Mali Eine Reise für die Ohren

Wer Mali mit offenen Ohren bereist, hört Liebeslieder auf Marktplätzen, Blues-Gitarren aus scheppernden Lautsprechern, den Atem der Wüste. Und erlebt unter dem Sternenzelt eine Musik, die Grenzen überwindet - auf dem ungewöhnlichsten und entlegensten Festival der Welt
In diesem Artikel
Podcast-Interviews
Zwischenstopp in Ségou
Im Land der Dogon
Stille in Timbuktu

Podcast-Interviews

Kinderlachen. Hufgetrappel. In weiter Ferne ein Auto. Dann wieder Stille. Die hätte ich in Bamako am wenigsten erwartet. Es ist Id al-Kebir, Tabaski- oder Hammelfest, der wichtigste Feiertag der Muslime. Die staubigen Straßen der Hauptstadt von Mali sind über Nacht verwaist, das Hupen, Knattern, Hämmern und Schreien ist dörflicher Ruhe gewichen.

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Im Sandsturm zum Konzert: Auch die Schönheiten aus dem Publikum sind eine Attraktion des Musikfestivals. Die Tuareg-Frauen färben ihre Lippen indigo-blau und tragen traditionellen Schmuck

Keine fliegenden Händler, die sich mit Feuerzeugen, Obst oder Staubwedeln in der Hand durch den Verkehrsstau schieben, keine Kunsthandwerker, die auf dem Markt der Millionenmetropole Silberschmuck, Trommeln und Masken fertigen, keine Fetisch- Verkäufer mit Zaubermitteln aus Affenschädeln, Kaimanenhaut und Hyänenzähnen. Stattdessen: ein paar Bauern, die an Kreuzungen Schafe verkaufen. Opferlämmer. Ein Schnitt, lautlos und schnell, dann dringt schwaches Röcheln aus der klaffenden Kehle. Blut sammelt sich in einer sandigen Bodensenke, leuchtend wie Lippenstift in einem fahlen Gesicht. Zwei Männer greifen das Schaf bei den Läufen und hängen es in einen der Mangobäume am Ende der Straße.

Hören Sie Mali

Die ganze Nachbarschaft hat in dem kleinen Hain Tiere aufgeknüpft, Felle werden abgezogen, Eingeweide sortiert. Plötzlich unterbricht lautes Stöhnen die konzentrierte Ruhe. Dann setzt eine Trommel ein, wird schneller, bis ein Sprechgesang den Rhythmus aufnimmt: "Frohes Neues Jahr und ein glückliches Fest!", ruft ein Mann und schlägt mit einem Schlegel die N’tama-Trommel unter seinem Arm. Trotz der Hitze trägt er einen roten Wollschal zum bunt bestickten Gewand. "Hohoho", singt er, "im ganzen Viertel nennt man mich Pa Dambele, den großen Griot."

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Freiluftbühne: Beim "Festival au Désert" werden die Dünen der Sahara zum Amphitheater

DAMBELE, DER GRIOT (sprich: Grio). Sein Familienname verrät, dass er zur Kaste der Hofpoeten zählt, die im 13. Jahrhundert von Mali aus die Musiktradition Westafrikas begründet haben. Bis heute dürfen die Griots bei keinem Fest fehlen - als Erzähler, Lobpreiser, Stimmungsmacher. Manche sind in den vergangenen Jahren weltberühmt geworden: der im März 2006 verstorbene Bluesmusiker Ali Farka Touré, der Afro-Pop- Sänger Salif Keita, das blinde Paar Amadou & Mariam. Bamako, schreibt die New York Times, sei einer der besten Orte auf dem Planeten, um Lifemusik zu hören. "Nur nicht gerade jetzt", sagt Pa Dambele, während die Nachbarn Fleisch in eine Plastiktüte spenden, die an seinem Gürtel hängt. "Zum Tabaski-Fest sind viele Musiker bei ihren Familien. Wenn du die beste Musik Malis hören willst, fahr lieber nach Essakane." Dort, in der Wüste jenseits von Timbuktu, in einem vom Wind in den Sand geschliffenen Amphitheater, treffen sich jeden Januar dutzende Musikgruppen, einige hundert Weltreisende und 3000 Tuareg-Nomaden zu einem der ungewöhnlichsten Musikfestivals der Welt. Ganz sicher zu dem entlegensten.

