Expedition durchs Franz-Josef-Land

Sie waren mit dem Segen des Kaisers unterwegs, und sie suchten einen Weg zur Beringstraße. Doch was die Männer der österreichisch-ungarischen Nordpolarexpedition 1873 schließlich fanden, war der nördlichste Archipel der Erde: Franz-Josef-Land. Mehr als 130 Jahre später hat der Österreicher Christoph Höbenreich die arktische Wildnis der Inseln ähnlich erkundet wie einst der Kartograph Julius Payer - mit einem kleinen, unerschrockenen Team, zu Fuß, 250 Kilometer über sturmgefräste Eiswälle und zerklüftete Gletscher
In diesem Artikel
Entdeckung des Franz-Josef-Landes
Große Stille liegt über der Küste
Risiko Eisbär
Lautlos in den Abgrund gestürzt

Entdeckung des Franz-Josef-Landes

Alle Träume und Hoffnungen waren buchstäblich auf Eis gelegt. Das Polarexpeditions-Schiff "Admiral Tegetthoff" trieb Ende August 1873 schon einen Sommer, einen Winter und abermals einen Sommer lang in der Barentssee. Gefangen im Haltegriff der Schollen, saß es fest. Eispressungen hatten den Brustkasten des 34 Meter langen Dreimast-Schoners zu sprengen gedroht, Melancholie und Polarnacht die Gemüter der 24 Besatzungsmitglieder verfinstert.

Gestartet war die österreichisch-ungarische Polarexpedition am 13. Juni 1872 von Bremerhaven aus, um unter der Leitung der Kommandanten Carl Weyprecht und Julius Payer entweder eine schiffbare Nordostpassage nördlich der sibirischen Küste in die Beringstraße zu finden, oder - sofern sich das als unmöglich erweisen sollte - einen Vorstoß gegen den Nordpol zu wagen.

Entdeckung des Franz-Josef-Landes

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Am Kap Tirol konnten die Nachreisenden noch unbezwungene Berge besteigen

Doch bereits nach 70 Tagen war die "Admiral Tegetthoff" nur noch ein vom Eis gefesselter Passagier der Drift. Die Besatzung war bedrückt. Vor ihr lag die zweite, mehrmonatige Polarnacht, an deren Ende das Schiff womöglich wieder nicht freikommen würde. Aber dann: ein "denkwürdiger Tag, der 30. August 1873", so wie ihn der für Landexpeditionen zuständige Kommandant, der aus Böhmen stammende Offizier Julius Payer, für die Geschichtsbücher in berührenden Worten festhielt: "Es war um die Mittagszeit, da wir über die Bordwand gelehnt in die flüchtigen Nebel starrten, als eine vorüberziehende Dunstwand plötzlich raue Felszüge in Nordwest enthüllte, die sich binnen weniger Minuten zu dem Anblicke eines strahlenden Alpenlandes entwickelten!" Das Eis hatte die "Tegetthoff" zu einem unbekannten Archipel östlich von Spitzbergen getragen: 900 Kilometer vom Pol entfernt. Die Entdecker tauften sie auf den Namen ihres Monarchen: Franz-Josef-Land.

Eine Gedächtnisexpedition für Payer und Weyprecht

"Die Mannschaft suit bittschö’ zur Reling vuakumman, wö des is a Wuunda!", ruft eine Stimme mit Wiener Akzent in einer sternklaren, klirrend kalten Polarnacht im Februar 1994, 121 Jahre nach Payers Herzensergießung. Das ORF-Fernsehteam, das die legendäre Payer-Weyprecht-Expedition nachstellt, ist sehr um Authentizität bemüht. Russische Hilfe hat das Vorhaben ermöglicht: Der atomgetriebene Eisbrecher "Tajmyr" hat Material, historische Kleidung, Schlitten, Schauspieler, Komparsen und vor allem das zerlegte 1:1-Modell der "Tegetthoff" an den alten Schauplatz gebracht. Und während sich die Komparsen in die Ausgangspositionen begeben, wird ein Crewmitglied, ein 25-jähriger Geographiestudent und Alpinist aus Innsbruck, von einer Idee getroffen, die sich, Payer hätte gesagt, "unverscheuchbar" festhakt: Man müsste das wissenschaftshistorische Herzstück der klassischen k.u.k.-Expedition, die Erkundung Franz-Josef-Lands, real nachvollziehen. Eine Gedächtnisexpedition für Payer und Weyprecht schwebt ihm vor, dem damaligen Studenten und heutigen Bergführer sowie Doktor der Geographie, Christoph Höbenreich.

