Guatemala: Riten und Rätsel der Maya

Sie waren einzigartige Architekten und brillante Astronomen. Ihre Zivilisation fasziniert bis heute. Unser Autor Jürgen Schaefer reiste auf ihren Spuren durch Guatemala, besuchte ihre Ruinenstädte im Regenwald - und begegnete einer überaus lebendigen Kultur
9e13a918e0e056c0d01ba885d133ea57

Tikal, eine der untergegangenen Maya-Städte im Dschungel

Die rote Kerze flackert, Avelino legt seine Stirn in Falten. Er senkt die Adlernase, betet inniger. Die rote Kerze steht für Blut, für das Leben; wenn sie verlöscht, droht Unheil. Die Marimbaspieler schlagen seit einer halben Stunde die immer gleiche Melodie, und kein Mensch in der rußdunklen Hütte hat ein Wort gesprochen, seit Avelino angefangen hat zu beten. Sechs Kerzen bilden einen Kreis um die Opfergaben aus buntem Mais: die blutrote Kerze und die grüne, die Mutter Erde symbolisiert; die blaue für den Schöpfer, das Herz des Himmels; die gelbe für die unerfüllten Wünsche; die weiße für die Luft, die wir atmen; und die schwarze, die alles Unheil verbrennen soll und die deswegen als erste verlöschen muss.

Das stolze Volk ist Geschichte

Während die Kerzen noch brennen, tapsen sechs Frauen aus dem Dorf barfuß um den Opferkreis und schwenken tönerne Weihrauchgefäße. Dreimal gehen sie im Kreis herum, dann hinaus aus der Hütte in die Nacht. Sie wollen die Geister einladen. Die Herren der belebten und unbelebten Natur sollen sehen, welche Mühe sich Avelino gemacht hat. Am frühen Morgen hatte er im Regenwald Blüten gesammelt für den Gottesdienst. "Seit zweitausend Jahren bitten wir Maya mit diesem Ritual um Schutz vor den Gefahren des Waldes, vor dem Jaguar", sagt Avelino. "Das ist unsere Verbindung zu den Vorfahren. Zum mächtigsten und stolzesten Volk, das je in diesen Wäldern gelebt hat", erklärt er und bläst die schwarze Kerze aus.

f8e3f8eb57824d0e6e64aa355ab23017

Jedes Dorf hat eigene Muster; diese Frau trägt die Tracht von Santa Catarina Palopó

Das stolze Volk ist Geschichte. Mehr als ein Jahrtausend lang beherrschten die Maya die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika. Als die übrigen Einwohner des Kontinents in Hütten und Zelten hausten, bauten die Maya Pyramiden, Paläste und große Städte. Bis ihre Hochkultur vor tausend Jahren innerhalb weniger Jahrzehnte unterging, die Gottkönige verschwanden, der Wald ihre Tempel überwucherte. Das mysteriöse Volk im Regenwald fasziniert bis heute. Hunderttausende Reisende zieht es auf den Spuren der Maya jedes Jahr nach Mexiko und Guatemala. Auf der Halbinsel Yucatán lassen sich die Spuren von zwei Jahrtausenden Maya-Geschichte nachvollziehen - von der Museumsstadt Tulúm, die über dem türkisfarbenen Karibikmeer thront, zu den versunkenen, tief im Regenwald verborgenen Metropolen Tikal und Palenque bis zum bunten Altiplano Guatemalas, dem Hochland, wo die meisten der heute rund sieben Millionen Maya siedeln.

Einige leben noch wie ihre Vorfahren im Regenwald: Avelino Chub Rax zum Beispiel, der Q’eqchi’-Priester mit der Adlernase, der im Süden Guatemalas eine kleine milpa bewirtschaftet, ein Maisgärtchen mitten im Wald. Jeden Monat nehmen einige Dutzend Touristen den Weg zu Avelinos Dorf Quehueche auf sich, besteigen erst das Taxiboot über den Río Dulce, einen breiten Strom, der in das karibische Meer mündet. Die einstündige Fahrt führt durch einen tropischen Busch aus Seerosen und Mangroven, vorbei an Vogelinseln mit Kormoranen, die eine Handbreit über dem Wasser neben dem Boot herfliegen. Am Ufer reihen sich Holzhütten auf Stelzen. In den Seitenarmen des Flusses paddeln scheue Maya-Kinder im Einbaum am Ufer entlang. Mädchen planschen bei einer Quelle.

