Making-of: Postbote im Himalaya

Ines Possemeyer über das schwierige Unternehmen, das Leben eines Postläufers in der abgelegenen Himalaya-Region Spiti zu porträtieren

Am Ende gab es drei Erklärungen, warum dieser Film doch noch zustande gekommen ist. Dank täglicher Gebete und Opfergaben (Version unseres hinduistischen Reiseausstatters); durch viel gutes Karma (Überzeugung unserer buddhistischen Protagonisten); mit so viel Glück, wie es sonst nur Lotterie-Gewinnern beschert sind (Eindruck des deutschen Filmteams). Die meisten Anträge zu Drehgenehmigungen werden von den indischen Behörden so lange verschleppt, bis es zu spät ist. Selbst wenn sie politisch so harmlos sind, wie es unser Vorhaben war.

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Dilip Kumar ist der Postbote von Dankhar - und eigentlich ein wandelndes Postamt. Um den 300 Einwohnern den beschwerlichen Weg zum Postamt ins Tal zu ersparen, bringt er ihnen neben der Post auch Briefmarken, Umschläge und Geld von der Postbank

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Auf einem unnahbaren Grat in fast 4000 Meter Höhe erhebt sich das Dorf Dankhar im Westen des Himalaya. Einst war es Hauptstadt des früheren Königsreiches Spiti, benannt nach dem Fluss, der sich durch das Tal zieht

Im Flugzeug von Berlin nach Delhi hatten wir gedacht: Das Schlimmste liegt schon hinter uns. Tags zuvor, längst auf gepackten Koffern, hatten wir befürchtet, das ganze Projekt würde scheitern. Dann hatten wir doch noch, in sprichwörtlich allerletzter Minute und nur dank der hohen diplomatischen Kunst der Deutschen Botschaft in Delhi, ein Journalistenvisum erhalten.

Wir wollten in der abgelegenen Himalaya-Region Spiti das Leben eines Postläufers porträtieren. Die Suche nach diesem Mann, der in einer mehr als 3500 Meter hoch gelegenen Bergwüste täglich 35 Kilometer läuft, um entlegene Dörfer mit Post zu versorgen, hatte anderthalb Jahre gedauert. Jetzt konnte es losgehen. Drei Tage dauerte die Autofahrt von Delhi nach Spiti, zuletzt über einsame Schotterpisten, manchmal hunderte Meter über dem Abgrund und so vergänglich wie Spuren im Sand: Immer wieder blickte unser Fahrer nach oben, um Steinlawinen rechtzeitig zu erkennen. Einmal konnte er gerade noch den Rückwärtsgang einlegen, bevor einige Brocken auf den Weg einschlugen. "Sorry for all the uuuh, aaah and ouch", entschuldigte ein handgemaltes Straßenschild besonders riskante Passagen.

In Tabo, dem letzten größeren Dorf vor unserem Ziel, wollten wir eine letzte Nacht in einer Pension verbringen. Die folgenden drei Wochen würden wir zelten, versorgt von einem mitreisenden Koch. Zufällig trafen wir bei einem Dorfrundgang den lokalen Postmeister. Als wir ihm von unserem Filmprojekt erzählten, zeigte er uns verwundert eine Depesche, die am Morgen eingetroffen war und binnen der nächsten zwei Tage alle Postämter in Spiti erreichen würde: "Ab sofort ist es allen Ausländern verboten, Postämter zu fotografieren oder zu filmen. Postangestellte dürfen keinerlei Interviews geben."

Ausgestellt von einem Provinzbeamten, der hier weit mehr Eindruck machte, als all unsere Drehgenehmigungen von Landes- und Bundesbehörden. Irgendwie muss er sich von uns übergangen gefühlt haben. Aber was konnten wir jetzt noch ausrichten, in einem Dorf am Ende der Welt? Immerhin verfügte Tabo über das einzige Telefon der Region. Daneben richteten wir uns ein und alarmierten Produktionsfirma und Deutsche Botschaft. Nach zweitägigen diplomatischen Verhandlungen mit dem Postministerium in Delhi war es am Freitagnachmittag, Minuten vor Büroschluss, tatsächlich so weit: Das rätselhafte Drehverbot war aufgehoben, der Provinzbeamte bekam ein Fax vom obersten Postdirektor, und wir erhielten eine Kopie davon (nachdem wir für das einzige Faxgerät des Dorfes einen Generator organisiert hatten. Denn durch plötzlichen Regen war der Strom ausgefallen). Am nächsten Morgen, eine Woche nach unserem Aufbruch in Berlin, ging es weiter. Unser Postläufer war nur noch zwei Stunden entfernt.

Eine Stunde später endete die Fahrt vor einem großen Schotterhaufen. Eine Steinlawine hatte die Zufahrt zu dem Seitental, in dem der Postläufer lebt, verschüttet. Es würde mindestens zwei Tage dauern, um die Straße frei zu baggern, hieß es. Wir verfluchten die Verzögerung in Tabo und schlugen unser Zeltlager in einem kleinen Straßendorf in der Nähe auf. Am nächsten Morgen standen wir mit den Dorfbewohnern am Straßenrand, um von Menschen in durchfahrenden Autos Verkehrsberichte zu hören. Nicht nur das Seitental - ganz Spiti war durch Erdrutsche von der Außenwelt abgeschnitten. Wären wir drei Tage später nach Indien gereist, hätten wir Spiti gar nicht erreicht. Und wären wir pünktlich bei unserem Postläufer angekommen, wären wir in seinem Tal eingeschlossen gewesen - insgesamt 16 Erdrutsche hätten es uns dort zwei Wochen lang unmöglich gemacht, uns mit unserer schweren Ausrüstung zu bewegen. Jetzt waren dem unbekannten Provinzbeamten dankbar für seinen Sabotageversuch...

So standen wir also nach anderthalb Jahren Vorbereitung am Straßenrand, unserem Ziel so nah und doch so fern, und dachten über ein neues Filmthema nach, als plötzlich ein Motorradfahrer neben uns hielt. Ein markanter Typ wie Charles Bronson, Schnauzbart, alter Trenchcoat, weiße Gummistiefel, roter Regenschirm. Neugierig fragten wir, wer er sei. Dilip Kumar, Bauer in Dankhar, dem früheren Königssitz von Spiti. Und Briefträger! Er deutete nach oben: Wie ein Adlerhorst thronte das Dorf hoch über dem Tal. Uneinnehmbar für einstige Feinde, schwer erreichbar für seine Bewohner - und spektakulär für einen Film.

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Autorin Ines Possemeyer (ganz rechts) und Kameramann Roland Gockel im Gespräch mit einem buddhistischen Mönch. Die Mönche prägen den Alltag von Dankhar. Sie bewahren das tibetische Erbe der Himalaya-Region Spiti

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