Hoch zu Ross: Sauwetterritt im Havelland

Drei Tage durch Feld, Wald und Flur, ganz egal, ob es regnet oder stürmt: Der "Sauwetterritt" ist eine Liebeserklärung an den Monat November und an die Pferde - und eher nichts für Sonntagsreiter
In diesem Artikel
Erst Trab, dann Galopp
Beine wie Marshmallows

Nebel, gleichmässiger, dichter Nebel hängt über Wiesen und Feldern, zwischen Bäumen und Büschen. Im Tiefflug ziehen Kraniche durch das trübe Licht, Schemen nur, unscharfe Silhouetten. Auf einem Zaunpfosten sitzt ein Bussard. Es riecht nach Moder und nasser Erde. Wir sind in der Mark Brandenburg, zwischen Oranienburg und Neuruppin, etwa 40 Autominuten von Berlin entfernt.

Und wir haben eine dreitägige Reitwanderung geplant, mitten im November. Eine denkbar unpassende Jahreszeit für solch ein Unternehmen, könnte man meinen. Aber warum eigentlich? Regen ist schließlich nicht schmutzig, Nebel tut nicht weh. Und wo steht geschrieben, dass begeisterte Reiter bei Sturm und Schauern auf der Couch sitzen und auf schöneres Wetter warten müssen? Immerhin bin ich nicht die Einzige, die so denkt: Wir sind zu acht hier draußen. Es nieselt denn auch leicht, als ich Murka begrüße, eine dunkelbraune Stute. Sie steht an einem Baumstamm und wartet darauf, geputzt zu werden. Ich hole Pferdebürste und Striegel aus dem Stall, der Matsch klebt schwer an meinen Stiefeln. Skeptisch schaue ich zum Himmel: Wird es gleich heftig anfangen zu gießen? Sabine Zuckmantel lacht nur: "Am liebsten sind wir mit den Pferden unterwegs, wenn das Wetter so richtig schlecht ist."

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Belohnung: Jedes Sauwetter klart irgendwann auf, und die Reiter genießen die spätherbstliche Sonne, hier bei Radensleben

Das ist nicht nur eine Frage der Einstellung, sondern auch die konsequente Erfüllung eines Produktversprechens: Bei ihr haben wir diesen sogenannten "Sauwetterritt" gebucht. Seit sieben Jahren bietet Sabine Zuckmantel Wanderritte an - und zwar zu jeder Jahreszeit. Nun läuft sie energisch zwischen ihren Pferden hin und her, prüft den Sitz eines Sattels, hilft beim Anlegen einer Trense. Vor allem Berber hat sie in ihrer Herde, eine widerstandsfähige Rasse, trittsicher, elegant und schnell - die idealen Pferde für längere Touren. Auch Stephanie, unsere Rittführerin, vergewissert sich noch einmal, ob alle Gurte richtig festgezurrt sind, und ruft schließlich: "Aufsitzen!"

Der "Sauwetterritt" ist eine Liebeserklärung an den Monat November. Hören Sie die Reportage "Hoch zu Ross und tief im Nebel" von Astrid Joosten aus GEO SAISON 11/2007. Es liest Kerstin Broda (Länge: 09:19 Min.; 8,52 MB)

Erst Trab, dann Galopp

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Darauf einen heißen Schluck: Nach einer langen Etappe genießt unsere Autorin den wärmenden Glühwein

Zunächst reiten wir durch flaches, offenes Land mit Weideflächen und Äckern, auf denen Kohl und Rüben gedeihen. Dann erreichen wir einen Wald. Ein Rudel Hirsche quert unseren Pfad und springt ins Unterholz. Stephanie studiert die Karte, die an ihrem Sattel hängt, und befiehlt dann: "Erst Trab, dann Galopp!" Darauf haben alle gewartet. Hufe donnern, Glückshormone schießen ins Blut, euphorische Rufe hallen durch den Wald. Der Wind reißt mir den Hut vom Kopf. Meine Stute schnaubt zufrieden. Dann werden wir langsamer, um in Ruhe das Novemberlicht zu genießen. Richtig: zu genießen. Vor dem Grau des Himmels leuchtet das letzte Laub intensiv auf, tiefgelb die Blätter an den Ahorn- und Birkenbäumen, orange an den Buchen. Schneebeeren glänzen in den Büschen. Die kahle, ausladende Krone einer gewaltigen Eiche erscheint als filigrane Struktur vor der Nebelbank. Das kräftige Rot von Hagebutten oder ein Fliegenpilz im Braun der Vegetation - das wirkt immer wieder, als hätte ein minimalistischer Naturkünstler die Landschaft gestaltet. Der November, diese ungeliebte Zwischenzeit, kann ein Monat voller Wunder sein.