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Der russische Atom-Eisbrecher "Tajmyr" brachte 1994 das Filmteam des ORF nach Franz-Josef-Land. Mit Nuklear-Antrieb konnte 1977 auch erstmals der Nordpol per Schiff erreicht werden. Die "Tegetthoff" verfügte nur über einen 100 PS-Motor

Obwohl von sowjetischen Forschern jahrzehntelang studiert, zählt der Archipel noch heute im Westen zu den geographischen Marginalien, unbekannter als vokalreiche Mini-Inseln in Mikronesien oder isolierte Oasen im Sandmeer der Sahara. Dabei ist Franz-Josef-Land mit 16000 Quadratkilometern, verteilt auf 191 Inseln, immerhin fast so groß wie Thüringen. Westliche Wissenschaftler und Journalisten waren nur für kurze Zeit auf Franz-Josef-Land willkommen: vom Ende der Sowjetunionbis Mitte der 1990er Jahre - dann wurde der Archipel wieder zur militärischen Sperrzone. So musste Höbenreich zwölf Jahre lang auf die Erfüllung seines Traumes warten.

Weitere Informationen unter www.franzjosefland.com

Große Stille liegt über der Küste

Mehr als 130 Jahre später. Als am 30. April 2005 hinter dem abfliegenden russischen MI-8-

Hubschrauber der Schleier aus aufgewirbelten Eiskristallen wieder verschwunden ist, liegt plötzlich eine große Stille über der Küste der Wilczek-Insel, der südlichsten des Archipels. Eine Stille, die alle vier Expeditionsteilnehmer unterschiedlich empfinden. Für Teamleiter Höbenreich, 37, ist sie feierlich. Für seinen Kletterfreund Robert Mühlthaler, 42, Umweltfachmann der Österreichischen Bundesbahnen, überwiegt eine "gewisse inwendige Klammheit": so weit weg von allen Wegen der Zivilisation. Der russische Zoologe und Eisbärenexperte Nikita Owsianikow, 53, freut sich auf neue Informationen und Erkenntnisse über seine Lieblingstiere; und Viktor Bojarski, 55, Russlands erfahrenster "Polarnik", hat einfach nur das gute Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Die etwa 100 Kilogramm schweren "Polarschlitten" hängen an Nylonschnüren, die wiederum am Zuggeschirr der vier Ski-Polargeher befestigt sind.

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Als einsame Spur der historischen Expedition hat ein Grabkreuz auf der Insel Wilczek bis heute überdauert. Es erinnert an den Maschinisten Otto Krisch, der am 16. März 1874 im Alter von 29 Jahren an Tuberkolose starb

Bei Julius Payer mussten seinesgleichen einen klobigen Schlitten mit 800 Kilogramm Gepäck ziehen, unterstützt von sechs ausgewählten Männern. Den langen Winter über hatte Payer die Hunde trainiert, während Weyprecht die Mannschaft mit immer neuen Aktivitäten aufzuheitern suchte. Weyprecht war froh, dass er gegen allen Rat seine Mannschaft nicht im Norden angeheuert hatte, sondern im österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat, vor allem in Istrien und Dalmatien: Diese Männer seien von Natur aus heiter und nicht aufgrund vorheriger Erfahrungen im Eise leicht zu entmutigen. Doch mit Blick auf die schwindenden Vorräte und die Skorbutkranken war allen klar, dass sie eine weitere Überwinterung nicht überleben würden. Am 24. Februar 1874 verkündeten die Kommandanten, dass alle das Schiff Ende Mai verlassen und zu Fuß nach Süden gehen würden. Zuvor jedoch würde Payer mit einem kleinen Expeditionskorps losziehen, um Franz-Josef-Land zu erforschen.

