Japan: Immer mit der Ruhe

Wo die Berge auf Honshu das aufgeregte vom stillen Japan trennen, erscheint das Land noch geheimnisvoller als in seinen Metropolen. Ist eine Reise dorthin also nur etwas für Nippon-Experten? GEO-Special-Redakteur Markus Wolff setzte sich in den Zug - und kam mit drei Sätzen Japanisch erstaunlich weit

Nach einer Woche war ich geschafft. Wie jeder, der zum ersten Mal in Tokio ist, wollte ich so viel wie möglich sehen. Ich hatte Kunstmuseen und Sumo-Ringkämpfe besucht, auf dem Fischmarkt in einem Meer gefrorener Tunfische gestanden, im Simulator das Kobe-Erdbeben und in Shibuya die belebteste Ampelkreuzung der Welt überlebt. Und wo ich auch war: Stets blinkte eine Videotafel, sprach ein Automat oder öffnete sich eine Schiebetür. Am Ende fühlte ich mich wie eine Kugel, die durch einen gigantischen Flipper geschossen wird. Was ich jetzt wollte, war etwas Ruhe.

Verständigung auf Japanisch

Ich beschloss, meinen ersten Japan-Aufenthalt mit einer kurzen Reise durch den abgeschiedenen Teil Honshus zu beenden. Über die Japanischen Alpen sollte es auf die Halbinsel Noto an die Westküste gehen, von dort hinunter nach Osaka, wo ich den Flieger zurück nach Deutschland nehmen würde. Zwei Tage später saß ich im "Super Azusa" nach Matsumoto. Kaum war der Zug angefahren, kamen mir erste Zweifel, und ich fragte mich, ob eine Reise ins Hinterland nicht etwas naiv und vielleicht eher ein Projekt für Japan-Fortgeschrittene war. Außer "Danke!", "Guten Tag!" und dem begrenzt hilfreichen Satz "Holen Sie den Schiffsarzt!", den ich an einem sakereichen Kneipenabend gelernt hatte, sprach ich kein Japanisch, und es war schon schwer genug gewesen, sich in Tokio zu verständigen. Wie sollte es erst außerhalb der Großstadt werden?

Dem Aufenthalt in Matsumoto sah ich noch gelassen entgegen, da mir die Organisation der "Goodwill Guides" kurzfristig einen englischsprachigen Führer vermitteln konnte. Pünktlich zwei Stunden und 37 Minuten nach Abfahrt erreichte der Zug die 200 000-Einwohner-Stadt am Fuß der Japanischen Alpen, über denen der Himmel wie ein verwaschenes Handtuch hing. Am Ausgang des Bahnhofs wartete ein freundlich blickender Herr. Er hielt zwei Regenschirme und ein Schild, auf dem mein Name und auf Deutsch "Guten Tag!" stand. Wortlos, uns aber unermüdlich zunickend, gingen wir zum Auto, in dem der Mann noch einmal das Schild hochhielt. Meine Skepsis wuchs. Schweigend und nur begleitet vom monotonen Hin und Her der Scheibenwischer fuhren wir etwa fünf Minuten durch eine von kastenförmigen Zweckbauten dominierte und - im Vergleich zu Tokio - menschenleere Innenstadt. Wir kamen an einen kleinen Fluss, an dessen Ufer Fachwerkhäuser standen. Unter einem Vordach saß ein älterer Herr mit Baseballmütze. "Welcome to Matsumoto!", rief er. Ich war erleichtert. Bis zu seiner Pensionierung vor zwölf Jahren hatte Kitakami Tsunetaka in der Anzeigenabteilung einer Lokalzeitung gearbeitet, dann Englisch gelernt. Nun begleitete er als chief guide der "Alps Language Service Association" (ALSA) ehrenamtlich Touristen durch Matsumoto. 1500 Touren hatte das 30-köpfige ALSA-Team in den vergangenen sieben Monaten allein durch die Burg, die Hauptattraktion der Stadt, geführt, erzählte Herr Tsunetaka stolz und benutzte seinen Zeigefinger wie ein Ausrufezeichen. Dann brachen wir zu Tour 1501 auf.

Auf den Spuren von Star Wars

Wir gingen über einen sorgsam gerechten Kiesweg, und schon nach wenigen Metern drückte sich die Silhouette eines mächtigen, makellos schönen Bauwerks durch den Regendunst: sechs hölzerne Stockwerke in Schwarz und Weiß, die versetzt übereinander liegenden Dächer des Bergfrieds wie Krähenflügel geschwungen. Sagenhaft!

