Interview mit Basil Pao

Im Interview erzählt der Fotograf von verschiedenen Auffassungen von Reisefotografie, Albrecht Dürers "Betende Händen" und der Freude am spontanen Schnappschuss

GEO SAISON: Herr Pao, Sie sind mit Ihrer Kamera schon um die halbe Welt gereist. Was hat Sie auf die Idee gebracht, dabei ausgerechnet Hände zu fotografieren?

Basil Pao:Die Grundidee des Projekts war: Kann ich etwas über all die fremden Kulturen, all diese entlegenen Orte erzählen, obwohl ich nur eine Facette davon zeige, nur Hände? Es geht mir also durchaus um Reisefotografie, aber mit einem anderen Fokus.

Wie und wann entstand das erste Bild der Serie?

Das war vor etwa 15 Jahren. Auf einer Reise durch den Sudan sah ich eine Frau, die sich aus dem Zugfenster des Nil-Express lehnte. Ich machte ein Bild, nur von ihren aufeinander ruhenden Händen, mit den Armreifen, den Ringen, der Hennabemalung. Ohne weiter darüber nachzudenken. Und als ich zu Hause meine Ausbeute durchsah, sagte ich mir: Diese Aufnahme ist stark, du solltest mehr davon machen.

Also ein eher zufälliger Beginn?

Ich glaube, ich war schon immer fasziniert von Händen. Ich erinnere mich, dass wir in meiner Grundschule in Hongkong ein Liederbuch hatten, auf dessen blauem Einband die „Betenden Hände“ von Albrecht Dürer abgebildet waren. Dieses Bild hat mich beeindruckt.

Warum?

Ich finde es interessant, was für unterschiedliche Dinge die Menschen mit ihren Händen tun können – beten, töten, arbeiten. Mein Bildband erzählt von einfachen Menschen aus den verschiedensten Kulturen, die alle das Gleiche wollen. Ob in Afrika oder China, sie setzen ihre Hände ein, um Geld zu verdienen und glücklich zu sein. Ich habe von einer Fotografin gehört, die sich auf Hände von Stars spezialisiert hat. Ein ganz anderer Ansatz, der interessiert mich nicht.

Aber wahrscheinlich wird sich ihr Buch besser verkaufen. Erzählen die Hände eines Menschen eine andere Geschichte als dessen Gesicht?

Oh ja, sehen Sie sich einmal genau das Foto der Geisha an, die ich bei einem Festival in Kyoto fotografiert habe.

Sie wirkte einfach perfekt, von der Frisur über das Make-up bis zur Kleidung. Aber das Foto von ihren Händen verrät etwas anderes: Es sind die rauen Hände einer hart arbeitenden Frau, die sich nur kostümiert hat.

Macht es für den Fotografen einen Unterschied, ob er Hände oder ein Gesicht aufnimmt?

Ein Gesicht zu fotografieren ist immer eine Konfrontation, wenn auch meistens eine angenehme. Die Leute reagieren, sie wenden sich der Kamera zu, sie versuchen, gut auszusehen. Mit den Händen kann man nicht posieren. Wie haben die Menschen reagiert, als Sie deren Hände fotografi erten? Gab es auch Proteste?

Ja, das kam vor. Manche Leute mögen es einfach nicht, fotografiert zu werden, ich übrigens auch nicht. Aber die meisten haben es gar nicht bemerkt, weil sie so beschäftigt waren. Und die anderen reagierten amüsiert und fragten, warum ich das machte. Darauf gab es nur eine Antwort: "Weil Ihre Hände schön sind."

Gibt es hässliche Hände?

Tatsächlich habe ich in dem Buch viele der schönen, eleganten Hände weggelassen, weil sie irgendwann langweilig werden. Ich liebe zum Beispiel die gebrochenen Finger eines Boxers auf den Philippinen oder die Hände des Mannes, der ein frischgeschlüpftes Krokodil hält. Man kann natürlich sagen, sie sind hässlich, aber sie drücken viel über diese Personen aus.

Und was sollen Ihre Fotos ausdrücken?

