Gardasee, Lago Maggiore, Comer See: Traumhaftes Trio

Blaues Wasser, malerische Orte, mildes Klima - Gardasee, Lago Maggiore und Comer See ziehen Touristen magisch an. Auf einer Reise zu geschichtsträchtigen Villen und Landschaften geht Jörg-Uwe Albig der Frage nach: Was macht die Drei-Seen-Region so attraktiv?
In diesem Artikel
Die drei Seen der Macht
Gelbe Häuser und Zypressenwälder
Champagner aus Plastikwürfeln

Die drei Seen der Macht

In Bonn regierte er ein halbes Land - hier, in der Villa "La Collina" am Comer See, überblickte er das große Ganze. In Bonn schlug er sich mit Gewerkschaften und Berlinkrisen herum - hier vertiefte er sich in astronomische Wälzer, die "Blick ins Unendliche" hießen. In Bonn blieb er gefangen im kleinen Karomuster des Föderalismus - hier saß er auf der Steinbank im Park, das Grundgesetz auf dem Tisch, blickte auf die Bergriesen des Engadin und träumte die Wiedervereinigung. Er kam jeden Sommer: "Keine Experimente" war Konrad Adenauers Slogan, dem bei der Bundestagswahl 1957 über die Hälfte der Deutschen folgten. Und noch heute folgen ihm satte Mehrheiten jeden Sommer an seine Seen, die Seen Oberitaliens.

Die drei Seen der Macht

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Lago Maggiore: Buchsbäume und Beete im berühmten barocken Terassengarten des Palazzo Borremeo auf der Isola Bella

Denn das ist die Demokratie: Wir sind das Volk. Keine Privilegien mehr für die Mächtigen. Wir loben die Gewaltenteilung, die auf drei Säulen beruht: Gardasee, Comer See, Lago Maggiore. Wir nutzen die Versammlungsfreiheit, reihen uns ein in die sommerlichen Massendemonstrationen durch Limone und Sirmione - gemeinsam mit all den 2,5 Millionen, die Jahr um Jahr mit den Füßen für den Gardasee abstimmen. Nehmen in freier, gleicher und kaum noch geheimer Wahl teil an der Willensbildung, die uns allein am Gardasee über 60 000 Gästebetten beschert. Blicken wie der Altkanzler souverän auf Hänge, die vertraut scheinen weich, grün wie die Ufer des heimischen Rheins - und spüren trotzdem noch so etwas wie Ehrfurcht.

Tiefer als der Rhein, viel tiefer! Wahrscheinlich ist es das viele Wasser, das den Unterschied macht: 346 Meter tief ist der Gardasee, 372 Meter der Lago Maggiore und 410 Meter gar der Comer See. Der Rhein kommt selbst an der Loreley nur auf 23 Meter. Und Wasser, behauptet die Homöopathie, hat ein Gedächtnis: Es bewahrt die Eigenschaften eines einmal in ihm gelösten Stoffs, auch wenn er längst nicht mehr nachweisbar ist. Dieser Stoff ist die Macht.

Eine Prise Weltherrschaft

Ein unendlich verdünnter, doch deshalb umso bekömmlicherer Hauch vergangener Macht ist es, der die Seen Oberitaliens umweht. Ein Molekül Winston Churchill, ein Henry-Kissinger-Atom, zurückgeblieben im Tea Room der Villa d'Este zu Cernobbio am Comer See. Eine Prise Weltherrschaft, konserviert auf der Isola Bella im Lago Maggiore, wo Napoleon zwischen Empire-Möbeln im Palast der Herrscherfamilie Borromeo schlief. Ein Nachhall von Größenwahn am Gardasee, wo Benito Mussolini sich sechshundert Tage lang in seiner "Republik von Salò" verschanzte.

