Bhutan: Ein Volk entdeckt die Demokratie

Ein Politiker wirbt mit Fotos von Yak-Käse für sich, Rot und Orange sind als Farben im Wahlkampf verboten, und zum Urnengang legen die Bürger seidene Gewänder an. Bei den ersten landesweiten demokratischen Wahlen im Himalaya-Staat Bhutan läuft vieles etwas anders ab. Auch, weil eigentlich alle die absolute Monarchie beibehalten wollen. Nur einer nicht: der König selbst
In diesem Artikel
Freiheit statt absoluter Herrschaft
Der mühsame Weg in die Moderne
Wahlkampf mit Yak-Käse
Die Stunde null der Demokratie

Freiheit statt absoluter Herrschaft

Er kniet vor einer Kerze, weiches rotes Wachs tropft herab, und Wangchuk hält den Atem an. Er zupft an den Ärmeln seines Mantels. Dann holt er die neue Maschine aus dem Koffer. Er streckt sie in die Höhe, damit die Umstehenden sehen, dass der digitale Zähler des Gerätes eine Null anzeigt. Als sich alle davon überzeugt haben, drückt er feierlich ein Siegel auf den Sicherheits-Knoten. Es wirkt wie ein religiöses Ritual, das Wangchuk da zelebriert. Andere Wahlhelfer im Raum tun es dem 27-jährigen Verwaltungsbeamten nach, 38 Mal.

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Demokratie in Kinderschuhen: Im Dorf Dhur in Zentralbhutan kommen Mutter und Tochter von einer Wahlveranstaltung, in der Tasche das Bild des Kandidaten

Denn so viele Zählmaschinen gibt es für die Region Bumthang, und sie müssen vor aller Augen mit Siegelwachs verschlossen werden. Auf den ersten Blick sehen die Apparate wie Keyboards für Kinder aus, aber es geht hier nicht um ein Spiel. Die Maschinen sollen das Land Bhutan und seine rund 700.000 Bewohner in die Neuzeit katapultieren, Fingerdruck für Fingerdruck. Denn in wenigen Tagen, es ist jetzt Ende Dezember 2007, werden die Menschen an den elektronischen Wahlurnen die ersten Vertreter für ein Parlament wählen, das im Entstehen begriffen ist. Sie werden in dem 100 Jahre alten Königreich die modernste und freieste aller Regierungsformen einführen: die Demokratie. Sie werden ihren König entmachten – und das auf Geheiß ebendieses Königs.

Das Wahlbüro der Region Bumthang, in dem Wangchuk seiner Pflicht nachgeht, ist in einem alten, ungeheizten hölzernen Palast der Provinzhauptstadt Jakar untergebracht. An der Wand klebt ein Plakat, auf dem Menschen unterschiedlichen Alters Hand in Hand zu sehen sind und der Aufruf zu Fairness und Verantwortungsgefühl bei den Wahlen. Stromleitungen durchziehen den kargen Raum wie ein Spinnennetz. Zwei Computer surren auf den klebrigen Tischen. Wind pfeift durch die Ritzen der Holzwände. Vor den eigens herbeigeschafften elektrischen Heizkörpern sitzen die Honoratioren. Der Gouverneur. Der Wahlleiter. Der Verwaltungschef. Sie wärmen sich die nackten Knie.

Gestatten: Jurmey, 27, seit kurzem Politiker

Zwei Autostunden von Jakar entfernt klopft zur gleichen Zeit ein junger Mann mit Hornbrille an die Holztür eines Bauernhauses. Über dem Eingang sind buddhistische Gebete auf Rinderhörner geschrieben, sie sollen die Bewohner vor bösen Geistern schützen. Der Mann stellt sich ihnen als Jurmey vor: Er sei 27 Jahre alt, aus dem Dorf Ura, hinter den Bergen, und er sei seit kurzem Politiker. Ihr Politiker. Er wolle sie in der Hauptstadt für die Region Bumthang vertreten. Sehr höflich ist Jurmey und sehr unsicher. Rauch zieht durch die Fenster, die Familie sitzt im Halbdunkel um den Holzofen im ersten Stock. Jurmey erzählt, er habe am Sherubtse College, der besten Hochschule des Landes, gerade seine Prüfung in Wirtschaftswissenschaft abgelegt. Er sei verheiratet, und seine Frau habe vor acht Monaten ein Kind geboren. Von der Demokratie habe er in der Zeitung gelesen. "Und da hatte ich die Idee, mich zur Wahl zu stellen", sagt er. Seither fährt er mit einem alten Jeep durch die Täler und hält Reden.

