Country Roads: Auf den Spuren der Countrymusik

Man stelle sich eine Linie durch Tennessee vor: von Memphis über Nashville in die Appalachen. Das ist der Music Belt, die Wiege von Blues, Country, Rock ’n’ Roll. Wer diese Route fährt, stößt auf die Ursprünge unserer Popmusik - und auf eine höchst vitale Künstlerszene
In diesem Artikel
Memphis: Get Rhythm
Nashville: Early Morning Rain
Nashville: Saturday Night Fever
On The Road Again
Bristol: Keep On The Sunny Side

Linda McGee schnippt mit den Fingern - one, two ... one, two, three, four -, drückt die Play- Taste und sagt: "Das hier kannst du auf keiner CD kaufen." Es krächzt und knistert aus der kleinen Stereoanlage, muss wohl eine uralte Aufnahme sein. Gitarrenakkorde setzen ein, dann eine Band - es klingt nach Country, Rock ’n’ Roll und Blues gleichzeitig. "Eine der ganz frühen Aufnahmen von Sam Phillips im Sun Studio", sagt Linda. "Ein paar Studiomusiker, keiner kennt sie heute mehr."

Sie drückt nochmals auf ihre Fernbedienung. "Aber wer dieser junge Mann hier ist, das weißt du doch bestimmt?" Klar, Elvis, unüberhörbar. "Sehr gut", lobt Linda. Nach Elvis spielt sie Carl Perkins. Dann Johnny Cash. Dann ein Duett - "Jerry Lee Lewis und Elvis, das dürfte es gar nicht geben, da waren sie schon bei verschiedenen Labels unter Vertrag." Mindestens 50 Jahre alt sind die Aufnahmen, und, wie Linda stolz betont, "nie auf Platte erschienen." Irgendwann sind die Stücke damals mitgeschnitten worden, nachts, als die Jungs sich im Studio einen Spaß machten, dann wurden die Bänder weggeschlossen und vergessen - und landeten schließlich im Raritätenkabinett von Linda McGee in Jackson, Tennessee. "Rockabilly Hall of Fame and Museum" heißt die Schatzkammer; sie ist ein zweistöckiges Backsteinhaus mit großen Schaufenstern. Die Lage: downtown, also im Stadtzentrum, worunter man sich hier nicht zu viel vorstellen sollte. Unten an der Straße eine Kreuzung, oben ein gepflegter kleiner Park und sauber restaurierte brownstones - Provinzidylle, eine Stunde nordöstlich von Memphis.

Country Roads: Auf den Spuren der Countrymusik

Wo Legenden geboren wurden: Im Sun Studio in Memphis nahmen Elvis Presley und Johnny Cash ihre ersten Platten auf. Heute werden nachts CDs aufgezeichnet, am Tag Besucher herumgeführt

Und mittendrin Linda, die quirlige Tanzlehrerin, die all die Stars, deren Pop-Glorie sie hier hütet, noch persönlich gekannt hat. Deshalb darf man auch das Wort "Museum" nicht allzu wörtlich nehmen. Linda lebt die Geschichte viel zu sehr, als dass sie diese museumsdidaktisch aufbereiten könnte. Man braucht nur auf eine der Raritäten zu zeigen, schon sprudelt die dazu passende Geschichte aus Linda heraus - und es hat sich eine Menge angesammelt, an den Wänden, in Vitrinen und Regalen: Goldene Schallplatten, Gitarren und Glitzerkostüme, Konzertplakate, auf Hotelbriefpapier gekritzelte Welthits, ein Paar Blue Suede Shoes (blaue Wildlederschuhe) von Carl Perkins hinter Glas - die ihn zu dem Song inspirierten, den wiederum Elvis zu einem seiner ersten Hits gemacht hat.

Dazu Porträts der Stars in Öl, von Fans gemalt, vielleicht nicht mit Talent, dafür mit Hingabe, PR-Fotos junger Männer in Schwarz-Weiß, mit Schmalztollen und Hey-was-kostet- die-Welt-Blick. Alles zusammen eine Kultstätte, halb Keller eines manischen Sammlers, halb Dachboden einer Radiostation, wo der DJ all die Devotionalien abgegelegt hat, die ihm die Musiker im Lauf eines halben Jahrhunderts vorbeigebracht haben.

