Hamburg: Reise durch die Dunkelheit

Ein etwas anderes Sightseeing erwartet Besucher der Ausstellung "Dialog im Dunkeln" in der historischen Hamburger Speicherstadt. Hier gibt es rein gar nichts zu sehen. Dafür erfährt man, wie Blinde ihre Stadt erleben

Die Führung beginnt im Restlicht vor dem Eingang. "Hier könnt ihr noch was sehen", sagt Thomas, der uns Instruktionen für die kommende Stunde gibt. "Aber hinter dem Vorhang ..." "Ich hab Angst", wispert eine Schülerin plötzlich. Süß. Obwohl ... Eine Stunde lang nichts sehen?

Zusammen mit einem Trupp Schüler werde ich mich durch die Ausstellung führen lassen. Wir werden durch unsichtbare Räume staksen, unsichtbare Dinge ertasten und an der Bar ein unsichtbares Getränk bestellen und mit unsichtbaren Münzen bezahlen.

Thomas, ein hoch aufgeschossener Vierziger mit rotblonden Haaren, erklärt uns, wie man den weißen Langstock benutzt. Denn das ist die korrekte Bezeichnung für das Tastgerät, das wir bisher nur als Blindenstock kannten. "Brillen bitte zu mir." Wie bitte? "Ist schon zu viel passiert. Bekommt ihr, wenn alles gut geht, an der Garderobe wieder." Alles, was leuchten könnte, muss ausgestellt werden. "Handys bitte ausmachen. Und keine Panik! Wenn irgendwas ist, sofort dem Führer Bescheid sagen. Der bringt euch wieder ans Licht." Ich überwinde einen Anflug von Skepsis und presche voran, mit dem Langstock in Schulterbreite den Boden abtastend. Zum Vorhang, der uns von der Finsternis trennt.

Ein Leuchtfeuer für die Ohren Hier empfängt uns reine Schwärze. Und René. Er stellt sich kurz vor. Seine Stimme klingt sympathisch. Wir sagen hallo zu René, nennen unsere Namen, und los geht's. Geradeaus durch die Tür. Aber wo ist geradeaus? Und Vorsicht! Stufe! Tastend, mit dem Stock in der Rechten und der ausgesteckten Linken, bin ich erst mal damit beschäftigt, nirgends anzuecken. Fortbewegung ist hier relativ. Zumindest ist sie nicht geradlinig. Laufen wir eigentlich im Kreis? "René, sag mal was!" Sofort wird klar, wie wichtig das Hören ist im unsichtbaren Raum. Renés Stimme ist wie ein Leuchtfeuer für die Ohren.

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Von Zeit zu Zeit zerreißt das Quieken der Schülerinnen die samtene Stille. Der Parcours führt über eine schwankende Hängebrücke (kreisch), vorbei an Alltagsgegenständen, Gemüse ("Iiiiihhhh! Was ist das denn?"), über federnde Untergründe, vorbei an duftenden Gewürzsäcken - hier wurden früher tatsächlich aromatische Kostbarkeiten aus Fernost gelagert -, murmelnden Bächlein, einem geparkten Auto samt hörbar verkehrsreicher Straße ("Wo iss'n hier die Ampel?"). Das alles aufgelockert durch versehentliche Tuchfühlung mit planlos herumtappenden Vorder-, Hinter- oder Seitenmännern bzw. -Schülern ("Wer bist du?").

An der Straße bleiben wir kurz stehen. Von links und rechts brausen Autos heran, rauschend die PKW, dumpf brummend die LKW. Vielleicht ist es die Ost-West-Straße, eine der Hauptverkehrsachsen Hamburgs? Jeder Schritt könnte jetzt der falsche sein. Zum Glück kommt der Verkehr vom Tonband. "Hört ihr die Baustelle?", fragt René. Baustelle? "Seid mal ruhig!" Stimmt, jetzt ist auch der Presslufthammer zu hören.

René scheint die Ruhe selbst. Er bewegt sich wieselflink durch die Räume und um uns herum, seine Stimme ist mal hier, dann dort zu hören. Er merkt, wenn er jemanden verloren hat, kennt alle Namen, lotst durch unsichtbare Türrahmen, warnt vor Hindernissen. Und führt den ganzen spukhaften Trupp mit seiner Stimme so sicher durch die Dunkelheit, als könnte er etwas sehen.

Orientierung: Fehlanzeige! Ich dagegen habe am Schluss nicht die leiseste Ahnung, wie groß die Ausstellung ist. Oder wie viele Meter wir schon zurückgelegt haben, als ich den Gegenstand vor mir als Tresen identifiziert habe. Es können 20 gewesen sein. Oder auch 100. Wer will, bestellt sich jetzt bei Michael etwas zu trinken. Dann setzen wir uns ("Rutsch mal durch!" "Wo durch? - Ach, das ist 'ne Bank hier?") Während ich noch überlege, welche Fragen man einem Blinden stellen kann, ohne verletzend oder aufdringlich zu sein, will eine Schülerin von René wissen: "Hast du eine Freundin?"

In der Dunkelheit entsteht ein merkwürdiges Gefühl der Vertrautheit. Seltsam, von Angesicht zu Angesicht mit jemandem zu sprechen, den man nicht sieht und nie gesehen hat. Ein anderes Mädchen fragt René, ob er mit uns rauskommt. Ans Licht. "Und was hätte ich davon?", fragt er zurück und schmunzelt. Zumindest klingt es so. Am Ausgang verabschiedet sich René, wünscht uns alles Gute und verschwindet wieder im Dunkeln.

Auf dem Nachhauseweg, an der Ost-West-Straße, schließe ich kurz die Augen. Auf einmal erstirbt das Brausen des Verkehrs. Vermutlich ist die Ampel auf Grün gesprungen.

Mehr Infos

"Dialog im Dunkeln" heißt die Ausstellung, in der Blinde die Führung übernehmen.
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