Kanada: Am Fluss der blauen Berge

Tosende Wasser und kalbende Gletscher. Tiefe Urwälder vor eisigen Gipfeln. Neugierige Bären - und dann auch noch schlechtes Wetter im August: Ein Bootstrip von Kanada nach Alaska
In diesem Artikel
Letzter Abend am Alsek
In Bear Country
Das erste Camp
Bär Nummer drei
Bärengeschichten
Rettungsaktion
Wandern am Walker-Gletscher

Die Steine im Sand glühen rot und fauchen, als das Wasser über sie rinnt. Dampf steigt auf, heißer, feuchter Dampf, der sich sanft auf unsere Haut legt und uns Minuten später völlig einnebelt. Elegant wie ein Sauna-Meister wedelt Tyler, unser River-Guide, sein Handtuch durch die Luft. Wir juchzen vor Behagen. Wärme! Hitze! Endlich! Den ganzen Morgen haben wir bei strömendem Regen Steine gesammelt, den ganzen Nachmittag ein Feuer mit Treibholz gefüttert, um sie darin zum Glühen zu bringen.

Letzter Abend am Alsek

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Camp zwischen Felsen und Fluss. Die Gruppe hat am Lake Creek ihre Zelte aufgeschlagen. Einsamkeit, Stille, kristallklare Luft und der unerwartete Besuch eines Grizzlybären prägen den Tag

Unsere drei Guides haben derweil am Strand aus Stämmen, Ästen, Regenplanen und Packbändern eine Art Kate konstruiert, die zwar nicht wie eine indianische Schwitzhütte aussieht - aber genauso funktioniert. Und so sitzen wir nun zu elft auf mühsam herbeigeschleppten Baumstümpfen, schwitzen, stoßen mit den letzten Dosen Bier an und machen uns Mut für den Sprung ins coolste Kühlbecken der Welt: den Gletschersee des Alsek River, auf dem blau schimmernde Eisberge treiben. Es ist unser letzter Abend am Alsek. Morgen werden wir mit den Schlauchbooten bis zur Dry Bay an der Pazifikküste Alaskas paddeln, dort die Luft aus den Kammern lassen und mit Cessnas zurück in die Zivilisation fliegen - nach zwölf Tagen und 180 Flusskilometern kanadischer Wildnis. Echter, menschenleerer Wildnis. Mit braunroten Schluchten aus vulkanischem Gestein, ächzenden Gletschern vor fast 5000 Meter hohen Gipfeln, finsteren Urwäldern, schwimmenden Irrgärten aus Eisbergen. Im Wasser Stromschnellen, am Ufer Grizzlybären. Und vor allem: mit wildem Wetter. Sturm, Dauerregen, Eiseskälte. Elf Tage November mitten im August. Außer in unserer Sauna.

In Bear Country

Schon bevor ich mich in eines der drei blauen Schlauchboote setzte, war mir klar: Diese Tour im Grenzgebiet von Kanada und Alaska wird abenteuerlich. Um mitreisen zu dürfen, musste ich glaubhaft machen, dass ich psychisch stabil bin und im Notfall den Befehlen der River-Guides bedingungslos gehorche; ich unterschrieb eine fünfseitige Erklärung, die den Veranstalter von jeglicher Schuld bei Verletzungen durch Gletscherfluten, Bergabbrüche oder Bärenattacken freispricht. Irgendwo stand vermutlich auch, dass er für Schlechtwetter-Einbrüche nicht haftet. Die Rafting-Route führt vom Alsek-Zufluss Dezadeash im Kluane-Nationalpark, Yukon/Kanada, Richtung Süden in den Glacier-Bay-Nationalpark, Alaska/USA, quer durch das größte zusammenhängende Schutzgebiet Nordamerikas. 1994 hat die Unesco das Alsek-Tal zum Weltnaturerbe erklärt. Nirgendwo leben so viele Grizzlybären so dicht beieinander wie hier. "You are in Bear Country", steht auf dem Eingangsschild am Kluane Park. Jock, unser Chef-Guide, übersetzt, was damit gemeint ist: Ab hier sind Menschen nur noch Gäste.

