Ägäis: An den Küsten der Aphrodite

Seit der Antike liegen die Halbinseln Reşadiye und Bozburun in der türkischen Ägäis im Dornröschenschlaf - wer sich nach Stille und Beschaulichkeit sehnt, ist hier genau richtig
In diesem Artikel
R E Ş A D I Y E im 20. und 21. Jahrhundert
B O Z B U R U N im Mai 2005 n. Chr.
Info

K N I D O S im Mai 150 v. Chr.

Ein wolkenloser Morgen, 23 Grad, laue Brise aus West, im Handelshafen liegen 28 Segelschiffe. Der Weinhändler und Großgrundbesitzer Epaphroditos nimmt sich aus einer tönernen Schale ein paar Nüsse und getrocknete Früchte. Ein erstes, bescheidenes Frühstück. Dann verlässt der Grieche seine Villa, geht den gepflasterten Weg bergab, vorbei an kleinen Gärten, in denen Thymian-, Rosmarin- und Mastixbüsche stehen. Der Tag verspricht ruhig zu werden. Erst will Epaphroditos zu seinen Buchhaltern an der Agora reiten, später mit einem Sklaven zu seinen zwölf Kilometer entfernten Ländereien, wo er Weine anbaut und lagert; morgen werden sie in 32 Liter fassenden Spitzamphoren nach Athen, Rom und ans Schwarze Meer verschifft. Gemeinsam mit seinen Winzern prüft er gegen Mittag nochmals die Qualität. Schon jetzt freut er sich auf das Treffen mit Freunden am Abend, auf die Hetären und auf den gewürzten und mit Honig gesüßten Wein. Schöne Aussichten.

D A T Ç A im Mai 2005 n. Chr.

Inçemehmet ist ein kleiner, stets fröhlicher Mann, 75 Jahre alt, verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Nach dem Aufstehen schaut der Fischer in den Spiegel, die Rasur kann bis morgen warten. Inçemehmet zieht sich ein kariertes Hemd über, steigt in braune Hosen, trinkt seinen ersten Tee. In der Küche bricht er ein Stück Weißbrot vom ovalen Laib, nimmt etwas Schafskäse und ein paar Gurkenscheiben. Es ist angenehem warm. Pfeifend schlendert Inçemehmet durch die Gassen von Datça, hin und wieder bleibt er stehen und schaut versonnen den jungen Frauen nach. Am Fischerhafen steigt er in sein Boot, am Horizont schält sich die 15 Kilometer entfernte griechische Insel Symi aus dem morgendlichen Dunst. Heute Abend wird er Fisch grillen; was vom Fang übrig bleibt, schenkt er seinen Freunden. Verkaufen will er nichts. Inçemehmet ist nicht reich, es geht ihm viel besser: Er ist mit seinem Auskommen zufrieden. Über 2000 Jahre und 30 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den Welten des Weinhändlers und des Fischers. Das einst so prächtige Knidos ist verfallen, Reste von Tempeln, Altären, Theatern und eine der größten Nekropolen der antiken Welt erzählen von der großen Vergangenheit, die im 7. Jahrhundert nach den Eroberungsfeldzügen der Araber endete. Schwere Erdbeben haben die Stadt dann vollends zerstört. Heute trägt die 100 Kilometer lange und an manchen Stellen nur wenige Kilometer breite Halbinsel an der türkischen Südägäis den Namen Res¸adiye. Fast alles hier hat sich verändert - nur die heitere Lebensart ihrer Bewohner hat die Zeiten überdauert.

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Früher war Bozburun ein Schmugglernest, heute legen Yachten an; die Segler suchen im Schatten der Moschee die Leichtigkeit des dörflichen Seins

K N I D O S 200 v. Chr. bis 200 n. Chr.

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Mit 20.000 Einwohnern war Knidos die Metropole der Region, die Ärzteschule machte sie zu einem geistigen Zentrum der Antike. Bis heute künden die Ruinen des Amphitheaters oder die Details der prunkvollen Nekropole vom einstigen Wohlstand

Die wohl 20 000 Einwohner zählende Großstadt während ihrer Blütezeit: Die renommierte Ärzteschule gilt als das medizinische Zentrum Griechenlands, der Handel mit vorzüglichen Weinen, Essigen und Olivenöl floriert. Wie auch das Geschäft mit dem Tourismus. Die Metropole steht im Ruf, recht freizügig zu sein, jedenfalls wirbt sie mit Erotik: Ihr Wahrzeichen, die Marmorstatue der Aphrodite, zeigt die Göttin erstmals völlig entblößt. Eine Sensation, die manchen Segler weite Umwege machen lässt. "Wir beschlossen, in Knidos Anker zu werfen, um uns das Heiligtum der Aphrodite anzuschauen ", schreibt der römische Schriftsteller Lucianus. "Auf einem Spaziergang durch die Stadt mussten wir über die unanständigen Tonfigürchen lachen, die man hier überall antrifft". Vorbei an "Buden für diejenigen, denen eine fröhliche Zeche gefällt", führt der Weg zur Marmorstatue der Göttin: "Kein Gewand bedeckt sie, man sieht ihre ganze Schönheit, nur eine Hand deckt verstohlen die Scham."