Aber warum, Linda, ausgerechnet in Jackson, Tennessee? Was macht gerade dieses Städtchen zum Birthplace of Rockabilly? Sie überlegt einen kurzen Augenblick und deutet dann auf den Schriftzug über der Tür zum Konzertsaal: "Country Is The Rock in Rockabilly", steht da in erhabenen Lettern. Die Weisheit stammt von Carl Perkins, der hier in Jackson lebte, einem der ersten großen Fünfziger- Jahre-Rock ’n’ Roller - und der hier seit 1998 auch begraben ist. Country, sagt Linda, war der mächtige Felsen, das Fundament, auf dem alle aufbauten: Elvis, die Beatles und alle, die nach ihnen kamen. "Das andere Fundament war der Blues", sagt sie und führt mich vor eine vergilbte Landkarte des amerikanischen Südens: "Denk dir eine Linie", sagt Linda, "die hier beginnt, in Memphis. Und hier führt sie hoch" - sie deutet auf Nashville und weiter nach Osten, bis in die Appalachen. "Jetzt stell dir einen breiten Streifen links und rechts dieser Linie vor. Da hast du Baumwollfelder, Maisfelder, Weideland, Wälder. Hier kommt alles her, die ganze Musik, hier hat alles begonnen. Blues und Rhythm & Blues aus dem Süden, von den Schwarzen. Bluegrass aus den Bergen. Daraus ist Country entstanden. Und Jackson", fügt sie nach einer Kunstpause hinzu, "Jackson liegt genau auf diesem Music Belt. Den könnt ihr gar nicht verfehlen: Ihr braucht nur dem Highway 40 zu folgen."

Memphis: Get Rhythm

Country Roads: Auf den Spuren der Countrymusik

Junger Sound: "Jypsi" in einer Musikbar in Nashville

Union Avenue 706. Historical Landmark ist auf dem Eisenschild zu lesen. Vor dem Gebäude steht zwar kein Pink Cadillac, wie Elvis ihn besungen hat - aber immerhin ein leuchtend rotes Cadillac Cabrio aus den fünfziger Jahren, todschick, perfekt in Schuss, Lack und Leder auf Hochglanz poliert. Der Wagen ist ein Blickfang, ebenso wie die riesige Neongitarre,

die an der Fassade hängt, oder wie die Jukebox, die drinnen in der Bar steht - eine Wurlitzer mit fetten Chromleisten und gelben Neonleuchten. Sie glitzern, blinken und illuminieren eine Gralshöhle der amerikanischen Musikgeschichte, ein Heiligtum namens Sun Studio. In ihm ereignete sich, ungefähr um das Jahr 1954, ein musikalischer Urknall. Elvis Presley nahm hier seine erste Rockabilly-Platte auf, "That’s All Right, Mama". Johnny Cash und seine "Tennessee Two" erfanden den Boom-Chicka- Boom-Sound. Viele, viele Rock ’n’ Roller folgten. Die vier Wände, in denen all das geschah, sind noch unverändert vorhanden, samt der milchig-grauen Isolierplatten, die zwar abwaschbar aussehen, aber offenbar schon lange nicht mehr abgewaschen worden sind. Ein aufgeklebtes Kreuz auf dem Fußboden markiert die Stelle, an der Elvis stand, als er seine ersten Hits ins Mikrofon heulte (wenn es nicht wahr ist, so ist es zumindest gut erfunden) - mit dem Gesicht zur Band, nicht zum Aufnahmepult; er war viel zu nervös, als dass er den Blick des Toningenieurs und Produzenten ausgehalten hätte. Der hieß Sam Phillips, verstand viel von Technik und als Moderator eines Lokalsenders noch mehr von schwarzer Musik. 1950 gründete er an der Union Avenue seinen "Memphis Recording Service". Als dann Presley oder Cash ihm brave Gospel-Versionen ihrer Old Time Music vorspielten, schickte er sie wieder weg. So etwas wollte keiner mehr hören, sagte er ihnen achselzuckend, geschweige denn kaufen. Denn etwas anderes, Neues lag in der Luft. Phillips wird der Satz zugeschrieben: "Wenn ich einen Weißen mit der Stimme und dem Feeling eines Negers finden könnte, wäre ich Millionär."

