Oman: Ein Reisemärchen

Einst eines der rückständigsten Länder der Welt, hat sich das Sultanat zum arabischen Musterland gewandelt. Noch immer fehlt ihm alles Anmaßende und Laute - aber nichts an Zauber. Eine Tour zwischen Orient und Okzident
In diesem Artikel
Gegenentwurf zur Künstlichkeit
Tipp für ein erfülltes Liebesleben
Nacht neben Kamelen
Mit Omanern auf Hai-Jagd

Gegenentwurf zur Künstlichkeit

Veränderung? Der Alte schaut uns lange an, dann lächelt er zahnlos - und springt auf. So flink, dass wir ihm kaum folgen können, eilt Ali bin Salem Al Abri in seinen Plastiksandalen eine steile, in den nackten Fels gehauene Treppe nach unten. Hinein in die schattigen Gärten des Dorfes, in ein immer ohrenbetäubender werdendes Strudeln und Wirbeln - bis zu einer steinernen Rinne, in der Wasser fließt.

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Schöne der Wüste: Al shams, die Sonne, taucht die Wahiba in rötliches Morgenlicht. Sie wärmt die Beduinen, die mit ihren Reittieren die Nacht in den Dünen verbracht haben

Nun geht es - Tempo, Tempo, Tempo! Unglaublich, wie schnell ein 70-Jähriger laufen kann! - auf dem nur handbreiten Rand des Wasserlaufs weiter in die Schlucht. Rechts ein jäher Abgrund, tief unten üppig grüne Bananenstauden, Mangobäume, Frangipani in voller Blüte, Mais, Buchweizen und Limonen, nur nicht hinschauen! Ali Al Abri stoppt abrupt. Er bückt sich. Wuchtet, in der Hocke balancierend, einen kiloschweren Stein herum. Verschließt mit ihm ein Loch, durch das eben noch Wasser schoss. "Deine Zeit ist abgelaufen", sagt er, der Wasserwächter des Dorfes Misfat Al Abri, zu einem der Bäume, in deren mächtigen Kronen melonenartige Papayas hängen. Irgendwann in seinem langen Leben hat es sich der Alte zur Gewohnheit gemacht, mit Pflanzen und Tieren zu sprechen. "Nun du!", ruft er. Eine andere Gartenparzelle soll geflutet werden. Welche und wie lange, bestimmt noch heute ein uraltes System, das den Tag in halbstündige Fließintervalle teilt.

Gegenentwurf zur Künstlichkeit

Zwar kommt das Trinkwasser für die 300 Bewohner von Misfat mittlerweile aus dem Hahn. Eine makellose Asphaltstraße führt zum Dorf, dessen Lehmhäuser wie Adlerhorste am Abhang kleben. Und Kinder im nahen Gebirge werden jede Woche mit Helikoptern zur Schule geflogen. Aber verändert all das wirklich das Leben des Ali Al Abri? Der Alte läuft weiter, klettert flink wie ein Junge über große Steine, zwängt sich durch enge Stellen - bis hin zur Quelle. Einem Ort, an dem man glaubt, das eigene Herz schlagen hören zu können. Beinahe lautlos sickert das klare, kühle Wasser hier aus dem Kies. Frösche baden in ihm. Der Herr der Rinne setzt sich auf den Stein, auf dem er schon als Kind die Stille genoss. Auch Libellen ruhen sich hier aus, sie strecken ihr Hinterteil der Sonne entgegen, spreizen ihre durchscheinenden Flügel. "Seht!", ruft der Alte, und es ist nicht klar, ob er die Insekten oder uns meint. "Alles wie immer." Er summt zufrieden, das Echo der nahen Felswand stimmt sofort ein.

Ali Al Abris Heimat, dem Sultanat am Horn von Arabien, fehlt alles Anmaßende und Laute. Mit den artifiziellen Wunderwelten, die jenseits seiner Grenzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten entstehen, mit der bizarren Rekordjagd des kleineren Nachbarn hat das noch immer geheimnisvoll anmutende Land so wenig gemein wie feiner Pulverschnee mit seinem in tiefgekühlten Luxusmalls erzeugten Imitat. Oman ist der Gegenentwurf zur Künstlichkeit. Das Anti-Dubai. Authentisch, ursprünglich - und trotzdem modern.