Kaum hatten wir am Eingang der über 500 Jahre alten Festung die Schuhe ausgezogen, sprang Herr Tsunetaka mit der Schnelligkeit einer Bergziege die bis zu 60 Grad steilen und eher für Riesen als für klein gewachsene Samurai gemachten Stiegen empor, im Eiltempo von unten nach oben, vorbei an glänzenden schwarzen Rüstungen, die Regisseur George Lucas zur Figur des Darth Vader inspiriert haben sollen, und an einem einsam im Raum liegenden Kissen, auf dem der Burgherr im Falle einer Niederlage seppuku hätte begehen müssen (sofern er sich bei dem unglaublichen Zug im Zimmer nicht schon vorher den Tod geholt hatte). Zum rituellen Selbstmord durch Bauchaufschlitzen kam es jedoch nie. Keiner der 23 Herrscher wurde jemals angegriffen, erzählte Herr Tsunetaka noch - und schon waren wir wieder draußen.

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Japanischer Ziehweg: Abgeschirmt von jeglicher Hektik, genießen Touristen eine Rikscha-Fahrt durch die tief verschneite Bergstadt Takayama

Gemeinsam besuchten wir anschließend ein Volkskunst- Museum, ein ehemaliges Handelshaus und eine der ältesten Schulen des Landes, und pausenlos musste ich meine Schuhe aus- und wieder anziehen, was mich schon nach einem halben Tag schwören ließ, Japan nie wieder in Stiefeln zum Schnüren, sondern ausschließlich mit Klettverschlüssen zu bereisen. Am späten Nachmittag setzte mich Herr Tsunetaka am Hotel "Buena Vista" ab, das den Namen "Schöne Ausicht" zu Unrecht führt. Es war ein modernes, westlich gestaltetes Haus, das ich schon in Tokio gebucht hatte, um zumindest abends ein Stück vertraute Kultur vorzufinden. Mein Zimmer besaß neben einem Bett sogar einen Tisch und zwei Stühle. Das freute mich umso mehr, da mich meine eher übersichtliche Unterkunft in der Hauptstadt vor die Frage gestellt hatte, ob ich oder mein Koffer in ihr übernachten sollte.

Als es dunkel geworden war, verließ ich noch einmal das Hotel und spazierte durch die Straßen. Ich wartete an Ampeln, die zur Grünphase die Melodie von "Nehmt Abschied, Brüder" spielten, und lugte schüchtern durch die Türen von Restaurants, vor deren Eingang Lampions wie geheime Zeichen im Wind schaukelten. Englisch sprach niemand. Ich entschied mich schließlich für eines der Lokale, die Kunststoffversionen ihres Angebots ins Fenster stellen, und deutete auf ein Gericht, das wie Tofu in einer leichten Holzschutzlösung aussah. Einige Tische weiter entdeckte ich ein europäisch aussehendes Paar. Wie Gestrandete, die am selben Ort vor denselben Herausforderungen stehen, nickten wir uns lächelnd zu. Es waren die letzten Westler, die ich bis Osaka traf.

Liebe zum Detail

In der Nacht hatte der Regen aufgehört. Die Morgendämmerung glitt über die Berge wie ein Tuch, das von einer Skulptur gezogen wird. Die Gipfel der Dreitausender schimmerten, und Adern aus Schnee bahnten sich ihren Weg über Felshänge und durch Wälder hinab ins Tal. Ich ging ins Restaurant, wählte Kaffee und Toast statt grünen Tee und Fisch und machte mich anschließend auf den Weg zum Busbahnhof. Auf meiner Landkarte zeigte ich dem Schalterbeamten mein Ziel, erhielt ein Ticket und fand: Reisen war viel unkomplizierter als vermutet. Mit nur vier Fahrgästen an Bord mühte sich der Wagen die Straßen in die kleine Bergstadt Takayama hinauf. Hin und wieder dampften an den Seiten heiße Quellen und Schwefelgeruch zog durch die Seitenfenster. Wir kamen durch kleine Siedlungen, und ich fragte mich, wie die japanische Liebe fürs Detail, die Perfektion im Kleinen, mit der offensichtlichen Gleichgültigkeit im Großen zu vereinbaren war: Die Wohnhäuser waren vorwiegend uninspirierte Flachbauten, und fast jeder Blick traf eine Lagerhalle, eine Fabrik oder ein Umspannwerk. Manchmal auch alles auf einmal.

