Reisewissen: Als Frau allein reisen

Die Autorin Hannah Glaser bereiste für GEO SAISON Libyen. Hier berichtet sie von ihren Erlebnissen und gibt Tipps

GEO SAISON: Wie sollte man sich als Frau in arabischen Ländern kleiden?

Hannah Glaser: Es ist eine Frage des Respekts, dass man sich zumindest in Maßen den Sitten des Landes anpasst. Das heißt in arabischen Ländern immer Arme und Beine bedecken, keine figurbetonte Kleidung und keine Spaghettiträger, ganz egal wie heiß es ist. Und immer ein Tuch im Rucksack haben, mit dem man die Haare verhüllt, falls man unterwegs eine Moschee besuchen kann. Im Jemen beispielsweise, wo die Frauen nur unter mehreren Lagen schwarzer Überwürfe und in geduckter Haltung durch die Gassen huschen und nicht einmal auf dem Markt einkaufen dürfen, wirkt eine westliche Frau auch mit bodenlangen Hosen und langarmiger Bluse wie eine Sensation, schon alleine weil sie aufrecht geht und sich anders bewegt. Ich würde allerdings nie in ein Land reisen, in dem Burka oder Tschador auch für Besucherinnen Pflicht sind. Libyen ist völlig unproblematisch. Dort sind die Frauen unverschleiert und tragen höchstens Kopftuch. Baden ist dort allerdings unbekannt und der Bikini absolut tabu.

GEO SAISON: Kann man als Frau in arabischen Ländern allein ins Restaurant gehen?

Hannah Glaser: Man kann schon, nur hat man oft keinen Spaß dabei. In Touristenregionen wie Djerba ist das kein Thema, im tunesischen Hinterland dagegen finden Sie nur unattraktive, verdreckte Teestuben, die ausschließlich Männern vorbehalten sind. Wenn Sie sich dort als Frau reinsetzen, einfach weil Sie Durst haben, kann es Ihnen passieren, dass alle Männer aufstehen und gehen, und der Wirt ist plötzlich taub oder spuckt vor Ihnen auf den Boden. In Libyen ist das Essengehen kein Problem. In Tripolis sitzen mittags viele junge Frauen solo in den kleinen Restaurants und telefonieren beim Essen.

GEO SAISON: Ist es empfehlenswert, als Frau alleine zu reisen?

Hannah Glaser: Solange man in den Touristenhochburgen bleibt, ist das alles kein Thema. Problematisch wird es immer nur dann, wenn man alleine durchs Land fahren will. Dann ist es stressfreier, wenn man wenigstens zu zweit unterwegs ist. Gemeinsam mit einer Freundin wird man zwar auch blöd angemacht, fühlt sich aber sicherer und kann sich besser gegen Übergriffe wehren. Sobald man einen Mann als Begleitung dabei hat, gibt es gar kein Problem, dasselbe gilt für das Reisen in einer Gruppe. Grundsätzlich muß man sich darüber im Klaren sein, daß in allen arabischen Ländern der öffentliche Raum als Terrain der Männer definiert ist. Eine Frau alleine in der Öffentlichkeit, noch dazu unverschleiert, ist in den Augen der Islamisten eine Hure, und so wird man leider oft auch behandelt. Man provoziert also in manchen Regionen alleine durch die eigene Anwesenheit Zwischenfälle, auch wenn man beispielsweise in Algier als Rucksackreisende nur vom nationalen Flughafen zum internationalen Flughafen hinüberwechseln will. Das sind wenige hundert Meter, aber auf dieser Strecke sind Sie als alleinreisende Frau Freiwild. Das Risiko ist groß, daß Sie z.B. von männlichen Jugendlichen mit Steinen beworfen werden, und niemand wird Ihnen helfen, wenn Sie nicht schnell genug rennen können. Auch sonst stehen Sie als alleinreisende Frau im Norden Algeriens immer im Mittelpunkt einer aggressiv aufgeladenen Aufmerksamkeit. Das gilt so aber nur für Algerien, die Situation ist in jedem Land anders und man muss sich vorab sehr genau informieren, wenn man partout alleine reisen will.

