Odessa: Eine Stadt erwacht zu neuem Leben

Ihr Name klingt wie eine schöne Legende, wie ein ferner Mythos. Von nahem betrachtet erweist sich die Schwarzmeer-Metropole als Stadt in beschleunigtem Aufbruch, beflügelt von der eigenen Vergangenheit
In diesem Artikel
Neugier auf die mythische Stadt
Die Wunder von Odessa
Viele große Musiker des letzten Jahrhunderts

Neugier auf die mythische Stadt

Wir sind erst wenige Stunden in Odessa, und schon wissen wir alles über die Liebe. Jedenfalls über die unglückliche zwischen dem jungen Puschkin und der verheirateten Gräfin Woronzow: Der Dichter Puschkin war 23, als er hier im Exil als Archivar arbeiten musste, Gräfin Woronzow noch blutjung und Graf Woronzow ein reifer Herr - und Gouverneur von Odessa.Woronzow rieb sich auf für die Begrünung der Stadt und für die Trinkwasserversorgung, er brachte den Hafen zum Erblühen und die Verwaltung zum Gedeihen. Und seine Frau erlag Puschkin. "Woronzow wird auch langweilig gewesen sein, langweilig und sachlich", sagt Natascha. Sie ist nicht nur unsere Übersetzerin, sondern auch Fachfrau für Zwischenmenschliches, was in Odessa nicht erstaunt. Denn Odessa besteht vor allem aus Gefühl. Es gibt ganze Internetseiten voller Liebeserklärungen an die Stadt - Liebeserklärungen heimwehkranker Odessiten, die davon träumen zurückzukehren. Denn Odessa ist keine Stadt, sondern ein Glaubensbekenntnis.

Neugier auf die mythische Stadt

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Bewegte Zeiten in der Ukraine: Nicht nur am Anleger in Odessas Vorort Arkadia geht es heute zwanglos zu

Odessas Glanz ist noch ganz frisch, die Stadt ist in den Farben der Zarentöchter wiederauferstanden: Russischgrün, Schmetterlingsgelb, Fliederblau. Und schon kehren nicht nur Scharen von Odessiten wieder zurück, sondern auch Menschen voller Neugier eine Stadt voller klassizistischer Paläste, Belle-Epoque-Nymphen, Statuen mit Empire-Taillen und orthodoxen Zwiebeltürmen.Odessa ist ein Fabelwesen. Nicht russisch, nicht ukrainisch und nie wirklich realsozialistisch gewesen, darauf legt man hier größten Wert. Allerdings muss man nur etwas kratzen, schon schimmert unter der glitzernden, frisch gestrichenen Fassade noch ein Stück Sowjetunion durch. Etwa, wenn die altertümliche Straßenbahn vorbeifährt oder die Menschen Schlange stehen vor einem kleinen, gelben Tankwagen, der Kwas ausschenkt, ein säuerlich riechendes Getränk aus vergorener Hefe. Oder wenn man an der Kasse des Literaturmuseums steht, in der die Kassiererin lebt wie in einem Wohnzimmer, mit Fotos ihrer Lieben, Spitzendeckchen und einem Vorkriegstelefon.

Unter uns liegt das Meer, und über uns wölben sich Akazienkronen. Wir laufen in ihrem Schatten über den Primorsky-Boulevard, vorbei am Puschkin-Denkmal, vorbei an mit verspiegelten Sonnenbrillen und kleinen Diamanten über dem Bauchnabel.Neben ihnen eilen Schulmädchen mit riesigen Tüllschleifen, festlichen Schärpen und Damenhandtaschen zur Potemkin-Treppe, wo sie sich fotografieren lassen, zur Feier ihres letzten Schultags. Von oben sieht die Treppe unscheinbar aus, grau und ausgebessert mit 60er-Jahre-Zement - ganz anders als der bunte Rest der Stadt und ganz anders als in Sergej Eisensteins Film "Panzerkreuzer Potemkin".

Eine füllige Frau mit rosa Lippen kommt uns auf der Treppe entgegen. "Eine typische Odessitin!", sagt Natascha. International! Elegant! So wie der adelige Mäzen in der Gemäldegalerie, bei dessen Anblick Natascha wie vom Blitz getroffen stehen bleibt: Das Porträt eines Mannes, rauchend, mit elfenbeinerner Zigarettenspitze und Augen, in denen Natascha versinkt und sagt: "Das ist er. Ein typischer Mann aus Odessa!" Natascha ist wie viele Odessiten in Südrussland geboren. Russisch ist ihre Muttersprache, Ukrainisch wird hier nur wenig gesprochen.