So kam es. Seine weißen Jungstars hatten in Memphis den schwarzen Rhythm & Blues aufgesogen, sich in den Kneipen und Bars im Viertel um die Beale Street herumgetrieben, wo auch Kollegen wie der legendäre B. B. King und Howlin’ Wolf ihr Revier hatten. Das ergab die perfekte Mischung. In kürzester Zeit, in einigen Monaten um das Jahr 1955, feuerte Sam Philipps dutzende von Rockabilly- und Rock ’n’ Roll-Hits aus seinem winzigen Studio in die Welt hinaus. Sie eroberten die Charts, als hätte die Welt auf diesen Sound gierig gelauert - und danach war im Pop- Geschäft und in der populären Kultur nichts mehr wie vorher, auch in der Country-Musik nicht.

Nashville: Early Morning Rain

Das so hereinschneit in "Layla’s Bluegrass Inn", zwischen fünf und sechs an einem diesigen Nachmittag, trägt immer Jeans, häufig Bauch, Schnurrbart und einen speckigen Glanz im Gesicht und ist selten nüchtern. Sonnenlicht fällt schräg in die Bar, jedenfalls soweit es die trüben Scheiben durchdringt. Hunderte Fotos bedecken die Wände, von einer gelbbraunen Patina überzogen wie alles in dem schlauchigen Lokal. Um diese Zeit hält sich der Andrang in Grenzen. An der langen Bar sind nur wenige Hocker besetzt. An den Stehtischen prosten sich junge Kerle in Cowboyhüten mit Bierflaschen zu. Und dann starren alle zur Bühne, völlig gebannt.

Dort legen "Jypsi" los. Und wenn die Typen an der Bar noch etwas anzüglich gegrinst haben, dann vergeht ihnen das auf der Stelle. Drei Mädchen in superkurzen Röcken und hohen Absätzen stehen da, zwischen ihnen ein dünner Gitarrist mit blondem Schopf, den er so irrwitzig schnell schüttelt, wie er sein Instrument spielt. Eines der Mädchen trägt dicke Kajalränder um die Augen und eine Perücke im Stil von Uma Thurman in "Pulp Fiction" - dieselbe Haltung, derselbe Blick, nur ist ihr Schopf weißblond und nicht schwarz. Sie spielen Mandoline, zwei fiddles und Gitarre - klassische Bluegrass-Besetzung. Sie spielen schnell und voller Energie. Und wer ihnen eine Weile zuhört, versteht die Musikkritiker, die sagen, vor allem Punk und Grunge verschafften der Country-Musik heute eine neue Qualität - das Wilde, Rebellische und Spannende, das sie einst hatte, ist in alter Frische zurück.

Als sie dann die ersten Takte von "Early Morning Rain" spielen, haben sie die Zuhörer im Sturm erobert: Der Bluegrass- Klassiker von Gordon Lightfoot als Hochtempo- Stück mit perfektem Harmoniegesang, da legt auch die ältere Dame, die am zweiten Stehtisch einen zitronengelben Pullover strickt, Nadel und Wollknäuel hin und klatscht euphorisch im Takt. Nach ihrem Set mischen sich "Jypsi" unter das Publikum. Die vier sind Geschwister, sie machen Musik, seit sie Instrumente halten können, der Vater ist Profi-Bassist. Lillie Mae, die Leadsängerin, gerade 15 Jahre alt, geht mit dem bucket herum, einem Plastikeimer, der aussieht wie eine Spardose und auf dem steht: "Entertainer Play For Tips." Ihre Gage müssen sie einsammeln, aber "das ist normal in diesem Job", sagt Frank, der 19 Jahre alte Gitarrist. Seit drei Jahren spielen sie in "Layla’s", mittlerweile bringen sie es auf sechs Gigs pro Woche. Seid ihr auf dem Weg, Karriere zu machen, frage ich ihn. Er lacht: "Keine Ahnung. Für eine junge Newcomer-Band stehen wir nicht übel da." Frank ist ein bescheidener Junge. Ein wenig verlegen erzählt er, dass der Produzent der Dixie Chicks auf sie aufmerksam geworden ist und dass sie mit ihm eine CD einspielen. "Acht Stücke haben wir fertig, gegen Ende 2007 könnte die Scheibe erscheinen." Am folgenden Abend werden sie einen weiteren Karriereschritt schaffen. Bei einer Gala stehen sie als Begleitband des Country-Barden Ronnie Milsap auf der Bühne. Einen Song spielen sie nur, doch die Show wird im Fernsehen übertragen werden. "Nationwide", sagt Frank und grinst.