Vom Bootssteg führt ein Weg über Baumwurzeln und sprudelnde Bäche zum Dorf. Eine Stunde gehen die Gäste unter einem Blätterdach, das keinen Sonnenstrahl durchlässt, bis sich eine Lichtung öffnet. Vierzig Häuser verteilen sich auf ihr, dazu ein kleines Gästehaus. Das Leben der Menschen in Quehueche unterscheidet sich kaum von dem der Maya, denen die Spanier auf ihren ersten Reisen in die neue Welt begegneten: Aufstehen vor Sonnenaufgang, dann machen die Frauen Feuer, mahlen Mais, backen Tortillas. Nach dem Frühstück schnallen sich die Männer ihre Macheten an die Gürtel und gehen zu ihren Maisfeldern. Dort verbringen sie die meiste Zeit des Tages damit, den Regenwald zu zähmen, das Monster aus Bäumen, Lianen und Farnen, das jeden Tag wieder ihre Felder überwuchern und verschlingen will.

In der Krone wohnen die Götter

Zu Avelino kommen sie, um Schutz zu erbitten gegen die Gefahren des Waldes, gegen den Jaguar. Vor ein paar Jahren strich einer ums Dorf und holte sich jede Nacht ein Ferkel. Vergeblich stellten sie ihm nach. Schließlich rief Avelino das Dorf zur Messe. Aus den Blütenblättern der gelben flor de la muerte, der Todesblume, streute er einen Kreis auf den Boden. Er verteilte Blüten von der weißen "Blume der Jungfrau" und der blutroten "Krabbenblume", er entzündete Kerzen. Die Frauen trugen die Weihrauchgefäße in den Wald. In der nächsten Nacht erlegte Oscar Romeo Coy mit einem einzigen Schuss den Jaguar.

563d91df06a7e72a6eabe7f5d05e9f14

Junge Bauern in Sololá tragen stolz ihre Ponchos mit traditionellen Mustern

a3f22d04a39892f353906085120ce63f

Eine Collage aus Farben, Mustern und Aromen: Chichicastenango ist der prächtigste aller Maya-Märkte

Die elegante Großkatze ist heute nur noch selten in den Wäldern Guatemalas zu finden. Am besten stehen die Chancen noch im Naturpark im Norden des Landes, an der Grenze zu Mexiko, wo der letzte große Regenwald Zentralamerikas unter Schutz gestellt wurde. Hunderte Vogelarten leben in dem grünen Refugium, wo Farne und Gummibäume haushoch wachsen, überragt nur von der Ceiba, dem heiligen Baum der Maya, der die Aufteilung der Welt nach ihrem Glauben symbolisiert: Seine Wurzeln sind tief in der Unterwelt verankert, in der ausladenden Krone wohnen die Götter.

Hierher, in die heutige Provinz Petén, hatte sich vor gut 150 Jahren der Gummisammler Ambrosio Tut verirrt, auf der Suche nach ausgewachsenen Sapodilla-Bäumen, deren Harz - chicle - zur Herstellung von Kaugummi diente. Mitten im Wald stieß er auf eine versunkene Maya-Metropole, die seine Fassungskraft überstieg: Auf einer mehrere Quadratkilometer großen Fläche wuchsen bis zu siebzig Meter hohe Hügel auf, nahezu komplett überwuchert. Vereinzelt waren steinerne Reliefs auszumachen - Fratzen, Krieger, Jaguare. Ambrosio Tut hatte die großartigste der alten Maya-Städte wiederentdeckt: Tikal.

