Reykjavik: Eine sehenswerte Metropole

Noch vor wenigen Jahrzehnten war Reykjavik ein tristes Nest im Nordatlantik. Heute summt die Metropole vor Kreativität, und Isländer setzen weltweit Maßstäbe, was Kunst, Musik und Lebenshunger angeht. Was ist passiert?

Die Straße nach Reykjavik wirkt, als sei sie nur ein Kratzer in einer endlosen Geröllwüste, der schnell wieder verschwinden wird. Schroffe Berge säumen den Weg und baumloses Grasland; die Landschaft ist erhaben und feindlich. Tief unter dem Boden brodelt es, als sei die Erde bereit, den spärlichen Bewuchs und die Häuser in der nächsten Minute wieder abzuschütteln. An der Oberfläche spielt das Wetter verrückt: Zur Linken liegt die sonnenbeschienene, blaue See, während sich rechts Regenwolken ballen und Sturmböen das Wasser Über die Fahrbahn peitschen. Für Menschen, erst recht für eine Stadt, scheint hier kein Platz zu sein. Schon auf dem Weg vom Flughafen merkt man: Reykjavik ist eine Anmaßung, eine Auflehnung gegen die Natur.

Die zweistöckigen Häuser in der Altstadt sind mit Wellblech verkleidet, windschief und seltsam schmucklos, als könne man jederzeit alles abreißen und woanders wieder aufbauen. Es gibt Städte, die sich herausputzen, die sich mit Boulevards und Triumphbögen schmücken. In Reykjavik sieht man davon nichts. Nur dass die Bewohner sich bewegen, als flanierten sie in der herrlichsten aller Metropolen. Reykjavik ist eine Stadt, die es gar nicht geben dürfte; sie verkörpert im Extrem die einzige Antwort, die der Mensch einer Übermächtigen Natur entgegensetzen kann - Kultur.

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Schirmherrin einer stolzen Insel: Vigdís Finnbogadóttir vor dem alten Nationaltheater, das sie in den 1970er Jahren leitete

Vigdís Finnbogadóttir

"Es gibt eine pulsierende Energie in diesem Land"

Auch das höchste Staatsamt besetzen die Isländer bisweilen auf unkonventionelle Weise: Vigdís Finnbogadóttir wurde in einem Leserbrief vorgeschlagen. 16 Jahre, von 1980 bis 1996, war die unverheiratete Frau Präsidentin des Inselstaates. Eine Sensation: Es war das erste Mal weltweit, dass eine Frau einen Staat lenkte. Finnbogadóttir manövrierte ihr karges Reich behutsam in die Mitte des Zeitenstroms: 1986 trafen sich in Reykjavik Gorbatschow und Reagan zu dem Gipfel, der den Kalten Krieg aufzutauen half. "Meine Wahl zeigt den Charakter der Isländer: Sie sind mutig und trauen sich etwas", sagt Finnbogadóttir. Das gilt auch für sie: Eine Adoptivtochter zog sie allein auf. Heute arbeitet sie für die Uno.

Es war im Jahr 1961, als ein junger und abenteuerlustiger Katalane namens Baltasar Samper beschloss, Barcelona zu verlassen und in den hohen Norden, nach Reykjavik, zu reisen. Er hatte gehört: Ein halbes Jahr Arbeit auf einem Fischtrawler, und man konnte sich ein Häuschen oder einen Straßenkreuzer kaufen. Er wollte arbeiten, Geld verdienen und wieder nach Hause fahren. Er hatte nicht die geringste Ahnung, auf was er sich einließ. Samper traf zu einer Zeit in Reykjavik ein, als das älteste Restaurant der Stadt gerade mal sieben Jahre alt war und es einen fernsehfreien Donnerstag gab, damit auch die Fernsehleute ausspannen konnten; als Alkohol kaum ausgeschenkt wurde und Bier nur mit einem Alkoholgehalt von zwei Prozent erlaubt war. Mehr als 40 Jahre später, im August, warten Baltasar Samper und seine Frau im Mokka-Café auf uns; es liegt in der Skólavördustígur, die von der Hallgrimskirche hinunter auf die Hauptstraße Laugavegur führt. In diesem Café hat sich Sampers Schicksal entschieden, damals. Jetzt nieselt es draußen, vielleicht sind es zehn Grad plus; eine Temperatur, wie sie im Sommer in Reykjavik nicht ungewöhnlich ist.