Dort möchte ich hin. Mit offenen Ohren, um die Hörenswürdigkeiten Malis zu entdecken. Wie klingen die Märkte? Welchen Sound hat die Wüste? Geräusche sind flüchtiger als Farben und Formen, die Klänge früherer Reisen längst verhallt. Geblieben ist nur die Erinnerung an Verkehrslärm, der mich nicht schlafen ließ, oder an einen Ohrwurm, der im Radio lief. Auf dieser Reise durch Mali will ich aufmerksamer sein für den Klang des Landes.

Zwischenstopp in Ségou

In einem alten Jeep machen wir uns auf den Weg. Bald sind wir auf der schnurgeraden Straße nach Westen allein. Die Farbe weicht aus den Bildern. Abgeerntete Hirsefelder, in Sonne und Trockenheit verblichenes Gras und Gebüsch: die leere Weite des Wüstenufers - der Sahel. Verloren wirken darin die Dörfer. Die meisten Lehmhütten sind schlichte Quader, schlank und rund die Getreidespeicher, bedeckt mit spitzen Hüten aus Stroh. Ihre zeitlose Ästhetik berührt wie das Gesetz, dem sie gehorcht: kein Geld, kein Strom, kein Wellblech, kein Müll.

Zwischenstopp in Ségou

Trommeln, dazu eine dumpf dröhnende Frauenstimme. Übersteuerte Musik erfüllt die warme Mittagsluft bei unserem kurzen Halt in Ségou, einer Kleinstadt am Niger. Die Sängerin auf dem Marktplatz ist eine Wassoulou, aus dem Süden Malis, und sie singt von der Liebe und der Sehnsucht und von der Ungerechtigkeit des Lebens. Vier Männer begleiten sie mit einem heiteren Rhythmus auf Djembe-Trommeln und einem Metallfass. Ein Fünfter greift in die Saiten einer hohlen Kalebasse, die er zusammen mit klappernden Blechdosen an einem Besenstil befestigt hat. Zehn Frauen stampfen über den roten Lehmboden, schleudern rasend schnell ihre Arme, als wollten sie diese abschütteln. Der Platz oberhalb des trägen Flusses ist eingerahmt von leuchtend blauen Metallstühlen, wie bei einem Kurkonzert. Nur wenige Zuschauer sitzen im Sonnenschutz eines Strohdaches. Aus dem Schatten lösen sich sechs Gestalten. Sie tragen mit Fransen behängte Kappen, dazu lange Lederhemden, bestickt mit Muscheln und Lederamuletten. Vor allem aber: Gewehre. Einer der Männer übernimmt das Mikrofon, die anderen tanzen, den Oberkörper langsam vor- und zurückpendelnd. Plötzlich heben sie ihre Flinten und schießen. Ich fahre zusammen.

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De Farbe scheint aus der Landschaft zu weichen, Sahel ("Wüstenufer") heißt der schier endlose Saum der Sahara. Wind und Sand fegen durch das Hombori-Gebirge, eine dürre, spärlich besiedelte Region mit gewaltigen Tafelbergen im Süden Malis

"SIE SIND JÄGER", erklärt mir ein Zuschauer, der - gewöhnlich gekleidet - sich selbst als Jäger zu erkennen gibt. "Niemand außer ihnen darf diesen ‚Tanz der Könige‘ aufführen. Sie sind eine eigene Kaste und gehören zu den Adeligen." Und die Amulette? "Bei der Jagd schützen sie vor Geistern und Schlangen, bei Festen wie heute vor bösen Menschen." Zauberkräfte, Geister: Bis Essakane werde ich ihnen immer wieder begegnen.

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Zum Freitagsgebet versammeln sich die Gläubigen in der Moschee von Djenné - ein Bild wie aus lange vergangenen Zeiten. Der mächteig Bau erhält alljährlich einen neuen Lehmüberzug; als Leitern nutzen die Arbeiter die Holzbalken, die aus der Fassade ragen

"Allaaahu-akbar-allah-u-akbar", dringt jeden Morgen gegen fünf der Ruf des Muezzins durch die dünnen Planen meines Zeltes. Dann schreien Esel, krähen Hähne. Und während ich im Halbschlaf weiterdöse, beginnt unser Koch mit den Blechtöpfen zu klappern. Wir übernachten in "Encampements" - eingefriedeten Campingplätzen - manchmal auch unter freiem Himmel auf den Dächern einfacher Gästebungalows. Einmal schlagen wir unsere Zelte am Ufer des Niger auf. Bei Tageslicht finden wir im Lager die Spuren von zwei Flusspferden. Gehört hat sie niemand. Djennés Architektur erinnert mich an die Sandburgen von Kindern: die Lehmhäuser der Stadt in fließenden Konturen, auf den Dächern runde Zinnen, aus den Fassaden ragen Holzstacheln - Stützbalken, die zugleich den Maurern als Klettergerüste dienen.