R E Ş A D I Y E im 20. und 21. Jahrhundert

Die Halbinsel liegt im Schatten hoher, zerklüfteter Bergmassive, Welten entfernt vom anatolischen Hinterland. Erst 1938 wird eine schmale und bei Regen höchst gefahrvolle Piste in den Fels getrieben, auf der nur zweimal die Woche ein Postwagen verkehrt. Isoliert ist Reşadiye dennoch nicht. Die Bewohner pflegen intensiven Kontakt zu ihren einst italienischen (1912-1947), dann griechischen Nachbarn auf den Inseln Kos, Tilos, Symi und Rhodos. Und seit zehn, zwanzig Jahren auch zu Touristen. Erst waren es Rucksackreisende, die auf abenteuerlichen Wegen in diesen vergessenen Winkel kamen, dann legten Segler an und verbrachten hier ihre Ferien. Neuerdings kommen auch Urlauber mit dem Auto über die neu ausgebaute Straße; Unterkunft finden sie in den kleinen, preisgünstigen Hotels und Pensionen von Reşadiye.

Inçemehmet stellt den Schiffsmotor ab, weit draußen in der tintenblauen Bucht von Datça. Die Leinen mit den Tintenfischködern sind gelegt. Der Fischer breitet Paprika, Pfirsiche und Brot auf einer alten Zeitung aus, gießt 40-prozentigen Raki in Plastikbecher und kippt Wasser dazu: "Serefe", Prost. Nach einem großen Schluck beginnt er auf seinem hellblau gestrichenen Boot leise zu singen: "Die Priester nennen ihn Todsünde / Den Wein der Liebe / Ich schenke ein und trinke / Die Sünde ist mein, und sie geht niemanden was an / Mein Freund, mein Freund / Die Sünde ist mein, und sie geht niemanden was an." Natürlich hat Inçemehmet eine passende Erklärung für die Sünde; nicht für die der Liebe, aber für die - zumindest bei Moslems - des Weines: Der hohe Sauerstoffgehalt in der Luft verlange nach einer regelmäßigen Dosis Alkohol, erklärt er lachend. Urlauber auf Reşadiye werden den offenherzigen Umgang mit Alkohol für bemerkenswert halten, aber die weltferne Gemeinschaft hier richtet sich seit alters her nach eigenen Gesetzen. Über Kriminalität oder religiösen Fanatismus liest man nur in der Zeitung. Frauen stillen ihre Kinder ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit, auch gehen sie seit Jahrzehnten im Bikini baden - was sich offenbar gut verträgt mit den traditionellen Werten, nach denen die Dörfer ansonsten leben: Gärten etwa stehen allen offen, wer ein paar Orangen braucht, pflückt sie sich im Hain des Nachbarn. Reşat Yümnü Oktar, 51, ist Archäologe, Anthropologe, Wirt und Lebenskünstler. Seit zwölf Jahren besitzt er in Datça ein Lokal, weil er "leidenschaftlich gern trinkt, isst und kocht - und zwar genau in dieser Reihenfolge". Res¸at spricht fließend Englisch, Deutsch und Latein - Akkadisch, Assyrisch, Sumerisch und Hethitisch kann er lesen und schreiben. Ab und zu führt er Touristen durch die Ruinenstadt Knidos. Heute Morgen hat er zwei Engländerinnen vor steinerner Kulisse vom Alltag der Knidier erzählt. Jetzt sitzen die beiden in der Abendsonne im Garten seines Restaurants. Der kochende Archäologe preist das Gericht des Tages an, "Zwiebelgemüse Apicius" und "Lamm nach antiker Art". "Wir würzen das Ganze mit Fischsauce, ein Gericht aus dem alten Griechenland. Leider ist es wegen seines Geruchs weitgehend von den Speisekarten verschwunden."

