Irland: Zum Glück gibt’s Lisdoonvarna

Einmal im Jahr zieht es Singles aus der ganzen Welt in ein ansonsten nicht verhaltensauffälliges Örtchen an Irlands Westküste. Aus einer Viehversteigerung ist hier Europas bekanntester Heiratsmarkt erwachsen

Kann doch manchmal nicht schaden, schon am Anfang zu wissen, dass am Ende alles gut wird: Brooke, die Amerikanerin, wird zum Beispiel Dirk aus Deutschland finden, und selbst der Heiratsvermittler verliert sein Herz an eine Dame aus Bremen, wenn auch nur kurz. Und das sind nur vier Menschen von vielen, die sich bereits zum Auftakt des "Matchmaking Festivals" kennenlernen werden. Noch einen ganzen Monat danach zieht es Glücksritter nach Lisdoonvarna; jeden in der Hoffnung, hier seinen persönlichen Schatz zu entdecken. Zwischen 8000 und 15 000 werden sich dann an den Wochenenden auf die wenigen Straßen des Städtchens verteilen. Aber was die Liebe ja von allen anderen Kostbarkeiten unterscheidet: Je mehr Menschen am gleichen Ort nach ihr suchen, desto größer ist die Chance, sie für sich selbst auch zu finden.

Liebe kann sich nicht verstecken

Die Liebe, sofern sie nach Lisdoonvarna kommt, hat ohnehin nicht viele Möglichkeiten, sich zu verstecken. Wo könnte sie hin an einem Ort, der sich am besten mit dem beschreiben lässt, was er nicht besitzt: Es gibt keine Ampel und keine Bank, keinen Geldautomaten, keinen Rechtsanwalt, keinen Zahnarzt und so wenig kriminellen Ehrgeiz, dass die kleine Polizeistation an der Main Street werktags schon um 13 Uhr schließen muss.

Entlang der Hauptstraße liegen auch die wenigen größeren Hotels, vor denen in der Hochsaison die Reisebusse halten. Aus ihnen steigen abends müde wirkende Menschen mit Video- und Digitalkameras, auf denen sie sich später im Restaurant gegenseitig die Höhepunkte des Tages zeigen: beigefarben gekleidete Menschen an den Cliffs of Moher, zum Beispiel, oder beigefarben gekleidete Menschen im Burren, einer rund 300 Quadratkilometer großen Karstlandschaft, an deren Ausläufern Lisdoonvarna liegt. Ein paar Blumen zwar, ansonsten nur Kalkstein, Moose, Flechten.

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Nur in gute Hände abzugeben: Für den richtigen Mann würde Brooke Thorington aus den USA in jedes Land ziehen

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Menschen-Vermittler Willie Daly mit Tochter Marie und dem "Matchmaker"-Buch

Lange vor Erfindung beigefarbener Reisegruppen brachte der Burren nicht nur die Einheimischen, sondern auch Irlands Besatzer darüber ins Grübeln, wozu sich diese Region wohl nutzen ließe. "Kein Baum, an dem man einen Mann aufhängen könnte", soll der Engländer Oliver Cromwell ratlos gesagt haben, "kein Tümpel, um ihn zu ersäufen, keine Erde, um ihn zu verscharren."

Dafür besitzt Lisdoonvarna immerhin ein eigenes Lied mit dem Titel "Lisdoonvarna" (und dem nicht minder überraschenden Refrain "Oh, Lisdoonvarna, Lisdoon, Lisdoon, Lisdoon, Lisdoonvarna"). Der Songwriter Christy Moore hat es Ende der 1970er Jahre geschrieben, als einige Zeit lang über 50 000 Musikfans für eine Art irisches Woodstock auf die Felder des Ortes pilgerten und hier sogar Stars wie James Brown auftraten.

Ansonsten gibt es noch 13 Bars und Pubs, kein schlechtes Angebot für rund 800 Einwohner. Eine der beliebtesten Kneipen ist The Matchmaker, in der Mark Flanagan am Tresen lehnt, irischstämmiger Amerikaner aus Memphis, der bereits seine Sommer in Lisdoonvarna verbrachte, als er noch nicht dieses tiefrote, von einem Netz geplatzter Adern durchzogene Gesicht besaß und die Whiskeystimme, mit der er so wundervoll erzählen und wie ein irrer Kobold kichern kann.