Zwischen ihnen erheben sich die mächtigen Türme der "GROSSEN MOSCHEE", dem wohl größten Lehmbau der Welt. In einem mit Tonziegeln ausgekleideten Innenhof findet ein Markt statt. Bozo-Frauen - sie gehören einem Volk von Fischern an - preisen in kurzen, harten Silben ihren Fang: frisch, geräuchert oder getrocknet. Weich und melodisch klingt die Sprache der Songhai-Bäuerinnen, die Zwiebeln und Gewürze vor sich ausgebreitet haben. Und wenn die Töpferinnen Peul sprechen, meine ich, darin ein wenig Arabisch zu erkennen. Hammerschläge weisen den Weg zu den Männern: Schreiner zimmern mitten in der Gasse Schulbänke. Im Halbdunkel einer Werkstatt schmiedet ein Mann Schiffsnägel auf dem Amboss, während ein Junge die Kohlenglut anfacht; mit einer Kurbel betreibt er emsig das Gebläse. Ein Ochsenkarren ächzt vorüber. Hat es vor hundert Jahren in unseren Städten ähnlich geklungen?

Im Land der Dogon

Ein fröhliches "Salemaleikum" beendet die Klangarchäologie. Die Stimme kommt aus dem ersten Stockwerk. Dort, wo sich schon bald eine Hauswand um Fensteröffnungen schließen wird, hockt Kambaba Tanapou und klatscht mit der Kelle schmatzenden Banco auf das Gemäuer. Der Baustoff des Sahel ist eine vergorene Mischung aus Lehm, Stroh und Kuhdung, die an der Sonne zu Ziegeln getrocknet wird oder verrührt mit Wasser als Mörtel dient.

Im Land der Dogon

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Mit einem Maskentanz sorgen Dogon-Männer für den Seelenfrieden eines Verstorbenen

Mit 67 Jahren ist Tanapou der älteste Maurer der Stadt. Die Baupläne hat er im Kopf, die Statik im Gefühl, die Formeln geerbt. Die Zauber- Formeln. Seit Jahrhunderten werden sie nur an die Erfahrensten weitergereicht. "Damit stärken wir die Grundmauern", erklärt Tanapou das Geheimnis seiner Zunft. "Sie schützen Haus und Bewohner vor Unheil." Und davor, dass ihm ein fremder Baumeister ins Werk pfuscht.

Im Land der Dogon, weiter im Westen, wird die Teerstraße zur unwegsamen Piste, die flache Savanne zu karstigem Fels. Eine neue Farbe drängt sich dazwischen: das saftige Grün von Zwiebeln, Tabakpflanzen und Salat. Wie verlorene Vogelscheuchen stehen Baobabs da - dickbäuchige Affenbrotbäume, deren kahle Äste wie Wurzelgestrüpp in den Himmel fingern. In ihren hohlen Stämmen sollen gute Geister wohnen, denn lange Zeit wurden darin Griots bestattet.

Dann höre ich wieder Musik. Auf einer Felsplatte STAMPFEN EIN DUTZEND FRAUEN Zwiebeln mit schweren Keulen, sie singen bei der Arbeit. Auf ihren Rücken wippen Babys im Takt der Stöße. Drei Alte tanzen um die Gruppe herum, eine trommelt auf einer Kalebasse, eine ahmt prustend eine Trompete nach. Vielleicht erzählen die Lieder von jener Zeit vor 700 Jahren, als die Dogon hier in den Felsen von Bandiagara Schutz vor der drohenden Islamisierung suchten und entlang einer 300 Meter hohen Steilwand Dörfer aus Lehm und Stein in die schwer zugänglichen Klippen bauten. Von weitem kaum erkennbar, verschmelzen Tempel, Häuser und Speicher mit der dramatischen Kulisse. Vielleicht erzählen sie auch von ihrem rätselhaften Kosmos voller Götter und Tabus, in den sich kein Fremder ohne lokalen Führer begeben sollte.