Im Schritt reiten wir durch das Rhinluch, ein Meer aus Schilf. Murka, meine Stute, hat nur drei Dinge im Kopf: Fressen, Fressen, Fressen. Sobald wir stoppen, rupft sie in sich hinein, was sie erreichen kann: Gras, Blätter, kleine Zweige. Nichts lenkt sie ab oder macht sie nervös. Als ich mehrmals meinen Fuß aus dem Steigbügel nehme und das Bein strecke und lockere, lässt Murka mich ruhig gewähren. Nicht einmal ein Bulle, der auf einer Weide schnaubend auf uns zustürmt und uns dann am Zaun entlang verfolgt, kann sie aufschrecken. Gelassen trottet sie dahin.

Beine wie Marshmallows

In der Ferne tauchen die Dächer von Wall auf, bald darauf klappern die Hufe unserer Pferde über das Pflaster der Dorfstraße. In den Gärten blühen noch die letzten Rosen, kein Mensch ist zu sehen, wie ausgestorben wirkt der kleine Ort. Nur Hunde gibt es genug. Ein Kläffer nach dem andern rast neben uns los, bellt, springt am Zaun empor. Als wir vor einem Landgasthof anhalten und absteigen, kommen uns Sabine Zuckmantel und eine Kellnerin mit Tabletts voller Glühwein und Tee entgegen. Wir greifen gern zu und wärmen uns auf.

Die Pferde warten an Bäume gebunden auf einer verwilderten Wiese. "Bleiben die da brav stehen?", fragt skeptisch ein Ehepaar, das vorbeispaziert. Ja, sie bleiben. Als wir dann zur "Grauen Gans" hinüberschlendern, fühlen meine Beine sich an wie Marshmallows. Wir bestellen Gänsekeule mit Rotkohl und Entenbrust auf Rucola, und endlich ist Zeit und Gelegenheit, einander kennenzulernen. Uwe erzählt von Reittouren in der Toskana und in Andalusien. Andrea schwärmt vom letzten August, als sie mit Sabine Zuckmantel in Masuren unterwegs war, Steffi berichtet von einer Website mit schönen Pferdefotos, die sie entdeckt hat. Die Hände der Chefin liegen auf dem Tischtuch. An ihrem linken Daumen wölbt sich eine Blutblase, über die rechte Hand zieht sich ein Kratzer, am kleinen Finger klebt ein Pflaster. Woher die Blessuren stammen?

"Keine Ahnung", sagt sie gleichmütig, "die Arbeit mit den Pferden ist intensiv." Zehn Pferde trainiert sie, behandelt auch deren Wehwehchen, Bindehautentzündungen oder Schürfwunden etwa, und schaut sich immer wieder nach neuen Kandidaten für ihre Herde um. Für ihre Leidenschaft hat Sabine Zuckmantel einen gut bezahlten Job als Managerin bei einer Catering- Firma aufgegeben - und sie bereut es nicht: "Schon als Kind habe ich davon geträumt, wie Pippi Langstrumpf zum Kaufmann zu reiten oder zum Baden." Am nächsten Tag reiten wir zum Bützsee. Willig schreiten die Pferde ins Wasser. Eine Brise hat die Wolkendecke aufgerissen, Flecken von Blau zeigen sich am Himmel. Die Sonne kommt heraus und lässt die Maisstoppeln auf den Feldern wie kleine Skulpturen aufleuchten. Mit Handschuhen, Hut und Wanderreitmantel sitze ich auf Murkas Rücken. Der Mantel reicht bis zu den Knöcheln. Bei Regen hält er mich trocken, ich höre das Trommeln der Tropfen auf dem Wachstuch. Doch jetzt scheint die Sonne, und ich freue mich über ihre wärmenden Strahlen.

Am letzten Tag machen wir zu lange Mittagspause. Als wir gegen fünf Uhr am Nachmittag wieder aufsitzen, zieht schon die Dunkelheit herauf. Zwischen uns und dem Stall liegt noch der Wald. Zügig preschen wir über die schmalen Wege, bis auch der letzte Schimmer am Himmel verschwunden ist. Einzig das helle Hinterteil von Stephanies Pferd bewegt sich gut sichtbar vor mir durch die Dunkelheit. Als selbst unsere Rittführerin des Weges nicht mehr sicher ist, lässt sie Gonda, die Leitstute, nach vorn. Gonda nimmt an der nächsten Gabelung ohne zu zögern den Weg nach rechts. Eine halbe Stunde später zeigt sich ein Lichtschein am Himmel. "Das sind die Straßenlaternen von Linde", ruft Stephanie nach hinten. Erleichtert atmen alle auf. Dreck hat sich in die Haut um meine Fingernägel gegraben. Eine Schramme zieht sich über meinen rechten Daumen und eine übers Handgelenk. Woher die Blessuren stammen? Keine Ahnung. Warum allerdings mein großer Zeh blau ist, das weiß ich genau: Als wir am Bützsee Pause machten und die Pferde am Halfter führten, erspähte Murka am Wegesrand ein verlockendes Büschel Gras. Nur leider übersah sie bei ihrem Ausfallschritt ein kleines Hindernis - meinen Fuß.

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