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Die Boote liegen am Ufer, das Feuer ist entfacht

Wir, das sind drei River-Guides - Jock, Mark und Tyler - sowie acht Erwachsene zwischen 24 und 73; zwei Männer, sechs Frauen; aus Florida, allen Regionen Kanadas sowie aus Berlin. Eine Gentechnikerin ist dabei, eine Studentin, ein Unternehmensberater. Kein Paar, dafür Mutter und Tochter. Einzige gemeinsame Kennzeichen: Gummistiefel, Outdoor-Kleidung - und große Vorfreude auf den ersten Bären. Eine Stunde haben wir uns im Geländewagen vom Parkeingang bis zur Einstiegsstelle am Dezadeash durch sumpfigen Morast gekämpft - da tapst er vorbei: massig, zerzaust, das Maul blutrot. Wir erstarren vor Aufregung, der Bär flüchtet in die Büsche. Jock bleibt gelassen: ein Grizzly, erkennbar am Muskelhöcker zwischen den Schultern und an der Stummelnase. Das rote Maul rührt von seiner Leibspeise her - Kinnickinnick-Beeren. Ganz harmlos.

Wo einst Goldgräber in einen kollektiven Rausch verfielen, finden heute die Liebhaber einsamer Landschaften ihr Glück: Tipps für sechs Flussfahrten in Kanada, angefangen mit der in unserer Reportage beschriebenen Alsek-Tour

Hören Sie die Reportage "Am Fluss der blauen Berge" von Katja Trippel aus GEO SAISON 07/07. Es liest Kerstin Broda (Länge: 19:03 Min.; 17,4 MB)

Weniger harmlos ist der Wind, der uns am Ufer um die Ohren pfeift. Keine fünf Minuten vergehen, und ich stelle fest: Die Wollmütze, die mich warm durch den Berliner Winter bringt, ist dem Sommer im Yukon-Territorium nicht gewachsen. Die Trekkinghose, bei Nordseebrise erprobt, lässt trotz Wachsschicht so viel kalte Luft durch, dass ich die Thermowäsche unterziehen muss.

Das erste Camp

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Das Boot gleitet zwischen den Eisbergen hindurch, die auf dem Alsek-See im Glacier-Bay-Nationalpark treiben. In haushohen Brocken brechen sie von der Gletscherzunge ab; ein ständiges Tropfen ist das eindrücklichste Geräusch dieser Zwischenwelt

Wir bilden eine Kette, werfen Campingausrüstung, Kleidung und Verpflegung für zwölf Tage auf die Schlauchboote, wasserdicht verstaut in Säcken und Kisten. Ein Steinadler beobachtet uns bei der Arbeit, eine Trompeterschwan-Familie schwimmt neugierig dem Ufer entgegen. Auf geht`s! Aber nicht mit Rudern und Paddeln, wie wir uns das vorstellen - keine Chance bei diesem Wind. Stattdessen steigen unsere Guides in Gummihosen, binden sich ein Seil um die Hüften und marschieren, die Boote im Schlepptau, flussabwärts. Patricia, mit 73 Jahren die Grande Dame der Truppe, pfeift anerkennend. Kraftpakete, diese Kerle! Im Zeitlupentempo gleiten die Schlauchboote übers Wasser, feinste Partikel, vom Gletscher flussaufwärts aus dem Granitfels geschürft, färben es milchig grau. Gut 50 Meter breit ist der Zufluss des Alsek, für europäische Augen ein Tal im Cinemascope- Format. Rechts und links ragen Gebirgsflanken in den Himmel, am Ufer spärlich bewachsen mit Buschwerk. Darüber wuchern Bergkiefern, ganz oben, jenseits der Baumgrenze, sind zartgrüne Weiden zu erahnen. Im Hintergrund erheben sich die schneebedeckten Gipfel der St.-Elias-Kette.

Unser erstes Camp erreichen wir nach zwei Stunden. Die Abendsonne scheint, doch meine Finger sind klamm, die Ohren eiskalt. Ich durchwühle den Seesack nach meiner Zweitmütze. Wie absurd, beim Packen hatte ich mir Gedanken gemacht, ob das alte Ding überhaupt noch tragbar ist - und schon am ersten Tag in freier Natur zählt nichts mehr außer: bloß nicht auskühlen!

28 Minuten brauche ich, um gegen die Böen mein Zelt aufzubauen. In der Zeit haben unsere drei Jungs Holz gesammelt, Feuer gemacht, die Toiletten mit Sicht auf den Sonnenuntergang aufgestellt, Klappstühle ums Feuer gruppiert, Suppe gekocht und den Wein entkorkt. Was Patricia ermuntert, unsere Führer nach Alter und Familienstand zu fragen - auch wenn ihre Tochter Sarah, 36, ledig, nur peinlich berührt den Kopf schüttelt. Prost. Angerichtet sind gegrillter Lachs, Kartoffelpüree und Karotten mit Honigsauce, als Dessert gibt es Schokokuchen, gebacken zwischen heißen Kohlen. Satt und selig steige ich in meinen Schlafsack. Die Wildnis darf vor meinem Zelt übernachten.

