Island: Im Tölt zum Rand der Welt

Islandpferde sind echte Wikinger, robust und unerschütterlich. Die besten Gefährten also für einen Streifzug durch die rauen, verlassenen Fjorde im Nordwesten Islands

Wie ein träges, launisches Fabeltier liegt der Drangajökull über dem Bergrücken, eisgrau und ungeheuerlich. Ein kalter Hauch streicht die Hänge hinunter zum Meer. Bleibt mir vom Leib, scheint der Gletscher zu sagen, hier endet eure Welt. Doch wir sind entschlossen, ihn zu überqueren. Nicht mit Steigeisen und Eispickeln, auch nicht auf Skiern. Sondern zu Pferd. Wir sind zu zwölft: fünf Touristen, sieben Einheimische. Bereit für Islands letzten Treck im alten Stil, ohne Trossfahrzeug also, dafür mit drei Pack- und fünf Ersatzpferden. Für uns ist es ein Abenteuer, für unseren Führer Pórdur Halldórsson dagegen der gewohnte Weg von Laugaland nach Strandir, die seit Jahrhunderten genutzte Verbindung an die Ostküste. Auf ihr schaffte man früher kostbares Treibholz zu Pferd Über den Berg, manchmal auch Särge oder Ruderboote. Das war immer noch einfacher als die gefahrvolle Umrundung der Halbinsel.

Reiten durch Aquarell

Auftakt am Kaldalón-Fjord: 80 Hufe donnern Über den Fahrweg, setzen über den klirrenden, rasselnden, prasselnden Kieselstrand, pflatschen durch die von der Ebbe entblößten Tangwiesen, und schon geht es hinein in die eisigen Fluten, mit Ross und Reiter, mit Sack und Pack. Vorwärts durch die nur für zwei Stunden bestehende Furt, vorwärts, auch wenn es rauscht und spritzt. Am Nachmittag beginnt der Himmel zu triefen, wir reiten durch ein kolossales Aquarell. In der Ferne machen wir die Umrisse eines Gehöfts aus. Doch es erweist sich als ein Geisterhaus. Drinnen künden zerschlissene Tischtücher und leere Bettgestelle von längst vergangener Behaglichkeit, in der Anrichte klebt ein Vogelnest. Einige Reiter wollen die Nacht in dieser Bruchbude verbringen, für die Übrigen errichtet Pórdur nebenan das große Tipi. Rund um einen Kanonenofen, in dem feuchtes Treibholz vor sich hin qualmt, rollen wir unsere Schlafsäcke aus. Bald baumeln Stiefel und Reithosen zum Trocknen im Gestänge. Das Geflüster des Regens lullt uns in den Schlaf.

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Die Reiterkappe auf und weiter, durch die Hahnenfußwisen bei Furufjördur. Auf den Trosspferden: das Zelt, der Kanonenofen

Wer Pferde hat, braucht keine Stege

Strandir bildet den nördlichsten Zipfel der Westfjorde, dieses korallenförmig in Richtung Grönland vorstoßenden Auswuchses. Hier ist Island am einsamsten. Und doch tauchen die Namen mancher Höfe schon in alten Sagas auf. Noch zu Zeiten von Pórdurs Großmutter wohnte in fast jeder Bucht eine Familie. Die Menschen ernährten sich vom Fischfang, zogen etwas Gemüse und hielten ein paar Rinder, Pferde und Schafe. In den 1950er Jahren aber entvölkerte sich die Region, und heute ist Laugaland einer der letzten bewohnten Höfe auf der Halbinsel. Von der Schafzucht allein könnten die Halldórssons heute nicht leben, und so arbeitet Pórdur auch als Postbote und Busfahrer. Dreimal im Jahr zieht der 44-Jährige mit Freunden und Gästen durch die Wildnis. Umreitet acht Tage lang den Gletscher, um ihn am Ende zu überqueren. "Es ist kein Geschäft", räumt er ein, aber ein toller Urlaub, auch für mich."

Auf den Tourismus setzen die Bewohner der Westfjorde geradezu messianische Hoffnungen. Er soll die Gegend vor weiterer Landflucht bewahren, soll Straßen- und Fährverbindungen gewährleisten, Gastronomie und Handwerk stärken und den Bauern zu Nebeneinnahmen verhelfen. Tatsächlich schwoll der Besucherstrom in den letzten Jahren an wie ein Gletscherbach im Sommer, berichtet Pórdur. "Sonst hätten wohl auch wir schon kapituliert." So aber ziehen immer mehr Wanderer, Angler und Paddler hinaus in das prachtvolle Grün der Fjorde. Auch der Wintersport verzeichnet Zuwächse.