Country Roads: Auf den Spuren der Countrymusik

Der Ernest Tubb Record Shop ist eine Institution auf der Musikmeile der Stadt, die von Hochhäusern überragt wird

"Layla’s" ist eines der honky-tonks, der Musikkneipen am Broadway von Nashville. Tür an Tür liegen hier das legendäre "Tootsies Orchid Lounge", "The Second Fiddle" oder "The Stage". Schon mittags dringt aus den offenstehenden Schwingtüren eine kakophone Klangwolke auf die Straße. Gespielt wird bis spät in die Nacht, aufgeboten wird alles, was die Szene zu bieten hat: Einzelkämpfer mit Klampfe und Mundharmonika, Country-Rock-Bands, die die Verstärker aufdrehen, bis die Whiskeyflaschen wackeln, Duos mit lyrischem Wechselgesang oder einfach junge Musiker, die Klassiker und Hits nachspielen, zum Tanzen und Mitklatschen. Man kann hier in einen ambitionierten Vortrag geraten, bei dem die Talentspäher und Agenten der Plattenfirmen genau hinhören und anfangen, mit ihren Design-Handys SMS zu verschicken. Oder aber in eine Schunkelrunde, bei der sich Busladungen von Touristen amüsieren und ihre Lieblingslieder mitgrölen.

Nashville: Saturday Night Fever

Country Roads: Auf den Spuren der Countrymusik

Im Laden seines Museums steht Country-Legende Willie Nelson als Pappkamerad - und preist seine Saucen und Marmeladen an

An der Ecke, an der das "Tootsies" liegt, quert die 5 th Avenue den Broadway und führt ein Stück bergan. Es ist Samstagabend, die Reisebusse stauen sich vor dem zweiten Gebäude in der Straße. Zwei berittene Cops sperren die Straße für den Durchgangsverkehr. Es ist Opry-Zeit, und 3000 Zuschauer strömen Richtung Ryman Auditorium. Die "Mother Church Of Country Music" lockt die Massen an, der Hohetempel der Country-Musik - heute wie vor Jahrzehnten.

Das Ryman Auditorium ist eine Stätte der Legenden und die "Grand Ole Opry" ihr größter Mythos: Zunächst eine Radiosendung, 1925 gestartet, dann ab 1943 live von hier aus gesendet. Das Konzerthaus war einst als Bethalle gebaut worden, nun wurde sie zur wichtigsten Country- Bühne in Amerika. Wer es als Musiker schaffen wollte, musste auf diesen Brettern ge- und bestanden haben. Ein Engagement in der Radioshow, das war der Ritterschlag. Denn was in der Opry über den Sender ging, das spielten hunderte Radiosender nach. Dann gab es Plattenverträge, Tourneen, Ruhm - und viele Dollars.

1974 zog die Opry in einen gigantischen Entertainment- Komplex vor der Stadt um. Doch das Ryman besteht weiter, renoviert und genauso vital wie eh und je. Wer es authentisch mag, klemmt sich auf die harten, schmalen Bänke (wie in der Kirche) und sieht sich hier die Originalshow an. Die Stars wechseln, und in den Shows ist, wie in den alten Zeiten, für jeden Geschmack etwas dabei: für Alt und Jung, für die Fans des industriell gefertigten Nashville- Sounds ebenso wie für Puristen. Bei unserem Besuch haben wir Glück: Ralph Stanley tritt auf. Der kleine Mann im dunkelblauen Anzug mit weißem Stetson ist über 80 - ihn zu hören ist ungefähr so, als würde bei einem beliebigen Popkonzert plötzlich Bob Dylan die Bühne betreten. Nach ihm spielen "The Whites", ein Vater mit zwei Töchtern, die in dem Film "O Brother Where Art Thou" einen umjubelten Auftritt als Carter-Familie hinlegten. Eingebettet sind diese Perlen in uramerikanisches Showbiz: Glitzerkleidchen, Streicher-Arrangements, Backup- Shoo-Bi-Doo, singende Cowboys und -girls und der eine oder andere Jungstar, der gerade seinen ersten Grammy oder CMA-Award abgeräumt hat, den Preis der "Country Music Association". Durch die Show führt immer noch Little Jimmy Dickens in weißem Strassperlen-Anzug, silbernen Stiefeln und gewaltigem Hut. Immer noch, weil er - Jahrgang 1920 - seit 1948 auf dieser Bühne steht, damals unter anderem mit Hank Williams. Und little, weil er aus seiner geschätzten Körpergröße von vielleicht 1,50 Meter längst ein Markenzeichen gemacht hat.