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Die schönsten Fleckchen der Gegend? Tagsüber, sagen die Einheimischen, ist es der Aquariumstrand bei Palamutbükü, abends das Restaurant "Manzara" - samt weitem Blick über die Bucht von Sögüt. Dazu serviert Wirtin Irena fangfrischen Fisch

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Das Tal von Taslica ist eine Welt für sich. Obwohl keine 50 Kilometer von den großen Ferienzentren entfernt, ist der Lebensrhythmus ländlich und bescheiden geblieben. Im Dorf tun sich die Familien alle zwei Tage zusammen, um gemeinsam Hirsebrot zu backen

Wie jeden Abend füllt sich der Restaurantgarten in kurzer Zeit mit einheimischen Familien und Touristen, die sich faszinieren lassen von Reşats Ein-Mann-Show: Er kocht und serviert - unterstützt nur von einer Tellerwäscherin -, er trinkt, redet und erklärt, 120 Kilo genussvoll erworbene Leibes- und Lebensfülle im Alleingang. So wie er betreiben hier die meisten ihre Restaurants und Hotels - Tourismus im Einhandbetrieb, das macht ihn so charmant. Erst nach 23 Uhr lässt sich Reşat schwer auf einen Gartenstuhl fallen und gönnt sich einen extragroßen Schluck Rotwein. Morgen ist Ruhetag. Morgen will er ans Meer, schon lange ist er nicht mehr dort gewesen. Der kleine rote Fiat zieht eine Schleppe dichten Staubs hinter sich her, auf leeren Straßen geht es durch blühendes Hügelland. Vorbei an Klatschmohn- und Margeritenfeldern, an Zypressen, Oliven- und Mandelbäumen. Dahinter erhebt sich der 1127 Meter hohe Berg Bozdăg, links liegt tief unten das Meer im gleißenden Mittagslicht. Unter dem Laubdach einer alten Platane füllen Bauern Quellwasser ab, in einem Weiler sirren Schwalben durch die Gassen, an flachen, weiß getünchten Häusern entlang, vorbei an Pelargonien und Thymian in ausrangierten Ölkanistern. Eine Frau treibt ihren reisigbeladenen Esel mit ruhigen Worten vor sich her. Am Dorfausgang winkt ein altes Ehepaar, es sucht eine Mitfahrgelegenheit zum nächsten Ort. Reşat hält, die beiden quetschen sich sich auf die Rückbank. Am Ziel bedanken sie sich mit einem Bündel frischer Aprikosen. Der Fiat holpert auf einem Kieselpfad hinab zu einer der schönsten Buchten der Region, zur Hayitbükü. Klares, türkisfarbenes Wasser, 500 Meter makelloser, weißer Sandstrand, menschenleer. "Hat sich immer noch nicht herumgesprochen, wie schön es hier ist. Sogar in der Hochsaison - nichts los", sagt Reşat lakonisch. "Noch nicht."

B O Z B U R U N im Mai 2005 n. Chr.

Tobias Knörle sitzt mit seinen Gästen unter der 2350 Jahre alten Platane von Bayır, angeblich der ältesten in der Türkei. Die kleine Gruppe trinkt Tee auf der Aussichtsterrasse des Restaurants "Platan Lokanta". Weit geht der Blick über hügeliges, dicht bewachsenes Land. Die Halbinsel Bozburun grenzt im Osten direkt an Res¸adiye, per Auto eineinhalb Stunden von Datça aus. Seit 18 Jahren lebt Tobias auf Bozburun und betreibt eine Pension, "Sabrinas Haus", die beste der Gegend. Und seit 18 Jahren wundert er sich, wie wenig über die Geschichte dieser Halbinsel bekannt ist: "Kein Archäologe hat sich bislang mit der Vergangenheit Bozburuns beschäftigt - obwohl es nicht wenige Ruinen gibt."

Es ist Nacht und der Mond eine fahle Sichel. Auf der Rückfahrt zu seiner Pension sieht Tobias im Lichtkegel seiner Scheinwerfer Igel, ein Marderpärchen, streunende Hunde, Katzen und Ziegen. Im Hafen des Hauptortes Bozburun dümpeln Boote auf glattem Wasser, vor einer Bar sitzen letzte Besucher. Endlich schiebt sich ein Ponton übers Meer, eine umgebaute Badeinsel aus Aluminium, auf der Windlichter flackern. Die Gäste springen an Deck. Langsam gleiten sie durch die Dunkelheit bis zum Anleger von "Sabrinas Haus". Es sind nur wenige Touristen, die hierher finden. Dennoch ist Knörles Pension, auf den letzten Metern nur zu Fuß oder mit dem Schiff zu erreichen, immer gut belegt. "Fast alle, die hier einmal waren, kommen wieder", sagt er. Am nächsten Morgen zeigt er Wanderern die Festung Loryma. Der Weg in die Berge führt über Gestein und Disteln, am Rand wogen die Ähren, an einem Wasserloch drängen sich Ziegen. Leise summt der Wind durch Steineichen und Johannisbrotbäume, Salbeiduft liegt in der Luft. In Tas¸lıca, einem Bergdorf hoch über dem Meer, sitzen alte Männer unter einem Maulbeerbaum und stützen sich auf ihre Stöcke.

