Provence: Radtour mit Genuss

Drei Freunde, drei Mountainbikes und knapp 300 Kilometer Radwege - beste Voraussetzungen für eine sportliche Ferienwoche. Doch keine Angst, bei unserer Fahrradtour entlang der Nordflanke des Luberon kommt der Genuss nicht zu kurz. Schließlich sind wir in Südfrankreich
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1. Tag

Forcalquier - Aubenas-les-Alpes

ca. 28 Kilometer

Rien ne va plus in Forcalquier. Es ist Montag und damit Markttag. Zum größten marché der Haute Provence strömt zwischen den Gebirgszügen von Luberon und Monts de Vaucluse alles, was Beine hat. Hennagetönte Althippies aus den abgelegensten Flecken, Dörfler vom weltabgewandten Plateau d'Albion, Honoratioren aus Manosque und Sisteron, dazu ein paar Ziegen, Welpen, Stallhasen sowie das eine oder andere Huhn. Mittendrin drei Mannen in Fahrradhosen und Windstopper-Shirts, die ihre ferrariroten Stahlrösser Marke "Cannondale" lässig, sehr lässig durch die Menge schieben: Dominik, Jochen und ich.

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Ausgangspunkt der Tour: das "Hotel Charembeau" in Forcalquier, ein freundlicher Landgasthof mit Pool, Park und ...

"Bon courage", wünscht ein Imker über seine Töpfe mit Gebirgsblüten- und Lavendelhonig hinweg. Links und rechts fliegen uns anerkennende Blicke zu - Franzosen wissen, was sie Sportskanonen auf Fahrrädern schuldig sind. Was sie in unserem Fall nicht wissen können: Gerade mal ein Stündchen zuvor sind wir vom "Hôtel Charembeau" losgeradelt. Hinter uns blökten die Esel, ansonsten Stille. Kein Auto störte auf dem Radweg von unserem Landgasthof in einem verträumten Tal bis zum Ortsschild von Forcalquier. Dafür leuchteten in der Ferne die schneegepuderten Dreitausender der Südalpen. Doch ins Dorf ging's, gottlob, in die entgegengesetzte Richtung, immer bergab, bis wir vor den Bergen von Ziegenkäse, Trauben und Melonen auf dem Markt anhalten.

236 Kilometer Radwege wurden im Naturpark Luberon seit 1995 zwischen Forcalquier und Cavaillon gebaut, längs der Nord- und der Südflanke des Gebirgszugs. Wir haben uns für die einwöchige Tour auf der Nordroute über Apt entschieden. Um alles weitere kümmerte sich der eng mit dem Naturpark zusammenarbeitende Verein "Vélo Loisir en Luberon". Dazu gehören Zimmerreservierung, Gepäcktransport und die technisch erstklassigen Leihräder, die sogar Dominik beeindrucken, der auch im Alltag nie ohne Rad unterwegs ist. Den entscheidenden Tipp fürs Radfahren à la provençale gab's dazu gratis von André Berger, dem Patron des "Hôtel Charembeau" und ehrenamtlichen Präsidenten von "Vélo Loisir en Luberon": "Wenn die Steigung zu steil ist, steigt man einfach ab." Bisher ist das nicht nötig, noch hält der Luberon Abstand. Erst hinter Mane schwenkt die Route auf die weißen Kugeln des "Observatoire de Haute-Provence" um. Na klar, so ein Observatorium muss auf einem hohen Berg stehen, damit man möglichst freie Sicht hat. Das ist hier leider nicht anders. Zu dieser Sternwarte aber gehört auch ein Dorf, St-Michel-de-l'Observatoire, was zu den allerschönsten Hoffnungen berechtigt: auf eine Bar. Von der Terrasse der "Bar des Voyageurs" richten sich alle Augen auf die drei Fremden, die mit durchgeschwitzten Trikots und angeklatschten Haaren die letzte Steigung zum Dorfplatz hochkeuchen. Spart euch den Applaus, Mesdames, Messieurs, wir wollen nur noch eins: runter vom Rad und etwas trinken.