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Größter Luxus: Gastfreundschaft. Ali bin Salem Al Abri (r.) macht selbst in seiner kleinen Hütte für Fremde Platz. Wie sein Name verrät, ist der Alte in Misfat Al Abri geboren.

Dabei galt das Sultanat, das fast so groß wie Deutschland ist, noch vor drei Jahrzehnten als eines der rückständigsten Länder der Welt. Unter dem Regime von Said bin Taimur Al Said, dem ängstlichen, engstirnigen Vater des jetzigen Sultans, gab es weder Radio noch Telefon, gerade einmal drei Knabenschulen mit 909 Schülern und zehn Kilometer asphaltierte Straße. Die Menschen wohnten in Lehmhütten ohne Wasser und Strom. Sie durften weder Bücher noch Sonnenbrillen besitzen. Erst der 1940 geborene Qabus bin Taimur, der 1970 den Vater stürzte, führte seine jetzt 2,6 Millionen Untertanen in die Neuzeit - und, anders als die Herrscher von Dubai, behutsam. Bei Ali bin Salem Al Abri, dem Wasserwächter, hängt das Bild des milde lächelnden Sultans, der seinem Land Universitäten, Krankenhäuser sowie internationales Ansehen brachte, direkt neben der Tür. Ein Ehrenplatz, der außer dem Potentaten nur einigen Koransuren und der fotografierten Enkelschar gebührt. Mit großer Wärme hat uns der Alte nach dem Gang zur Quelle noch in die Kühle seines schiefen Hauses gebeten.

"Sofort gehen? Aber nicht doch! Allah hat doch reichlich Zeit erschaffen", hatte er gesagt und keinen Widerspruch geduldet. Was könnte es Wichtigeres geben als einen Plausch unter Freunden? Also sitzen wir wie in einem fernen Jahrhundert im Schneidersitz auf den Teppichen seines Empfangsraumes, den Rücken von Kissen gestützt, von Weihrauch umnebelt. Unser Gastgeber schneidet Orangen auf, reicht Datteln mit Anis und bitteren Kaffee mit Kardamom. Immer wieder füllt er die Tassen. "Verzeiht, dass ich nicht mehr bieten kann", sagt er. "Würde meine Frau noch leben, hättet ihr selbstverständlich ein Essen bekommen."

Tipp für ein erfülltes Liebesleben

Als wir abfahren, winkt Ali Al Abri uns lange nach. Wir lachen: Noch am Morgen kamen wir uns wie Eindringlinge vor. In den entlegenen, von tiefen Schluchten durchfurchten Gebirgsregionen des Jebel Akhdar begegneten uns bärtige Männer, die Esel auf die Straße trieben. Tief verschleierte Frauen, auf deren Köpfen Schüsseln und Wäschekörbe zu kleben schienen. Niemand beachtete uns. Wir vermuteten eine Welt imprägniert mit Misstrauen vor jeglichem Fremden. Doch nichts davon. Wo auch immer wir schüchtern nach dem Weg fragen - große Herzlichkeit.

Auf den perfekt ausgebauten, oft mehrspurigen Straßen Richtung Wüste rauscht unser Jeep wie auf einer Autobahn dahin. Bald schon passieren wir Dörfer, deren Zinnen und Türmchen aus ausgedehnten Palmenhainen ragen. Die Häuser sind traditionell weiß oder erdfarben verputzt. Sultan Qabus wünscht es so - angeblich, seit er vor Jahrzehnten an eine bayerische Baubehörde geraten ist. Er wollte sich ein Hotel bei Garmisch nach seinem Geschmack umbauen lassen, aber die Beamten ließen es nicht zu. Die Außenfassade mit Holzbalkonen und Geranien müsse bleiben, wie sie ist, gaben sie dem ihnen unbekannten Sultan zu verstehen.