Baltasar Samper trägt ein hellblaues, gut sitzendes Hemd und eine Baskenmütze, unter der dunkles Haar hervorquillt. Er ist 67 Jahre alt, groß, und wenn er redet, begleitet er seine Worte mit lebhaften Gesten. Kristjana Gudnadóttir sitzt neben ihm, sie ist drei Jahre jünger, eine strahlende Frau mit feinem, blondem Haar, in das sich weiße Strähnen mischen; die beiden kichern oft miteinander und lächeln sich an, manchmal streicht er über ihre Hand. Warum wir Samper treffen? Weil er ein Zeuge ist. Weil er erlebt hat, wie sich Island innerhalb von wenigen Jahrzehnten aus einer Schafzüchtergesellschaft in eine der reichsten Nationen verwandelt hat. Weil er die isländische Mentalität bestens kennt; er hat sie aus nächster Nähe betrachtet, mit den Augen eines Fremden. Er lächelt. "Als ich vor 44 Jahren hergekommen bin, gab es nur einen Katalanen außer mir. Ach ja, und zwei Franzosen und vier Italiener." Und viele Amerikaner.

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Kunst als die bessere Natur: Samper und Gudnadóttir mit Wolfshund und Wolfsbild, Leitstute und Stutenskulptur vor ihrem Atelier

Kristjana Gudnadóttir + Baltasar Samper

"Isländer lieben die Freiheit. Und die Toleranz"

Als Baltasar Samper sich in den 1960ern als einer der ersten Ausländer auf Island einbürgern ließ, war das Laisser-faire noch unbekannt: Der Katalane musste sich für sein Bleiberecht einen nordisch klingenden Namen erfinden. Mittlerweile hat Samper seinen richtigen Namen zurück. Seit 40 Jahren ist der erfolgreiche Maler mit der ebenfalls sehr bekannten Bildhauerin Kristjana Gudnadóttir verheiratet. Ihr Atelier haben die beiden Künstler in einen Hügel gegraben, ganz nah am Meer, dort, wo die Stadt vor der Weite zurücktritt. Denn diese Weite lieben sie: Seit 30 Jahren reiten sie im Sommer über die unwegsame Insel, wenn sich die Wirklichkeit verflüchtigt, verdrängt von der Illusion ewigen Lichts.

Mit ihnen hatte der Aufschwung eingesetzt. Im Zweiten Weltkrieg boten sich die Vereinigten Staaten als Schutzmacht an und errichteten einen Luftwaffenstützpunkt; Dänemark, zu dem Island damals gehörte, war von den Deutschen besetzt.

Die Ankunft der Amerikaner war eine Chance. 1944 wurde Island Republik. Mit den Fremden kamen Geld und Dinge, die man bis dahin nicht kannte. Bald konnten die Isländer die Annehmlichkeiten westlichen Lebens bei sich daheim genießen. Wobei sie sich durch gewisse Vorlieben auszeichneten: Bereits im Jahr 1946 gab es in Island pro Kopf die meisten Badewannen in Europa. Den Moment zu genießen und ihn richtig zu nutzen: Vielleicht verdanken die Isländer diese Einsicht den heißen Quellen, die überall im Land sprudeln. Auch im unwirtlichen Island kann man dank der heiti potturinn oder "heißen Töpfe" immer gemütlich im Warmen sitzen, auch wenn es nur für eine Viertelstunde ist. Ein Sieg über die Widerwärtigkeiten des Wetters, ein Zeichen der Unabhängigkeit, des hoffnungsfrohen Entrinnens, des geschenkten Momentes, seit alters her. Immer wohlhabender wurde das Land. Heute verdienen die Menschen im Durchschnitt mehr als in Deutschland. Und die Hauptstadt wuchs und wuchs; längst hat sie die einstigen Nachbarstädte erreicht, Reihenhäuser und Bungalows, reinlich und weiß, ziehen sich weit hinaus ins Umland, wie bei einer amerikanischen Vorstadt. Gut 170000 Menschen leben in Reykjavik, mehr als die Hälfte aller Isländer.

