Sokotra: An den Hüter der Schönheit

Unser Autor hat sich verliebt - in Sokotra, eine Insel im Indischen Ozean. So sehr, dass er keine Reisereportage schreiben konnte. Stattdessen verfasste er einen Brief an den Präsidenten des Jemen, jenes Landes, zu dem das Naturwunder gehört
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So kommen Sie hin
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dass ich mich auf diesem Weg an Sie wende, verlangt nach Erklärungen. Ich hätte da eine Handvoll anzubieten. Aber mehr noch drängt es mich zu einem Geständnis: Sie, Herr Präsident, und meine Wenigkeit, ein Vielreisender aus Deutschland, haben eine gemeinsame Liebe. Sie ist so verstörend schön, dass ich mich frage, wieso sie sich im islamisch geprägten Jemen so unverschleiert zeigen darf - wolkenfrei die meiste Zeit des Jahres. Ach, Sokotra!

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Planet Sokotra: Steil fällt der Fels zur Lagunge von Qalansiyah ab. Um der Trockenheit zu trotzen, müssen Pflanzen viel Wasser speichern - daher der geschwollen wirkende Stamm des Flaschenbaums

Ihre Liebe zu Sokotra ist würdiger, wichtiger, sogar eine Haupt- und Staatssache. Schließlich trägt das Dekret Nummer 275 aus dem Jahre 2000 Ihre präsidiale Unterschrift. Ein Dokument, das einmal zu den Ruhmesblättern zählen wird, wenn das Goldene Buch des internationalen Naturschutzes geschrieben wird. Wann vor Ihnen hätte jemals ein Regierungsoberhaupt seine einzige große Insel mit einem Federstrich zu 72 Prozent dem Naturschutz anvertraut? Allenfalls Ecuador und der Galápagos- Archipel fielen einem da ein. Ihre Unterschrift setzte einen Masterplan in Kraft, der aus der 130 Kilometer langen Insel größtenteils einen Nationalpark machen soll. Einige Bilder von meinem Besuch werden mir immer unvergesslich bleiben. Das Dihamri-Meeresrefugium zum Beispiel, im Nordosten der Insel gelegen, mit seinen Dünenrampen, die sich hundert Meter hoch gegen das Vorgebirge aufsteilen. Aus der Ferne betrachtet wirken sie wie Gletscherzungen, die ins Meer lecken, flirrend weiß. Und am Strand entdeckte ich dann diese kleine Steinhütte, die angeblich eigens für den Jemenfreund Günter Grass gebaut worden ist.

Ich bin über die Felsen balanciert, die von der Flut überspült werden und in denen bei Niedrigwasser Tümpel zurückbleiben, die wie tausend Facetten im Sonnenlicht glitzerten. Ich habe die Grundel-Fischchen hüpfen sehen und den Makrelennachwuchs wimmeln zwischen rotschwarzen Steinen. Den Hemprich- Möwen habe ich zugeschaut, wie sie im Spülsaum Muscheln wenden. Und als ich mich schnorchelnd gegen schwingende Vorhänge aus Fischleibern treiben ließ, unter mir blaue Seesterne, locker drapiert über Korallenstöcke in maledivischer Vielfalt, neben mir fliegende Teppiche - Rochen mit lasziven Flügelschlägen -, spätestens da wurde mir klar, warum Sokotra den Ruf einer ungeplünderten Schatzkammer der Evolution hat. Ein Glücksfall. Und das Glück im Glück liegt darin, dass hier die Schützer endlich einmal vor den Nützern am Zug waren. Mit "Nützern" meine ich die Spekulanten, die ihre Petrodollars normalerweise schneller in Anschlag bringen als Naturschützer ihre Daten. Nicht gemeint sind die Handvoll Fischer, die im Schutzgebiet weiterhin den Lebensunterhalt ihrer Familien sichern dürfen.

Einem habe ich zugeschaut, wie er mit Hai-Eingeweiden, die er durchs Wasser schwingen ließ, den Geruchssinn von Muränen kitzelte, um sie dann auf den Haken beißen zu lassen, versteckt in einem Fleischköder. Tief anrührend war das, wie der Alte mal um mal seine Finger riskierte, Zentimeter vor den schnappenden Hakenzähnen der muskulösen Jäger.