Zeternde Raben übernehmen am Morgen den Weckdienst. Erst jetzt sehen wir bis ans andere Ufer, wo scharfkantige Tafelberge im Sonnenschein erstrahlen. Bald wallt Haferbrei im Kessel, die Espressokanne faucht. Gemächlich packen wir unsere Siebensachen, während Pórdur und seine Helfer die Kisten auf die Lasttiere hieven. Im Gänsemarsch folgen wir dem alten, kaum mehr auszumachenden Postweg hinauf auf ein windgepeitschtes Plateau. Einmal stürzte ein Briefträger hier mitsamt seinem Pferd über eine Schneewechte ins Meer, erzählt Pórdur. Würden nicht seine Reitergruppen und ein paar wackere Wanderer diese uralten Wege benutzen, sie fielen der Vergessenheit anheim. Erst durch die Tiere scheint die Landschaft zu sich selbst zu kommen. Ohne die Pferde wäre die Besiedelung der unwirtlichen Insel undenkbar gewesen. Die Steinwüsten des Landesinneren sind zu weitläufig, als dass sie sich zu Fuß durchqueren ließen. Von den Hängen und Hochflächen wiederum rauschen zahllose Gletscherflüsse herab, und doch gab es bis vor 100 Jahren praktisch keine Brücken. Wer solche Pferde hat, braucht keine Stege. Genauso unerschrocken wie die Fjorde durchqueren unsere Pferde in den nächsten Tagen etliche Flüsse, umrunden Klippen in der Brandung und nutzen in sumpfigen Tälern die Bäche als Reitwege.

Meine Goldfüchsin heißt Sunna, die Sonnige. Ihr Ego ist mindestens so ausgeprägt wie ihr Tölt, jene zusätzliche Gangart, für die Islands Pferde berühmt sind. Ein kraftvolles, rhythmisches Trippeln, der Viertakt des Nordens. Vom Boden aus wirkt der Tölt grotesk, für den Reiter jedoch stellt er die bequemste Gangart dar. Es gibt auch noch einen fünften Gang, den Rennpass, bei dem die Pferde abgehen wie geölte Blitze. Doch dafür waren die Strände nicht lang oder mein Mut nicht groß genug. Was den Isländern vermeintlich fehlt, besitzen ihre Reittiere im Übermaß: Feuer. Sie gelten als die spritzigsten und zugleich ausdauerndsten Pferde Europas. Ställe und Tierarzt kennen sie allenfalls flüchtig, dafür verschmähen sie weder Seetang noch Heringe und tölten mit Spikes sogar auf Eis. Sie haben, wie Nationaldichter Halldór Laxness befand, "Wind in den Nerven" und ein unwiderstehliches Mienenspiel: In den schräg stehenden Augen verbirgt sich ein Wissen, das den Menschen nicht gegeben ist, etwas vom Spott der Abgötter, und um Nüstern und Maul ein Lächeln, das kein Filmvamp nachahmen kann."

Frühwach und Allgeschwind

Farblich gibt es die Islandpferde in allen Schattierungen, dennoch bilden sie eine der reinsten Rassen der Welt. Seit 1000 Jahren gilt hier ein Einfuhrverbot für Pferde. Dafür entwickelten sie sich in den letzten Jahrzehnten zum Exportschlager. Gerade auch im deutschsprachigen Raum fand dieser Mythos auf vier Beinen eine begeisterte Gefolgschaft. Jedes einzelne Islandpferd fungiert als Botschafter seiner Kultur, verkörpert alle Wildheit und Romantik dieser Insel. Dem gleichen Wind zu trotzen, den gleichen Matsch zu durchwaten, das stärkt die Bindung zwischen Mensch und Tier. So wie sie unser Leben teilen, so werden wir in ihre merkwürdig missgünstige Welt einbezogen. Wie alle übrigen Pferde besitzt auch Sunna feste Vorstellungen, wer vor und wer hinter ihr zu gehen hat. Noch auf den schmalsten Pfaden herrscht ein ständiges Gerangel.