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Schüler beim Trambahn-Surfen: kein ungefährliches Vergnügen

Die Wunder von Odessa

Sicher, offiziell sei Odessa eine ukrainische Stadt, einst gehörte sie zur Ukrainischen Sowjetrepublik, aber gekümmert habe das nie jemanden. Odessa war immer Mythos und Legende. Isaak Babel, Odessas berühmtester Schriftsteller, schrieb: "Zu uns kommt ein sparsamer, eigensüchtiger polnischer Jude, und wir machen aus ihm einen gestikulierenden, schnell entflammbaren und sich schnell beruhigenden Odessiten."Mit dem liebeskranken Dichter Puschkin und dem gehörnten Gouverneur Woronzow haben wir auf den wenigen Metern des Primorsky-Boulevards schon die Bekanntschaft von zwei bedeutenden Persönlichkeiten gemacht. Unweit von hier beginnt die Jekaterininskaja, eine der wichtigsten Straßen der Stadt, benannt nach der Gründerin Odessas: Katharina der Großen. 1794 beauftragte sie ihren Liebhaber, Admiral De Ribas, den Hafen zu bauen. Odessas Prachtboulevard trägt seinen Namen: Die Deribasowskaja, voller Straßencafés und Spezialitätenrestaurants, in denen man gesottene Schweineohren essen kann. Die Straße ist voller Künstler, Musiker und Mädchen, die hoffen, entdeckt zu werden.

Die Wunder von Odessa

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Die Mahnwache am Denkmal für den unbekannten Matrosen: Mädchen im Minirock

Natascha treibt uns weiter zu den Wundern ihrer Stadt, zum Denkmal des unbekannten Matrosen, wo keine jungen Pioniere, sondern Mädchen mit Rastalocken und geschlitzten Miniröcken Wache schieben. Sie spaziert mit uns durch die Moldawanka, das ehemalige Judenviertel, wo Isaak Babel sich zu seinen "Geschichten aus Odessa" inspirieren ließ; etwa zum Mafiaboss Mischka Japontschik, dem Vorbild für den literarischen Helden Benja Krik. Und vor nicht so langer Zeit wurde hier Viktor Pawlowitsch Kuliwar nach Verlassen der Sauna erschossen - eine marmorne Gedenktafel mit Kreuz und ewigem Licht erinnert an den Paten. Und ist nicht auch Arkadia ein Wunder, das Tor zum Paradies, vier Kilometer außerhalb der Stadt, wo die Strände und die Luxushotels sind, wo reiche Russen sich ihre Villen neben Erholungsheimen aus der Sowjetzeit bauen? Und wo nachts die Mädchen in Trockeneisnebel tanzen, nackt, für zahlende Gäste?

Aber dann zieht uns Natascha in die Elias-kirche, wo ein Pope inmitten von Baugerüsten den Gottesdienst zelebriert und wo es Haltegriffe an den verglasten Ikonen gibt, Ikonen, die ganz trüb sind vor lauter Küssen. Natascha bringt uns das orthodoxe Bekreuzigen bei: erst Kopf, dann Bauch, Sitz des Lebens, rechte Schulter, linke. Sie beschwert sich darüber, dass man in orthodoxen Messen immer stehen muss.Totalitären Machthabern war Odessas Vielfalt aus deutschen und jüdischen Siedlern, aus Russen, Georgiern, Italienern, Franzosen und Armeniern stets verhasst. Die Bolschewiken vertrieben die Franzosen und Italiener, Stalin die Schwarzmeerdeutschen und die Griechen, die Nationalsozialisten die Juden. Dem Holocaust fielen 100.000 Odessaer Juden zum Opfer.

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Hochzeitsgesellschaft am Schwarzmeerstrand

Die Sehnsucht nach dem Auserwähltem

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Das "Otrada" gilt als exklusivstes Hotel der Stadt

Heute versuchen die Odessiten den Eindruck zu erwecken, der Totalitarismus sei lediglich eine Unterbrechung mitten in einem Satz gewesen - einem Satz, den man jetzt in Ruhe zu Ende führen möchte, anknüpfend an eine Tradition der Toleranz. So sieht es Avraham Wolff, Chefrabbiner von Odessa und der gesamten südlichen Ukraine, ein chassidischer Jude mit schwarzem Bart und Schlape, wie der breitkrempige Hut auf Jiddisch heißt. Als Rabbi Wolff 1992 aus Israel in die Ukraine kam, war er 22 Jahre alt und fand keine zehn Juden zum Gebet am Schabbat. Heute hingegen ist Odessa auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion die Stadt mit dem größten jüdischen Kolorit, mit zwei Synagogen, einer jüdischen Schule und jüdischen Friedhöfen. Viele Juden kehren wieder in ihre Heimatstadt zurück. Weil sie in Brighton Beach oder Tel Aviv krank waren vor Sehnsucht.Einer von ihnen ist Igor Fruman. Er trägt einen Nadelstreifenanzug. Er kam aus Detroit zurück, wohin seine Eltern mit ihm ausgewandert waren. In Odessa eröffnete er das Hotel "Otrada", das eleganteste der Stadt, mit Pool und italienischem Koch, mit englischen Ledersesseln und japanischen Flachbildschirmen in Renaissance-Goldrahmen, mit VIP-Strand, VIP-Suiten, VIP-Sälen. Die Sehnsucht nach Auserwähltheit grassiert in Odessa wie ein Fieber.