Ach, ich analysiere das nicht. Es sind einfach Bilder, die ich mag und die funktionieren. Ich arbeite instinktiv, nicht intellektuell und versuche, nicht nachzudenken. Zum Beispiel bei dem Bild der Chinesin, die Dinosaurierzähne präsentiert. Ihre Hände wären sicherlich auch ohne die Fossilien interessant, aber mit ihnen erzählt das Foto viel über ihr Leben, die Umgebung, in der sie wohnt, ihre Armut. Das ist ihr großer Familienschatz, diese kleinen Fundstücke. Als ich das erste Mal mit Leuten über das Hände-Projekt sprach, hieß es, meine Bilder seien nicht repräsentativ, zu viel Dritte Welt, zu wenig weiße Hände. Aber ehrlich gesagt: Ich interessiere mich nicht so sehr für die Erste Welt.

Die meisten Fotos haben Sie auf Ihren Reisen mit Michael Palin aufgenommen. Das ehemalige Mitglied der britischen Comedy- Truppe Monty Python dreht für die BBC vielbeachtete Reisereportagen, die Sie fotografisch begleiten. War "Hände", das der Christian Verlag auf Deutsch herausgebracht hat, ein Nebenprojekt dieser Arbeit?

Ja. Mit Michael bin ich oft sehr lange unterwegs, vom Nordpol zum Südpol oder einmal rund um den Pazifik. Da bleibt für mich immer mal Leerlauf, während die anderen drehen. Und ich muss sehen, wie ich mich beschäftige. Außerdem halten wir uns sehr oft an Orten auf, an die ich wahrscheinlich niemals wieder zurückkehren werde. Ich will so viel wie möglich von diesen Eindrücken festhalten.

Meist bereisen Sie entlegene Gebiete, unter sehr schwierigen Bedingungen ...

... dabei habe ich eines gelernt: Je mehr Mühe es dir macht, einen Ort zu erreichen, desto besser wird das Foto werden. Je unwegsamer die Straße, desto schöner wird das Bild.

Und wie arbeitet man auf einer Reise um die Welt?

Vor allen Dingen schnell. Ich habe zwar immer ein Stativ dabei, aber ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich es das letzte Mal benutzt habe. Wenn wir irgendwo ankommen, beginnt die Arbeit sofort. Ich kann nicht sagen: Das Wetter ist nicht ideal, ich komme morgen wieder. Das kann frustrierend sein, weil man weiß, die Aufnahmen sind nicht optimal. Der Kameramann des Filmteams und ich haben immer Witze darüber gemacht: Wenn das Licht endlich gut wurde, sagten wir: ‚OK, es ist an der Zeit weiterzuziehen.‘ Ich bin ein Fotograf, der Schnappschüsse macht.

Die technischen Aspekte der Fotografi e interessieren Sie nicht?

Ich kenne nicht einmal alle Funktionen meiner Kamera. Bei der Auswahl für das Buch habe ich die Blitzlichtaufnahmen aussortiert, weil sie unnatürlich wirken. Ich habe früher auch Mode fotografi ert, aber das trieb mich fast in den Wahnsinn: die ganze Ausrüstung, die Assistenten, die Show, die man für die Auftraggeber abziehen muss. Je besser du bezahlst wirst, desto größer muss die Show sein. Nein, ich mache Schnappschüsse. Es geht darum, Dinge zu finden, sie zu sehen und einzufangen. Wie ein Jäger.

In welchen Gegenden jagen Sie gerade?

Ich reise mit Michael Palin für eine neue Fernsehsendung durch die ehemaligen Ostblockstaaten. Und wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Vor allem die Menschen in Kroatien und Bosnien haben riesige Hände. Und übrigens auch riesige Füße. Großartig, sogar die zartesten kleinen Mädchen haben diese enormen Hände und Füße, einfach unglaublich!

BASIL PAO wurde 1953 in Hongkong geboren, ging in England zur Schule und studierte Kunst in den USA. Danach gestaltete er zehn Jahre lang als Art Director Plattencover, unter anderem für die Musik ver lage Atlantic und Warner Brothers. Als er das Begleitbuch zu dem Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“ entwarf, lernte er Michael Palin kennen. Seit 1980 arbeitet Basil Pao als Fotograf, vor allem für Palins BBC-Reiseserien, zu denen mehrere Bildbände erschienen sind (z. B. "Von Pol zu Pol", "Reisen mit Hemingway"). Bei Bernardo Bertoluccis Filmen "Der letzte Kaiser" und "Little Buddha" war er für die Standfotografie zuständig. Basil Pao lebt in Washington D.C. und Hongkong, er ist verheiratet und hat eine Tochter.

"Hände" von Basil Pao (Text und Fotos) ist im Christian Verlag, München, erschienen und kostet 24,95 Euro

www.christian-verlag.de

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