Bayerwald-Loipe auf Skiern

Die Tage werden wieder kürzer, der nächste Winter kommt bestimmt: Machen Sie das Beste daraus - wie GEO-Reporter Christian Jungblut, der für GEO Special den schönsten Teil der 150 Kilometer langen Bayerwald-Loipe erkundete
In diesem Artikel
Nichts als Knirschen im Schnee
"Mir san vom Woid dahoam"
Ein altertümlicher Brauch lebt fort
Kein Geld für fesche Trachten

Nichts als Knirschen im Schnee

Ich gelange irgendwann auf den Gipfel des Haidel und grüble über das, was mir ein Mann zugerufen hatte: "Der Aufstieg lohnt sich!" Was hatte er damit gemeint? Den Weg dorthin oder den Gipfel selbst? Der ist völlig unspektakulär. Ein grauer Betonturm der Telekom ragt über die Tannen empor. Gleich daneben steht ein Aussichtsturm, dessen Treppen völlig verschneit sind. Ein Mann versucht, ihn zu bezwingen, gibt aber nach fünf Stufen auf. Ein Wanderer, der den Weg hierher ohne Skier gelaufen ist, schaut dem Turmbesteiger interessiert zu. Ein anderer Gipfelbesucher macht gerade Brotzeit auf einer Bank neben den Schautafeln. Ringsherum Baumstämme. Sonst sieht man nichts.

Nichts als Knirschen im Schnee

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Christian Jungblut an der Steinklamm bei Spiegelau

Also hatte der Mann doch den Weg gemeint! Der führt durch einen Wald, der jetzt, im tiefsten Winter, wie von innen heraus strahlt. Die dicht zusammenstehenden, hohen Tannen scheinen die Pfeiler eines gewaltigen natürlichen Doms zu bilden. Und auch die Stille wirkt sakral. Das Knirschen des Schnees unter den Skiern ist das einzige Geräusch. Kilometer um Kilometer. Tatsächlich: Das Erlebnis ist der Aufstieg. Als würde mich eine geheimnisvolle Kraft anziehen und die Mühe vergessen lassen.

Alternative zu Skandinavien

Eigentlich liegen für mich, einen eingefleischten Hamburger, die Langlaufgebiete Norwegens näher. Die Menschen an der Küste reisten jahrhundertelang über Nord- und Ostsee nach Skandinavien, aber nur selten landeinwärts nach Süden. Jetzt aber gleite ich durch die Spurrillen der Bayerwaldloipe, die sich nahe der österreichischen und tschechischen Grenze 150 Kilometer von Neureichenau bis nach Silbersbach erstreckt. Ursprünglich ist sie keine zusammenhängende Bahn. Zwischen gut 20 Kreisloipen wurden Verbindungswege in den Schnee gefräst. Dadurch ist ein Langlaufkurs entstanden, der zum Wandern durch eine ganze Region einlädt.

Angemessener Schwierigkeitsgrad"Rentnerloipe" hatte die freundliche Angestellte vom Tourismusamt den südlichen Anfang der Strecke zwischen Altreichenau und Haidmühle genannt. Genau richtig für einen wie mich, der 20 Jahre lang nicht mehr auf Skiern gestanden hat. Die Doppelspur verläuft auf der ehemaligen Eisenbahntrasse und windet sich leicht bergauf.

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Unterteilt in sieben bis neun Etappen, ist die Bayerwaldloipe die richtige Mischung aus Konditionstraining und Erholung

Botschafter mit der Ziehharmonika: Franz Bauer

Ich bin unterwegs zu Franz Bauer, den alle nur den Hanslmüllner nennen. Er ist der musizierende Botschafter des Bayerischen Waldes. Als die "Passauer Neue Presse" ihre Leser fragte, wer zur Amtseinführung von Bundespräsident Horst Köhler nach Berlin geschickt werden solle, nannte die überwiegende Mehrheit Hanslmüllner.

Er wohnt in der Mühle, die ihm den Namen gab. Wie eine Trutzburg liegt sie am Steinerfurthbach südlich von Jandelsbrunn. Bis 1980 betrieb Franz Bauer sie noch als Lohnmühle, die letzte dieser Art im ganzen Landkreis. Dann musste sie geschlossen werden. Bauer, der nebenbei auch Meister im Ziehharmonikaspiel ist und seine Geräte immer selbst repariert hat, wandelte den Mühlboden in eine Instrumentenwerkstatt um.