Tagelang verlieren

Bis heute verdeckt die Vegetation einen großen Teil der Ruinenstadt; gerade das macht die Suche nach ihr so reizvoll. Wer zu den Heiligtümern Tikals vordringen will, wandert auf schmalen Urwaldpfaden unter einem Blätterdach, in dem Kakadus und Papageien flattern, bis das Grün sich teilt und den Blick freigibt auf die Gran Plaza, ein gut erhaltenes Ensemble: An den Schmalseiten ragen zwei Pyramiden mit steilen Treppen in den Himmel, mit Reliefs und Stelen geschmückte Paläste rahmen die Längsseiten ein. In Tikal kann man sich für Stunden, wenn nicht für Tage verlieren. Immer neue Tempel entdeckt man, deren Spitzen weit über die Baumkronen hinausragen. Von der Plattform der Pyramide "Mundo Perdido" (Verlorene Welt) lässt sich die Anlage komplett überblicken. Bis zum Horizont dehnt sich ein Blättermeer, aus dem dunkle Tempelzinnen ragen. Unter dutzenden von Hügeln liegen weitere Maya-Städte verborgen - unberührt seit mindestens tausend Jahren.

Auch 150 Jahre nach den ersten Grabungen geben die Maya noch Rätsel auf. Bis heute arbeiten Forscher daran, ihre Bilderschrift zu dechiffrieren. Von den tausenden Handschriften haben nur vier Faltbücher - Codices - die spanische Kolonisierung überstanden, alle anderen Maya- Bücher wurden verbrannt. Wer waren diese Menschen, die offenbar glaubten, Gott habe sie aus Mais erschaffen? Die mit Steinwerkzeug arbeiteten und das Rad nicht nutzten, aber den Lauf der Sonne präzise vorhersagen konnten?

"Sie waren Meister darin, einen Menschen auf hundert verschiedene Arten in die Unterwelt zu befördern, so viel ist sicher", sagt Varinia Matute, während sie sich über Bruchstücke morscher Knochen beugt. "Da, die Schnittspuren am Schlüsselbein stammen vermutlich von einem Messer aus Obsidian oder Feuerstein", erklärt die Archäologin. "Und hier die beiden Halswirbel - glatt durchtrennt! Sie haben ihrem Opfer wohl erst ein paar Längsschnitte an der Schulter beigebracht und ihm dann den Kopf abgeschnitten." Varinia Matute arrangiert die Knochen auf einem Holztisch zum Skelett. Vor zwei Tagen hatten ihre Gehilfen die Gebeine eines Maya-Fürsten aus einem Brunnenschacht der Ruinenstadt Nakum geholt, 30 Kilometer östlich von Tikal. Nun versucht die 29-jährige Archäologin anhand seiner Überreste mehr über das Leben des ungefähr 25 Jahre alten Mannes zu erfahren - und über die Umstände seines Sterbens. Der Tod, sagt die Forscherin, war für die alten Maya so wichtig wie das Leben: "Die Endlichkeit des Daseins ist der Grund dafür, dass die Maya das alles hier erschaffen haben", sagt sie und deutet auf die Ruinenstadt: "All diese Tempel, Pyramiden und Paläste sollten ihr kurzes Leben überdauern." Bisher ist von dem Ganzen allerdings kaum mehr erforscht als das, was unter ein paar baumbestandenen Hügeln liegt.

Schönster Ort der Erde

Die Arbeit der Forscher heute unterscheidet sich wenig von der ihres legendären amerikanischen Kollegen Edward H. Thompson, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Chichén Itzá, im benachbarten Mexiko, zu graben begann und auf Spuren einer blutigen Opferkultur stieß. Um nach Nakum zu gelangen, ist Varinia Matute auf einen Waldpfad angewiesen, der zur Regenzeit nur auf dem Rücken eines Esels zu bewältigen ist. Im Dschungel drohen Denguefieber und Malaria, bewaffnete Grabräuber und Giftschlangen. Besucher kommen meist im Geländewagen, manchmal zu Pferd. Der authentische Einblick in die Arbeit der Archäologen macht die Strapazen der Anreise bei weitem wett: In Nakum lassen sich alle Stadien einer Ausgrabung nachvollziehen, vom unberührten Hügel bis zum freigelegten und restaurierten Tempel.