Kurz unterhalb eines Bergkamms passierte der Bus eine Art Jahreszeitenschleuse: Im aufkommenden Frühling rollten wir in einen Tunnel hinein, im tiefen Winter kamen wir auf der anderen Seite wieder heraus. Hoch lag der Schnee am Straßenrand, wo Arbeiter mit verschränkten Armen an ihren Räumgeräten lehnten und rauchten. Über breite Bergstraßen ging es wieder hinab, knapp eine halbe Stunde lang, dann erreichte der Bus Takayama. Nur noch eine dünne Schicht war hier vom Schnee übrig, der die Felder wie ein weißes Netz überzog. Zunächst schlenderte ich am Ufer des von Kirschbäumen gesäumten Miyagara entlang, dann begab ich mich zur "Festwagenhalle", die mir Herr Tsunetaka in Matsumoto empfohlen hatte. Es war ein hangarähnliches Gebäude mit gewaltigen gläsernen Flügeltüren, das sich neben einem Schrein befand.

Mit dem Roboter durch Takayama

Durch die Ausstellung der meterhohen Wagen führte eine Japanerin, die englisch im Stakkato-Tonfall eines Roboters sprach. Sie erklärte, dass die Einwohner Takayamas zweimal jährlich ein Fest feiern, das zu den bedeutendsten des Landes zählt. Elf bis zwölf Wagen, sagte Frau Roboter, werden dann unter rituellem Getrommel durch die Straßen geschoben, um den Gott der Plagen zu besänftigen. Knapp eine Stunde dauerte die Führung, an deren Ende ich mit jeder Verzierung, jeder Farbe und jedem Symbol jedes einzelnen Gefährts vertraut war und nun ruhigen Gewissens anbieten kann: Sollten jemals Probleme mit einem dieser Wagen auftauchen - man darf mich jederzeit anrufen!

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Einnehmend, aber nie eingenommen: Die über 500 Jahre alte Burg von Matsumoto ist ein Meisterwerk japanischer Baukunst. Eine Schlacht hat sie nie erlebt. Angreifer, möchte man glauben, hätten sich der Schönheit der Festung ohnehin kampflos ergeben

Ich ging zurück ins Zentrum. Die Sonne schien, und ich spazierte mit gewachsener Selbstsicherheit in der kühlen Bergluft durch Gassen mit noch aus der Edo-Zeit stammenden Holzhäusern. In Spezialitätenläden probierte ich wagashi, köstlich aussehende (allerdings nach zwei Jahre altem Teig schmeckende) Süßigkeiten und testete bereitwillig jeden Reiswein, der mir angeboten wurde. Bester Stimmung suchte ich schließlich ein Restaurant auf, streifte mit überraschender Leichtigkeit jegliche Scheu ab und schlürfte Nudeln und Suppe nach allen Regeln der japanischen Kunst.

Als ich meine Schüssel geleert hatte, begab ich mich ins Hotel. Mir war nach Entspannung, daher wollte ich das Bad besuchen. Ich schlüpfte in den auf dem Bett bereitgelegten yukata und fühlte mich unmittelbar wie auf einem Diät-Werbefoto, wo Menschen in zeltähnlichen Hosen stehen und erklären, dass sie in wenigen Tagen 250 Kilo abgenommen haben. Mit einem Schnürsenkel band ich vorn die Hose ab, versank in der Jacke und begab mich in den obersten Stock. Wie es sich in einem japanischen Bad gehört, rieb und schrubbte ich meinen Körper zunächst eine halbe Ewigkeit mit einem Lappen. Dann stieg ich in das Außenbecken mit frischem, unfassbar heißen Quellwasser. Akkurat legte ich den Lappen zusammen und platzierte ihn auf dem nach den Baderegeln dafür vorgesehenen Körperteil. Ich breitete die Arme aus, legte sie auf den Beckenrand und saß nur so da, eine Stunde lang. Ganz ruhig, den Blick über die Berge schweifend und ein klein gefaltetes Tuch auf dem Kopf.