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Moderne Wundermaschinen: Die Bhutaner füllen keine Stimmzettel aus, sondern wählen mit elektronischen Zählgeräten

Die Familie am Ofen hört ihm zu. "Demokratie ist sehr neu", sagt der Bauer und legt vorsichtig ein Stück Holz ins Feuer. "Und auch sehr verwirrend. Wir sollen jetzt Entscheidungen treffen. Aber wie können wir wissen, was richtig ist und was falsch?" Bislang haben sie stets einen der Ihren zum Dorfchef bestimmt. Wichtige Entscheidungen, etwa wo eine Brücke gebaut werden sollte, haben sie gemeinsam getroffen. Um das große Ganze aber hat sich der König gekümmert – so war es hier seit Menschengedenken. Die Bäuerin schüttelt den Kopf: "Der König ist wie unser Vater! Er hat immer für uns gesorgt. Dass er uns jetzt verlässt, ist sehr schwer für uns."

Das Volk soll wählen, so will es der König

Freie Wahlen statt absoluter Herrschaft. Seit Jahren hat Jigme Singye, der Vater des jetzigen Königs, auf die Demokratisierung hingearbeitet, hat auf langen Reisen durch die Dörfer für den Wandel geworben. "Ein guter König kann in Bhutan viel Gutes erreichen, ein schlechter kann enormen Schaden anrichten. Deshalb darf die Zukunft des Landes nicht von einem einzigen Mann abhängen", hat er den Bauern erklärt. Er hat es vor Häusern getan, in denen die Menschen Butterlampen vor seinem Porträt anzünden. Und wo manche seinen Vater Jigme Dorje als bodhisattva verehren, als einen Erleuchteten, der seinen Eintritt ins Nirwana aufschob, um den Menschen in Bhutan besser helfen zu können.

Der mühsame Weg in die Moderne

Jigme Singye kam nach dem Tod seines Vaters, 1972, als 17-Jähriger auf den Thron. Zwei Jahre später wurde er gekrönt. Er war, so vertraute er dem englischen Journalisten Jonathan Gregson an, mit dem er in Kalkutta zur Schule gegangen ist, "völlig unvorbereitet. Ich konnte diesen Job nur antreten, weil die Bhutaner so an mich geglaubt haben". Denn der "Job" war gewaltig: Jigme Singye musste ein Land in die Moderne führen, in dem es bis Mitte der 1950er Jahre keine Straßen gab, keine Krankenhäuser, dafür Frondienste in der Landwirtschaft. Ein Land, in dem die Lebenserwartung bei gerade einmal 47 Jahren lag. Der junge König löste die Aufgabe auf ungewöhnliche Weise: Er formulierte "Gross National Happiness", das Bruttosozialglück, als höchstes Ziel seiner Entwicklungspolitik und lehnte es ab, die Wälder des Landes zu plündern oder Kredite bei internationalen Institutionen aufzunehmen, um das Bruttosozialprodukt zu steigern – sonst weltweit der Maßstab allen Fortschritts.

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Ehrenplatz auf dem Hausaltar: Der Königssohn Jigme Khesar, dessen Vater die Einführung der Demokratie mehr oder minder angeordnet hat

Das Staatsbudget war bescheiden, aber immerhin ein Viertel davon investierte der aufgeklärte Monarch in Bildung und Gesundheitswesen. Inzwischen sprechen die meisten jungen Bhutaner fließend Englisch, jeder Einwohner hat Zugang zu den kostenlosen Gesundheitszentren, und die Lebenserwartung ist trotz des harschen Himalaya-Klimas auf durchschnittlich 66 Jahre gestiegen. Gleichzeitig wachte der König streng über die buddhistische Kultur des Landes: Häuser mussten und müssen noch immer im traditionellen Stil erbaut werden; die Untertanen sind angehalten, Landestracht zu tragen; der Tabakhandel ist untersagt, de facto herrscht Rauchverbot.

