Tibet: Schüsse und tote Leitungen

In 25 Jahren hat GEO.de-Autor Andreas Hilmer vielfältige Kontakte nach Tibet geknüpft. Mehrfach traf er den Dalai Lama zum Interview. Lesen Sie, was er über die aktuelle Lage weiß
In diesem Artikel
Fremde im eigenen Land
Fragen zu Tibet
Der Protest erreicht sogar Peking

19.3.2008 - Inzwischen mussten Touristen, Journalisten sowie Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen Tibet verlassen. Am Flughafen nahm man den "Westlern" teilweise sogar die Chipkarten ihrer Digitalkameras ab. Es soll keine Bilder von den Unruhen geben. Touristen, die auf dem Weg nach Tibet waren, mussten umkehren; ihre Reisen wurden storniert.

Über die Zahl der Toten kursieren auch unter Insidern verschiedene Schätzungen: Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala spricht von 100 Toten, China von 16 Toten. Eine irische Tibet-Organisation will durch Telefonate und Augenzeugenberichte von fast 1000 Toten erfahren haben. Alle diese E-Mails und Informationen lese ich täglich einem nicht öffentlichen "network". Darin tauschen sich Exiltibeter und ihre Unterstützer in aller Welt aus. Dort wurde auch bestätigt, dass sich vor allem junge Tibeter dem Aufstand der Mönche angeschlossen hätten.

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GEO.de-Autor Andreas Hilmer mit dem Dalai Lama

Fremde im eigenen Land

Deren Frust ist verständlich. Sie profitieren vom Aufschwung in Tibet kaum. In den meisten Fällen bekommen Han-Chinesen die besseren Jobs; man muss Chinesisch können, um am Berufsleben teilzuhaben. Und täglich kommen mit der neuen Zugverbindung weitere Chinesen ins Land, um sich in Tibet niederzulassen. Längst gibt es Glücksspiel, Mafia, Prostitution und Aids. Auch der Zugang zu den Klöstern wird von den Chinesen scharf kontrolliert. Novizen werden sorgfältig überprüft, regelmäßig müssen Mönche Seminare und "Umerziehungskurse" besuchen. So fühlen sich immer mehr Tibeter kulturell entfremdet. Bei meinem letzten Besuch in Lhasa war die Altstadt hinter den von Chinesen gebauten Hochhäusern, Glasfassaden und Shopping-Centern kaum mehr zu entdecken.

Audio-Reportage

China reagierte auf die anhaltenden Demonstrationen bereits mit dem Aufruf zum "Volkskrieg gegen Separatisten". Dies ist eine Parole aus den Zeiten Maos, als es in China darum ging, seine Nachbarn zu denunzieren. Für die tibetische Gesellschaft ist ein solches Verhalten eigentlich undenkbar. Es finden Hausdurchsuchungen und Verhaftungen statt, aber die Aufständischen machen bis heute weiter: Ein Tibeter berichtete am Telefon, dass es aktuell außerhalb von Lhasa, in der Nähe der Klöster, immer wieder zu Zusammenstössen zwischen Militär und Demonstranten käme. Auch von tibetischer Seite geht inzwischen Gewalt aus, was früher undenkbar erschien. Allzu groß ist die Verbitterung der Menschen geworden.

Inzwischen ist der Informationsfluss vom Dach der Welt ein Rinnsaal geworden. Denn auch Telefonleitungen werden abgehört. E-Mails werden kaum aus Tibet gesandt, das wäre zu gefährlich, weil man sie zurückverfolgen könnte. Aber es gibt noch immer viele kleine Quellen – gerade sah ich im Internet Fotos, die zeigen, dass im sehr entlegenen Labrang, in Osttibet, hunderte Menschen auf der Strasse demonstriert haben; aufgenommen am 18. März 2008, um 14.38 Uhr - Stunden, nachdem China offiziell erklärt hatte, die Proteste in Tibet seien zu Ende.

Unter den Tibetern in Deutschland herrscht große Unsicherheit: Manche wagen nicht in Tibet anzurufen, um ihre Angehörigen nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Jemand sprach telefonisch mit einer Frau in Lhasa, die angab, es gehe ihr gut, mehr wollte sie aber nicht sagen. Dann hörte man Schüsse im Hintergrund. Militär vor der Tür. Dann war die Leitung tot.

Fragen zu Tibet

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Dieses ist nicht der erste Aufstand in Tibet. Zuletzt hatten sich die Mönche 1987 gegen die Besatzer erhoben. Ein paar Tage lang skandierten sie Rufe: "Es lebe der Dalai Lama", schwenkten die Nationalflagge mit zwei Schneeleoparden unter der aufgehende Sonne. Die Demonstration war von den drei mächtigen Klöstern in der Umgebung Lhasas organisiert worden: Ganden, Sera und Drepung. Bei einem Besuch dort hatte mir ein junger Mönch einmal heimlich eine Tätowierung auf seinem Arm gezeigt: "Free Tibet".

Damals, 1987, schaute die übrige Bevölkerung tatenlos zu, wie die Mönche in ihrer Wut und Verzweiflung eine Polizeiwache anzündeten, Autos umwarfen. Schüsse. Tote. Gewalt. Schnell hatten die Besatzer die Proteste beendet. Dieses Mal ist alles anders: Zwar wurde der friedliche Protest der Mönche zunächst wieder von der chinesischen Armee brutal niedergeschlagen. Doch schon am nächsten Tag reihten sich viele normale Bürger in die Demonstrationszüge ein.

