Neue Mission Wie Alexander Gerst unsere kosmische Umgebung entdecken möchte

"Astro-Alex" wird 2018 auf die ISS zurückkehren. Mit seiner Mission "Horizons" möchte er vor allem die kosmische Umgebung erforschen. Im Interview spricht er neben seiner Mission über die Bedeutung der Mondlandung und mögliches Leben auf dem Mars
ZDF-Dokureihe "Terra X" begleitet Alexander Gerst zur ISS

Auf zu neuen Horizonten: Alexander Gerst kehrt im April 2018 auf die ISS zurück

Worum geht es in der Mission „Horizons“?

Alexander Gerst: Wenn man sich die Geschichte der Menschheit anschaut, sieht man, dass wir Entdecker sind. Seit Jahrhunderten haben wir jeden Winkel der Erde erforscht und sind auf jeden Kontinent vorgedrungen, haben hinter jeden Baum, auf jeden Berg geschaut. Das liegt in unserem Blut. Wir Erdenbewohner sind ein Insel-Volk. Nun tun wir gut daran, das Meer zu erkunden, das uns umgibt.

Bei meiner nächsten Mission „Horizons“ wollen wir unseren Blick über die Erde hinaus richten, über den Horizont. Was ist noch in unserer kosmischen Umgebung, was ist da draußen? Wenn wir nicht so enden wollen wie die Dinosaurier, tun wir gut daran, uns da auszukennen, zu wissen, was für Gefahren von da draußen drohen. Zunächst erforschen wir Mond, Mars und verschiedene Ziele im Sonnensystem, weil sie unsere nächsten Nachbarn sind. Doch es geht nicht nur darum, neue Orte zu entdecken. Wir fliegen auch in den Weltraum, um uns selbst zu verstehen: Wie das Leben funktioniert. Wie man Krankheiten heilen kann. Um neue Werkstoffe zu finden.

Was würde es bedeuten, Leben auf dem Mars zu finden?

Der Kosmos ist im Prinzip einfach nur ein schwarzes Nichts. Nur an ganz wenigen Orten gibt es Planeten. Und wir kennen nur einen, der bewohnt ist: unsere Erde. Der Mars war einst potentiell bewohnbar. Es gab eine dichte Atmosphäre und flüssiges Wasser. Jetzt ist er wüst und leer und absolut lebensfeindlich. Was ist da passiert? Könnte dasselbe mit der Erde passieren? Wie können wir verhindern, dass das passiert? Das sind Fragen, die für uns Menschen überlebenswichtig sind.

Fänden wir Leben auf dem Mars, vielleicht auch ausgestorbenes, dann gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder das Leben wurde von Planet zu Planet transportiert, oder es ist auf beiden Planeten unabhängig voneinander entstanden.

Der zweite Fall ist meines Erachtens der spannendere. Dann hätten wir sofort beim ersten Blick über den Tellerrand hinaus auf dem nächstbesten Planeten andere Lebensformen gefunden. Das würde bahnbrechende Rückschlüsse erlauben auf die Wahrscheinlichkeit, dass Leben entsteht wenn die Bedingungen einigermaßen passen. Es würde vermutlich bedeuten, dass es da draußen im Universum vor Leben nur so blüht.

TerraX: Bilder zur Vorbereitung auf die neue Mission

Wie wahrscheinlich ist außerirdisches Leben?

Ich weiß es leider nicht. Kein Mensch kann wissen wie es da draußen aussieht. Wir können nur wissenschaftlichen Hinweisen nachgehen.

Wenn wir Leben auf dem Mars finden, würde das mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeuten, dass da draußen weitere bewohnte Planeten existieren. Dann  versuchen wir natürlich Exoplaneten zu finden, die potentiell bewohnbar sind.

Mit unseren neuen Teleskopen werden wir einen Exoplaneten nach dem anderen entdecken. Letztendlich gibt es vermutlich allein in unserer Milchstraße, einer vergleichsweise kleinen Galaxie, viele hundert Milliarden Planeten. Diese enorme Anzahl erhöht natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass es da draußen noch irgendwo Leben gibt.

Leider wissen wir jedoch noch nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass Leben überhaupt unter den richtigen Bedingungen entsteht. Es gibt nur ein Beispiel, und das sind wir selbst. Noch nie hat irgendein Forscher Leben aus dem Nichts erschaffen können, und so diese Wahrscheinlichkeit abschätzen können. Erst, wenn das gelingt, können wir sagen, ob und wie das auf bewohnbaren Planeten ablaufen könnte.

Im Moment liegt die Zahl der möglichen bewohnten Welten da draußen also irgendwo zwischen Null und unendlich, was für einen Forscher ziemlich unbefriedigend ist. Wir haben jedoch die Chance, noch in unserer Lebenszeit diese Frage zu beantworten, indem wir zum Mars reisen.

Konnten Sie von der Internationalen Raumstation (ISS) aus schon in die Ferne schauen?

Um von der ISS aus die Sterne zu sehen, muss man sich etwas einfallen lassen. Die Cupola, das große Fenster der Raumstation, ist bisher auf die Erde gerichtet. Man sieht nur an der Seite der Erdkugel etwas vom Horizont. Den besseren Blick hinaus auf die andere Seite hat man von anderen Modulen aus, durch andere, kleinere Fenster der Raumstation. Ich habe auf meiner letzten Mission viele Aufnahmen davon gemacht. Die Erde ist zwar riesig groß, schwebt als Kugel vor einem und zieht allein optisch den Blick an. Aber ich glaube, wir Menschen neigen auch dazu, auf die Heimat zu schauen.

ZDF-Dokureihe "Terra X" begleitet Alexander Gerst zur ISS

Um die Sterne von der ISS aus sehen zu können, muss sich selbst Alexander Gerst etwas einfallen lassen

Was kann Sie als langjähriger Astronaut noch beeindrucken?

Es ist mein persönlicher Traum, ein bisschen weiter raus zu schauen, ein bisschen Licht in das Dunkel zu tragen. Was ist da draußen noch? Wenn ich es mir aussuchen könnte: ich würde sofort auf dem Mond landen, auf dem Mars. Ich würde selbst schauen wollen, ob es da Leben gibt.

Als ich einmal aus der erdabgewandten Seite der ISS hinausschaute, musste ich staunen, wie großartig die Milchstraße vom Orbit aus aussieht. Man sieht einen Himmel in unterschiedlichen Braun- und Grüntönen. Man sieht den Andromeda-Nebel ganz klar vor sich, als könnte man ihn anfassen.
 
Das ist ein faszinierender Blick, den man oftmals vergisst, nicht nur als Astronaut auf der Raumstation, auch als Mensch auf der Erde. Da draußen liegt noch so viel mehr, das sich zu erforschen lohnt.

Wie wichtig war die Mondlandung im Nachhinein?

Ich bin sicher: wenn man 10.000 Jahre in die Zukunft schaut, wird man sich an unser Zeitalter als das erinnern, in dem die Menschheit die Erde verlassen hat. Zum ersten Mal hat irdisches Leben den Planeten verlassen.

Uns ist noch gar nicht klar, wie wichtig das ist, weil es noch nicht lange her ist. Wir sind gerade mal eine Generation davon entfernt. Heute ist die Raumfahrt für uns selbstverständlich. Das wird im Nachhinein, da bin ich mir sicher, so bedeutend sein wie der erste Fisch, der sich aus dem Ozean gewagt hat.

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