Körperkontakt Mal gesucht, mal gemieden: Kleine Kulturgeschichte der Berührung

Anfassen geht gar nicht, oder? Dabei waren wir nicht schon immer so ängstlich in Bezug auf Körperkontakt
Berührung

Im Mittelalter zählten Berührungen mehr als der Augenschein. Dann aber brach unsere visuelle Epoche an. Bei Vertragsabschlüssen wurden Beteiligte mitunter geohrfeigt, damit ihnen Details besser im Gedächtnis blieben – sie wurden ihnen förmlich eingebläut. Einen ähnlichen Hintergrund hat vermutlich auch der Ritterschlag.

Die mittelalterliche Gesellschaft war reich an solchen "taktilen Praktiken". Geschäfte wurden per Handschlag besiegelt, Krone und Klerus beendeten Streit mit einem Friedenskuss, Untergebene legten ihre Hände in die ihres Herrn, um sich zum Dienst zu verpflichten. Die meisten Menschen waren Analphabeten: Schriftliche Verträge waren nutzlos – und Berührungen verbindlich.

Selbstverständlicher Körperkontakt

Körperkontakt war alltäglich: Nachbarn badeten gemeinsam nackt in einem Zuber; Fremde teilten sich in Gaststätten das Bett; Pilger erhofften sich Erlösung durch die Berührung von Reliquien. Gassen und Häuser waren eng und düster, viele Menschen konnten schlecht sehen. Auch deshalb vertrauten sie eher dem "handfesten" Tastsinn als dem "trügerischen" Augenschein.

In den folgenden Jahrhunderten aber vollzog sich ein tief greifender "Sinneswandel": Komplexere Handelsbeziehungen erforderten neue Vertragsformen; Bildung schaffte neue Klassen; Benimmregeln wurden strenger. In einem französischen Erziehungsratgeber von 1774 heißt es, Kinder "müssen dazu erzogen werden, alles, was sie sehen, nur mit ihren Augen anzufassen".

Das galt bald auch für Museumsbesucher: Erkundeten sie in frühen Kuriositätenkabinetten noch Objekte mit der Hand, verschwanden diese im 19. Jahrhundert in gläsernen Schaukästen: Das Sehen hatte die Oberhand gewonnen.

Die Renaissance der Berührung

Im "visuellen Zeitalter" gaben Flaniermeilen und Aufmarschplätze dem Blick weiten Raum; Drucktechnik, Fotografie und Film vervielfältigten die optischen Reize und mobilisierten das Auge. Der Sehsinn wurde zur Spitze der menschlichen Evolution erklärt, zum Inbegriff von "Hochkultur". Der Tastsinn sank auf die niedrigste Stufe unter allen Sinnen: Wer viel fühlte, nutzte angeblich kaum seinen Kopf.

Entsprechend ließen sich Damen nicht mehr ohne Handschuhe blicken; Männer verehrten den Drill des militärischen „Korps“; der Nachwuchs durften nicht "verzärtelt" werden. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Lehrmeinung, dass offen gezeigte Zuneigung der kindlichen Entwicklung zu einem vernunftbegabten Individuum schade.

Erst mit der Hippiebewegung in den 1960er Jahren wurde das Verhältnis zum Körperkontakt wieder ungezwungener. In Kommunen wurde eine mutmaßlich "freie" Liebe gefeiert, bei Touch-ins küssten und umarmten sich Wildfremde. Heute locken Museen mit "Ausstellungen zum Anfassen", immer mehr Mütter und Väter tragen ihr Baby am Körper, in Großstädten veranstalten Berührungshungrige Kuscheltreffs. In Kindergärten, Schulen und Sportvereinen gelten allerdings immer häufiger "No-touch"-Regeln – aus Angst vor Missbrauch.

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