Zurück in die Vergangenheit

Der Sultan ärgerte sich zunächst maßlos über die strengen Bauvorschriften, entschied dann aber, es in seinem Land ähnlich zu machen: Seither sehen Wohnhäuser, Bushaltestellen, gar Telefonzellen in Oman oft wie kleine Forts aus. Auch ihre großen Ebenbilder, die Jahrhunderte alten Lehmfestungen von Bahla, Nizwa und Birkat Al Mawz säumen unseren Weg. Sie wurden oder werden gerade aufwendig saniert. Am nächsten Morgen wähnen wir uns erneut von einer Zeitmaschine in die Vergangenheit geworfen: Auf dem Marktplatz der Oase Sinaw feilschen Frauen um Sardinen, Limonen, Dattelsirup, Rosenwasser und lebende Ziegen. In wehende Gewänder bunt wie Papageiengefieder gehüllt, wedeln sie mit Geldscheinen, auf denen das Konterfei des Sultans prangt. Männer bieten Krummdolche in fein ziselierten Silberscheiden feil. Nicht als Souvenir, denn außer uns streifen keine Fremden über den Suk, sondern für den täglichen Gebrauch: "70 Rial, 60 Rial? Na gut, mein Freund, weil dein Vater mir Kamelmilch brachte. Allah wird es mir danken."

Auch wir werden schnell Teil dieses Trubels: "Getrockneter Hai hilft jedem Mann", flüstert ein Händler dem Fotografen zu. Als der Alte merkt, dass auch ich - die vermeintliche Ehefrau - es gehört habe, ist er bestürzt. Er fragt, ob er mich ansprechen dürfe und entschuldigt sich, tief verbeugt, Dutzende Male. Kurz darauf treibt die stechende Sonne die Menschen in ihre Häuser - und uns ins Auto zurück. Nur die Tönung der Sonnenbrille verleiht der fahlen, fast vegetationslosen Ebene, durch die wir nun gen Osten fahren, einige Konturen. Ohne Brille blendet das Geröll so sehr, dass wir die Augen schließen.

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Guter Fang: Der Strand von Sur ist am Ende der Nacht von Tunfischen übersät. Nur osmanische Staatsbürger dürfen als Fischer arbeiten und am Fang verdienen

Tipp für ein erfülltes Liebesleben

Erst am Rande der nahen Wüste enden die Straßen. Feiner Sand weht hier in goldenen Schlieren über die letzten Meter Asphalt. Minutenlang lassen wir Luft aus den Reifen, damit sie breit aufliegen und der Jeep nicht sofort stecken bleibt. Dann wagen wir uns in die sonnendurchglühte Ramlat Al Wahibah. Tausende Quadratkilometer ist sie groß - und doch wenig mehr als ein Sandkasten im Vergleich zur Rub Al Khali, dem Leeren Viertel, dessen unermessliche Sandmassen den Südwesten Omans und weite Teile Saudi-Arabiens bedecken. Auf dem pulverigen Untergrund ist unser Jeep schwer zu kontrollieren, immer wieder schlingert er wie von einer kraftvollen Böe erfasst. Wir haben das Gefühl, auf das offene Meer hinauszutreiben. Wie Wogen eines rostroten Ozeans fließen die Dünen bis zum Horizont.

In einem Camp aus Palmenmatten, 40 Kilometer vom Rand des Sandmeeres entfernt, sind wir mit Rashid Al Mighairy verabredet. Der Beduine, der die Wüste wie eine Landkarte zu lesen vermag, soll uns tiefer in die Wahibah führen. Rashid rafft sein Gewand hoch und springt auf den Fahrersitz.

Nacht neben Kamelen

Es ist, als hätten wir das Auto gewechselt. Ohne zu schleudern jagt der Jeep los, quert feinsten Sand, rutscht Abhänge hinunter, schnellt Steilhänge hinauf - bis Rashid auf die Bremse tritt. Wir stehen auf der höchsten Düne der Umgebung. Um uns: Stille. Tief wie ein Brunnen.

Noch wärmt der aufgeheizte Boden, doch bald schon sind wir froh, dass unser Begleiter ein Lagerfeuer entfacht. Die Kühle der Nacht kriecht heran. Bis auf 15 Grad sinken die Temperaturen - 30 Grad Unterschied zum glutheißen Tag.