Neues Stroh für gassho-zukuri

Am nächsten Tag schien die Sonne. Nicht auszudenken, wenn es geregnet hätte. Aber so waren 200 Männer und Jugendliche aus dem Dorf gekommen, um Tetsuje Takakuwa zu helfen. Die braucht es mindestens, wenn ein gassho-zukuri ein neues Strohdach erhält. Selbst Fernsehteams reisen dann nach Shirakawago unweit von Takayama, um die Arbeiten an den zum Weltkulturerbe zählenden Häusern zu filmen. Drei bis vier müssen jährlich in den drei Siedlungen neu gedeckt werden, in denen der Winter so lange anhält, wie in kaum einem anderen Teil des Landes. Dann legt sich Schnee in dicken Rollen auf die Dächer, und die Häuser sehen aus, als trügen sie französische Perücken. 1800 Gassho-zukuri gab es einst in der abgeschiedenen Bergregion, heute sind es noch knapp 150. Während die Helfer unaufhörlich Strohbündel von unten nach oben reichten, sprach Tetsuje Takakuwa so routiniert in die Kamera-Mikrofone, als würde er täglich und nicht nur alle 30 Jahre sein Dach decken. Selbst ein Faktenblatt hatte er vorbereitet, das der Tourismus-Verantwortliche des Dorfes für mich übersetzte und nach "Bedarf an Stroh (20 400 Bündel)" und "Kosten pro Dachseite (10 000 000 Yen)" gleich um Angaben wie "Touristen in Shirakawago pro Jahr (1,5 Millionen)" ergänzte. Ich entschied, einer der "Besucher, die über Nacht bleiben (60 000)" zu werden.

Mit mich selbst beeindruckender Selbstverständlichkeit bat ich daher um ein Zimmer in einem der Gassho-zukuri und fühlte mich als einziger Westler im Dorf ein bisschen wie Richard Chamberlain in "Shogun". Kaum hatte ich das Zimmer betreten, fiel mir aber auf: Chamberlain hätte im Vergleich zu mir natürlich gewusst, dass den Gast lediglich eine Schiebetür aus lichtdurchlässigem Papier von Frost und Schnee trennt. So verbrachte ich den späten Nachmittag in U-Form um einen Heizstrahler herumgeschlungen.

Abendessen in Häschenpantoffeln

Um 18 Uhr bat mich Frau Kawabuchi, die Inhaberin der Pension, mit mehrfacher Verbeugung zum Abendessen. In bereitgestellten Häschen-Pantoffeln trippelte ich ins Nebenzimmer und nahm an einem Tisch mit sechs Herren aus Tokio Platz, die ein Folklore-Festival in Toyama besuchen wollten. Es waren freundliche Männer, von denen einer das Wort "Fleischkäse" von einer Deutschlandreise heimgebracht hatte. Es ist erstaunlich, wie sich mit nur einem Begriff ein ganzer Abend gestalten lässt. Nachdem ich meine Portion Reis, Fisch und Misosuppe gegessen und ungezählte Male auf "Fleischkäse!" angestoßen hatte, schlurfte ich in mein Zimmer zurück. Frau Kawabuchi hatte dort inzwischen einen Futon ausgerollt. Ich schlief unter einem Fuji aus Oberdecken, in dem sich eine elektrische Wärmflasche verbarg. Ich nahm mir vor, das Bett nie wieder zu verlassen. Bereits am Morgen brach ich jedoch mit dem Vorsatz und saß schon früh im Bus. Keilförmig liefen auf dem Weg ins Tal die Bergketten auseinander, und so rollte der Wagen seinem Ziel wie über den Auslauf einer Sprungschanze entgegen. In Kanazawa, einer Stadt an der Westküste, musste ich umsteigen.

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Nah am wasser gebaut: Die funaya im Fischerdorf Ine dienten früher als Lager und Bootsschuppen. Inzwischen haben die meisten Besitzer für die auf dem Meer errichteten Häuser einen attraktiveren Nutzen gefunden: als Wohnraum

Der nächste Bus fuhr erst in einer halben Stunde, daher aß ich in einer "German Bakery" einige Backwaren, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und ließ über die Touristen-Information einen Ryokan auf der Noto-Halbinsel reservieren. "Einen schönen!", präzisierte ich und lag in Gedanken wieder in meinem Zimmer in Shirakawago. Dann nahm ich den Bus nach Wajima, einer kleinen Hafenstadt mit moderner Einkaufsstraße, an der morgens Hunderte Fischstände aufgebaut wurden. Es waren fast ausschließlich Frauen, die Ware verkauften. Tunfisch, Makrelen und exklusive Seeohren - 100 Gramm für knapp 5200 Yen, rund 35 Euro. Im Winter werden die Meeresschnecken aus Australien importiert. Aber im Sommer, sagte Akemi Iwasaki, 56 Jahre, tauche sie an sieben vorgelagerten Inseln selbst danach. Genau wie knapp 200 andere Frauen. 4,5 Stunden täglich, sieben bis acht Meter tief, ohne Sauerstoffgerät.