Wagoudiougo Dolo führt uns zu heiligen Kaimanen in einem Tümpel, erklärt die holzgeschnitzten Geschichten auf den Haustüren der Dogon und warnt uns davor, Opferaltäre - Lehmkegel voller Blutspuren oder weißer Hirsecreme - zu fotografieren. Auf einem Dorfplatz spielen Kinder mit Rasseln aus Affenbrotsamen. Monika, die Fotografin, klettert auf einen Steinhaufen. Die Kinder halten inne. Wagoudiougo Dolo erstarrt. Jeder dieser Steine wurde im Laufe der Jahrhunderte von den Dorfbewohnern für einen Verstorbenen niedergelegt. Zu unserem Glück ist die Toguna, die auf neun Pfeilern ruhende, offene Versammlungshütte der Alten, gerade leer. Sonst hätten die Männer über uns Tribunal gehalten, und vermutlich wäre der entweihte Ort nur durch ein großzügiges Tieropfer zu reinigen gewesen. So aber gibt unser Führer den Kindern ein paar Münzen. Schweigegeld. Hoffentlich akzeptieren das auch die Götter. Mit "Donne-moi une pièce", gib mir eine Münze, begrüßen uns die Kinder überall. Sie verlangen "bic", Kugelschreiber, und "cadeau", ein Geschenk. Die Erwachsenen sagen "bonjour".

Untereinander stimmen sie melodiöse BEGRÜSSUNGSDUETTE an. Wie geht es Dir? Mir geht es gut. Wie geht es der Frau, den Kindern, den Verwandten? So geht es hin und her und beginnt wieder von vorn, wenn man sich am selben Tag erneut begegnet.

Aber auf der Weiterfahrt nach Norden durch karge Steinwüste, in der abgestorbene Bäume wie Treibgut liegen, treffen wir kaum noch auf Menschen. Erst am Niger wird das Land wieder grün: Marschland, wie an der norddeutschen Küste. Mit dumpfem Vibrieren legt die Fähre ab. Vier Autos fasst sie - und zwei Kühe, die von einem Bauern in das nächste Dorf gebracht werden. Im Süden entschwinden ihre Weiden, am Nordufer taucht schon die Sahara ihre weißen Zungen in das graue Wasser. Mit Heu und Menschen beladene Pirogen befahren den breiten Strom; schlanke, schwarze Sicheln, von nur einem Ruderer gelenkt. Manche haben auch einfache Segel gespannt, zusammengenähte Säcke der Welthungerhilfe. Es gibt Orte, deren klangvolle Namen sich seit frühester Kindheit eingeprägt haben. Ulan Bator, Ouagadougou, und natürlich: Timbuktu. So viel schwingt darin mit. Goldene Stadt. Ende der Welt. Ort ohne Wiederkehr. All das war Timbuktu einst. Wohlhabend, als im 15. Jahrhundert Goldkarawanen des Songhai-Reiches durch die Wüstenmetropole zogen und ein Viertel der 100 000 Bewohner Studenten waren. Weltende, bis 1826 erstmals ein Europäer die Stadt erreichte - der allerdings bei dem Versuch, sie wieder zu verlassen, ermordet wurde.

Stille in Timbuktu

Auch die Straßennamen sind Echo einer untergegangenen Zeit. Der "Kanal der Flusspferde" war noch vor 35 Jahren eine von drei Wasserstraßen, die vom Niger bis in die Stadt reichten. Heute steigt hier eine sandige Straße über die Türschwellen von Videoclub und Krämerladen: Timbuktu ist zum Überschwemmungsgebiet der Wüste geworden. Auf dem "Platz der weißen Lehrer", wo einst die besten Professoren der arabischen Welt unterrichteten, spielen heute die Kinder Fußball. Eine Universität, auf die sie eines Tages gehen könnten, gibt es nicht mehr. Geblieben sind nur Koranschulen. Und 333 Heilige.

Drei Pilgerreisen nach Timbuktu, so heißt es hier, können den Weg nach Mekka ersetzen. Timbuktu, das Mekka Afrikas. Für Baba Cissé ist es vor allem ein verfehltes Mekka. Aber er lacht darüber, und seine goldene Brille tanzt dazu. Wie jeden Spätnachmittag lagert der alte Mann auf einer Bastmatte im Schatten der Sankoré- Moschee. Er ist ein Marabut, ein moslemischer Geistlicher. Und er weiß, dass sich Mohammed eigentlich in Timbuktu niederlassen wollte, weil der Ort schon lange vor Mekka bedeutend gewesen sei. "Doch als der Prophet hier ankam, kläffte ihn ein Hund an", erzählt er. "Da machte Mohammed kehrt und ritt stattdessen nach Mekka."