Die Schützer waren sicherlich gut beraten, die alten Fischrechte der Inselbewohner zu wahren; die überbordende Fülle verträgt kleine Eingriffe. Andererseits, Herr Präsident, werden auch Sie davon gehört haben, dass man rund um die Fischfabrik in Hadibu immer wieder verwesende Haileiber ohne Flossen findet. Haifischflossen gelten als Delikatesse in Japan und China, doch die barbarische Jagd im Auftrag fernöstlicher Großkunden soll auf Sokotra eigentlich verboten sein. Die Reisegruppe, mit der ich auf der Insel zu Gast war, hatte die Möglichkeit, auf den Dhaus zu fotografieren, den wunderbaren altertümlichen Fischerbooten: Dort an Bord haben wir als Fang nur sehr kleine Haie gesehen - ein sicheres Zeichen dafür, dass der Population der bedrohten Knorpelfische schon schwer zugesetzt worden ist. Natürlich haben wir auch Erfreuliches beobachtet. Beispielsweise, dass die Planer der Küstenstraße die Trasse so verlegt haben, dass sie nicht durch die ökologisch wertvolle Qalansiyah- Region führt. Eine der weltschönsten Großlagunen wurde so gerettet. Hochbeinige Krebschen zucken dort über das Watt, mit aufgestielten Augen und wirbelnden Beinen. Wenn die tiefstehende Sonne den Sandrücken, der Meer und Achterwasser trennt, vor der Brandung des Indischen Ozeans rot aufleuchten lässt; wenn dann noch eine Kette von Kormoranen den Saum zwischen Meer und Himmel abfliegt und den Schlafplätzen in den westlichen Kliffen entgegenrudert; wenn das Kupfergrün des Küstengebirges im letzten Licht glimmt - dann ist das wie, wie … Rolf, der Vielreisende in unserer achtköpfigen Gruppe ( "Ich sag euch, Leute, das ist hier genau wie in..." ), wusste erstmals kein "wie". Und das sprach Bände.

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Urzeitgewächse: Von ferne wirkt er winzig, tatsächlich wird er zehn Meter hoch - der pilzförmige Drachenbaum ist das Wahrzeichen der Insel. An manchen Hängen wachsen ganze Dracaena-Wälder

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Das Harz der Drachenbäume stillt Blutungen und dient als Farbstoff

Die gerettete Lagune könnte fast darüber hinwegtrösten, dass sich die Küstenstraße ansonsten wie eine Wunde durchs Land zieht: Schuttberge neben der Straße und eine Bauweise ohne jedes Gespür für landschaftliche Gegebenheiten. Kenner der Insel zuckten die Schultern, als ich meiner Bestürzung Ausdruck gab: Der Präsident habe nun einmal viele Bauunternehmer in der Verwandtschaft und im Freundeskreis, sagten sie. Und auch wegen der Ringstraße rund um die Insel - ein Vorhaben, das alle, mit denen ich sprach, für gigantischen Unsinn halten - sei der Präsident im Wort. Mir steht es nicht zu, ein jemenitisches Präsidentenwort zu kritisieren. Aber Sie werden es mir nachsehen, dass in mir so etwas wie Beschützerreflexe zucken. Auch, wenn ich von den Plänen für die Hoq-Höhle höre. Der Aufstieg zum Eingang der Höhle an Sokotras Nordostküste ist schiere Verzauberung. Das Wadi mit seinen Flaschenbäumen und Wolfsmilchpflanzen, die sich in zerklüftete Felsen spreizen, muss eine Referenzarbeit aus Allahs Paradiesgarten sein - mit Farbverläufen aus eisenrot oder kupfergrün gefärbtem Kalkstein, mit Tupfern aus Sokotra-Veilchen, Sokotra-Hyazinthen und rotschäumenden Wüstenrosen. Man spürt die Steilheit des Wegs kaum, auch nicht die Hitze. Man badet in den eigenen Glückshormonen, schaut gelbgrünen Chamäleons in die Schwenkaugen und rotbrüstigen Sokotra-Ammern auf die Flügeldecken. Man ist da und doch in einer anderen Welt, ist bei sich und doch außer sich - ich werde dieses Gefühl in meinem privaten Sprachgebrauch künftig "sokotrisch" nennen. Wie kann es sein, dass ein Landesvater, der einen weltweit fast beispiellosen Schutzplan unterzeichnet hat, nun verspricht, eine Straße durch diesen Wundergarten zu brechen, damit eine Tropfsteinhöhle per Auto erreichbar ist? Das wäre so, als wenn die Schweizer das Wallis planierten, damit das Matterhorn besser erreichbar ist.