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Endspurt zum Etappenziel: Durch schmale Altstadtgassen führt die Route zum nächsten Hotel

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Die Esel mussten leider auf dem Landgasthof in Forcalquier bleiben

Nachdem wir den ersten Durst brav mit Wasser gestillt haben, bestellen wir uns ein Glas Rosé, schließlich sind wir in der Provence. Am Nachbartisch sitzt René Giraud. Der Techniker der Sternwarte ist auf dem Weg zur Nachtschicht. Wie gewohnt mit dem Rad und wie immer mit einem Zwischenhalt in der Bar, wo bereits der Dorfdoktor und ein Astronom des Observatoriums auf ihn warten. Wir hören der fidelen Herrenrunde zu, in deren Gespräch es nur ein Tabu gibt: le boulot, die Arbeit. Apropos le boulot, Messieurs, Zeit zum Aufbruch! Unser Bett für die Nacht steht einen Berg weiter in Aubenas-les-Alpes. Die "Ferme du Moulin Brun" von Florian Pascal ist ein echter Bauernhof mit Lavendelfeld, behaglicher chambre d'hôte und ebenso behaglichem table d?hôte. Florians Mutter Jocelyne hat den Tisch in der Küche schon gedeckt. Die Beine sind müde, doch Hasenpastete und Wildschweinragout wecken unsere Lebensgeister schnell wieder, zumal beides fait maison ist, hausgemacht, von Anfang an: Florians Papa jagt. Aufs Schnapsmachen versteht er sich ebenfalls. Deshalb müssen wir zum Schluss noch einen selbstgebrannten Génépi mit ihm trinken, ehe wir selig ins Bett fallen.

2. Tag

Aubenas-les-Alpes - St-Martin-de-Castillon ca. 44 Kilometer Messieurs Jochen und Dominik, heute wird's ernst. Nach Croissants, café au lait und Mandel-Aprikosenkonfitüre (hat Jocelyne selbst gemacht!) geht es fünf Kilometer kräftig bergauf bis Vachères.

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Kleine Stärkung: zur Pause ein Milchkaffee im "Café du Cours" in Reillanne

Ein Trost, dass das Dorf auf 850 Metern der höchste Punkt der gesamten Route ist. Runterschalten in den ersten Gang, und dann in die Pedale treten, treten, treten. Dominiks alpenüberquerungs-erprobte Waden geben den Takt an. Ein Kürbisberg mit Traktor davor knattert an uns vorbei. Leider zu schnell, um sich mit der Hand am bedrohlich voll geladenen Hänger anzuklicken. Als wir auf der Kreuzung stehen, von der es wieder bergab geht, wummert das Herz. Wir fühlen uns großartig. Wer Vachères schafft, schafft auch den Rest!

Kurz vor Céreste hockt ein Kirchlein in der Einsamkeit. Am Monastère de Carluc haben sich die hier vor tausend Jahren lebenden Dominikanermönche ihr eigenes Grab aus dem Fels geschabt. Es ist ein verwunschener Ort zwischen Feldern, Wiesen und Wald, wie gemacht, um sich für die Ewigkeit zu betten.

Eine Viertelstunde später führt uns die romanische Steinbrücke von Céreste beherzt zu den Dingen des Lebens zurück, genauer gesagt bis an den Tisch der "Hostellerie de l?Aiguebelle". Durch die Fenster klingt das Geklapper von Besteck und Tellern: Hier sind wir richtig. Schade nur, dass der Koch das Rezept für sein vorzügliches compote d?oignons doux nicht verraten möchte.

Eigentlich ist unsere Strecke hervorragend ausgeschildert: Ein orangefarbenes Schild mit Winkemännchen auf Drahtesel bedeutet: Richtung Cavaillon; ein weißes Schild heißt, man fährt Richtung Forcalquier. So weit, so gut, aber im Weiler Le Boisset haben wir dennoch die Fortsetzung der Route verpasst. Zwei Kittelschürzenträgerinnen weisen den Weg nach St-Martin-de-Castillon. Den Rest kennen wir schon.

"Mais ça monte!", warnen die Damen, das wird steil. Sie ziehen die Augenbrauen so hoch, dass sie aussehen wie der Kamm des Luberon, und wünschen: "Bon

courage!" Was übersetzt heißt: viel Glück, nur Mut - oder ganz konkret: runterschalten in den ersten Gang, und zwar bis zur Chapelle des Pénitents Blancs am höchsten Punkt von St-Martin-de- Castillon. Aus dem Wald leuchtet im Süden der kahle Mourre

Nègre, mit 1125 Metern der höchste Gipfel des Luberon. Keine Angst, da müssen wir nicht hinauf. Nach Westen weichen die Lavendelfelder der Alpes-de-Haute-Provence den Olivenbäumen und Weinreben des Vaucluse. Dahin geht es morgen weiter.