Reisewissen: Als Frau allein reisen

Hannah Glaser mit dem Fotografen Peter Rigaud in Tripolis

GEO SAISON: Eine Studienreise buchen oder auf eigene Faust reisen - wie entdeckt man das Land besser? 

Hannah Glaser: Die organisierte Reise ist in vielen arabischen Ländern die bessere Wahl - und in einigen geht es auch gar nicht anders. In der Gruppe ist man geschützt und in Begleitung landeskundiger Guides. Natürlich ist dabei der Kontakt zur Bevölkerung weniger direkt. Als ich im Jemen alleine unterwegs war, haben mich unterwegs auf dem Land einheimische Frauen ganz spontan in ihre Lehmhäuser eingeladen und für mich gekocht. Solch ein Erlebnis gibt es nicht, wenn Sie männliche Begleitung dabeihaben oder in einer gemischten Gruppe daherkommen. Aber man kann sich ja auch bei organisierten Gruppenreisen mal für ein paar Stunden absetzen und zum Beispiel alleine durch die Souks von Sanaa streifen. 

 GEO SAISON: Kann man eine Reise auf eigene Faust von Deutschland aus planen? 

Hannah Glaser: Kaum. Im Jemen beispielsweise kann man gar kein Auto mieten und wenn doch, könnte man es nicht fahren, weil es fast nur unwegsame Pisten gibt, keine Straßenkarten und keine Beschilderung. Ich kenne auch niemanden, ob Mann oder Frau, der sich beispielsweise in Kairo freiwillig hinters Steuer setzen würde. Auch wenn Sie in die libysche Sahara wollen, geht das nur mit einem Allrad-Fahrzeug und mit einem Fahrer, der sich auch um den ganzen Papierkram und die Permits kümmert, die alle nur in arabisch abgefasst sind. Ein öffentliches Verkehrssystem, das nach unseren Standards funktioniert, gibt es in keinem arabischen Land, also müßte man ein Globetrotter sein mit viel Zeit, um sich auf eigene Faust durchs Land zu bewegen. Als Frau alleine würde ich das nicht ausprobieren.

GEO SAISON: Was können Sie zu den einzelnen Ländern sagen - in welche Regionen kann man fahren, welche sollte man meiden? 

Hannah Glaser: In Algerien sind die Islamisten im Norden das Problem. Die Tuareg und die Berberstämme in der Sahara haben zu Frauen schon historisch ein ganz anderes, respektvolles Verhältnis, wie man das bei vielen traditionellen Nomadenvölkern findet. Man muß also schauen, daß man bei der Anreise möglichst nach Tamanrasset durchfliegt und nicht in Algier übernachten muss, und wenn doch, dann nur mit einer Reisegruppe. In Tunesien ist der schmale Küstenstreifen komplett auf Touristen eingestellt, aber Reisen in das Hinterland werden für Frauen auf eigene Faust zum Amoklauf, bei dem einem die dauernden Belästigungen alles vermiesen. Ägypten ist ein klassisches Touristenland und ebenfalls am besten in der Gruppe zu bereisen. Auch in Libyen empfiehlt sich wegen der fehlenden Infrastruktur eine Veranstalterreise in der Gruppe. Der Jemen ist sicherlich das Land, das unseren Märchenträumen aus Tausendundeiner Nacht am nächsten kommt und ein Erlebnis, das man nie mehr vergisst.

GEO SAISON: Als Frau in arabischen Ländern zu reisen - das scheint häufig an den Nerven zu zerren. Was zieht sie trotzdem immer wieder dorthin?

Hannah Glaser: Die Schönheit und Melancholie der Wüste, und das Abenteuer, das diesen Regionen immer noch innewohnt. Viele Frauen sind zurecht von der Sinnlichkeit der Wüste und des Orients fasziniert. Fragen Sie die Sahara-Veranstalter, und Sie werden feststellen, dass viel mehr Frauen als Männer in die Wüste und in die arabischen Länder reisen. Das fing schon mit Isabelle Eberhardt an, die 1897 alleine und als Mann verkleidet Algerien eroberte und mit ihren Schriften eine große Sehnsucht auslöste.

BuchtippCatherine Sauvat, Jean-Luc Manaud (Fotos)"Isabelle Eberhardt, Abenteuer in der Wüste"168 S. ISBN 3-8067-2922-0Preis: 35,00 Euro

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