Und schon lange sind Ausländer wie Samper keine Exoten mehr. 320000 Besucher kommen jährlich nach Reykjavik, die Stadt ist berühmt für ihr Nachtleben. Sich dort aufzuhalten gilt als Statussymbol; die Stadt ist teuer, dabei wirkt sie überhaupt nicht exklusiv. Zu den größten Vergnügen gehört es immer noch, in heißen Quellen zu baden oder, etwas moderner, Golf zu spielen. Baltasar Samper liebt es, zu reiten. An langen Sommertagen sind er und seine Frau auf Pferden unterwegs, irgendwo auf der Insel, wo sich die Wirklichkeit verflüchtigt, verdrängt von der Illusion ewigen Lichts. Samper tauscht einen Blick mit seiner Frau. Und dann erzählt er, wie es kam, dass er für viele Jahre seinen Namen verlor; in einem Land, das zwar gerade den Anschluss an die Moderne gefunden hatte, aber auf Einwanderer nicht vorbereitet war. Als Baltasar Samper nach Reykjavik kam, hatte er keineswegs vor, seinen Namen gegen einen isländischen einzutauschen. Doch dann traf er im Mokka-Café Kristjana Gudnadóttir.

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Mehr als ein Spiegel der Wirklichkeit: Halldorsdóttir mit alten und neuen nordischen Sagen im Antiquariat Bókavardan

Sigrídur Halldorsdóttir

"Die Sommer waren wie ein Traum. Dann kamen die langen Nächte, und die Großeltern haben Geschichten erzählt"

Eigentlich lehrt sie Krankenpflege an der Universität von Akureyri. Aber natürlich, auch die Tochter von Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness schreibt - Gedichte, die weltweit gelesen werden. Dichten ist für die Isländer so lebensnotwendig wie das Lachen. Jeder Zehnte veräffentlicht in seinem Leben einen Text, das ist die höchste Autorenquote der Welt. Literatur war in Island schon im Mittelalter nicht Sache der Kirche, sondern der einfachen Menschen. In langen Nächten zeichneten sie blutrünstige Sagas auf, die anderswo in Vergessenheit gerieten - Weltliteratur vom Ende der Welt.

Die Geschichte ist klassisch: Samper trat mit seiner Gitarre ein, ihre Blicke trafen sich, ein paar Monate später waren sie verheiratet. Kaum waren sie verheiratet, kam das erste Kind. Kaum war das erste Kind da, entschloss sich das Paar, ein gemeinsames Atelier aufzubauen. An diese Windeseile gewöhnte sich Samper schnell. Er lernte: In Island verliert man keine Zeit. Wer Isländer werden wollte, musste einen traditionellen Namen annehmen, das verlangte lange Zeit ein Gesetz. Ein Neuisländer mexikanischer Herkunft wählte genervt den Namen Eilífur Fridur, was nichts anderes als ein Stoßseufzer ist und so viel wie "Ewiger Frieden" bedeutet. Samper wollte sich "Egill Skallagrímsson" nennen. Die Behörden waren empört und lehnten ab: Jener Egill Skallagrímsson war ein ruhmreicher Saga-Poet, da hörte in Island der Spaß auf. Der Katalane wurde schließlich als David B. Gudnason eingebürgert, während seine Frau weiterhin Gudnadóttir hieß; so ähnelten sich die Nachnamen wenigstens. Mittlerweile hat Samper seinen richtigen Namen zurück; er arbeitet in Reykjavik als angesehener Maler. Und er kann es sich nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu leben. Der Freiheitsdrang der Isländer gefällt ihm, und auch ihre Toleranz. Das sei überhaupt eine ihrer auffälligsten Eigenschaften. "Neben der Besessenheit natürlich, ständig ihre Stammbäume zu durchforsten", lästert Samper.