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Runter vom Rad, rauf auf die Mauer: Rast in Roussillon

3. Tag

St-Martin-de-Castillon - Villars ca. 56 Kilometer

Saignon oder nicht Saignon? Tag drei beginnt mit einer Gewissensfrage. Dominik und Jochen schauen mich entschlossen über ihren Morgenkaffee hinweg an.

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Grandiose Aussicht, aber hart erarbeitet: Das Bergdorf Saignon schmiegt sich an steile Felswände; wer oben ankommt, weiß, was er geleistet hat

Ich habe verstanden: Also fahren wir nicht kommod auf unserer ausgeschilderten Route durch die Talsohle nach Apt, sondern wir machen einen Umweg über Saignon. Das village perché zählt zweifellos zu den malerischsten Felsdörfern des Luberon, hat jedoch einen kleinen Makel:

Es liegt knapp 400 Höhenmeter über unserem Frühstückstisch.

Jochen und Dominik lassen sich von diesem Einwand überhaupt nicht beeindrucken. Etliche Haarnadelkurven, steile Meter der schieren Verzweiflung sowie den einen oder anderen Fluch gegen meine Mitradler später bin ich den beiden für ihre Entschlossenheit dankbar. Wir stehen an der Kante des "Rocher de Bellevue", da, wo sich einmal eine Burg auf dem nackten Fels festgekrallt hat. Nur ein paar Steine sind davon noch übrig. Um uns der Wind, unter uns das von Felsblöcken in die Enge getriebene Dorf und am Horizont der Luberon in seiner ganzen Länge. Was bedeuten da schon die paar Kilometer bergauf? Apt hingegen stellt nach den trägen Wonnen der campagne für uns Radler eine harte Probe dar. In die schmucke Altstadt geht es vorbei an Verkehrsschneisen, Wohnblocktristesse, Fabriken. Viel zu laut das alles, viel zu hektisch. Also kehren wir schnell um und machen stattdessen eine Extratour in die Malkastenlandschaft des Colorado provençal.

Zinnoberrot, safrangelb und ockerbraun leuchten die bizarren Felsformationen und Höhlen zwischen Rustrel und Villars. Genau so bunt sind unsere Radlerhosen nach dem Picknick, zu dem wir uns in einen der aufgelassenen Pigmentbrüche gesetzt haben.

Jahrhundertelang haben die Gruben den natürlichen Farbstoff

für alles Mögliche geliefert, sogar für die zweifarbigen Fahrradschläuche von Michelin.

Auch vom Ferienhäuschen "Colline des Ocres" bei Villars, in dem wir uns für zwei Tage ausbreiten, führt zur Freude von Dominik ein Waldweg in eine blutrote Pigmentgrube. Dort versucht er sich den Rest des Nachmittags mit dem Rad am Hang. Als er wieder auf der Terrasse unseres Häuschen auftaucht, ist er so rot wie Pierre Brice zu seligen Winnetou-Zeiten.

4. Tag

Villars - St-Saturnin-lès-Apt

- Roussillon - Villars ca. 42 Kilometer

Tag vier wird mein Tag. Bis zum Nachmittag haben wir uns

"fahrradfrei" gegeben. Jochen und Dominik wollen nur ruhig am Pool liegen - sollen sie doch! Ich fahre voraus nach Roussillon ins Restaurant "David".

Erstens, weil man da so nett sitzen kann, unter einem dichten Glyziniendach mit Blick auf die roten Felsen. Und zweitens, weil die provenzalische Küche von Emmanuel Champion eine Offenbarung ist, von den petits farcis, gefülltem Junggemüse, bis zum Himbeerparfait. Pünktlich zum Dessert stehen meine beiden copains am Tisch. Jochens Unternehmungsdrang ist mit einem Mal verflogen. Auch Dominik hat?s nicht so eilig, sich Roussillon anzugucken. Ohnehin sei das Dorf viel zu sehr herausgeputzt, befinden die beiden. Also gut, wir bestellen noch zwei Himbeerparfaits. Dann heißt?s adieu, ihr Souvenirboutiquen und akkurat gepflasterten Gassen.