Gegen sechs wecken mich Tropfen im Gesicht. Draußen schüttet es wie aus Kübeln, ganz offensichtlich habe ich das Überzelt falsch aufgezogen. Hektisch suche ich nach Regenjacke und -hose, ziehe sie über die zwei Lagen von gestern und beginne mein Lager abzubauen. Daheim setze ich bei solch einem Wetter freiwillig keinen Fuß vor die Tür! Ein leises Fluchen huscht mir über die Lippen. Da eilt mein Zeltnachbar Desmond zu Hilfe, ein Ingenieur i. R., zwei heiße Tassen Tee in der Hand. Ich bin gerührt, "reiß dich zusammen!", befehle ich mir. Was dann nicht sonderlich schwerfällt, denn unsere Guides haben längst mithilfe der Paddel und Ruder eine Schutzplane aufgespannt, unter der sie Eier mit Speck braten und im Chor "Singing in the Rain" schmettern. Patricia schwärmt: "Absolut heiratsfähig, die Herren!"

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Während die Boote auf den Alsek-See hinausgleiten, klart der Himmel auf, un der 4663 Meter hohe Mt. Fairweather erscheint. Trotz des Namens, der gutes Wetter verheißt - das Klima hier ist rau, die Berge sind häufig von Wolken verhüllt

Wir brechen auf und lassen uns von der Strömung langsam treiben. Am Zusammenfluss von Dezadeash und Alsek öffnet sich der Fluss noch weiter, bildet mehrere Kanäle, ein jeder davon so breit wie der Dezadeash selbst. Inseln aus Gletschersand teilen den Strom, wir versuchen zu schätzen: Sind es 200 Meter bis zum Ufer oder 500? Während wir noch die Ferngläser hin- und herreichen, drängt von rechts ein über hundert Meter hoher Lavaberg das Flussbett auf europäische Maße zusammen. Das Gestein leuchtet braun bis orange, je nach Lichteinfall.

Bär Nummer drei

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Beim Spaziergang über den Walker-Gletscher achtet die Gruppe auf tückische Spalten im Eis

Noch heute lässt sich die Gewalt der einst entfesselten Magmamassen erahnen. Wo das Ufer flach wird, hat die Erosion kleine Pools ausgewaschen, in denen das Wasser türkisfarben schimmert. Sah so die Urzeit aus, so grandios, so rau und einladend zugleich? "Normalerweise baden wir hier", sagt Jock. Normalerweise ist es auch so um die 18 Grad warm - und nicht acht, wie heute. "Seht ihr die Linie dort oben?", fragt Jock. Die Verfärbung im Fels zeigt, 20 Meter über unseren Köpfen, den Stand einer Flut an, mit der vor 150 Jahren Massen von Eis und Wasser vom Lowell-Gletscher in den Alsek brachen. "In zwei Tagen, Freunde, werden wir vor der Gletscherzunge übernachten!" Eine Stunde später müssen unsere Führer an mannsgroßen Findlingen aus weißem Granit vorbeimanövrieren - die Gletscher aus dem Kluane- Nationalpark, dem größten nichtpolaren Eisfeld der Welt, haben sie einst bis hierher transportiert. Auf einem der Brocken hält ein Schwarzbär Siesta. Wir riechen ihn lange, bevor er Witterung aufnimmt. "Der braucht dringend ein heißes Bad", ruft Patricia.

Bär Nummer drei auf dieser Reise kreuzt unseren Weg, als wir auf dem Hügel direkt hinter unserem neuen Camp einen Erkundungsspaziergang unternehmen. Starr vor Schreck stiere ich ihn an: Keine 30 Meter entfernt stellt er sich neugierig auf die Hinterbeine, lässt seine Muskelberge unter dem schimmernden Pelz spielen. Wegrennen? Wegschleichen? Stehenbleiben? Was tun?