Sie, Herr Präsident, verbinden damit wohl die Hoffnung auf mehr Besucher, vor allem solche, die Eintritt zahlen und dafür Beleuchtung erwarten. Aber das wird so nicht funktionieren. Sokotra wird Naturfreunde anziehen, Leute wie mich, in deren Ländern die Erde mit Beton überkrustet und die Natur gekreuzigt wurde. Wildnishungrige werden kommen. Menschen, die den Sokotra-Kormoran sehen wollen und die goldgepuderten Samtblüten der Caralluma socotrana. Menschen, denen im durchzivilisierten Norden der Sternenhimmel abhanden gekommen ist. Beleuchtete Tropfsteinhöhlen gibt es schon mehr als genug.

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Rätselhafter Solitär: Als hätte ein Riese ihn fallen gelassen, liegt ein gewaltiger Kalksteinblock auf dem Hochplateau von Mumi. In seinem Schutz hat die Reisegruppe ihr Nachtlager aufgeschlagen

Aber, Herr Präsident, ich glaube, ich verstehe Ihren Grundgedanken. Die Sokotri, meinen Sie, können von der Schönheit ihrer Insel nicht abbeißen. Wo uns Reisenden auf einsamen Hochplateaus die Seele aufgeht, sehen die Hirten nur karges Land. Und neuerdings ein paar Europäer, die ihre Ziegen fotografieren und die darüber schwebenden Ägyptischen Geier und Wüstenraben. Sehr verschiedene Sichtweisen, das gebe ich zu. Die Beduinen in den Hochlagen warten sehnsüchtig auf den Regen im November, der uns Besucher vertreibt, die Küstenbewohner ertragen die heißen Stürme von Mai bis September, denen wir uns nie aussetzen würden. Sie alle wollen ein erträgliches Leben, was denn sonst! Und sie freuen sich über die neue Wasserpipeline für einige Bergdörfer, die von Triangle verlegt worden ist, einer französischen Hilfsorganisation. Doch es handelt sich um ein gefährliches Geschenk: Da nun an einigen Stellen genug Wasser aus der Gipfelregion auf die Weiden der Hochebenen fließt, müssen die Ziegen- und Schafherden nicht mehr wandern - und fressen den schütteren Bewuchs bis auf die Wurzeln nieder. Wo bisher Dürre herrschte, droht nun Erosion. In diesem Zusammenhang, Herr Präsident, auch mein Wunsch, Sie mögen Ihre Empfehlung überdenken, die Ziegenherden Sokotras für den Fleischexport auf die Arabische Halbinsel zu vergrößern. Denn schon jetzt bedrohen die Fresskünstler die einzigartige Inselflora - sogar die Drachenbäume, diese urtümlichen Symbolgestalten Sokotras. Es heißt, seit 50 Jahren sei kein Drachenbaum-Schössling mehr nachgewachsen.