Es war einmal

Inzwischen ist Flanagan 64 Jahre alt, hilft bei der Organisation des "Matchmaking Festivals", und wenn ihn jemand fragt, warum nun Tausende Singles unter allen Orten auf der Welt ihr Glück ausgerechnet in Lisdoonvarna vermuten, sagt er mit seinem tiefen "Es war einmal..."-Timbre: Hör zu! Dann entführt er ins späte 19. Jahrhundert, als ein Adliger eigentlich Vögel jagen wollte und dabei auf eine heilende Quelle stieß. Bald darauf wurde Lisdoonvarna das erste Kurbad des Landes. 20 000 Gäste kamen zur Blütezeit 1918, und auch Farmer aus der Region reisten jährlich nach der Ernte über die von Schlaglöchern durchsetzten Straßen an, um ihr Rheuma in schwefelhaltigem Wasser zu kurieren.

Auf Märkten konnten sie außerdem neues Vieh kaufen. Mit vielen Farmern und Familien waren die Händler seit Jahren bekannt, und so arbeiteten einige von ihnen nebenbei als matchmaker, die junge Heiratswillige beim abendlichen Tanz miteinander bekannt machten. Denn in früheren Tagen waren nur die Erstgeborenen begehrt, sie erbten den Hof. "Die anderen kriegten ’nen Scheiß", sagt Flanagan und kichert wieder. Das ist alles lange her. Der Kurbetrieb ist eingeschlafen, und die von "Saniert mit EU-Fördermitteln"-Schildern flankierten Ausfallstraßen haben nur bewirkt, dass Touristen Lisdoonvarna auf ihrer Durchreise ebenso schnell erreichen wie hinter sich lassen können.

Nur jedes Jahr im September ist alles ganz anders. Dann kommen Vergnügungssüchtige und Nostalgiker, Iren auf der Suche und solche, die hier vor Jahren fündig geworden sind. Zum Auftakttanz trifft man sich noch immer an der Quelle, wo nun eine Art Bürgerhaus steht. Viehauktionen werden veranstaltet, und Hochglanzbroschüren werben mit dem Konterfei von Willie Daly, dem einzigen verbliebenen Matchmaker der Region.

Eigentlich ist Daly Pferdehändler, er wohnt einige Kilometer entfernt am "Shit-Highway", wie Flanagan die Straße wegen ihres Mittelstreifens aus Pferdedung nennt. Das Haus des Matchmakers liegt auf einer kleinen Anhöhe, er selbst steht im Türrahmen. Aufrechte Haltung, Wollpullover, weißer Bart, Arme eng am Körper. Wie ein Nussknacker, der aber die Zähne nicht auseinander kriegt. In der Küche serviert er Whiskey mit einem Schuss Tee und erzählt mit der Mimik eines Bauchredners von seiner Arbeit.

Vorstellen statt verkuppeln

Er erklärt, dass Matchmaking kein Verkuppeln, sondern lediglich ein Vorstellen sei, und er fortsetze, was schon sein Großvater und sein Vater taten. Als dieser alt wurde, hatte es allerdings 15 Jahre lang keinen Matchmaker mehr in der Region gegeben; Daly wollte sich lieber um Pferde als um Menschen kümmern. Doch dann verlor er gute Freunde, immer wieder. Junggesellen, die keine Frau fanden und deshalb ihre Farmen nicht mehr halten konnten. Sie zogen fort, das Land kauften Engländer und Amerikaner. "Nette Menschen, aber nicht so nett wie die Iren", sagt Daly.

Irgendwann holte er dann das große, zerschlissene Matchmaker-Buch seiner Vorgänger aus dem Schrank, in dem er nun die Zuschriften und Telefonnummern der Suchenden aufbewahrt – sofern er sie nicht im Flur hinter die gerahmten Bilder von John F. Kennedy und Jesus klemmt, an das Zaumzeug am Haken spießt oder einfach auf die Tapete schreibt. Nummern und Briefe von Menschen wie einem gewissen Flynn T. aus Cork, der 30 Kühe besitzt und nun noch gerne zwölffacher Familienvater wäre, oder Anfragen aus dem Ausland, etwa von der Japanerin Seiko S., die "I want to make family" schreibt.

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Kurz vor Feier-Abend in Lisdoonvarna

Nicht alle Wünsche kann Daly erfüllen. Vor allem nicht, wenn die Anfrage mehr nach Sammelbestellung als nach individueller Liebessuche klingt. Sowohl aus moralischen wie aus logistischen Gründen sah der Matchmaker daher bislang auch keine Möglichkeit, der von einer Jane T. aus Südkorea auf ein Gruppenbild geschriebenen Bitte "Please find us 14 husbands" zu entsprechen.