Bärengeschichten

"Cool bleiben", ruft Jock mit fester Stimme, "ein Bär greift keine Menschengruppe an. Macht euch groß und schreit, das wird ihn vertreiben!" Ich schaue das Tier fasziniert an, die anderen beginnen zu brüllen, zu winken, zu hüpfen. Der Bär schnaubt, schüttelt genervt den Kopf, lässt sich auf alle Viere fallen und trottet in die Büsche. Jock steckt sein Bärenspray, eine Art Tränengas für den Notfall, wieder an den Gürtel. Wie gefährlich können uns die Tiere werden? Attacken, sagt Jock, seien äußerst selten. Bären ernährten sich hauptsächlich vegetarisch und vermieden Stress, um Kalorien für ihren dreimonatigen Winterschlaf zu sparen. Abends, beim dritten Glas Wein am warmen Feuer, erzählt Tyler dann von seinen tierischen Abenteuern. Sie handeln von Touristen, deren Gesichter von Bärenzungen abgeschleckt wurden. Und von Kollegen, die entnervt ihre Jobs kündigten - nachdem sie von Baumstämmen herunter geschüttelt worden, aber immerhin mit dem Leben (und einem Riesenschrecken) davongekommen waren.

Der nächste Morgen begrüßt uns mit frostigen Temperaturen. Meine zweite Garnitur Thermo-Unterwäsche wird fällig, ein weiterer Pulli, eine Mütze und eine Regenkombi sind schon Standard. Kaum sind wir auf dem Wasser, fängt es an zu schütten. Ich ziehe die Kapuze tief ins Gesicht, Maxine, die neben mir paddelt, hat den Schal bis unter die Nase gezogen. Doch unsere Augen weiden sich an der großartigen Landschaft und der Weite des Tals. Vor einer scharfen Kurve rufen uns die Guides zu: "Leute, zückt die Kameras." Dann tut sich der Lowell Lake auf, ein Anblick, der für alle Strapazen entschädigt - so fantastisch ist die Aussicht auf den Gletscher, der auf 65 Kilometer Länge zwischen schneebedeckten Bergen dem Alsek entgegenfließt; so beeindruckend das Krachen, wenn wieder ein Brocken funkelnden Kristalls vom Eisstrom abbricht und in den See stürzt. Tiefblau funkelnd zieht er dann an uns vorüber. Auf der fast vertikalen Steilwand hinter dem Camp klettern weiße Bergziegen, völlig unbeeindruckt von den Windböen, die Gletscherstaub durch die Luft peitschen und unsere Gesichter wundscheuern.

Was ist schon das bisschen Windbrand gegen eine solche Szenerie, was ein wenig Frieren gegen das Glück, alle drei Gipfel des Hubbard-Kennedy- Alverstone-Massivs aus der zartrosa Wolkendecke brechen zu sehen? Wind, Kälte und Regen können uns jetzt nichts mehr anhaben. Wir liegen im Gras, genießen die Aussicht, stundenlang. Als wir ins Camp zurückkehren, begrüßen uns die Guides in Smokingjacken, sie haben ein Boot als Windschutz aufgebockt und zelebrieren dahinter zum Sonnenuntergang eine vollendete Happy Hour: Gin Tonic auf uraltem Gletschereis.

Rettungsaktion

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Hin- und Hergerissen: Mal verlangt die Rise energisches Zupacken, mal lässt sie Platz für Spaß und Albernheiten. Dabei ist aber stets das Gepäck im Blick, das vor jeder Etappe sorgfältig vertäut wird

Tag fünf in freier Natur. Trotz gefühlter 30 Grad minus (das Thermometer zeigt in Wirklichkeit vier Grad plus) lege ich die zweite lange Unterhose und den dritten Pullover ab. Auf meinen Händen wuchern vom Paddeln und Anpacken Schwielen, dafür brauche ich keine Handschuhe mehr. Die Mütze behalte ich trotzdem lieber auf - als letztes Relikt meiner Eitelkeit nach fünf Tagen ohne Shampoo. Die größte Herausforderung unseres Trips sind die Stromschnellen von Lava North. Der Alsek rast dahin, drischt eisige Wellen auf Felsen, überschlägt sich, bildet Strudel, die groß genug sind, um ganze Flöße zu verschlucken. Mindestens zwei Vertragsseiten Haftungsverzicht habe ich allein für diese Flusspassage unterschrieben. Jocks Sicherheitstipps - "Wenn ihr reinfallt, bitte weiteratmen, im eisigen Wasser vergisst man das manchmal; und geht nur dort an Land, wo kein Bär steht, bitte!" - haben den Erfolg, dass die Hälfte der Gruppe es vorzieht, Lava North zu umwandern. Die anderen vier ziehen die gelben, wasserdichten Schutzanzüge über. Wir verteilen uns auf zwei Boote, Mark steuert das dritte, allein.