On The Road Again

Rollende Hügel, bis zum Horizont. Weiße Holzzäune und Farmhäuser. Pick-ups, die gemächlich auf dem Highway dahinrollen, in der Fahrerkabine zwei ältere Herren, ins Gespräch vertieft. An jeder Tankstelle ein Café, in dem es selbstgebackenen Kuchen gibt. Kleinstädte, von hohen, spitzen Kirchtürmen überragt, mit grau verwitterten Schindeln verkleidet.

Wenige Meilen östlich von Nashville verändert sich die Landschaft. Die Ebenen des Mississippi und des Tennessee River mit ihren Mais- und Baumwollfeldern bleiben zurück, an ihre Stelle treten Hügel mit fettem blue grass, das die Farmer schätzen, weil ihr Vieh davon satt wird - und von dem der Musikstil Bluegrass seinen Namen hat. Tennesseeans aus der Hauptstadt fahren keine Stunde, dann haben sie ihre schnellgetaktete Hauptstadt mit dem beschaulichen Land vertauscht, mit Pferderanches und Dorfplätzen, wo im "Dixie Café" die Alten ihren Kaffee schlürfen und langsam einen Donut kauen. Und wo ein Plakat in der Tür das nächste Konzert der örtlichen Country- Band ankündigt: Baptist Church Community Center - Sunday 6 p.m.

Bristol: Keep On The Sunny Side

Mit einer lässig angedeuteten Verbeugung überreicht Dale Jett seine Visitenkarte. Minstrel steht darauf - "Musikant". Sein Geld verdient Dale auf dem Bau, doch den minstrel ist er seiner Familie schuldig, denn Dale Jett gehört zur Carter Family. June Carter, Johnny Cashs Frau, war die Schwester seiner Mutter. Dale erinnert sich gut, wie Cash sein allerletztes Konzert gab, im Sommer 2003, einige Wochen nach Junes Tod - und nur knapp zwei Monate, bevor er selbst starb. "Das war in der Carter Family Fold", sagt Dale, "und es war ergreifend." Wir treffen uns in Bristol. Es gibt ein Bristol, Tennessee, und eines in Virginia. Die state line verläuft mitten auf der Hauptstraße, man kann also in zwei US-Bundesstaaten gleichzeitig herumstehen und überlegen, welche der beiden Stadtverwaltungen und Polizeibehörden für einen zuständig wäre.

Das große Ereignis, das Bristol den Beinamen birthplace of country music eingebracht hat, fand auf der Tennessee-Seite statt, wenn auch nur wenige Meter: die Bristol Sessions. Im Sommer 1927 kam der Musikproduzent Ralph Peer mit einem mobilen Aufnahmestudio nach Bristol, damals ein belebter Eisenbahnknoten am Rand der Appalachen. Peer stieg im besten Hotel ab und setzte Anzeigen in die Zeitung, dass er Hillbilly und Mountain Music aufnehmen und auf Schallplatten verbreiten werde. Das war revolutionär. Kein Plattenboss war bis dahin auf die Idee gekommen, dass jemand die Musik der kleinen, armen Farmer aus den Bergen kaufen würde. Peer behielt recht. Seine Käufer fand er in den schnell wachsenden Städten - die Leute, die gerade erst selbst vom Land zugezogen waren. Mit den Bristol Sessions begann die kommerzielle Country-Musik, und sie brachte auch gleich zwei Megastars hervor: die Carter Family und Jimmie Rodgers. Beide sind heute auf einem Fresko abgebildet, das einen zentralen Platz in Bristol schmückt und die Heroen der ersten Country-Generation zeigt. Musik spielt hier auch heute eine enorme Rolle. Jedes Jahr im September bringt die "Rhythm and Roots Reunion", ein dreitägiges Festival, gut 60 000 Fans in die Stadt. Das Festival entwickelt sich zu einem der wichtigsten Americana-Events in den Staaten. Die Qualität der Konzerte wird von Jahr zu Jahr besser. "Das Interesse an Country und Bluegrass wächst wieder seit einigen Jahren", sagt Dale Jett. "Und das vor allem bei den Jungen." "Es ist die alte Geschichte", sinniert er. "Country, das ist einfache Musik, von einfachen Menschen für einfache Menschen geschrieben und gespielt. Es sind Songs, die Geschichten erzählen, und diese Geschichten handeln vom Leben derer, die sie spielen, und derer, die zuhören", sagt der Minstrel. "It’s so simple."

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