In der nordischen Mythologie kommen die Rösser gleich nach den Recken. Was wäre Siegfried ohne Gráni, Odin ohne Sleipnir! Selbst die Sonne käme nicht vom Fleck, zögen nicht Frühwach und Allgeschwind ihren Wagen. Versteht sich, dass auch der Tod und die Geister beritten sind. Nachmittags, nach stoischem Ritt über die Hochfläche, liegt schließlich eine grüne, geschützte Bucht vor uns, in der wie hingewürfelt einige Häuschen stehen. Kaffeeduft und Schmalzgebäck erwarten uns bei den Johannessons. Während die Großmutter in der Ecke einen Fäustling strickt, lauschen wir der Familien- Saga. Vor 800 Jahren, erzählt Fridrik, sei das Land um die Bucht urbar gemacht worden, und noch 1940 hätten 100 Menschen hier gelebt, vom Fischfang und der Schafzucht.

Solange alle zusammenhielten, vermochten sie sich zu behaupten. Doch als die Ersten gingen, löste das Netz sich auf." Auch seine Eltern wanderten ab nach Isafjördur. Weil niemand den Hof kaufen wollte, blieb er im Besitz der Familie, und heute nutzt sie ihn als Sommerdomizil. "Die Kindheit hier draußen wirkt wie eine Droge", sagt Fridrik träumerisch, davon kommt man nicht los." Einen letzten Rücken müssen wir noch überwinden, bevor wir im Nachbarfjord vor einem ähnlichen Puppenhäuschen absitzen. Pórdur zaubert einen Schlüssel hervor - es ist unser. Über Nacht kommt echt isländisches Rheumawetter auf: Sprühregen wie aus 1000 Sprinklerdüsen, böiger Wind, schwarze Wolkenbäusche über den Bergen. Am Morgen ziehen wir alles über, was wir haben, stülpen sogar Plastiktüten über die Socken. Mal am Spülsaum entlang, mal Über Pässe und Grate kämpfen wir uns durch eine Landschaft von brachialer Wildheit. Die Ankunft der Wikinger scheint erst noch bevorzustehen.

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Und dann ist es Winter, hoch oben auf dem Drangajökull. Ein steifer Nordwest treibt Schneegriesel über den Gletscher, der in dichten Nebel gehüllt ist. Man sieht das Pferd vor Augen nicht

Ruhetag am Bergsee

Während die Pferde dickfellig dahintrotten, setzen uns Sturm und Regen zu. Früher oder später schlägt jeder leck. Die Aussicht, am Ende im pitschnassen Gras das Zelt aufzurichten, die Klamotten in den Rauchfang zu hängen, nur um am nächsten Tag erneut durchnässt zu werden - diese Aussicht lässt uns fast verzagen. Erschöpft langen wir nach sechs Stunden in Furufjördur an.

Halleluja - auch dieser Sommersitz ist bewohnt, und die Familie gewährt uns schlammbespritzten, schlotternden Gestalten Obdach. Verständlich, dass wir uns am Morgen noch mehr Zeit lassen als sonst. Denn davon haben wir reichlich. Die Mittsommertage hier, sie beginnen und sie enden nicht; die Nacht bildet nur eine vorübergehende Eintrübung, während die Sonne den Horizont touchiert.

Am nächsten Morgen versperrt uns eine 300 Meter hohe Wand den Weg, doch irgendwie kommen wir auch dort hinauf. Oben weiden wir uns am Rundblick Über die Fjorde und den gleißenden Schild des Gletschers. Wie ein Glasauge glänzt ein Bergsee in einer Senke. In Reykjarfjördur, dem Sommersitz der Jakobssons, legen wir einen Ruhetag ein. Gönnen uns ein Bad in einem von heißen Quellen gespeisten Becken und fallen danach in ein seliges Koma. Die Gefräßigkeit der Pferde scheint ansteckend: Wir futtern unseren Gastgebern die halbe Speisekammer leer. Gut, dass das Versorgungsboot bald wieder anlegt. Es wird auch Reykjarfjördurs einzige Erzeugnisse mitnehmen: Bretter.

Die Fjorde von Strandir wirken wie ein riesiger Rechen, der Treibholz aus dem Nordatlantik fischt. Was Sibiriens Ströme ins Meer schwemmen, dient hier seit alters her zum Haus- und Bootsbau, für Packsättel, Kirchenbänke und Zaunpfähle. 60 Jahre schon betreiben die Jakobssons ihr Sägewerk. Stolz spreizt der alte Ragnar seine Finger: "Sind alle noch dran!"