Besuch aus Amerika

Inzwischen treffen aber ohnehin so viele Anfragen ein, dass deren Beantwortung durchaus dauern kann. Mitunter auch etwas länger. Erst vor ein paar Monaten kam ein Brief an einen Herrn in Südirland zurück. Der Mann, den Sie vermitteln möchten, stand darauf, ist seit 30 Jahren tot. Seit einiger Zeit hilft nun die 31-jährige Tochter Marie dem Vater bei der Arbeit. Marie Daly ist eine hübsche, schwarzhaarige Frau, die gerade von einem Ausritt mit Gästen zurückkehrt und ein Pferd am Fenster entlangführt. Darauf sitzt Brooke Thorington, eine chronisch gut gelaunte Amerikanerin, die immer von "wir" spricht, damit aber lediglich sich und ihren in Alabama gebliebenen Hund Murphy meint. Weil es jedoch am menschlichen Partner fehlt, hat sie ihren Irland-Urlaub auf die Zeit des "Matchmaking Festivals" gelegt.

Nun soll ihr Willie Daly am Wochenende helfen, ein Pendant zu finden. Nett muss er sein und sie zum Lachen bringen. Der Matchmaker nickt. Ein Typ wie sie, ein Typ zum Pferdestehlen. Daly bindet erst einmal die Stute an. Plötzlich greift der Wind in das auf einem Zaunpfahl abgelegte Matchmaker-Buch und wirbelt mehrere Leben durch die Luft. Gelassen sammelt Daly die Blätter ein. Ob es nicht vielleicht einfacher wäre, alle Adressen im Computer zu verwalten, fragt die Amerikanerin. Da blickt der Matchmaker wie ein Schamane, der eine schlimme Vision hatte. Dann bückt er sich nach den übrigen Papieren.

Liebesglück ohne Computer

Willie Daly und Computer? Marcus White lacht und fährt sich mit beiden Händen über den kahl rasierten Schädel. White ist die freundliche Version des Orts-Paten: kennt jeden, kontrolliert alles. Er wohnt in einer videoüberwachten Villa, zu der eine nicht enden wollende Auffahrt führt. Die Steine hat der 43-Jährige auf Lastwagen aus Belfast heranschaffen lassen, einmal quer über die Insel; Originalpflaster der Werft, in der einst die "Titanic" gebaut worden ist. "Hat mich ein Vermögen gekostet", sagt White, was in seinem Fall nicht wenig sein dürfte. Seinem Vater und ihm gehören die größten Hotels in Lisdoonvarna, der Internetshop, der kleine Spar-Markt. Auch der Q-Club, dessen Flugblatt-Werbung mit "PVC, Latex, Gummi" für Nachtclub-Laien eher nach Baumarktangebot als nach Kleiderordnung klingt. Während des "Matchmaking Festivals" ist diese allerdings aufgehoben.

40 000 Euro hat White in diesem Jahr wieder in die Veranstaltung investiert, so viel wie kein anderer im Ort. Wie kein anderer weiß er aber auch, wie sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Lisdoonvarna am einträglichsten miteinander verbinden lassen. "Irland erodiert", sagt White so betont knapp, als wäre es die Überschrift zu einem Artikel, in dem es um die Entwicklung des Landes geht. Um ein Irland, in dem alles neu sein sollte und modern und in dem nun die Menschen auf ihrer Insel wie in einer komplett sanierten Wohnung sitzen und klagen, dass nichts mehr ist wie früher.

"Wen wundert’s?", fragt White, und weil er keine Antwort erwartet, sagt er, dass der Erfolg des Festivals darin liege, ein Stück Tradition, ein Stück Geschichte zu bieten. Es ist der Ort, an dem man sich noch zum Tanzen auffordert und persönlich statt über Chatrooms kennenlernt. "Darum wollen die Leute auch keinen Computer-Willie sehen", sagt White. "Sie wollen den Willie Daly mit diesem dicken, zerfledderten Buch."

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Patrick Tully hat seine Liebe längst gefunden - wenn auch nur zur speziellen Hut-Brillen Kombination

Es sind dann auch eher die Nostalgiker unter den Festival-Fans, die sich am nächsten Vormittag bereits um elf Uhr zum Walzer treffen. Wie Albert Lawlor aus Limerick, der seine Cecily vor über 20 Jahren in Lisdoonvarna kennenlernte. Ein Jahr später war die Hochzeit. Jedes Festival hat das Paar seither besucht, und es tanzt jedes Mal stundenlang so unermüdlich im Kreis, als würde es sich auf einer Spieluhr drehen. Ist die eine Veranstaltung vorüber, nimmt Cecily ihr mit Strass besetztes Stirnband in die eine und Albert an die andere Hand, und sie gehen zur nächsten. 17 "Music & Dance Venues" sind es in und außerhalb von Lisdoonvarna, bei denen große Farmerhände zufrieden lächelnde Damen über die Dielen führen; so wie es – nach Marcus Whites Vorstellung – schon vor mehr als 100 Jahren war. Auch der ein oder andere Teilnehmer wirkt, das muss man sagen, als wäre er seit damals dabei.