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In den Dünen der Sahara treffen dei Musiker auf sachkundige Zuhörer - wie diese reich geschmückte Targia

Stille in Timbuktu

Bis heute mögen die Menschen in Timbuktu Katzen lieber als Hunde. Ich habe keinen Hund bellen gehört. Es ist still geworden in Timbuktu. 30 000 Menschen leben noch hier. Und hoffen auf Touristen, die wegen des Mythos der Stadt bis an das Ende der Welt reisen. Oder aber für die Musik. In der einbrechenden Dämmerung folgen wir Reifenspuren nach Nordwesten, tiefer hinein in die Wüste. Nach zwei Stunden sehen wir Licht in der Ferne. Essakane.Eine der Frauen auf der Bühne singt mit spröder Stimme ein Klagelied, die Lippen indigo-blau gefärbt, das Gesicht von langen Schläfenlocken und Silberschmuck gerahmt. Männerchor und Geige antworten ihr. Zwanzig Paar Hände klatschen. Ein Trillern fährt dazwischen, ein Schlangenzischen.

Dann singt klagend einer der Männer, verborgen hinter dem Turbanschleier. DIE MUSIKER DER TUAREG -GRUPPE "TARTIT" sind in der Wüste zu Hause, sie treten aber auch in Europa und Nordamerika auf.

Später kündigt der Moderator andere malische Weltstars an, den Virtuosen Bassekou Kouyaté an der N’goni-Laute, den rastalockigen Sänger Habib Koita. Dazwischen Blues, Folk, Funk von Iren, Schweden, Amerikanern. Nicht mit den Ohren wahrzunehmen ist die eigentliche Sensation, das Publikum: Im Sand sitzen Araber neben ihren verschleierten Frauen, Vertreter der Peul wiegen ihre spitzen Lederhüte, Tuareg-Männer folgen der Musik mit theatralischen Gesten. Alte und Junge tanzen, Angehörige der Bambara und Bella, weißhäutige Touristen im Safari-Outfit. Reglos thronen Reiter auf ihren Kamelen, am Gürtel kunstvolle Schwerter. Dahinter erhebt sich im Licht von Vollmond und Kohlefeuern ein Dünenkamm.

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In Essakane treffen sich Weltmusikstars, Globetrotter und Nomaden zum "Festival au Désert"

Schon vor langer Zeit haben sich hier, immer nach Ende des Tabaski, der wichtigsten religiösen Zeremonie im Jahr, die Tuareg zum Feiern versammelt - bis sie 1990 im Streit um Land und Autonomie gegen die Regierung und andere Ethnien rebellierten. Sechs Jahre später verbrannten die Nomaden ihre Waffen. Seit 2001 kommen sie wieder aus der ganzen Sahara zusammen - und laden die Völker Malis und der Welt ein, mit ihnen zu feiern. "Essakane, das ist der wiedergefundene Frieden, die Versöhnung", ruft der Moderator auf der Bühne, und alle klatschen. Wüstennomaden und Weltreisende, Freunde, Fremde und frühere Feinde. Auch bei Tag ist Essakane weit mehr als ein Musikfestival. Ein Nomadenlager aus sandfarbenen Baumwoll- und Lederzelten, in dem Frauen in schweren Kesseln für ihre Clans kochen, Männer Tee auf glühenden Kohlebecken bereiten, Bäcker im Sand Fladenbrot backen. Ein Konferenzort, an dem sich Tuareg aus Mali, Algerien, Mauretanien und Niger zu Vorträgen versammeln und über Wasserversorgung, Ernten und Nomadenschulen diskutieren. Eine Arena für Wettbewerbe um das schönste und das schnellste Kamel. Ein Marktplatz für Proviant und handgefertigte Souvenirs. Nur eines gibt es nicht zu kaufen: Musik.

Klang kommt in Mali eben nicht aus der Konserve, im schalldichten Studio aufgezeichnet. Musik ist lebendig: auf der Straße, dem Markt, auf den Feldern - und in den Zelten Essakanes, wo sich tagsüber Musiker zu spontanen Sessions zusammenfinden. Musik und Geräusche des Alltags verbinden sich zu einer Sinfonie des Sahel. Sie wird nicht enden, wenn nach drei Tagen und drei Nächten die Weltnomaden weiterziehen und nur ein paar Betonfundamente und Waschbaracken zurückbleiben. Dann wird die Wüste selbst ihre Stimme erheben. Wispernd, säuselnd, pfeifend. "Höre den Wind", heißt es in einem Lied der Tuareg, "es ist die Sahara, die weint. Sie will wieder grün werden."

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