Auf dem Rückweg nach Villars schrecken wir einen einsamen Landhausbesitzer auf. Seit 15 Jahren restauriert Monsieur Depres das Kapellchen auf seinem Grundstück. Ganz allein, daher sein

Erschrecken, als plötzlich drei Männer mit Rad vor dem Portal

stehen. Aber viel Zeit zum Schwatzen hat er nicht. Nächstes Jahr will der Erzbischof von Avignon vorbeikommen, um die Chapelle St-Pierre d?Agnane zu segnen. Bis dahin soll alles fertig sein. Diesmal wünschen wir "Bon courage!".

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Edler Rohstoff: Weinlese im Luberon

5. Tag

Villars - Ménerbes ca. 58 Kilometer

Fini die Alleingänge. Drei Radler sollt ihr sein, denn der große Tag, der Tag mit der längsten Etappe unserer Tour de Luberon, ist gekommen. Bis Bonnieux verwandelt sich die Landschaft in ein Rebenmeer. Ab und zu schwimmt ein Weingut in all dem Grün.

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Duftprobe: Autor Klaus Simon testet die Weine der "Domaine de la Citadelle"

Zielsicher steuern wir auf ein stattliches Anwesen zu. Das "Château de Canorgue" produziert einen erstklassigen Côtes du Luberon. Grund genug, eine kleine Weinprobe bei Jean-Pierre Margan einzulegen. Wohlgemerkt: eine kleine. Bis zur Mittagspause im Felsennest Lacoste steigt die Route noch einmal kräftig an.

In der Burg über Lacoste lebte der berüchtigte Schriftsteller Marquis de Sade. Wir dagegen treiben am Fuß der Ruine erst mal gar nichts. Pause in einer Wiese. Über uns der azurblaue Himmel. Wie spät es ist? Keine Ahnung. Wann wir weiterfahren? Das wissen nur die Grillen. Eines ist dafür sicher: Bis Ménerbes, wo

Peter Mayle sein Jahr in der Provence zum Erfolgsroman umschrieb, geht?s nur bergab. Acht Kilometer lang, bis vor die

"Domaine de la Citadelle" - noch so ein Weingut, das einen erstklassigen Côtes du Luberon produziert. Gut, dass "Les Peirelles", unser chambre d?hôte für die Nacht, gleich um die Ecke liegt.

6. Tag

Ménerbes - Cavaillon ca. 25 Kilometer Letzter Tag, eine letzte Steigung vorm Ruinendorf Oppède-le-Vieux. Seine Einwohner haben sich vor 350 Jahren aus reiner Bequemlichkeit in die Ebene verzogen. Wir kraxeln um die Burg herum, die einst den Fürsten von Monaco gehörte.

Heute bevorzugt die Familie offensichtlich ihren Stammfelsen über der Riviera. In Oppède-le-Vieux wurde sie jedenfalls lange nicht mehr gesichtet. Wir bekommen heute auch sonst niemanden zu sehen. Für die beiden Cafés im Ruinendorf ist es leider noch zu früh. "Fermé", verkünden die Schilder. Macht nichts. Die Beine sind längst auf Kilometerfressen eingestellt. Hinter Maubec haben wir den Luberon endgültig bezwungen. Nach Westen breitet sich eine fruchtbare Ebene mit Melonenfeldern und Pfirsichbäumen aus. Alle Wege führen nun nach Cavaillon. Und unser Radweg leitet uns in die Stadt bis vor das Café "Fin de siècle". Stuck und Lüster der Belle-Époque erinnern an die Zeit, als vor der Tür Frankreichs zweitwichtigster Großmarkt abgehalten wurde. Aus den deckenhohen Wandspiegeln schauen drei Mannen in Windstopper-Shirts unternehmungslustig in den Saal. Noch mehr als 24 Stunden bis zum Rückflug von Marseille. Jochen greift zur Radkarte. Wollen doch mal sehen, wie lange man für die Luberon-Südroute über Manosque braucht ...

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Rastplatz an der Straße: Selbst die Blumenrabatte im Kreisverkehr von Bonnieux ist einladend genung, um einen Moment lang die Beine auszuruhen, die am vorletzten Tag die längste Etappe bewältigen müssen

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