Tyler, der Mann meines Vertrauens, stößt ab. Legt sich voller Kraft in die Riemen, kämpft gegen die Wucht der Wellen. Wir schießen quer über die Wasseroberfläche, er schreit: "Gewicht nach rechts! Vorsicht, Welle links! Und jetzt: festhalten!" Gischt spritzt ins Boot, der tosende Fluss speit uns wieder aus. War`s das? Als ich die Augen öffne, sehe ich, wie Mark vor uns aus seinem Boot geschleudert wird. "Keine Panik!", ruft Tyler, "es ist unser Job, ihn da rauszuholen." Ich paddle mit aller Kraft, neben mir stöhnt Tyler bei jedem seiner Ruderschläge, doch die Strömung ist schneller, schwemmt Mark weiter und weiter. Minuten später - oder sind es doch nur Sekunden? - haben wir aufgeholt. Mark winkt, ich halte den Griff meines Paddels in die aufgewühlten Fluten, er erwischt es, Tyler wuchtet ihn an Bord.

"Danke...", flüstert Mark, sein Gesicht hat die blasse Farbe der Gletscher angenommen. Doch bevor er Gelegenheit findet, umzukippen, zieht Tyler seinen Kollegen schon zu sich auf die Bank: "Du ruderst, ich versuche, die Rettungsleine deines Bootes zu erwischen." Profis unter sich. Nach drei Schlägen hält er sie in der Hand, nach vier weiteren stranden wir auf einer Sandinsel, drehen das Boot mit vereinten Kräften um und können kaum aufhören zu lachen, als Mark aus einem Seesack seine Gitarre zieht - der statt Musik bloß ein Schwall Flusswasser entströmt.

Wandern am Walker-Gletscher

Am nächsten Morgen überfliegen wir im Hubschrauber den engen, gut 100 Meter tiefen Turnback Canyon und ziehen dann eine weite Schleife über die Mondlandschaft des Tweedsmuir- Gletschers: braungraues Geröll auf jahrtausendealtem Eis, das bis zum Horizont reicht. Unfassbar. Das Versprechen allerdings, der Canyon sei eine Wetterscheide, erfüllt sich nicht. Im Gegenteil: Das Highlight der Tour, der Abschnitt von der Mündung des Tatshenshini bis zum Walker-Gletscher, liegt komplett im Nebel. Nicht einmal das vor uns fahrende Boot können wir erkennen. Und dazu diese Stille. Als Ersatz für spektakuläre Anblicke moderieren die Guides beim Rudern so etwas wie eine Radioshow, sie kennen hier schließlich jeden Meter: "Links und rechts schiebt sich ein Hängegletscher nach dem anderen den Berg hinunter, ihr Eis funkelt wie Saphire, dazwischen wuchert tiefgrüner Urwald, das Plätschern jetzt stammt von einem Wasserfall namens Jamaika, hier ungefähr verläuft die Grenze zu den USA . . ." Zu guter Letzt sticht dann ein Weißkopfseeadler aus dem Nebel - live und in natura. Abends am Feuer ist die Stimmung aber doch leicht gedrückt. Wir kriechen mit der traurigen Gewissheit in unsere Zelte, eine ganze Menge verpasst zu haben.

Die beiden letzten Tage. Wir wandern über den Walker- Gletscher. Später backt Mark Zimtschnecken, Katie pflückt am Ufer Blumensträuße für jeden, ich werde Vorletzte beim Zeltaufbau-Wettkampf (17 Minuten, nur Patricia ist langsamer), Maxine spendiert ihren Cognac-Vorrat. Der Himmel bleibt grau, mal regnet es, mal schüttet es. Irgendwann kommt die Idee der Schwitzhütte auf - und alle sind wie elektrisiert. Die gesamte letzte Etappe unserer Flussfahrt diskutieren wir die beste Umsetzung der Baupläne. Wo finden wir Feuerholz? Welche Regenplane ist verzichtbar? Welche Steine speichern die Hitze am längsten? Hält man es bei der Kälte überhaupt aus, im Badeanzug vom Zelt zur Sauna zu laufen? Und wie riechen wir wohl, nach elf Tagen ohne Dusche? Schließlich ist es so weit. Heißer Dampf steigt auf. Wir schwitzen, juchzen vor Behagen. In der Ferne treiben Eisberge vorüber. Und dann tauchen wir ein in das coolste Kühlbecken der Welt.

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