Alle paar Wochen peitschen zudem Stürme den Sand auf, manchmal verdunkeln sie für Stunden die Sonne. Erst vor kurzem hat das Sandstrahlgebläse der Wüste Rashids Familiencamp zerlegt, die Palmenmatten flogen kilometerweit. "Macht nichts", sagt Rashid. "Die drei Hütten bauen wir wieder auf." In ihnen lebt er mit Vater, Mutter, Schwestern, Schwägern und deren Kindern zusammen. Für das Fernsehgerät der Großfamilie muss eine Batterie herhalten, für den Herd eine Gaskartusche. Der wichtigste Besitz ist das Auto. "Unsere Lebensversicherung", sagt Rashid. Mit dem Jeep, erzählt er, transportiere die Familie Wasser, bringe die Kinder zur kostenlosen Behandlung ins Krankenhaus und hole Lebensmittel aus der Stadt. Die Reise in die Hauptstadt Maskat, mit dem Kamel beschwerliche zwei Wochen lang, ist so zum Tagesausflug geschmolzen. Dem Sultan und seinen Straßen sei Dank. "Wir haben das Beste von allem", sagt Rashid. "Die Wüste unserer Vorfahren und das, was das Leben in ihr erleichtert."

Nacht neben Kamelen

In aller Ruhe kocht er Kaffee, lässt die Zungen des lodernden Feuers eine Schnabelkanne umschlingen - bis das Wasser in ihr zu dampfen beginnt. Wir lernen: Ein Gastgeber schenkt nur dann nicht mehr nach, wenn der Gast seine Tasse schwenkt und an ihn zurückgibt. Wer sie einfach abstellt, sagen die Beduinen, habe ein Kamel auf dem Gewissen. Rashids Dromedare zupfen in einiger Entfernung an sperrigem Gestrüpp. Die meisten Nächte verbringt er in ihrer Nähe. Auf einem Dünenkamm. In einer Senke. Irgendwo unter dem Sternenhimmel. Auch sein Cousin und zwei Freunde, die uns nachgefahren sind, graben sich nun Mulden in den Sand. Neben ihnen ziehen schwarz glänzende Pillendreher- Käfer filigrane Muster, während der Vollmond einmal über das nächtliche Firmament wandert.

Am Morgen darauf klopfen die Männer die Wüste vom Gewand, knoten ihr Tuch - schon sind sie fertig. Ihr erster Blick gilt dann üblicherweise den Kamelen. Die Tiere entfernen sich bei der Futtersuche oft weit vom Lager, an diesem Morgen aber hocken sie ganz in der Nähe und kauen stoisch. Erst nach einem Ruck am Strick stemmen sie sich in die Höhe, gehen die ersten, noch steifen Schritte in den neuen Tag. Im Gegensatz zu uns, die barfuß neben ihnen laufen, sinken sie nicht ein. Laut platschen ihre Schwielen auf den Sand. Dann, endlich: shoruk el shams, Sonnenaufgang. Die wärmende Scheibe schiebt sich hinter den Dünen empor. Sofort steigt die Temperatur.

Kanon aus Dutzenden Kehlen

Wir fahren monotone Stunden über glatten Asphalt, vorbei an schläfrig wirkenden Dörfern, Tankstellen, von Palmen gesäumten Flussläufen, Minaretten - immer Richtung Meer. Unser Ziel: Sur, die Fischerei-Hochburg an der östlichen Spitze der Küste. Noch ist die Ruhe der Wüste in uns. Am Golf von Oman angekommen, meinen wir gar, die Zeit stünde endgültig still, denn in der Hitze des frühen Nachmittags liegen die Gassen der Stadt wie ausgestorben vor uns. Nur die Stimme der Muezzine, ein schräger Kanon aus Dutzenden Kehlen, weht über die Bucht: "Aschhadu an la ’ilaha ’illallah." Ich bezeuge, dass es keinen anderen Gott gibt außer Allah. "Inshallah", ruft auch Suleiman Al Hechi, gebräunt, groß gewachsen und stark, Fischer wie seine Vorfahren, als wir ihn bitten, uns eine Nacht mit auf sein Boot zu nehmen. Inshallah! So Allah will. Mit anderen Worten: Suleiman ist grundsätzlich bereit, weiß aber nicht, welche Pläne der Allmächtige in den nächsten Stunden mit ihm hat. In uns keimt ein Verdacht - Suleiman baut sich eine wasserdichte Ausrede im Voraus. Trotzdem suchen wir nach einer Apotheke, um ein Mittel gegen Seekrankheit zu kaufen.