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Comer See: Der Barockpark der Villa Balbianello bei Lenno

Auf den Spuren der Macht

Aber heute sind wir es, denen die Macht gehört, hier wie daheim. Wie die französischen Revolutionäre in Versailles stolzieren wir durch den Palast auf der Isola Bella, recken uns unter der Kuppel des Großen Saals - mit 23 Metern höher als die der Sixtinischen Kapelle -, vervielfachen uns in den Spiegelfluchten vor dem Freskensaal. In Salò, von wo aus Mussolini die Reste seiner Truppen befehligte, schlurfen wir in Turnschuhen über den gleißenden Marmor der Uferpromenade, wandeln in kurzen Hosen unter Magnolien und gönnen uns abends die Mischung aus Schauder und Genuss im "Romantik Hotel Laurin", in dem der "Duce" seinerzeit sein "Außenministerium" betrieb.

Tausend Gründe

Dort sitzen wir im einstigen Ball- und Billiardsaal unter domhoher Balkendecke, vor rankenverziertem Porzellan und Windlichtern, die im Wind flackern. Und grübeln mit jedem Schluck vom frischen, grünen Lugana-Wein. was es sein mag, dass die Seen Oberitaliens zu allen Zeiten für die Mächtigen so unwiderstehlich gemacht hat.

Ist es das spiegelnde Wasser, das den Eliten schmeichelt? Ist es das seelendehnende Produkt aus Höhe mal Weite? Ist es die Trichterform der Seen, die alles Gute, das ja bekanntlich von oben kommt, einfängt und nicht wieder hergibt? Ist es das Victory-V, zu dem sich die Hänge spreizen, wenn steile Ufer den Norden des Gardasees zum Fjord verengen? Ist es der stärkende Geist Alessandro Voltas, des Sohns der Stadt Como und Erfinders der Batterie, die es 1800 erstmals möglich machte, Energie dauerhaft zu speichern? Wir können nur spekulieren.

Gelbe Häuser und Zypressenwälder

Wir tasten die Seen nach Kraftfeldern ab, mit Surfbrettern und Tretbooten und zweistöckigen Fähren. Vorbei an Uferrestaurants, an gelben Häusern mit glyzinienschweren Balkons, an Zypressenwäldern, die wie senkrechte Schraffuren an Felswänden stehen. Und lauschen den Stimmen der Bootsführer, die vollmundige Namen deklamieren wie Lakaien beim Hofball, wenn die adligen Gäste kommen: "Brissaaago! Tremeeezzo! Riiiva del Gaaarda!" Dann lassen wir uns fallen ins Glück.

Jeder Tourist ein kleiner Machiavelli

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Gardasee: Vom Bootssteg in Toscolano-Maderno legen die Fähren im Halbstundentakt ab

Wenn Schönheit und Lust Synonyme für Macht sind, dann kann auch der bodenständigste Demokrat am Gardasee leicht zum Machiavelli werden. Dann thront er auf der Bar-Terrasse vor der venezianischen Bastion hoch oben im Fels der Rocchetta, bei kühlem Weißwein und Opernarien, und blickt gnädig hinab auf die habsburgischen Fassaden und das bunte Dachziegelmosaik der Stadt Riva, wo Nietzsche, der ruhelose Philosoph, 1880 weilte. Denkt: Die Bademeister, die mit roten Leibchen und tiefschwarzen Sonnenbrillen an den Stränden von Torbole auf ihren Schiedsrichterstühlen regieren, väterlich und unerbittlich - sind sie nicht Fürsten, die wahren Nachfolger der Visconti, der Este und Vitani?

Surfer in glänzenden Rüstungen

Unter ihren Blicken kämpfen die Surfer wie schwarze Ritter gegen den Seewind Ora und den Bergwind Tramontana (Nietzsche: "Der Wille zur Macht kann sich nur an Widerständen äußern"), lassen sich von ihren Frauen in die glänzende Rüstung helfen, ringen um aufrechte Haltung und fluchen, wenn sie von ihrem zu glatten, zu platten Pferd fallen. Und bestellen am Abend in der "Pizzeria Goethehaus", ohne Zögern "zweimal Vier Jahreszeiten". Auch das ist Macht: im Ausland die eigene Sprache sprechen zu dürfen und das Gegenüber zum Stammeln zu zwingen.