Japan in Lack

Am Nachmittag waren alle Stände verschwunden, und der Blick war frei auf das traditionelle Handwerk, für das Wajima landesweit bekannt ist: Lackarbeiten. Kaum ein Gegenstand, der nicht aus einem Stück Holz geformt, mit bis zu 70 Schichten Baumharz überzogen und kunstvoll verziert wird. Löffel, Teller, Schränke, Kästchen für Nabelschnüre. Shouichiro Tazaki, der unbestrittene Meister der Lackarbeiten, hatte seine Werkstatt im ersten Stock eines japanisch ein- gerichteten Hauses, an das ein gepflegter Trockengarten angrenz­te. Herr Tazaki war 74 Jahre alt und hatte es in fast sechs Jahrzehnten in seinem Handwerk zur Perfektion gebracht. Unermüdlich, aber bescheiden zeigte er seine Meisterstücke. Eine schwarze Kommode mit Hunderten altertümlicher Soldaten oder eine mit filigranem Goldmuster verzierte Box, deren Verkauf seine Frau strengstens verboten hatte. Herr Tazaki lachte und strich sich Strähnen seines dichten, grauen Haares aus der Stirn. Ich verabschiedete mich und trat auf die Straße. Selbst der blau strahlende Himmel schien plötzlich wie eine gigantische Lackarbeit, in den die Wolken wie Intarsien eingearbeitet waren. Mit dem Taxi machte ich mich auf den Weg zu meinem Ryokan in Wakuraonsen. Die Fahrt führte an einer rauen, mit Felsen durchsetzten Küste entlang, an Reisterrassen und durch kleine, wie längst verlassen wirkende Fischerorte. Nach etwa einer Stunde stoppte der Wagen vor einem riesigen Gebäude. "Ryokan!", sagte der Fahrer knapp. Ich schluckte. Statt in einer Familienpension war ich in einem japanischen Resort-Hotel gelandet. Es gab Hunderte Zimmer, Karaoke-Bars und Geschäfte. In einem Seitentrakt lagen schier endlose Tagungsräume, mit winzigen Tischen und beinlosen Stühlen hergerichtet wie für den Weltkongress der Zwergeninnung. Eine Angestellte führte mich in mein Zimmer, legte mir meinen Yukata an und zeigte mir auf meiner Armbanduhr, wann es Essen gäbe.

In exklusiven Ryokan, hatte ich gelesen, wird das Essen meist auf dem Zimmer und von einem Dienstmädchen serviert, das sowohl beim Betreten wie beim Verlassen des Zimmers den Blick auf den Gast gerichtet hält. Gespannt nahm ich zur verabredeten Zeit im Schneidersitz an meinem riesigen Tisch Platz und blickte erwartungsvoll zur Tür. Doch nichts passierte. Niemand betrat das Zimmer, weder vorwärts noch rückwärts. Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten. Ich brachte meine inzwischen schmerzenden Beine in eine neue Position und wartete weiter. Ich schaltete den Fernsehapparat an und wieder aus und fühlte mich in meinem eleganten Gewand ein bisschen wie ein König ohne Volk. Schließlich rief ich beim Empfang an. Als ich dreimal weitergereicht worden war, hörte ich eine Stimme nur "Down! Down!" sagen. Ich zog den Yukata sowie die mühsam übergestreiften Zehensocken also wieder aus und stand fünf Minuten später als einziger Gast in Straßenkleidung in einem prunkvollen Saal. Nach einer weiteren Umkleideaktion setzte ich mich in ein vom Licht eines blumenförmigen Kronleuchters beleuchtetes Séparée. Unentwegt trug eine junge Dame Tabletts mit Gemüse, Schnecken, Fleisch, Fisch und Flüssigkeiten auf. Einmal kniete sie sich neben mich, entzündete ein Stövchen und hauchte verschwörerisch: "Shabu-shabu!" Als sie eine hauchdünne Scheibe Fleisch in heißes Wasser gleiten ließ, noch einmal: "Shabu-shabu!" Ansonsten äußerte sie sich weder zur Reihenfolge noch zu den Bestandteilen des Essens. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass ich den Fisch in die Suppe tunkte oder einen Teil der Dekoration aß. Fest steht aber: Es schmeckte großartig. Am nächsten Morgen fuhr ich zurück nach Kanazawa und nahm dort den Hochgeschwindigkeitszug nach Osaka. Fast wehmütig blickte ich aus dem Fenster und sah, wie die Zahl der Felder und Wiesen immer geringer, die kleinen Ortschaften immer größer wurden und schließlich in den Vororten Osakas aufgingen. Es war dunkel, als ich am Hauptbahnhof ankam und regnerisch. Überall blinkte eine Werbetafel, sprach ein Automat und öffnete sich ein Schiebetür. Was ich jetzt wollte, war etwas Ruhe.

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