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Vor dem Dorfcafé treffen sich die Männer und diskutieren den Lauf der Welt. Im Sommre gehen viele nach Marmaris, um in den Hotels und Geschäften der Touristenhochburg ihr Geld zu verdienen. Nach der Saison kehren sie heim - und sitzen wieder vor dem Café und reden

Der Bürgermeister von Taslıca ist ein fröhlicher Mann mit rabenschwarzem Haar; er lädt die Wandergruppe in sein Rathaus. Über seinem Schreibtisch ein Bild von Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei, unten im Hof scharren Hühner. Der Dorfvorsteher setzt sich in Pose, lächelt. Fotoapparate klicken, die Wanderer stellen vermeintlich einfache Fragen, aber die neuen Zeiten haben bereits Spuren im Dorf hinterlassen, da lässt sich vieles nicht mehr so einfach beantworten: Wie viele Menschen hier leben? Der Bürgermeister, früher war er mal Wirt, mal Metzger, mal Kellner, weiß es auch nicht so genau: "Im Sommer etwa 100, im Winter wohl so um die 400. Viele von ihnen arbeiten während der Saison in Marmaris und verdienen gutes Geld im Tourismus." Und wie viele Touristen besuchen den Ort? Wieder kann der Bürgermeister nur schätzen: "Vielleicht 20, vielleicht 30. Kommt ganz darauf an, wie oft Tobias mit Wanderern hier aufkreuzt. Der Rest der Welt hat uns noch nicht entdeckt." Und es wird nicht ganz klar, ob er das bedauert oder begrüßt. Dann fügt er fröhlich hinzu: "Noch nicht."

Info

Telefon

Internationale Vorwahl: 0090. Bei Anrufen vom Ausland entfällt die 0 der Inlandsvorwahl.

Zeitunterschied

Plus eine Stunde (12 Uhr Berlin = 13 Uhr Datça).

Geld

Neue Landeswährung ist die um sechs Nullen abgespeckte Türkische Lira (TRY). 1 € = 2,12 TRY, 1 TRY = 0,47 € (Stand Januar 2009). Die alten Banknoten bleiben bis Ende des Jahres gültig. Euro und US$ werden meistens auch akzeptiert. Die Umtauschkurse der Bankautomaten entsprechen den türkischen Tagesnotierungen.

Sprache

Türkisch, in Hotels und Restaurants vielfach auch Deutsch oder Englisch.

Aussprache

c: "dsch" wie in "Dschungel"

ç: "tsch" wie in "deutsch"

g˘: "h" wie in "Zahn"

h: "ch" wie in "Bach"

ı: angedeutetes "e" wie in

englisch "the"

j: "sch" wie in "Garage"

s¸: "sch" wie in "schön"

v: "w" wie in "Wiese"

y: "j" wie in "jeder"

z: "s", stimmhaft, wie in "lesen"

Einreise

Kein Visum, es genügt der Reisepass oder Personalausweis.

Anreise

Der Flug nach Dalaman oder Bodrum dauert etwa drei Stunden und kostet ab ca. 350 Euro. Vor Ort empfiehlt sich ein Leihwagen.

Verkehr

Die Hauptverkehrswege sind gut ausgebaut. Für Landstraßen gilt: 90 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Achtung: viele Radarkontrollen. Sammeltaxi (Dolmus¸): Das Verkehrsmittel der Türken. Die staatlich festgelegten Preise sind günstig, die Kleinbusse halten auf Wunsch an jeder Ecke.

Literatur

Türkei - Lykische Küste, Südküste von Antalya bis Marmaris von Michael Bussmann, Michael Müller Verlag, 15,90 €. Verlässliche Information über Hotels und Restaurants, interessante Geschichten am Rande. Türkei. Bodrum und Marmaris von Hans E. Latzke, DuMont direkt, 7,95 €. Aktuell, große Karte, gute Ergänzung zum Reiseführer von Michael Bussmann (s. oben). Türkei. Die schönsten kleinen Hotels von Sevan & Müjde Nisanyan, Reise Know-How, 17,50 €. Der Führer zu den kleinen, charmanten Hotels der Türkei. Gut recherchiert, mit Ausflug- und Restauranttipps.

Auskunft

Informationsabteilung des Türkischen Generalkonsulats, Baseler Str. 37, 60329 Frankfurt/M., Tel. 069-23 30 81, Fax 23 27 58

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