Hawaiihemd und Schnauzbart

Die Jüngeren kommen meist erst am frühen Abend in den Ort. Setzt die Dämmerung ein, ziehen die ersten Gruppen aufgedrehter Jugendlicher durch die Hauptstraße. Dann nehmen die Besitzer der Imbissstände die Hände aus den Taschen und belegen den Grillrost mit Hot Dogs, die Straßenhändler erhöhen noch einmal die Stapel roter Cowboyhüte, und die Wahrsagerinnen, Madam Breeda und Madam Rose Lee, die siebte Tochter der siebten Tochter, sehen neugierig durch die geklöppelten Gardinen ihrer Wohnmobile, was die Zukunft bringt.

Kurze Zeit später steht nur noch auf der Straße, wer keinen Platz mehr in den Pubs findet. Oder keinen finden will, wie die beiden Bremerinnen, die genervt an einer Hauswand lehnen, weil ausschließlich ihre mitgereiste Mutter von den Männern angesprochen wird. Am meisten Betrieb herrscht in der Matchmaker-Bar, wo mehr Bier verschüttet als getrunken wird. Am Eingang hat Willie Daly ein Separee mit Bänken gezogen, auf denen Notargehilfinnen, Landwirte, Verkäuferinnen sitzen. Zwei Mädchen assistieren und helfen beim Ausfüllen von Fragebögen. Wie soll Ihr Partner aussehen? Aus welchem Land soll er kommen? Sind alle Angaben gemacht, werden die Bögen in Dalys dickes Buch gelegt und - innerhalb eines flexiblen Zeitrahmens von einigen Tagen bis zu mehreren Monaten - auf Gemeinsamkeiten überprüft. Um Dirk, 37 Jahre, Spediteur aus Deutschland, kümmert sich der Chef selbst. "Interessen: Heavy Metal, Kurzreisen, Autorennen", liest Daly und blickt vom Fragebogen auf, "also, da müsste sich bestimmt jemand finden lassen." Eigens für eines der Festivalwochenenden ist Dirk nach Irland geflogen, Nachbar Jürgen ist auch mitgekommen. Der vertraut statt Fragebögen und Matchmaking aber mehr der natürlichen Magie von Hawaiihemd und Schnauzbart. Und sollte der Erfolg wider Erwarten ausbleiben, wartet zu Hause ja immer noch die Ehefrau, die ihren Mann auf einer Sprachreise in Irland wähnt.

So vergeht der Abend mit Trinken, Lachen und Zickzacklaufen zwischen den Pubs, über denen der Vollmond hängt wie ein angenähter Knopf. Hell scheint er auf die Hauptstraße Lisdoonvarnas, auf Irinnen mit Teufelshörnern im Haar und ausländische Touristinnen mit blinkenden Rosen am Revers, auf suchend blickende Männer, nepalesische Musiker, Gälisch-Lehrerinnen aus Leitrim und farbige Krankenschwestern aus Dublin.

Er leuchtet auf John Joe Scanlan, den örtlichen Hellseher mit den daumen-dicken Brillengläsern, und auf Kfz-Mechaniker Pat Cassady, der 1998 beim "Matchmaking Festival" zu "Mr. Lisdoonvarna" gewählt wurde (trotz Titel und rund 550 Euro Preisgeld aber an seinem bis dahin geführten Leben festhielt). Er leuchtet einige Stunden später auf Willie Daly, den Matchmaker, der mit der Mutter der Bremerinnen Hand in Hand auf der Straße steht, und auf Brooke Thorington, die sich an den Stufen der Matchmaker-Bar mit Dirk aus Deutschland unterhält. Heavy Metal, Kurzreisen und Autorennen?! Aha, interessant, und aus der Kneipe dringt aus hundert Kehlen "Oh, Lisdoonvarna, Lisdoon, Lisdoon, Lisdoon, Lisdoonvarna!"

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Gefühlsmenschen unter sich: eine Assistentin des Heiratsvermittlers in einem intensiven Beratungsgespräch

Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus der neuen Ausgabe von GEO Special "Irland".

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