal gehört! Himmel, wie die mich mit ihren neugierigen Nasen nervten!

Stunden vergingen, die Sonne stand schon ganz hoch am Himmel, als mich plötzlich etwas von hinten berührte. Ich konnte mir sofort ganz sicher sein, dass es dieses Mal kein Regen war, denn ich wurde von hinten gestupst! Da drehte ich mich etwas im Wasser. Hinter mir war ein großer, großer Fisch mit einem riesigen Maul mit vielen, vielen Zähnen! Das war doch nicht etwa ein Hai? Ich hätte mir sofort in die Hose gemacht, wenn ich eine gehabt hätte! Aber Flaschen haben nun mal kein Gewand! Der Hai war ganz neugierig und wollte gerade probieren, ob dieses fremde Ding, mit dem ich leider gemeint war, schmecken würde. Ich konnte mich leider nur drehen, aber nicht weg schwimmen. Glücklicherweise war es ein recht windiger Tag, sodass der starke Luftzug und die gute Strömung mich vom Hai rasch davon schwemmten. Ich war so erleichtert, dass ich mich nun beruhigt auf den Bauch drehte und vor Erschöpfung etwas döste.

Wieder eine Weile später wurde ich erneut geweckt. Dieses Mal war es plötzlich und unsanft. Sand war unter mir! Was war denn bloß passiert, während ich geschlafen hatte? Wie es aussah, war ich auf eine kleine Insel gespült worden. Bevor ich aber groß darüber nachdenken konnte, was nun so ganz alleine hier aus mir werden konnte, stand auf einmal eine Frau in Lumpen vor mir und hob mich auf. Sie hatte blondes verzotteltes Haar und wunderschöne bernsteinbraune Augen.

Rettung

Die Frau wollte mich auch schon gerade wieder ins Meer werfen, als sie meinen Bauchinhalt sah. Flott schraubte sie ganz aufgeregt meinen Stöpsel von meinem langen Hals herunter und nahm den Brief und das schwarze eigenartige Ding heraus. Murmelnd las sie halblaut den Brief durch.

Lieber Leser!

Falls Sie Hilfe brauchen sollten, dann drücken Sie bitte den Knopf des kleinen schwarzen Peilsenders, der sich in der Flasche befindet. Dieser Sender kann Ihnen Hilfe holen, wo auch immer Sie sind!

Alles Gute und liebe Grüße!

Emilia Steinberger aus Hamburg

Die Frau sprang erleichtert in die Höhe und jubelte. Ach, war ich jetzt stolz auf mich! Die aufregendste Reise meines Flaschenlebens war zwar hier zu Ende, aber es sah so aus, dass ich einer hilflosen Gestrandeten einen Peilsender transportiert hatte! Was für eine Karriere – von einer Almdudler-Flasche zu einer rettenden Flaschenpost! Ich glaube, meine Millionen an Brüdern und Schwestern können stolz auf mich sein!

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