bfa7a789e4ecbcca213379a797c27c28

Reisenden, die den Volcán de Agua besteigen wollen, machen gern Station im nahen Santa María de Jesús, wo sie - falls erforderlich - auch eine Apotheke vorfinden

Nakums Blüte dauerte wohl nur hundert Jahre. Warum die Hochkultur innerhalb weniger Jahrzehnte unterging, ist bis heute ein Rätsel. Varinia Matute glaubt, dass die Städte einen ökologischen Kollaps erlitten. Mehr als eine Million Menschen sollen in der Region gelebt haben; ständig lagen die Städte miteinander im Krieg. Abholzung und Maisanbau ließen den Boden erodieren, Flüsse versandeten - Dürrejahre könnten zu Hungersnöten geführt haben. Vielleicht jagten die verzweifelten Menschen ihre Könige und Priester zum Teufel, gaben ihre Städte auf und zogen sich in den Wald zurück. Heute leben die meisten Maya auf der Hochebene im Süden Guatemalas, dem Altiplano. Der Tourismus gehört hier zu den wichtigsten Einnahmequellen, vor allem rund um den Atitlán-See. Wer am frühen Morgen die erste Fähre von Panajachel nach Santiago über den noch stillen See nimmt, dem eröffnet sich ein grandioses Panorama: Drei Vulkankegel mit grünen Krägen recken sich aus dem dunklen See tausend Meter hoch in den azurblauen Himmel. Der britische Schriftsteller Aldous Huxley rühmte den See als "schönsten Ort der Erde".

Bunte Tradition

Wie früher leuchten die Dörfer im Altiplano auch heute wieder in den Farben der bunten Trachten, der huipiles -Blusen, Stolen und Haarbänder, in die Abbildungen von Tieren und Menschen eingewebt sind. Jedes Dorf hat seine eigenen Muster. Fast wären die farbigen Gewänder verschwunden - im guatemaltekischen Bürgerkrieg wurden sie immer seltener gefertigt. Dann kamen Ausländer wie die Amerikanerin Candice Krummel, die sich für die Maya-Tracht begeisterten. Sie gaben dem Weben neue Perspektiven. Krummel ließ sich vor dreißig Jahren am Atitlán-See nieder, und begann, die Kunst des Schlaufenwebens neu zu beleben. Knapp hundert Frauen leisten für sie Heimarbeit. Schon die Handwerkstechnik ist kunst- und anspruchsvoll. Manche Fäden werden an einem Baum befestigt, andere um die eigene Hüfte geschlungen - das will gelernt sein. "Das Handwerk reicht bis zu den Anfängen der Maya- Kultur zurück", erzählt Candis Krummel bei einer Tasse guatemaltekischem Espresso im Garten ihres Webereimuseums in Santiago Atitlán. "Schon die ersten überlieferten Schriften erzählen von Weberinnen. In der Sage heißt es, dass die Götter erst einen Rahmen schufen, in den sie dann Zeit, Sterne und die Erde einwoben." Die Hemden, Taschen und Hosen, die Candis Krummels Frauen im zweiten Arbeitsschritt aus den Stoffen fertigen, verkauft die geschäftstüchtige Hobby-Ethnologin bis nach Japan.

Die Weberin Petronila Zapalu Pop kennt die Geschichte hinter ihrer Kunst nicht, und um die alten Schriften zu verstehen, müsste sie erst lesen lernen. Doch die 58-Jährige sagt, das Weben habe ihr das Leben gesichert, damals vor 20 Jahren, als ihr Ehemann im Bürgerkrieg verschwand. Petronila wob Schals und Umhänge, Hosen und Hemden. Acht Kinder hatte sie zu versorgen. Die kleinste Tochter war gerade drei Monate alt: Pausen machte Petronila nur zum Stillen. Dann wob sie weiter Decken, mit Diamanten und Hirschen als Dekor, und wenn sie kaum mehr konnte, bestickte sie Hosen mit bunten Vögeln.