Die Haut an den Fersen ist bis aufs blutige Fleisch weggefetzt

Auf Payers Spuren will die Gedächtnis-Expedition von Ende April bis zum 23. Mai ebenfalls

nordwärts gehen. Die Zugspannung des Seils ist anfangs noch ungewohnt. Auf gefrorenem Meereis geht es sich schwerer als auf schneebedeckten Inlandeisen, allein schon wegen der vielen Presseisrü­­cken aus zusammengeschobenen Schollen und der zementharten, windmodulierten Eiswellen. Für Mühlthaler kommt zum anstrengenden Zerren am Zuggeschirr noch eine Plage: Schon bald ist die Haut an seinen Fersen weggefetzt bis aufs blutige Fleisch. Um die Maßstäbe etwas zurechtzurücken, zitiert Mühlthaler aus Payers Expeditionsberichten: Der Jäger Klotz, heißt es da, musste zurück ins Lager geschickt werden, weil er wegen Fußentzündung nur noch in Fellschuhen gehen konnte. Und an anderer Stelle: "Nachdem wir von neuem aufgebrochen, gerieten wir sämtlich in Gefahr, das Gesicht zu erfrieren."

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Die 191 Inseln von Franz-Josef-Land bilden die nördlichste Landmasse Eurasiens und gehören heute zu Russland

Die vier Nachfahrer in wasserdampfdurchlässiger Expeditionskleidung und sturmfesten Kunststoffzelten schüttelt es mehr als nur einmal, wenn sie an den historischen Voraustrupp denken. Sie haben GPS-Navigationsgeräte und zwei Satellitentelefone. Die Männer damals gingen in unbekanntes Land, wussten nicht, ob die Eisfläche hinter ihnen stabil bleiben würde für die Rückkehr zur "Tegetthoff". In einer Zeit, in der es keine gänzlich unbekannten Polarregionen mehr gibt, richtet sich der Blick der Reisenden nicht mehr nach vorn auf das Unerforschte, sondern zurück auf die Pioniere.

Risiko Eisbär

"Es war fast schon wie ein dramaturgischer Schnitt in einem Kinofilm", erinnert sich Höbenreich, "ich hatte gerade über die Payersche Eisbärjagdmethode gelesen – drei Mann knieend, auf dreißig Meter, drei Schüsse –, als da plötzlich so ein kurzgestoßenes Fauchen zu hören war." Die Waffen liegen zwar schussbereit, aber außer Griffweite in den Schlitten. Für Sekunden zeichnet die Mitternachtssonne einen übergroßen Schatten auf die Zeltwand. Wie war das noch - laut reden? Nein, nicht laut reden, sonst kommt er ins Zelt und schaut nach. Ein Eisbär im Zelt ist definitiv das Ende. Mühlthaler klatscht beherzt in die Hände, und der große Schatten schwankt tatsächlich ein paar Meter rückwärts, die Pranken ziehen Knirschspuren in den verharschten Schnee; ein sehr tiefer Grummelton klingt aus der Kehle des Bären.

Risiko Eisbär

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Für eine Dokumentation hat das österreichische Fernsehen die "Tegetthoff" im Maßstab 1:1 nachgebaut. Schwimmfähig musste das Modell nicht sein, sondern lediglich das Original im Packeis doubeln

Viktor Bojarski zerrt eine Pumpgun aus dem Schlitten. Die Signalmunition, die über den Eisbärschädel zischt, beeindruckt das Pelztier wenig. Die Hartgummigeschosse, letzte Warnstufe vor der scharfen Munition, nötigen ihn in den Rückwärtsgang. Langsam, so als wolle er nicht das Gesicht verlieren, schwenkt der Riese ab. Der erfahrene Nikita Owsianikow

nennt den Zwischenfall später einen von nur zwei aus der Gesamtzahl seiner zighundert Begegnungen mit Eisbären, die "übel hätten ausgehen können". Seit mit dem Klimawandel das Meereis und damit das Jagdgebiet der Bären schrumpfe, häuften sich solche Berichte. Vor 131 Jahren wurde das "Risiko Eisbär" anders behandelt. Man erlegte die Tiere, wo immer sie sich zeigten - Frischfleisch für Mensch und Hund.

"Es kann nur wenig Spannenderes geben, als das Entdecken neuer Länder", notierte Julius Payer über seinen Vorstoß nach Norden. "Unermüdlich erregt das Sichtbare das Kombinationsvermögen über die Konfiguration, und die Phantasie ist rastlos beschäftigt, die Lücken des Unsichtbaren zu ergänzen." Jede Entdeckung, jeden Felsenturm, jede Wasserschneise versah Payer mit Namen, welche die Arktis in ein Stück Heimat verwandelten: Insel Wiener Neustadt, Insel Klagenfurt, Kap Grillparzer, Kap Kremsmünster, Kronprinz-Rudolf-Land, Simony-Gletscher. Am Kap Tirol gerät sein Bericht zur Hymne: "Wenige Meilen vor uns erhoben sich, von zerrissenen Gletschern umflossen, ... ungeheure Felskegel ... Der Sonne warmer Glanz lag darauf; dieser Anblick schien den Alpen anzugehören, nicht dem 81. Breitengrade. Umso greller war der Gegensatz, als die wallenden Dünste, sich völlig öffnend, die eiserfüllten Sunde und Eisberge entschleierten." Payer träumte davon, später eine Expedition von Künstlern nach Franz-Josef-Land zu bringen; er hatte auf einen Expeditionsfotografen verzichtet, weil seiner Meinung nach nur Künstlerwort und Künstlerstift die Majestät des Nordens erfassen konnten.