Letztendlich sei auf dieser abgeschiedenen Insel jeder mit jedem verwandt, wenn man ein paar Jahrhunderte zurückgehe. "Alle Isländer denken, sie stammten von den Wikingern ab", sagt er. "Aber die reisten als Seefahrer durch die Welt. Und ihre Frauen? Die vergnügten sich in Wirklichkeit mit den geraubten, keltischen Sklaven." Baltasar Samper lacht, während seine Frau ihm einen Klaps auf den Rücken gibt. Eine Generation später können die Isländer Namen tragen, wie sie ihnen gefallen. Baltasar Sampers Sohn heißt Baltasar wie sein Vater, aber mit Nachnamen Kormákur, er ist 37 Jahre alt und ein bekannter Regisseur.

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Strukturwandel: Als Kind spielte Einar Örn im alten Hafen. Heute rosten hier die Anlagen - Örns Generation ist mit Kultur erfolgreich

Einar Örn

"Ohne Alkohol hätte sich die Stadt nie gewandelt"

Das Lebensgefühl des neuen Reykjavik wurde in den 1980er Jahren geboren - als Einar Örn und die Sängerin Björk zusammen mit ihrer Band Kukl im Hotel Borg auftraten, einem der wenigen Orte, die eine Schanklizenz besaßen. Bis dahin durften Bands nur in Kinos oder Schulen spielen. Erstmals reagierten Rockmusik und Alkohol miteinander und ergaben ein zündfähiges Gemisch, das explosiven Talenten zusätzlichen Schub verlieh. Heute treibt Örn sein Musikprojekt "Ghostigital" voran und betreut Björks Homepage. Zum hysterischen Vorwärtsdrang junger Reykjaviker sagt er: "Viele wollen den schnellen Erfolg und sehen die harte Arbeit nicht."

Er hat die Komödie "101 Reykjavik" gedreht, die vor einigen Jahren ganz Island begeisterte. Was nicht zuletzt daran lag, dass sich Baltasar Kormákur gleich in seinem Erstlingswerk der örtlichen Mentalität angenommen hat. "In einem kleinen Land", sagt der Filmemacher, "geht man die Dinge mit einer gewissen Aggressivität an." Kormákur schlendert die Laugavegur hinunter, die Hauptstraße, vorbei an den kleinen, mit Wellblech verkleideten Häusern. Er verkörpert jene Art von gepflegter, urbaner Nachlässigkeit, die überall die Türsteher beiseite treten lässt; er hat tiefbraune Augen und dunkle, strähnige Haare, hinten zum Zopf gebunden, und trägt eine Jeans. Er hebt die Hand und grüßt, manchmal nickt er, er hat hier viele Freunde. Die meisten kennen ihn von früher, als er noch Schauspieler war. Zuerst, sagt Kormákur, blickte Island auf die Welt, um zu lernen, um aufzuholen. Erst in den vergangenen 20 Jahren hat die Welt begonnen, auf Island zu blicken. Was an der Sängerin Björk genauso lag wie am Gipfel 1986 in Reykjavik, als Gorbatschow und Reagan das Ende des Kalten Krieges einleiteten. Die Isländer wurden immer selbstbewusster. Kormákur muss nicht lange nach Beispielen für den Machbarkeitswahn und die Schnelligkeit der Isländer suchen: Die Uno ruft 1975 das Jahr der Frau aus, und wenig später wird Vigdís Finnbogadóttir als erste Frau der Welt ins höchste Staatsamt gewählt.

Kaum gibt es Kreditkarten, werden sie selbst am Hotdogstand am Hafen akzeptiert. Am Flughafen wird bereits die biometrische Gesichtserkennung eingesetzt. Durch die Straßen der Stadt fahren mit Wasserstoff betriebene Busse. Und während anderswo noch über die Entzifferung des Genoms gestaunt wird, hat Island längst mit der Vermarktung des nationalen Genpools begonnen. Und Baltasar Kormákur? Kaum läuft sein kleiner Film Über Reykjavik in den europäischen Programmkinos, dreht er bereits für Hollywood. "’101 Reykjav’k' war eine Liebeserklärung an diese Stadt, und wie alle Liebeserklärungen ist sie übertrieben", sagt Kormákur, der in Reykjavik vor allem die Energie liebt, die die Menschen in den Sommernächten umtreibt, wenn sich die Unterschiede zwischen Tag und Nacht verwischen und einen das Licht am späten Abend glauben macht, es sei erst Nachmittag.