Eine gute Weberin braucht Wen Awanm, sagt Petronila, die wie viele Maya kein Spanisch spricht, nur ihre Sprache, Tzutuhil. Wen Awanm könnte man mit "Geduld" übersetzen, aber das Wort stellt sie nicht zufrieden: Eine gute Weberin müsse "im Herzen Ruhe haben", korrigiert sie. Damit habe sie es zu etwas gebracht, habe hinter der alten Hütte anbauen können. Vier ihrer Söhne sitzen heute an modernen Nähmaschinen, die unablässig surren. Jeden Donnerstag schnürt Pascual, ihr Ältester, die Ware zu einem mannshohen Ballen und schleppt ihn hinunter zum See. Auf dem Weg kehrt er in der Kirche ein und bittet um Gottes Segen für seine Reise nach Chichicastenango und um gute Geschäfte auf dem buntesten und wildesten Maya- Markt Lateinamerikas.

"Gott ist bei uns"

Während Pascual betet, betritt ein kräftiger, untersetzter Tzutuhil das Gotteshaus, holt drei Dutzend weiße Kerzen aus einer Plastiktüte, die er um den Altar aufstellt und entzündet, sinkt kurz vor dem Reliquienschrein auf die Knie, klopft danach dreimal auf sein Holz und tritt ruhigen Herzens wieder ins Freie. Das muss der Busfahrer sein, der Pascual am Abend noch nach Chichicastenango bringt. Wie, wenn nicht im unerschütterlichen Glauben an Gottes Beistand, kann er es auf dieser Fahrt wagen, in einer Kurve zu überholen, auf einem Sträßchen, das kaum einem Fahrzeug Platz zu bieten scheint? Wie, wenn nicht mit himmlischem Vertrauen, kann er es riskieren, sich trotz Gegenverkehrs an dem Gefährt vor ihm vorbeizuschieben? Und wie nur kann er den alten, gelben Schulbus so um die Ecken der Steilstraße knüppeln, dass die Reifen quietschen und die Radkappen scheppern - wenn nicht in der Gewissheit, dass ihm ein Schutzengel den Weg freihält?

"Gott ist bei uns", steht auf einem Schild an der Windschutzscheibe. Reisende, die zusteigen, zieht der Beifahrer an den Haltestellen in den Bus. In den Kurven gackern die Hühner in ihren Kisten auf dem Dach. Die Fahrgäste ertragen den Höllenritt mit stoischer Ruhe, viele mit geschlossenen Augen, als ob sie schliefen. Wahrscheinlich beten sie. "Yolanda" hat der Fahrer seinen Bus getauft, dessen Heck ein weiterer Spruch schmückt: "Liebling, wenn ich nicht wiederkomme, taufe den Jungen José."

773c1c49845e7740b31ce5241e7b20d6

Wie die Urväter: Maya-Jungen steuern ein Kanu über den Atitlán-See - der bevorzugte Verkehrsweg in der Region

In Farben ertrunken

Die Nacht über bauen die Händler in Chichicastenango den Markt auf, im Morgengrauen lodern Holzfeuer in den Feldküchen, in den Töpfen brodelt Hühnersuppe. Über den Platz schallt das Händeklatschen der Bäckerinnen, die aus Maisbrei Tortillafladen formen und auf das heiße Blech legen. Mit dem Sonnenaufgang kommen die ersten Kunden. Die Händler haben Tücher, Hüte und gebrauchte Mobiltelefone ausgebreitet, Puppen und Schuhe, Mangos, Orangen und Melonen, getrocknete Fische und frische Krabben, eine so bunte Präsentation, dass die Stadt in Farben zu ertrinken scheint. "Seht her, was ich mit diesem Geldschein mache", ruft ein Verkäufer und ist sofort umringt, er wäscht das lappige Ding mit einer grünen Flüssigkeit ab, worauf der Schein wie neu aussieht - wahrscheinlich hat er ihn unbemerkt gegen einen anderen ausgetauscht. "Was meint ihr, was diese Flüssigkeit mit eurer Arthritis macht", ruft er, "mit euren Herzbeschwerden!" Gierig trinken die Zuschauer den giftgrünen Sud, als er kleine Plastiktüten mit der Flüssigkeit verschenkt.