Diese Bäume, diese unwahrscheinlichsten Gestalten, die auf Wurzeln stehen, sind das Sokotrischste von Sokotra. Gewachsene Denkmäler längst vergangener Pflanzenepochen. Aufrecht stehende Botschafter. Auf den Kanaren und Kapverden gibt es verwandte Einzelexemplare oder winzige Haine. Aber der Wald oberhalb der Irhir-Schlucht ist wie eine Rückblende in Urzeiten - besonders wenn Wolken durch dicke Astfinger ziehen oder die tiefstehende Sonne die Stämme glühen lässt. Oder diese Felsen, die wie versteinerte Riesenschwämme in ausgetrockneten Wadis liegen; die Gestecke aus Dutzenden Wolfsmilchsträuchern, locker in Schotterhänge drapiert, über die blaue Eidechsen huschen - Augenfutter! Aber wen macht es satt? Jahrhundertelang lieferte der Wald wertvolle Rohstoffe und war darum vor dem Abholzen geschützt. Das Baumharz, das rote Drachenblut, ist wirksamer Blutstiller und Farbstoff zugleich. Solche Stämme ließ man stehen, wie auch die Myrrheund Weihrauchbäume, ehemals Schatzträger der kostbaren Art. Heute bieten die blutenden Bäume allenfalls noch einen kleinen Nebenerwerb. Aber welche Möglichkeiten, Geld zu verdienen, gibt es sonst auf dieser nur an Naturschätzen reichen Insel? Die Sokotri sollen erleben, dass den künftigen Besuchern aus aller Welt Landschaften wie die Diksam-Hochebene oder der erdaltertümliche Haghir-Granitkamm etwas wert sind. Sie sollen davon profitieren, wenn an besonderen Aussichtspunkten Öko-Lodges oder einfache Kleinküchen entstehen, Toiletten und Duschen an den Stränden, Parkbuchten an besonders spektakulären Punkten. Bisher allerdings sind die drei Hotels im Zentralort mit sehr bescheidenem Komfort und die Flugkapazität (zwei Flüge wöchentlich zwischen Sanaa und Hadibu) noch eher ein Engpass als ein Einlasstor. Auf Sokotra sagt einem jeder, das werde sich bald ändern.

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Paradies ohne Palmen: Die Großlagune in der Qalansiyah-Region gilt als eine der schönsten der Welt und wurde unter Naturschutz gestellt

So kommen Sie hin

Die Gefahr besteht, dass die Sokotri angesichts der neuen Möglichkeiten ihre alten Tugenden vergessen: Die Erfahrung, wie man schüttere Grünflächen beweidet, das Feingefühl, wo man wann wie viel Holz ernten darf - solches Basiswissen überlebt nur bei einem Volk, das zu Fuß sein Land durchstreift. Schon die Achshöhe eines Toyota Landcruiser ist zu weit abgehoben. Die Inselflora, mit einem Drittel endemischer (nur hier lebender) Pflanzen einmalig auf der Welt, kann sich künftig nicht mehr in der Unzugänglichkeit verstecken.

Und so wie die eigentümliche Sprache Gefahr läuft, vom Arabischen verdrängt zu werden, könnte es der ganzen Sokotra-Hirtenkultur ergehen. Ich vermute, Herr Präsident, das empfänden auch Sie als Verlust. Es spricht für Ihr Feingefühl, dass Sie während Ihrer regelmäßigen Besuche auf der Insel die Sokotra-Beduinen hoch in den Bergen in einem Zelt empfangen und sie nicht in irgendeinen Repräsentationsbau nötigen.

Ihr Augenmerk möge weiterhin den Möglichkeiten eines sanften Inseltourismus gelten, der nachhaltigen Nutzung einer Ausnahmelandschaft, der Entwicklung in kleinen Schritten, in einem Tempo, das Mensch und Natur nicht aus dem Gleichgewicht wirft. All das steht sehr klar und richtig in den Entwicklungsplänen: Tourismus, der die Insel nicht überrennt, eine Entwicklung, die das delikate ökologische Netz nicht zerreißt. Und das ist ja der eigentliche Grund meines Briefes: Ihnen zu versichern, dass dieser Plan weltweit Freunde hat, Menschen, die gern Ihre Insel und deren Bewohner besuchen. Nicht zuletzt deshalb, weil ihnen das Wohl Sokotras lieb und teuer ist.

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Zuversicht: Der junge Mann blickt optimistisch in die Zukunft. Bei einer Hilfsorganisation hat er Englisch gelernt; jetzt macht er sich Hoffnung auf einträgliche Arbeit als Reiseführer

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