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GEO.de-Autor Andreas Hilmer (rechts) mit dem Dalai Lama

Der Protest erreicht sogar Peking

Die Proteste der Mönche waren nachweislich ungeplant und spontan. So berichten es uns die Einheimischen. Erst allmählich erwuchs daraus ein wirklicher Volksaufstand mit Konflikten in mehreren Regionen des Landes. Gestern, am 18.3.08, erreichten die Proteste vorübergehend sogar Peking: Hunderte Tibeter setzten sich auf dem Universitätscampus mit Kerzen schweigend zusammen. Die Aktion wurde von der chinesischen Polizei schnell beendet. Doch die Bilder gingen um die Welt.

Wie ich erfahren habe, haben sich in Dharamsala, dem Sitz des Dalai Lama, Exiltibeter auf den Weg gemacht, um zu Fuß einen wochenlangen Marsch über die Schneegrenze bis nach Lhasa zu unternehmen. In Olympia haben Tibeter unter griechischer Sonne eine Fackel entzündet, die sie um die Welt tragen wollen - als Zeichen des Protestes gegen die Olympischen Spiele in China.

Nach dem aktuellen gewaltsamen Vorgehen des Militärs gegen tibetische Mönche ist es für viele Menschen unvorstellbar geworden, dass China im April seine offizielle Olympia-Fackel wie geplant durch Tibet und bis auf den Mount Everest trägt. Vorbei an von Toten gesäuberten Strassen, vorbei an einem Volk, das unter Hausarrest steht? Es gibt das Gerücht, dass Tibeter ihrerseits auf den Mount Everest klettern könnten, um die Zeremonie zu stören. Im Internet gab es solche Überlegungen. Deshalb fordert China jetzt von Nepal, den Zugang zum Berg an der nepalesischen Grenze zu sperren.

Tritt der Dalai Lama zurück?

Der Dalai Lama, den die Chinesen reflexartig zum Anführer der Gewalt ausgerufen haben, ist diesmal besorgter als früher. Ich habe ihn oft getroffen, oft nach der Situation in seinem besetzten Land gefragt. Er spricht erstmals vom "kulturellen Völkermord", vom Genozid. Weil die Tibeter eine Minderheit im eigenen Land seien. Weil Religionsausübung bis ins Detail kontrolliert wird. Weil die von den Chinesen versprochene Entwicklung nur dazu diene, Tibet schleichend zu "sinisieren", also chinesisch auszurichten. Ein uraltes Kulturland verkommt zum religiösen Disneyland für Touristen und Besatzer.

Als er der Anstiftung zur Gewalt bezichtigt wurde, reagierte der Dalai Lama – auch anders als sonst - ungehalten und empört: "Dass gerade ich mit der Gewalt zu tun haben soll, ist lächerlich", sagte er verärgert. "Wenn der Freiheitskampf meines Volkes allerdings außer Kontrolle gerät und mehrheitlich gewaltsam wird, dann bleibt mir, als Verfechter unbedingter Gewaltlosigkeit nichts anderes übrig, als nicht mehr der Fürsprecher des tibetischen Volkes zu sein. Dann muss ich zurücktreten."

Der Dalai Lama tritt ab? Die Welt rätselt, ist geschockt. Aber er meint, was er sagt: Strikte Gewaltlosigkeit ist für ihn, als buddhistischen Mönch, ein höheres Gut als der Kampf um seine Heimat. Seine "Ämter" hat er seit Jahren abgegeben, die Exilregierung in Dharamsala führt längst ein demokratisch gewählter tibetischer Regierungschef. Abtreten heißt für den Dalai Lama, wie er mir einmal sagte: "Die Institution des Dalai Lama ist nicht auf Ewigkeit angelegt. Sie geht nur dann weiter, wenn sie den Tibetern helfen kann. Und wenn Gewalt regiert, dann kann der Dalai Lama nicht mehr helfen, nicht mehr der Fürsprecher der Tibeter sein."

Allumfassendes Spitzelsystem

Manchen ist der Dalai Lama nach fast 50 Jahren Unterdrückung und Diaspora zu diplomatisch, zu zahm geworden. Gerade der "Youth Congress", eine Vereinigung junger, radikaler Exiltibeter, unterstützt auch den gewaltsamen Kampf. Auch die jungen Menschen, die sich selbst an den Aufständen beteiligen, scheinen gewaltbereiter zu sein als ihre Eltern, weil sie sich unter chinesischer Besatzung nicht entfalten können. Während der Dalai Lama weiterhin die Autonomie an der Seite Chinas fordert, wollen junge Tibeter Freiheit und Unabhängigkeit mit allen Mitteln.

Wie erdrückend der Alltag in Tibet ist, wie allumfassend das Spitzelsystem, habe ich bei einem meiner Aufenthalte selbst zu spüren bekommen. In Shigatse wurde ich von einem so genannten "Polizeimönch" denunziert, weil ich ein Foto des Dalai Lama bei mir trug. Ich wurde verhaftetet, stundenlang verhört, musste mündlich und schriftlich "bereuen" und am Ende eine Strafe von 150 Dollar zahlen. Ein Tibeter wäre nicht so glimpflich davon gekommen.

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