"Mir san vom Woid dahoam"

Hanslmüllner ist ein überraschend zarter und zurückhaltender Mann. Nur sein Gesicht erinnert an einen Adler. Trotz seiner 75 Jahre leuchten die Augen immer noch, wenn er über die Ziehharmonika spricht. Dann stellt er sich draußen in den Schnee und spielt "Mir san vom Woid dahoam" und "Landler vom Goweisepp". Augenblicklich habe ich die Vorstellung, wie sich die Tanzenden, nach der Dreschersuppe, beim Erntedankfest drehen. Hanslmüllner hat die Lieder des Bayerischen Waldes von einem greisen Harmonikaspieler gelernt und so vor dem Vergessen bewahrt.

Der Schnee verwirrt das Auge

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Franz Bauer hat das Liedgut des Bayerwaldes nicht nur gesammelt: Er beherrscht es auch mit Stimme und Ziehharmonika

Sein Instrument klingt mir noch in den Ohren, als ich wieder auf der Loipe bin. Haidmühle liegt in Schnee gehüllt vor mir. Das Weiß kriecht zu den Fenstern hoch, an Türrahmen entlang, schiebt sich von den Dächern herunter auf Balkone und Simse. Das Weiß ist so unausweichlich, dass ich das Gefühl habe, es einzuatmen. Irritiert paddle ich mit meinen Stöcken. Die Spuren, die mich gerade noch geleitet haben, sind verschwunden. Als die Schneefront vorbeigezogen ist, breitet sich ein sanft geschwungenes Autal vor mir aus, etwa 50 Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Buschgruppen, kleine Waldstücke und vereinzelte Gehöfte sind in den Schnee gekleckst.

Besuch beim Einsiedler

Hier, an einem der entlegendsten Flecken Deutschlands, lebt der Einsiedler Franz Kohut in einem Bauernhaus ohne Stromanschluss. Er bewohnt nur einen einzigen Raum, in dem Rechen, ein eisernes Fensterteil, ein Fahrradreifen und sonstiges Gerümpel herumliegen und das Bett direkt neben dem Tisch steht. Trotz der Temperaturen unter null hat er nicht geheizt, findet es aber angenehm. Manche bezeichnen den kleinen Mann mit der hellen Stimme als Spinner. In Norddeutschland würde man anerkennend sagen: Er ist eigen. Beim nahen Hotel räumt Franz Kohut den Schnee und erhält dafür täglich eine warme Mahlzeit.

Ein Schicksal

Sein Leben erzählt viel über Armut und Enge in Niederbayern. Der Vater verschwindet früh irgendwo im Grenzdreieck von Österreich, Deutschland und der Tschechei. Die Mutter liebt den Schäferhund mehr als die Kinder. Die hungern, während der Hund teures Fleisch frisst: "Der ärgert mich nicht und lügt mich nicht an", sagt die Mutter. Eine Tante ermahnt den jungen Franz: "Du erbst das Haus nur, wenn du nicht heiratest. Denn Frauen bringen alles durch!" Franz bleibt ledig, das Haus bekommt er trotzdem nicht. "Zusammenpulvert", sagt er. Was so viel heißt wie angeschissen.

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Thomas Gut betreibt in Frauenau eine Schlittenhundeschule

Kostbares Biotop an der Grenze

Franz Kohut tritt nach draußen, weist auf die Grenzpfähle unten im Tal und sagt: "Das kann man sich nicht vorstellen, damals ..." Grenzer, Schmuggler, Flüchtlinge, eine aufregende Zeit. Heute liefert die Grenze keine spannenden Stücke mehr. Die Waldler passieren sie nur, um auf der anderen Seite billiges Benzin zu tanken oder günstig einzukaufen. Aber die Grenze bei Finsterau ist ein Refugium. Ein Wechsel von Auwiesen, Waldstücken und Bachrainen - so, wie der Bayerische Wald einmal ausgesehen hat, bevor finstere Tannen- und Fichtenplantagen für Nutzholz entstanden.

