Mehr Extreme So verändert sich das Wetter in den Alpen

Weniger Schnee, mehr Regen, aber auch mehr Dürre? Der Garmischer Klimaforscher und Hydrologe Harald Kunstmann, 48, über die Zukunft des Alpenklimas und die Folgen des Wandels
Alpen Regen

Klimafolgen: statt Skipisten bald Starkregen und Grünflächen im Winter?

GEO: Wann sind Sie zuletzt in den Alpen in ungewöhnliches Wetter geraten?

KUNSTMANN: An meinem Hochzeitstag um die Jahreswende. Seit Jahren veranstalten meine Frau und ich dann eine Skitour. Aber in den Bergen bei Garmisch war es an diesem Tag sommerlich warm. Also sind wir gewandert. Aber auch Niederschläge wie den heftigen Regen Anfang Juni habe ich so bisher nur in den Tropen erlebt.
 

Wird das Klima in den Alpen auf lange Sicht derart unkalkulierbar?

Wir Klimaforscher betonen stets, dass sich aus Einzelereignissen kein Trend ableiten lässt. Aber unsere Simulationen zeigen deutlich, dass wir bis Ende des Jahrhunderts häufigere und intensivere Starkregenereignisse erwarten müssen – wie auch länger werdende Trockenzeiten.
 

Was bedeutet das konkret für Touristen und Alpinsportler?

Dass sie ihre Urlaube noch kurzfristiger planen werden. Mit den zunehmenden Wetterextremen sollte man zudem besser denn je im Gelände aufpassen und auch entsprechend gut ausgerüstet sein.

Alpenüberquerung, Wandern
Alpenüberquerung
Wir sind dann mal rüber
Die Alpen zu Fuß zu überqueren, ist nach wie vor 
eine Herausforderung. Keine unüberwindliche, aber eine, die auch trainierte Wanderer an ihre Grenzen bringen kann. Ein Team mit GEO-Lesern hat sich, organisiert vom Outdoorausrüster Mammut und begleitet von GEO-Redakteur Jörn Auf dem Kampe, in die Höhenlage begeben: auf eine der grandiosesten Bühnen unseres Kontinents

Werden auch die Schneeverhältnisse extremer?

Bis 2100 prognostizieren wir eine Zunahme der Winterniederschläge in den Alpen um bis zu 20 Prozent. Allerdings: Unter 1800 Meter Höhe fallen die vor allem als Regen. Dadurch steigt nicht nur die Gefahr von Hochwassern im Winter, in diesen Lagen werden es auch Skigebiete immer schwerer haben.
 

Also zieht der Schneezirkus in die Höhe?

Tatsächlich diskutieren die Organisatoren des Ski-Weltcups, die Zieleinfahrten höher zu legen. Aber bei Schneemangel kann auch dort die Technik nicht immer alle Probleme lösen, denn Schneekanonen benötigen Minusgrade. Die alpinen Ferienregionen sollten langfristig eher mit Sonnenschein im Winter zu punkten versuchen als mit Schnee.
 

Oder werden die Gäste demnächst eh den Winter meiden?

Das ist etwa in Garmisch-Partenkirchen schon heute der Fall. Aber es geht nicht nur um Tourismus: Nirgendwo sind die Klimafolgen so massiv wie in den Bergen. Hier ist der Temperaturanstieg doppelt so hoch wie im globalen Mittel. Deshalb rechnen wir mit dramatischen Veränderungen. Nicht nur Gletscher schmelzen rapide, auch Flora und Fauna sind betroffen, Vegetationszonen verschieben sich, und Arten sterben möglicherweise aus.


Weshalb sind höhere Lagen eigentlich so betroffen?

Ozeane dämpfen in Küstennähe viel ab, diese Rolle fällt in den Bergen zumeist aus. Das Gestein speichert zudem viel der eingestrahlten Wärme. Was den Effekt vielleicht weiter verstärkt. Aber den genauen Grund haben wir immer noch nicht verstanden.

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