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Postmoderne Elfe: Orchestermanagerin Hauksdóttir vor der "Perle", einem ehrgeizigen Mischkomplex aus Musueum, Restaurant und Heißwasserspreicher am Rand von Reykjavik

Helga Hauksdóttir

"Heute ist Reykjavik eine wilde Stadt, kosmopolitisch, irrwitzig und grün"

Hauksdóttir, Managerin des Isländischen Sinfonieorchesters, kann es manchmal nicht fassen, wie unglaublich schnell sich ihr Land gewandelt hat. Gerade 15 Jahre ist es her, dass Deutsch oder Englisch zu sprechen abfällig als "Ausländischreden" abgetan wurde. Inzwischen gibt es kaum einen Isländer, der nicht mehrere Sprachen beherrscht. Heute kommen Menschen aus der ganzen Welt nach Reykjavik. "Man erkennt sie sofort an ihren bunten Survivaljacken", sagt Hauksdóttir, "während die Reykjaviker in der neuesten Mode umherlaufen und sich klaglos dem Risiko aussetzen, vom nächsten Regenguss durchweicht zu werden."

"Eigentlich aber geht es darum, wie ich die letzten Jahre verbracht habe - und wo." 101 ist die Postleitzahl der Innenstadt. Längst ist das eine Marke. Läden haben sich danach benannt, seit der Film zu sehen war, und auch ein neues, schickes Hotel an der Hverfisgata heißt so. Kormákurs Film hatte das neue Reykjavik zur Kulisse, das in den letzten Jahren entstanden ist; es ist die ironisch gefärbte Selbstdarstellung einer Stadt voller hedonistischer, hysterischer und leicht bekleideter Menschen. Bei Kormákur knutschen Frauen wild mit Frauen, man zieht T-Shirts hoch oder zieht sie aus und fällt zu hämmernden Beats im Halbdunkel einer Bar übereinander her. Außerhalb Islands staunte das Publikum. Das also ist am Rand des Polarkreises los; so geht es zu in Reykjavik, in der Nacht. Die dämmrige Bar aus "101 Reykjavik" gibt es wirklich, sie heißt "Kaffibarinn" und gehört Kormákur selbst. Er hat sie nach einem Aufenthalt in London eröffnet. Auf den Sofas sitzen meist schon nachmittags junge Leute in Retro-Trainingsjacken und Turnschuhen, jeder Zweite hat ein schneeweißes Laptop vor sich.

In Reykjavik bekommt man schnell den Eindruck, dass jeder ein Künstler sein will, wenn er nicht schon einer ist, und das in mindestens zwei Sparten. Musiker sind gleichzeitig Schauspieler, Komponisten arbeiten als Filmemacher, Bildhauer als Schriftsteller. Ein junger Mann verkauft nachts Hotdogs und verteilt tagsüber selbst geschriebene Gedichtbändchen. Es gibt Arbeiter aus der Fischfabrik, die aus mittelalterlichen Sagas rezitieren können und nur deshalb in ein größeres Haus umziehen, damit sie endlich Platz für ihre Büchersammlung haben. Noch immer kommt der Literatur ein herausragender Platz zu. Kulturdenkmäler haben auf der Insel Über Jahrhunderte nur in Form von Sprache und Literatur existiert. Die Schrift öffnete den Weg in eine unsichtbare, mächtige Gegenwelt, die Vergangenheit und Gegenwart und alle Isländer in einem gemeinsamen Kosmos verband. Jeder zehnte Isländer veröffentlicht im Laufe seines Lebens einen Text. Es gibt hier, relativ zur Bevölkerungsgröße, die meisten Autoren der Welt; das hat den Badewannenrekord längst abgelöst. Die Kunst ist die letzte, die wahre Bastion der Unabhängigkeit und Freiheit, welche die Isländer mit erstaunlicher Konsequenz erobern. Erst half der technische Fortschritt, sich nicht mehr der Natur ausgeliefert zu fühlen; jetzt baut man die herrschaftsfreie Zone aus. Und wenn die isländische Neigung dazukommt, schnell zu sein, begeistert und intensiv, dann wird auf einmal jeder zum Künstler, auch wenn er gar nichts kann, und so entstehen in der kleinen, großen Reykjaviker Welt Berührungspunkte zwischen wirklichem Leben und einer Fantasiewelt; Berührungspunkte, die woanders nicht möglich wären.