Am Kap Tirol werden auch die Nachreisenden zu Pionieren

Am 9. Mai 2005 erreichen auch Höbenreich und sein Team das Kap Tirol. Und erleben es ähnlich sonnenüberflutet wie ihre Vorgänger. Schneekristalle funkeln über einer Traumkulisse, einer Überblendung aus norwegischer Fjordlandschaft und alpinen Granitflanken. Über den Kliffs gaukeln Dreizehenmöwen, und weiter draußen im vereisten Austria-Sund, wo sich eine schmale, gleißend helle Wolkenbank aufgebaut hat, zeigt sich deren Unterseite in unregelmäßigen Abständen dunkelblau und schwarz gescheckt: Der so genannte Wasserhimmel spiegelt "Polynjas", eisfreie Flächen, die häufig auch im Hochwinter nicht zufrieren, weil Strömungen oder ablandige Winde die Eisbildung auf ihnen verhindern. Hier werden auch die Nachreisenden zu Pionieren: als Erste, die Kap Tirol nur mit eigener Muskelkraft entlang der Schlittenroute Julius Payers erreicht haben. Dann zieht das Viererteam weiter auf Payers Spuren durch "dessen" so benannten Austria-Sund exakt nordwärts, unter der Eisschicht ein über 300 Meter tiefer Graben, der die Inselwelt teilt. Oft verhindern die senkrechten Gletscherabbruchkanten an den Inseln den Zutritt, manchmal wählen die Österreicher und Russen kleine Varianten zur historischen Route, etwa wenn der Weg durch stark angetauten (sulzigen) Schnee oder offene Wasserflächen beschwerlich oder unpassierbar wird.

Lautlos in den Abgrund gestürzt

Zwei Monate weiter im Jahr wird die Sonne den Schneemantel auf vielen Inseln flüchtig zurückgeschlagen haben, werden die roten und gelben Flechten auf den Felsen zu brennen scheinen. Die Steinbrech- und Polarmohn-Polster wird dann ein gleichmäßiger, nur wenige Grade warmer Sommerwind in eine Richtung kämmen. Gryllteisten, Eissturmvögel und Dreizehenmöwen werden die wenigen warmen Sommerwochen zur Aufzucht ihrer Jungen in den eisfreien Klippen nutzen; hungrige Polarfüchse in den Brutkolonien Patrouille laufen. Noch aber liegen diese Wochen unvorstellbar fern, wenn auch das Eis bereits dünner wird. Bedrohlich dünn mitunter. Als Robert Mühlthaler einmal aus den Skiern tritt, um von einem gefrorenen Eisrücken aus ein Überblicksfoto zu schießen, bricht er ein. Die drei anderen sind ausgerechnet in diesem prekären Moment außer Rufweite. Und mit der Gedankenschnelle, mit der Menschen in Extremsituationen etwas erfassen können, ist Mühlthaler klar, dass er vermutlich nicht lange genug lebend im Eiswasser ausharren kann, bis die Kameraden sein Zurückbleiben bemerken. Der erste Versuch, per Delfinbeinschlag weit genug auf die dünne Eiskante zu schnellen, scheitert, der zweite gelingt. Zum Glück geht kein scharfer Wind. So kann der Österreicher durch flotten Skilanglauf gegen die kalte Nässe anheizen und sich schließlich ins Zelt und den warmen Schlafsack retten.