Ein altertümlicher Brauch lebt fort

Diese Ecke ist ein Paradies für Querfeldeinläufer, Skiwanderer und einen wie Rupert Berndl, der als "Bunter Hund" des Bayerischen Waldes gilt. Er hat die verrückten Gestalten der Rauhnächte wiederbelebt - und damit einen Brauch, der zwar christliche Elemente enthält, aber auf die Kelten zurückgeht, die einst hier im Wald siedelten. In den zwölf Nächten der Wintersonnenwende, vom 24. Dezember bis zu den Heiligen Drei Königen am 6. Januar, stülpen sich Berndl und seine Getreuen die Masken des teuflischen Vorsängers, des "bluatigen Dammerls", des Erdgeistes "Schrazl", der gut gefütterten "Habergoaß", des "Seelnvogl" und des "Drudenmoaster" über. Und dann ziehen sie, von Peitschenknallern und Trommlern wild begleitet, stampfend und das Rauhnudllied singend, durch die nächtlichen Straßen:

"Heit is d' Rauhnacht

wer hot's aufbracht

a oida Ma is über d' Stiagn owekroche

hot se Baindl und Boandl obrocha

Kropfa heraus

oder wir stecha eich a Loch ins Haus."

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Rupert Berndl und seine Frau erschrecken die Waldler gern in traditionellen Rauhnacht-Masken

Ich verstehe überhaupt nichts. Rupert Berndl übersetzt: Heute ist die Rauhnacht/wer hat sie aufgebracht/ein alter Mann ist über die Stiege hinuntergekrochen/hat sich kleine und große Knochen gebrochen/ Krapfen heraus/oder wir stechen euch ein Loch ins Haus. "Und was bedeutet das?" Heimatpfleger Berndl zuckt mit den Schultern. Er weiß es auch nicht. "Manchmal", sagt er begeistert, "verliere ich durch Schwitzen vier Kilo Gewicht in einer solchen Nacht." "Ist das nicht bloß Folklore?", wende ich ein. "Ha!", ruft er aus, "da müssten Sie mal sehen, wie unsere Menschen hier mitmachen. Das fährt ihnen in die Glieder und in den Geist. Das ist etwas Unheimliches."

Der Boden ist kaum bebaubarDer Geistertanz vor den Haustüren war wohl eine Bettelei wie Halloween oder das norddeutsche Rummelpottlaufen an Silvester, denke ich, während die Kufen unter mir wieder sirren. Zwar wirkt das Land beidseits der Loipe wie verzaubert. Aber für die Menschen bedeutete der Wald Fronarbeit und Darben. Kalabrien Nordeuropas wurde die Gegend noch vor wenigen Jahren genannt. Die Kälte verhinderte den Anbau von Weizen und vernichtete im Durchschnitt jede sechste Roggenernte, sodass es den Bauern sowohl an Brot- wie an Futtergetreide mangelte. Im Sommer war das Land meist zu trocken, obwohl es häufig regnete. Denn die Krume ist nur 25 Zentimeter dick. Das Wasser hält sich nicht im Boden und trägt beim Wegsickern die Nährstoffe mit sich fort.

Ewiger Kampf gegen den Schnee

"Die Bauern haben hier nur überlebt, weil sie von ihren Knechten und Mägden subventioniert wurden. Weil die keinen Lohn bekamen, sondern nur Unterkunft und Verpflegung und ein kleines Handgeld." Martin Ortmeier, Direktor des Freilichtmuseums Finsterau, gelernter Ofensetzer, gelernter Textilkaufmann und studierter Kunstgeschichtler, springt vom Dach eines alten Bauernhauses, von dem er gerade meterhohen Schnee heruntergeschippt hat. "Stellen Sie sich mal vor, immer gegen diesen Schnee ankämpfen zu müssen. Immer wieder den Eingang freizuschaufeln, den Weg, die Straße. Diese Sisyphusarbeit hat die Menschen abgestumpft."