Hinauf in die Berge

Und wo wird dieses Vergnügen großzügiger gewährt als am Gardasee, wo das vereinte Europa längst über die Sprachbarrieren triumphiert? Unwiderstehlich befällt uns an diesen Seen der Drang zur Unterwerfung der Schwerkraft. Treibt uns in die Plexiglas-Gondeln, die unermüdlich die 1600 Höhenmeter zwischen Malcesine und der Bergstation des Monte Baldo überwinden. Jagt uns auf den Monte Sacro, den Heiligen Berg am Orta-See, den Friedrich Nietzsche im Mai 1882 mit seiner hilflos angebeteten Lou von Salomé bestieg. Zieht uns in die Berge am Westufer des Lago Maggiore, wo Nietzsche im April 1887 drei Wochen verbrachte - "schöner als irgend eine Stelle der Riviera".

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Comer See: Die Kirche San Fedele, die zwischen den Häusern der Stadt Como hervorragt, stammt aus dem 7. Jahrhundert

Gardone Riviera, ein imperialer Erlebnispark

Treppauf, treppab gehen wir durch das Hügelgelände des "Vittoriale degli Italiani" im Städtchen Gardone Riviera, den imperialen Erlebnispark des Dichters, Abenteurers und Machtanbeters Gabriele d'Annunzio, Nietzscheaner auch er: Vorbei an der schummrig befunzelten Villa mit ihren 10 000 Trophäen, den Buddhas, Madonnen und fiebrig bunten Früchten aus Murano-Glas; vorbei am Bug des Kreuzers "Puglia", einem Geschenk der italienischen Marine, so nahtlos in den rohen Fels gefügt, dass er mit dem Stein verschmilzt. Hinauf zum Mausoleum mit dem Sarkophag des 1938 gestorbenen Dichters, der auf kantigen Stützen über den Steinsärgen seiner treuesten Vasallen thront. Und wieder abwärts zu

d'Annunzios Torre San Marco am Seeufer, wo der elitäre Meister gelegentlich mit seinem Torpedoboot zur Spazierfahrt ablegte.

Champagner aus Plastikwürfeln

Jetzt ist es die neue, die demokratische Elite, die in Gardone an Sommerwochenenden nach Mitternacht auf weißen, leuchtenden Plastikwürfeln Champagner trinkt. Jetzt ist es das Gemisch aus Zigarrenrauch und tanggesättigtem Seewind, dem Taumeln der Boote und dem Wiegeschritt der Playboys und Playtoys, das hier für Hochgefühle sorgt. Auf dem Dancefloor der Cafés schwofen Herren in Cowboystiefeln und cremefarbenen Leinenanzügen mit Damen in rückenfreien Goldlamé-Kleidern unterm Vollmond, und die Damen blicken beim Tanz wie abwesend in die Luft. Sanft gedreht wie die 23 Meter hohe, begehbare Bronzestatue des heiligen Carlo am Lago Maggiore, des berühmtesten Sohns der Herrscherfamilie Borromeo, Erzbischof und Protestantenfresser auf dem Konzil von Trient 1545. Wer ihm in den Leib klettert, die Wendeltreppe hinauf bis zu den Augenlöchern, der erfährt, dass die Macht innen hohl ist.

Das Dorf der Mächtigen

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Lago Maggiore: Die Sonne geht, der Kellner kommt. Im Gourmet-Restaurant "I Mori" der "Villa Aminta"

Und dann fährt er vielleicht die Uferstraße nach Norden, durchmisst die Gassen von Stresa, wo 1935 die Staatschefs Frankreichs, Großbritanniens und Italiens konferierten. Betrachtet befremdet die Rotweinetiketten mit den Mussolini-Porträts (Aufschrift: "Die Geschichte wird mir Recht geben!") in der "Enoteca da Giannino". Wagt sich auch ins Foyer des "Grand Hotel des Iles Borromees", wo Europas Finanzminister über Budget-Saldi verhandelten und im Juni 2004 die "Bilderberg-Konferenz", das jährliche Geheimtreffen der 130 Mächtigsten der westlichen Welt, ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat - und sieht die Kulissen der Macht als potemkinsches Dorf.