Vor der Kirche Santo Tomás gehört der Markt den Kräuterfrauen, sie verkaufen Blumen und Samen, Weihrauch und Grünzeug, Masken und rußende Kerzen. Steinerne Treppen, die einst zu einem Tempel gehörten, führen zum Hauptportal der 1540 errichteten Kirche. Fortan strömten die Maya brav in die Kirche, doch statt den Litaneien der katholischen Geistlichen zu folgen, lauschten sie dem Flüstern der Maya-Priester. Heute trägt Jesus einen Rock aus buntem Stoff und Maria eine huipil-Tracht, doch den Gekreuzigten würdigen die Gläubigen keines Blickes. In der Mitte der Kirche, über dem Altar des einstigen Maya-Tempels, haben sie sich ins Gebet vertieft. Nur Kerzenschein erhellt den Raum, die spanischen Gemälde an den Wänden sind längst unter einer Rußschicht verschwunden.

Des Jaguars Geisterstadt

Am nächsten Morgen treibt Nebel über die Berge, ein Vorzeichen der Regenzeit. Chichicastenango erwacht, noch müde nach dem Trubel des Marktes, die Kirche wirkt abweisend, die Menschen distanziert. Hier im Altiplano werden Fremde nur geduldet; nach fünfhundert Jahren Ausbeutung und Unterdrückung wissen die Maya aus Erfahrung, dass sie allenfalls ihresgleichen trauen können. Nur noch sechs Jahre wird die Knechtschaft der Maya dauern, glaubt Oliverio Mateo, 32. Der Maya nutzt seinen Job im Tikal-Nationalpark auch dazu, durch die Heiligtümer seiner Vorfahren zu streifen. Unter dem Blätterdach ist es schon Nacht, als er sich im Licht der Stablampe einen Weg bahnt. In den Wipfeln der Gummibäume streiten sich Klammeraffen zeternd um die Nachtplätze. Tukane hocken müde auf den Ästen, die Schnäbel im Federkleid verborgen.

Tikal wird in der Stunde des Jaguars zur Geisterstadt. Schwarz heben sich die Ruinen der Pyramiden gegen den Himmel ab. Die Gran Plaza, tagsüber erfüllt vom Geschrei der Papageien, ist so still, dass Oliverio seine Schritte von den Wänden der Paläste widerhallen hört. Der junge Maya erklimmt die Stufen zum Tempel IV, gerade als das Falkenpärchen zurückkehrt, die Tempelkrone umkreist und in der Mauerhöhle verschwindet. Fledermäuse steigen aus den Ruinen auf. Als Oliverio die Zinne erreicht, weit über den Wipfeln der Bäume, grüßt in der Ferne ein Brüllaffenpärchen mit langgezogenen asthmatischen Schreien. Hier oben darf Oliverio träumen. Haushoch über dem Dschungel haben Welt und Zeit für den jungen Maya keinen Anfang und kein Ende mehr. "Am 21. Dezember 2012, nach mehr als fünftausend Jahren, endet die Zählung unseres Kalenders", sagt er. "Keine Kultur hat je so viel Zeit und Energie auf ihren Kalender verwendet wie die Maya. Am Tag, an dem die Zählung endet, wird etwas Großartiges passieren." Oliverio, der in einem Straßendorf nahe der Ruinenstadt lebt, sieht sein verlorenes Weltreich wieder auferstehen: "Die Maya haben schon Pyramiden und Paläste gebaut, als die meisten Menschen auf der Erde noch in Hütten hausten. Unsere Zeit wird wiederkommen."

GEO Reise-Newsletter