Für etwas weniger als einen Euro bekommen wir bittere Tabletten in die Hand gedrückt, ohne Beipackzettel, ohne Verpackung - und sind skeptisch. Ob uns die Pillen für die Nacht auf See rüsten werden? Der Apotheker nickt entschieden. Dizinil sei das Mittel, das er mit Abstand am häufigsten verkaufe. Als wir uns umschauen, bemerken wir: In seinen Regalen liegt kaum etwas anderes.

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Mit ihren schnabelartigen Masken werden die Beduinen-Frauen auf dem Markt von Sinaw schnell selbst zur Attraktion ­ obwohl eigentlich alle Aufmerksamkeit den Kamelen und Ziegen gebühren sollte, die sie verkaufen

Mit Omanern auf Hai-Jagd

Am Strand rennen Jungen in gebückter Haltung in die Gischt. In den Händen dicke Styropor-Stücke, ihren Surfboard- Ersatz. Wir blicken auf das mittlerweile ins Abendlicht getauchte Meer. Auf die spielenden Kinder. Auf den Leuchtturm, der bald seine Signale aussenden wird. Und tatsächlich! Allah will! Aus einer Gruppe traditioneller Daus, die im tieferen Wasser ankern, löst sich ein kleines, schnelles Motorboot: Suleiman holt uns ab, um uns zu einem der alten Holzschiffe zu bringen, wo seine zwei Brüder und drei Freunde bereits warten.

Erst lachen die Männer scheu, dann kichern sie immer aufgeregter: In dieser Nacht wollen sie Haie fangen. Fische, weit größer als sie selbst. Kurz nach dem Ablegen ziehen sie zu dritt einen massigen Köder aus dem Kühllager - einen Delfin. Das Blut des Säugers ergießt sich auf das Deck. Fotografieren dürfen wir nicht, was wir nun sehen, ist verboten. Angeblich ging der geschützte Fisch versehentlich ins Netz. Sein Fleisch fliegt bei voller Fahrt, auf Haken gespießt, über Bord. Suleiman knipst eine blanke Glühbirne an. Heller noch als die schmucklose Lichtquelle leuchtet in der Ferne eines der ehrgeizigsten Industrieprojekte Omans: die Gasverflüssigungsanlage von Qalhat, deren Abfackelturm den Mond und alle Sterne überstrahlt.

Mit Omanern auf Hai-Jagd

An Deck flitzen Kakerlaken herum. Die Männer lachen, sind bester Laune. Sie schwärmen, dass Sultan Qabus alles für sie tue. Denn nur omanische Staatsbürger dürfen als Fischer, Taxifahrer oder Polizisten arbeiten. "Omanisierung" heißt das Dekret, das Einheimischen bessere Perspektiven geben soll - und etwa Indern oder Pakistani immer mehr beliebte Berufe vorenthält. Nur 26 von 100 Menschen im Sultanat sind Ausländer, im Vergleich zu 89 von 100 in Dubai. Suleiman weiß, dass er privilegiert ist. Sein Verdienst schwankt zwar mit der Menge, die er aus den Fluten zieht: In schlechten Monaten bekommt er fast nichts, in guten umgerechnet 2000 Euro. Im Durchschnitt aber hätte er genug, um eine große Familie zu ernähren. "Ich werde mindestens sechs oder sieben Kinder zeugen", sagt Suleiman. Dringend sucht er nach einer Frau. Ob ich nicht wolle? Da lachen die Männer erneut und reichen Süßigkeiten herum. Eingeklemmt vom Steuerruder, kauern wir die langen Stunden der Nacht auf den Holzplanken direkt vor der Toilette. Über uns die Sterne von Andromeda und Kassiopeia, um uns Delfine, die pfeifen und schnattern. Noch vor Sonnenaufgang wäscht sich Suleiman flüchtig Hände und Füße und breitet an Deck ein Tuch aus, zum Morgengebet. Während er auf Knien Allah preist, ruft einer der Brüder mit spitzem Schrei: ein Hai! Gemeinsam wuchten sie das Zwei-Meter-Tier an Bord. Die Fahrt hat sich gelohnt. Ein solcher Fisch ist genug, um bis morgen zu leben. Um alles andere wird sich Sultan Qabus kümmern - oder Allah, so der wieder will.

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