Das Interieur: Barock, Renaissance und Antike

Denn 1990, als der junge Hotelier Gianluigi Mariani das Belle-Époque-Haus aus dem Jahr 1861 übernahm, hat er es umgehend mit Instant-Geschichte aus zwei Jahrtausenden überzogen. Jetzt schweben über der Rezeption Gipsputten und gemalte Engel in taufrischem Barock, schwelgt ein Stockwerk im Renaissance-Stil, ein anderes im Geiste Pompejis, ein drittes in venezianischen Chinoiserien. Das Bodenmosaik in der Lobby ist vor sieben Jahren gefügt, die antike Cäsar-Statue auf dem Weg zum Klo ist "neu", sagt Mariani, "aber teuer".

Blick auf Inseln und Paläste

Doch die Gäste, die Geschäftsleute und die Familien aus den Golfstaaten, blicken gelassen zwischen Raffgardinen hindurch auf den See, auf die Isola Madre, die Isola dei Pescatori und die Isola Bella. Sie sehen den Palast der Familie Borromeo, die seit dem 15. Jahrhundert den Lago Maggiore beherrscht, der die Inseln gehören, ein großes Stück Land am See, die Festung von Angera, das Fischrecht und die Zufahrtsstraße zum Mottarone-Massiv. Und sie spüren ein Stückchen Ewigkeit.

Über der Macht thronte die Künstlerkolonie

Das ist die Dauer, die zur Macht gehört - jene Kraft des Beharrens, von der auch die Schautafel in der hölzernen "Casa Anatta§ auf dem Monte Verità über Ascona spricht, am Schweizer Nordende des Sees. Dort, wo sich um die Jahrhundertwende die Schwärmer und Lebensreformer Europas versammelten und heute ein Museum die Geschichte der Künstlerkolonie illustriert, hängt neben groben "Vegetarierhemden" ein Gutachten von Doktor Jörg W. Hansen vom Ufficio Geologico Cantonale in Bellinzona: Die Berge am Lago Maggiore, "aufgebaut aus einer Serie von Gesteinszonen, die tief aus der Erdkruste stammen", weisen einen "stark erhöhten Magnetismus" auf. Die Folge: "Ascona ist ein Bermudadreieck des Geistes."

Kommunalpolitiker auf der Suche nach dem Geheimnis

Ist es dieser Magnetismus der Seen, der auch den Rekordkanzler Konrad Adenauer aufgeladen und befähigt hat, vierzehn Jahre lang im Amt zu verbleiben? Jetzt treffen sich hier auf Einladung der "Konrad-Adenauer-Stiftun", der jetzt die vornehme "Villa La Collina" in Cadenabbia gehört, Handwerksmeister aus Dinslaken und Kommunalpolitiker aus der Mittelhaardt, um vom "Alten" zu lernen und ein Stück seiner Unverwüstlichkeit mitzunehmen.

Ein Ausblick, der alles sagt

Sie atmen wie er den Duft des Jasmins, des Oleanders und der Azaleen; kosen seine Rosen, spielen eine Runde auf seiner Bocciabahn. Sie hören Bundestagsveteranen zu und der letzten Volkskammerpräsidentin der DDR, beseitigen abends, beim hauseigenen Valpolicella-Wein im Kaminzimmer, Nahostkonflikt und Reformstau. Ächzen die 118 Stufen der Treppe zum Park hoch, die der "Alte" seinerzeit viermal am Tag erklomm. Und dann blicken sie über den See, sehen die schneestarrende Bergkette der Grigna und darunter das Städtchen Bellagio, die Villa Melzi und die Villa Serbelloni. Nicht einfach Häuser, die gebaut werden und abgerissen, sondern Würfel der Macht, die gefallen sind, ein für alle Mal. Und von fern hallt der rheinische Singsang des Kanzlers in ihnen nach: "Keine Experimente", mahnt er, "keine Experimente."

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Die "Villa la Collina" am Comer See - das Ferienparadies Konrad Andenauers

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