Lautlos in den Abgrund gestürzt

Lautlos waren am 10. April 1874 der Matrose Zaninovich, Hunde und Schlitten in den Abgrund einer Gletscherspalte gestürzt. In zehn Meter Tiefe verfingen sie sich auf einem Absatz, wo ihnen entweder eine falsche Bewegung oder aber die Kälte zum Verhängnis werden musste. Payer lief zehn Kilometer zurück, um am Kap Schrötter Hilfe zu holen. Dort hatte er einen Teil der völlig entkräfteten Mannschaft zurückgelassen. Mit Stangen und Seilen gelang es den Männern, die Verunglückten zu retten. Payer setzte die Expedition sogleich fort. Doch schon zwei Tage später zwangen weitere häufige Einbrüche, Proviantmangel und ein zerklüfteter Weg ihn - wie Payer vermutete - bei 82°05' zum Aufgeben. Er pflanzte die Flagge Österreich-Ungarns und benannte die Stelle Kap Fligely. Ohne es zu wissen, hatte Julius Payer den nördlichsten Punkt Eurasiens erreicht.

In zwei Monaten nur 15 Kilometer zurückgelegt

Payers Mannschaft benötigte elf Tage, um zum 258 Kilometer entfernten Schiff zurückzukehren. Ausgehungert, halb erfroren. Am 20. Mai 1874 begann der verzweifelte Versuch, der Arktis auf dem Landweg zu entkommen. Ein Unterfangen, das zuvor keiner Schiffsbesatzung vollzählig gelungen war. Nach zwei Monaten waren sie nur 15 Kilometer weiter nach Süden gelangt, die Drift hatte sie wieder nach Norden getrieben. Nach 86 Tagen erreichten sie das offene Meer, zehn Tage später wurden sie von einem russischen Schoner an Bord genommen. Ins große Buch der Polarhelden kamen Julius Payer und Carl Weyprecht außerplanmäßig, weil sie ein Stück Land auf die Weltkarte gesetzt hatten, dessen Existenz von zeitgenössischen Experten zuvor nur erahnt worden war: Treibendes Gletschereis in der mittleren Barentssee hatte auf eine Landmasse im Norden gedeutet. Eine andere - aus heutiger Sicht etwas abenteuerliche - Vermutung wussten sie jedoch zu widerlegen; eine Theorie, der eine Überschätzung der Golfstromwärme zugrunde lag: Führende Wissenschaftler erwarteten in der nördlichen Barentssee ein eisfreies Meer bis zum Pol.

Die fast zweijährige Gefangenschaft der "Tegetthoff" im Eis und Payers Schlittenexpeditionen durch den Archipel sprachen deutlich gegen diese These eines eisfreien Nordmeers. Und auch zu den Chancen einer freien Durchfahrt von Nordnorwegen bis in die Beringstraße äußerte sich Payer nach glücklicher Heimkehr: "Kein offenes und kein völlig geschlossenes Polarmeer, sondern eine gewisse jährlich wechselnde Chance für die Schifffahrt, welche Chance ich mir jedoch niemals so groß denke, um den Nordpol oder die Nordostdurchfahrt zu absolvieren."

Das Weltklima wird entscheidend an den Polen geprägt

Carl Weyprecht suchte jedoch nicht Anerkennung, sondern Erkenntnis. Vor der Südküste Franz-Josef-Lands hatte er sie gefunden - und arbeitete sie nun wissenschaftlich aus: die Einsicht, das Weltklima werde entscheidend an den Polen geprägt. Diese kühne Schlussfolgerung vielleicht der eigentliche Meilenstein, den die k.u.k.-Expedition setzte. Für die Zukunft forderte Weyprecht "Forschungswarten statt Forschungsfahrten". Eine weit vorgreifende, hochaktuelle Idee des gebürtigen Darmstädters und naturalisierten Österreichers: Die Weltgemeinschaft der Polar- und Klimaforscher solle ihre Bemühungen zeitlich, inhaltlich und geographisch koordinieren, denn nur auf diese Weise sei tiefgreifendes Wissen zu erlangen. Startpunkt dafür wurde 1882/83 das von Weyprecht angeregte 1. Internationale Polarjahr. Als einzige Spuren seiner historischen Vorgänger fand Christoph Höbenreich auf der Insel Wilczek den Lagerplatz Payers am Kap Schrötter auf der Insel Hohenlohe. Und erkannte jene "unbeschreibliche Einsamkeit" wieder, die Julius Payer 132 Jahre zuvor in seinem Bericht festgehalten hatte: "Welch ein Schweigen liegt über einem solchen Lande und seinen kalten Gletschergebirgen, die in unerforschlichen duftigen Fernen sich verlieren, und deren Dasein ein Geheimnis zu bleiben schien für alle Zeiten."

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