Orthorexie Wenn "gesunde" Ernährung zur Gefahr wird

Leider gibt es keine einfachen Antworten, was das „richtige“ Essen ist. Zumindest nicht von Forschern. Wohl aber von Wellness-Bloggern. Ein gefährlicher Trend, meint GEO-Redakteurin Ines Possemeyer
Gesund essen

Wer an Orthorexie leidet, isst nur "Gesundes" - auch das kann gefährlich sein

Macht Lust auf Gesundes krank? Das kann tatsächlich passieren. Ich habe kürzlich ein neues Wort gelernt: „Orthorexie“. Es setzt sich zusammen aus griechisch orthos (richtig) und orexis (Appetit) und beschreibt das Verlangen nach richtigem – nach gesundem – Essen. 

Das klingt zunächst nach einer guten Sache. Bei manchen Menschen aber wird dieser Wunsch zum Zwang. 

Etwa bei der britischen Sportmoderatorin Carrie Armstrong. Als sie mit einem Virus im Bett lag, fand sie im Netz zahllose Tipps, wie sie mit der „richtigen“ Ernährung ihre Gesundheit verbessern könne. Etwa durch den Verzicht auf Fleisch oder Kohlenhydrate. 

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Die Kontrolle über ihr Essen gab Halt, sie fühlte sich gut – und stempelte fortan noch mehr Lebensmittel als schädlich ab. Sie wurde Veganerin, dann Rohköstlerin. Eine Zeit lang aß sie nur noch Melonen.

Für den kalifornischen Arzt Steven Bratman, der vor 20 Jahren das Wort „Orthorexie“ schuf, war die Anorexia nervosa Vorbild: Bei Magersüchtigen dreht sich alles um die Quantität des Essens – bei Orthorektikern um die Qualität. Carrie Armstrong sagt: „Es ging mir nicht darum, Gewicht zu verlieren. Ich wollte gesund und rein sein.“

Eigentümliche Annahmen zu Essen und Gesundheit

Ich glaube, ihre Worte offenbaren einen größeren Trend: Wer macht heute noch eine Schlankheitsdiät? Stattdessen reden alle von gesunder Ernährung. Auch ich. Schließlich sind Diabetes und Adipositas auf dem Vormarsch, und Lebensmittelskandale und Massentierhaltung verderben den Genuss. Nur leider gibt es keine einfachen Antworten, was denn das „richtige“ Essen ist. Zumindest nicht von Forschern. Wohl aber von Wellness-Bloggern. 

Deren Botschaften sind klar und verführerisch: Entgifte dich mit Smoothies; iss Grünkohl gegen Krebs. Was sie propagieren, entbehrt fast immer jeder wissenschaftlichen Grundlage – findet aber viele Follower. So verbreiten sich eigentümliche Annahmen zu Essen und Gesundheit immer weiter. 

Für viele liegt das Heil im Weglassen: Frutarier essen ausschließlich Früchte; Paläo-Anhänger folgen dem Speiseplan der Steinzeit; Instincto-Rohköstler verlassen sich bei der Wahl ihrer stets ungekochten Speisen ganz auf ihren Geruchs-und Geschmackssinn.

Das dürfte nicht nur zu körperlichen Mangelerscheinungen führen, sondern auch zu sozialen: Solche Mahlzeiten lassen sich kaum noch mit anderen teilen. Und ihre Beschaffung verschlingt viel Zeit. So wird die „richtige“ Ernährung zur Gefahr. 

„Orthorexie“ ist bisher keine anerkannte Essstörung. Aber das Wort sensibilisiert dafür, wie schmal der Grat zwischen gesund und ungesund sein kann.