Kein Geld für fesche Trachten

Ich blättere in dem Fotoband "Schee is gwen, owa hirt - Alte Bilder aus dem Bayerischen Wald", den Martin Ortmeier herausgegeben hat, und bleibe auf einer Seite mit Blasmusikanten hängen. "... es wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, sich mit Volkstracht zu kostümieren", lese ich. "Bei uns hatten sie kein Geld für Trachten", sagt Ortmeier. "Die Waldler wollten sich lieber fesch kleiden wie Städter. Wenn Sie heute Trachten sehen, dann sind das oft nur Ornamente, die sich völlig vom ursprünglichen Zweck entfernt haben." Vielleicht kommt mir hier alles deshalb so wenig bayerisch vor, weil niemand im Dirndl oder in einem Janker mit Hirschhornknöpfen herumläuft.

Auf der Dreikönigsloipe

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Beim Aufstieg zum Haidel

Beim Finsterauer Freilichtmuseum beginnt die Dreikönigsloipe, das Juwel der Bayerwaldstrecke. Über 35 Kilometer windet sie sich unterhalb eines Berghanges durch ein von Auen, Wäldchen und Wiesen durchzogenes Tal. Ich passiere eine Tannenschonung, einen Hänsel-und-Gretel-Wald, und surre gleich darauf an einem mäandernden Bach entlang. Dann steige ich einen Hügel hinauf, der wie ein riesiger weißer Bauch vor mir liegt, und gleite in Schwingungen hinunter.

Die Dreikönigsloipe schaffe ich in drei Stunden. Denn Hütten zum Rasten - wie in Norwegen oder in den Alpen - sind hier nicht vorhanden. Man ist auf Hotels und Gasthäuser angewiesen, in denen man meist zwischen Schnitzel und Leberkäse wählen kann. Nur im Haidmühler Hof erhielt ich etwas Ausgefalleneres: eine in Rotwein geschmorte Gams mit Röstgemüse.

Beim "Käferer"

Schließlich durchquere ich den Nationalpark Bayerischer Wald. Ich beschließe, den Mann zu besuchen, der durch sein Engagement für die Tierwelt der Region internationale Achtung errungen hat: Fridolin Apfelbacher. Er beschäftigt sich nicht mit Wisenten oder Bären, sondern mit Käfern, weshalb ihn die Leute auch den Käferer nennen. Der kleine Mann führt mich die Stufen seines Hauses hinunter in sein Heiligtum. Früher war dort die Schreinerwerkstatt. Als Apfelbacher sie 1969 ausräumte, fand er einen Käfer, einen 25 Millimeter langen schwarzen Laufkäfer. Als er den Käfer aufhob, begann dieser furchtbar zu stinken. Erschreckt ließ Apfelbacher ihn fallen, besorgte sich ein Lehrbuch und begann seine Forschungen - der Beginn einer großen Leidenschaft.

18000 Käfer unter Glas

Jetzt steht die ehemalige Werkstatt voller Vitrinen, die von Vorhängen abgedeckt sind. Apfelbacher zieht sie wie bei der Eröffnung einer Ausstellung zur Seite und zeigt mit leicht gerötetem Gesicht das Resultat seiner Sammelwut: 18 000 Exemplare, nicht alle heimisch: Skarabäen, Mistkäfer, Aaskäfer. Winzlinge, mit bloßem Auge kaum zu erkennen, und fast zehn Zentimeter lange Ungetüme. Der ehemalige Möbelschreiner hat für die Jahre 1969 bis 2004 das Käfervorkommen im Bayerischen Wald ermittelt: 1900 Spezies tummeln sich - meist von uns übersehen - in Gehölz und Flur. Die Zahl ist konstant geblieben. Nur die Populationen schrumpfen von Jahr zu Jahr, obwohl sich die Biotope verbessern - ein Rätsel, das Apfelbacher noch lösen will.

Das Geheimnis des Langlaufwanderns

Als ich später am Rand der Loipe raste, entdecke ich auf einem Baumstamm ein gepanzertes Insekt. Ich lasse die Skier fallen, setz mich hinzu und schau einfach, ohne Kälte und Nässe zu spüren. Vielleicht birgt ein solcher Augenblick das ganze Geheimnis des Langlaufwanderns: Dass man zunächst in sich hineinlauscht und jeden Atemzug, jedes Ziehen in den Armen und Beinen registriert, am Ende aber den eigenen Körper vergisst und Teil der Landschaft wird.

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