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Am Set: Für seinen Film "Trip to Heaven" ließ Kormákur 150 Kilometer südöstlich von Reykjavik eine amerikanische Kleinstadt nachbauen

Baltasar Kormákur

"Gletscher am Tag, Bar in der Nacht. Das beschreibt Reykjavik am Besten"

Schon wieder klingelt das Handy. "Mein Leben macht mich verrückt", sagt Baltasar Kormákur. Welches Leben? Er hat viele: Filmemacher, Schauspieler, Theaterregisseur, Kneipier in der legendären Bar "Kaffibarinn". Hier drehte Kormákur Teile des Streifens "101 Reykjavik", der das Viertel in der ganzen Welt bekannt machte, genau wie die selbstironische Lebensgier von leicht bekleideten, hysterischen Isländern. Der Gewinn aus dem "Kaffibarinn" half Kormákur damals, den Film zu finanzieren. Beim nächsten Projekt ist Hollywood mit eingestiegen: Jetzt dreht er einen Thriller in einer amerikanischen Kulissenstadt südlich von Reykjavik.

Es ist Abend geworden und Wochenende. Zwei junge Frauen, Künstlerinnen natürlich, schlagen vor, eine Freundin zu treffen. Die junge Frau heißt Bryndis, sie wartet im "Kaffibarinn", jener Bar, die auch im Film "101 Reykjavik" eine Rolle spielt; Held Hlynur verbringt dort seine Zeit, wenn er nicht gerade in der Badewanne sitzt und eine Spanierin sich über ihn lustig macht. Bryndis, die dunkle Haare hat wie eine Spanierin, kündigt an, dass ihr Freund noch vorbeischaue. Eine halbe Stunde später ist er da. Man hat das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben, und als Bryndis ihn als Schauspieler vorstellt, wird klar, warum. Er heißt Hilmir Snær Gudnason und spielt den Hlynur im Film; vielleicht war Hilmir auch das Vorbild für Hlynur, wer weiß das schon genau. Es wird spät, es wird unübersichtlicher im "Kaffibarinn".

Immer mehr hedonistische, hysterische und leicht bekleidete Menschen schieben sich durch die Bar. Bryndis macht sich Über Hilmir lustig, obwohl sie nicht Spanierin ist und er nicht Hlynur; natürlich kennt Bryndis Baltasar Samper, wer kennt den nicht, überhaupt kennt in Reykjavik jeder jeden, und alle reden übereinander, ein einziger Klatsch. Und je weiter der Abend fortschreitet, umso mehr beginnt das "Kaffibarinn" zu brodeln, wie im Film. Laute Rockmusik, die Feuertür wird aufgerissen, Menschen drängen auf die Straße, irgendwo in 101 Reykjavik, und bespritzen sich mit Wasser. In all dem Tumult wird ein Piepsen beständig lauter. Bryndis hebt die Hand und stellt den Alarm ihrer Armbanduhr aus. Sie lächelt. Der Alarm komme jeden Tag zur selben Stunde, sagt sie, egal, ob sie frph oder spät zu Bett gehe. Sie könne ohne ihn nicht leben, er ist die Kontrolle, die Herrschaft über die Zeit, und das sei wichtig für eine Frau, die den Zwängen des Alltages und den Bedürfnissen eines kleinen Kindes unterworfen ist. Es ist eine Anmaßung, eine Auflehnung. Bryndis will immer wissen, wann Mitternacht ist.

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