Der 73-JÖhrige zählt zu den Legenden der Westfjorde. Als junger Kerl erkletterte er, Jahrzehnte vor der Erfindung des Freeclimbing, einen als uneinnehmbar geltenden 400 Meter hohen Vogelfelsen. Und wenn drüben an der Westküste etwas gefeiert wurde, preschte er in acht Stunden Über den Gletscher, tanzte bis in den Morgen hinein und ritt dann irgendwie wieder zurück.

Frühstück mit Helmen und Zaunlatten

Ihre Schafe mussten die Jakobssons seinerzeit drei Tage lang zum Schlachthof treiben. Auch wenn sie die Viehzucht längst aufgegeben haben - den Eiderenten steigt Ragnar immer noch nach. Für ein Kilo Daunen muss er 60 Nester erleichtern. Auch Spatel-, Pfeif- und Löffelenten, Raubmöwen und Eistaucher bevölkern die Bucht. Scharen brütender Seeschwalben betrachten das Tal als ihr Revier und stoßen mit ihren Schnäbeln auf alles herab, was sich bewegt. Wir laufen, mit Helmen und Zaunlatten bewehrt, zum Frühstück. Als wir schließlich weiterziehen, flattert die Wäsche waagrecht an der Leine. Das Gras wogt, die Mähnen fliegen. Gierig saugen wir die Bilder in uns ein, der vorletzte Tag hat begonnen. Klirrende Lavafelder wechseln mit hypnotisch grünem Sumpfland. Am Küstensaum räkeln sich schläfrige Robben wie Meerjungfrauen auf ihren Felsen. Abends kommt noch einmal das Zelt zum Einsatz, in dem wir dann selbst wie Kegelrobben dicht an dicht liegen.

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf. Die Überquerung des gut 900 Meter hohen Gletscherplateaus wird mindestens zehn Stunden dauern. Durch eine totenstille Geröllwüste steigen wir auf, höher und immer höher. Ein gespenstisch kalter Wind versucht uns zu verscheuchen. Ein letztes Mal halten wir Rast. Schokotafeln und eine Rumbuddel gehen von Hand zu Hand. Dann erstreckt sich ein trübes Eisfeld vor uns: der Drangajökull. Ein Gletscher von der Größe Hannovers. Munter trotten die Pferde hinein. Sie wissen, es geht nach Hause. Kraft sparend treten sie in die Stapfen ihrer Vorgänger. Bald setzt Schneeregen ein. Wolken, Wind und Eis verschmelzen zu einem ungeheuren, weißen Nichts. Bis zu den Nasenspitzen vermummt, ziehen wir als archaische Kolonne Über den spröden Firn. Pórdur hatte uns am Morgen beruhigt: Spalten bilden sich bei diesem Gletschertyp nur selten, und wenn, dann weiter oben. Doch an einer Stelle schwenken wir in weitem Bogen nach unten ab. Sicher ist sicher. Das rhythmische Andante und das allumfassende Weiß lullen uns ein. Oben, unten, vorne, hinten - bedeutet das noch etwas? Reiten wir geradeaus oder im Kreis? Der Blick verliert sich im Wesenlosen, die Wahrnehmung wird unscharf, die Gedanken zerfließen. Immer ferner rückt die Welt. Monoton verrinnen die Minuten. Immer langsamer schleicht die Zeit. Das große Schwungrad, das alles in Bewegung hält, gerät ins Stocken. Eine erhabene Gleichgültigkeit für alles, was nicht lebenswichtig ist, breitet sich aus. Im Sattel bleiben, Kräfte sparen, nicht erfrieren, nur darum geht es jetzt.

Manchmal bricht eines der Pferde bis zum Bauch ein, fasst aber sofort wieder Tritt. Dann ragen die ersten Felsen aus dem Eis. Wenig später kommt die Sonne durch und zaubert tief drunten eine silbrige Blässe auf unseren Heimatfjord. Nun gibt es kein Halten mehr: In wilder Hatz fegen die Pferde die moosgepolsterten Hänge hinunter, hechten Über Gräben, stürmen durch reißende Schmelzbäche, und so sausen wir denn als eine jubelnde Lawine zu Tal, auf Laugaland zu.

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Manchmal begegnete Autor Stefan Schomann auf seinem Ritt durch die Westfjorde Wanderern. Er beneidete sie nicht: Die Wege sind steinig oder sumpfig. Doch was zu Fuß eine Strapaze sein muss, war zu Pferd ein Genuss

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