Viele große Musiker des letzten Jahrhunderts

Aber es gibt noch mehr Wunder in Odessa. Eines davon ist der Privoz-Markt, wo uns süße Sahne zum Ablecken auf den Handrücken gestrichen wird, wo die Wursttheken kilometerlang und die Verkäuferinnen Königinnen sind. Königinnen, die mit Fliegenwedeln, brombeerroten Lippen und rosa Zuckerwattehaaren über ein Reich aus rohen Schwarten, Napoleontorten und schwach gesalzenen Schwarzmeersprotten herrschen. Königinnen, die dich "mein Fischlein" nennen, "mein Vögelchen" oder "mein Goldstück". Auf dem Privoz-Markt wird alles verkauft, was essbar ist - russischer Kaviar, eingelegte Pilze und Gurken, Schweinefüße für kalte Platten. Und alles, was gut für die Gesundheit ist: Ziegenfett zum Einreiben auf der Brust gegen Erkältungen, Honig gegen Fußpilz.

Viele große Musiker des letzten Jahrhunderts

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Versteckt hinter einem reichen Stockfisch-Angebot geben sich die Verkäuferinnen auf dem Privoz-Markt ihrer Lektüre hin

Natascha empfiehlt uns noch den Markt "7 Kilometer", wo es alles gibt, von der gefälschten Rolex über das Brautkleid bis zu der in der Ukraine allgegenwärtigen schwarzen Herrenlederjacke. An diesem Punkt findet es Natascha aber doch nötig, etwas klarzustellen: dass Odessa mehr sei als Kaufen und Feilschen. Schließlich stammten viele große Musiker des letzten Jahrhunderts von hier - David Oistrach und Nathan Milstein, Swjatoslaw Richter und Emil Gilels. Sie alle waren Absolventen von Odessas Konservatorium. Und wenn man das bedenke, sei es noch empörender, dass die Oper immer noch geschlossen sei.Mit größtem künstlerischem Anspruch spielen Schüler des Konservatoriums am Hafen Geige, wenn die Kreuzschiffe anlegen. Ihrem Zauber verschließt sich keine Geldbörse. Und dort, im Hafen, liegt die "Druschba", das Segelschulschiff der Seefahrtsschule Odessa, und hofft auf zahlungskräftige Liebhaber.

Seit etlichen Jahren liegt sie bereits im Hafen fest, wobei der Ponton, an den sie gekettet ist, fast schon weggerostet ist. Der Unterricht geht dennoch weiter. Die Kadetten klettern auf die Masten und holen Segel ein, ohne dass sich das Schiff bewegt. In Odessa legt nicht mehr viel an, die einzige regelmäßige Verbindung ist die nach Istanbul, wohin viele Odessiten zum Einkaufen fahren.Der Militärhafen gleicht einem Schiffsfriedhof, und die meisten Seeleute der Stadt arbeiten im Ausland. Auch Kapitän Konstantin Kremlyansky hatte auf einem griechischen Containerschiff angeheuert - bis er wieder dem Ruf der "Druschba" folgte, seiner vielleicht größten Liebe. Und seither sitzt er fest. An Bord riecht es nach Männern und Essen. Kapitän Kremlyansky ist nach Odessa zurückgekehrt, um den Kadetten die Liebe zum Meer zu vermitteln - und um eine halbe Million Euro zu finden, die er braucht, um die "Druschba" wieder flottzumachen. "Das verspielen manche in einer Nacht im Kasino!", ruft er. Es müsse doch möglich sein, ein paar Liebhaber zu finden. Schließlich sei die "Druschba" doch Teil der Seele Odessas. Als wir wieder an Land gehen, ist Natascha ganz still. Und dann sagt sie: "Das ist wahrrre Libbe." Zwischen einem Mann und einem Schiff und Odessa.

Info: Telefon: Vorwahl für die Ukraine: 00380, 48 für Odessa Geld: 1 Euro = ca. 6 Ukrainische Griwna (UAH); 10 UAH = 1,65 Euro Sprache: Russisch spricht praktisch jeder, mit Englisch kommt man gut durch Reisezeit:  Am schönsten ist es Ende Mai, wenn die Akazien blühen - im Hochsommer kann es in Odessa sehr heiß werden. Zeitverschiebung:  Plus 1 Stunde. Einreisebestimmungen: Derzeit ist kein Visum nötig. Anreise: Die polnische Lot fliegt von Berlin oder Frankfurt via Warschau nach Odessa, Austrian Airlines über Wien, Malev über Budapest. Die ukrainische Donbassaero Airlines steuert Odessa direkt ab München an Unterwegs: Im Zentrum von Odessa zu Fuß. Ansonsten reicht ein Taxi, Preis unbedingt vorher aushandeln, denn oft ist das Taxameter nicht vorhanden oder ausgeschaltet. Botschaft Ukraine:  Albrechtstr. 26, 10117 Berlin, Tel. 030-28 88 72 20,

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Odessa, direkt am Schwarzen Meer gelegen, ist Schauplatz großer Geschichte

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