Die Monarchie wird entmachtet - durch den König

Aus Angst vor einer "Verwestlichung" wurden Touristen erst ab 1974 ins Land gelassen. Und auch nur in kleinen Gruppen und für eine tägliche Pauschale von 220 US-Dollar. Fernsehen und Internet-Nutzung erlaubte der König erst zu seinem 25. Krönungsjubiläum im Jahre 1999. Nicht, weil er orthodox sei, betonte der Herrscher in einem seiner seltenen Interviews, sondern aus sehr pragmatischen Gründen gehe er so vor: "Nur unsere einzigartige Kultur stärkt unseren Status als unabhängige und souveräne Nation", erklärte er. Im Hintergrund dieses mahnenden Satzes stand die Erfahrung, dass das angrenzende Königreich Sikkim 1975 von indischen Truppen annektiert worden war, nachdem es dort Krawalle zwischen eingewanderten Hindus und den sikkimischen Buddhisten gegeben hatte.

Jetzt, da es Bhutan so gut gehe, hatte der König nach der Jahrtausendwende verkündet, sei der Zeitpunkt für einen entscheidenden Wandel gekommen. Und so übergab der erst 51-jährige Monarch, dessen vier Frauen in Palästen wohnen, während er selbst ein schlichtes Holzhaus bevorzugt, im Dezember 2006 den Thron an seinen 26-jährigen ältesten Sohn. In einer demokratisch-konstitutionellen Monarchie nach britischem Vorbild sollen vom Frühjahr 2008 an ein Zweikammern-Parlament das Land regieren. Ein Oberhaus, mit beratender Funktion, aus Regionalabgeordneten, die jetzt, Ende Dezember, gewählt werden. Und ein gesetzgebendes Unterhaus mit Parteienvertretern, deren Wahl für Ende März 2008 geplant ist. Der König hatte ein letztes Mal seine monarchische Macht in Anspruch genommen: um die Monarchie zu entmachten.

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Druk Yul, das "Land des Donnerdrachen", wie die Bhutaner ihr Königreich nennen, befindet sich an der Südseite der Himalaya-Kette und grenzt an China und Indien. Rund 700.000 Menschen leben meist verstreut in Hochtälern auf einer Fläche, kaum größer als die Schweiz

Wahlkampf mit Yak-Käse

Wangchuk, der Verwaltungsbeamte, erhält vor seinem Aufbruch in ein abgelegenes Dorf genau 34 Gegenstände ausgehändigt, um die Demokratie in der Region Bumthang in Gang zu setzen. Darunter eine Schere, drei Kerzen, eine Rolle Band, Tinte zum Markieren der Finger der Wähler, sechs Stifte, vier Plakate. Wangchuk hat die Lehrer Dawa und Rinzin, den Ingenieur Namgye sowie Choni und Jigme, zwei Frauen aus seinem Büro, zu einem Team vereint, dazu drei Polizisten. Wangchuk kennt einige seit der Schulzeit. Und ein bisschen wirkt es, als brächen sie nun zu einem Schulausflug auf. Ihr Ziel heißt Chunphel. 169 Wahlberechtigte hat das Dorf.

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Er trägt besonders schwer an der Demokratie: Der alte Mann läuft mit der hölzernen Wahlkabine voran, Polizisten und Wahlkampfhelfer folgen ihm auf dem Weg nach Chunphel

Bei Probewahlen im Frühjahr 2007 wurde nach Farben abgestimmt. Die Mehrheit entschied sich damals für Gelb, die Farbe des Königs. "Es war eine demokratische Abstimmung gegen die Demokratie", kommentierte das Kinley Dorji, der bekannteste Journalist der Nation. Die Wahlkommission hat daher nun für die Wahl der Regionalvertreter Porträts der Kandidaten auf die Wahlmaschinen kleben lassen, für die später stattfindende Wahl des Unterhauses die Logos der Parteien. Farben als Symbole sind generell verboten. Insbesondere Orange, die buddhistische Farbe. Die rund 15.000 Mönche dürfen nicht wählen, denn Staat und Religion sollen getrennt bleiben. Auch die Königsfamilie hat, auf eigenen Wunsch, kein Stimmrecht erhalten.

"Für den Besseren soll man sich entscheiden, das reicht"

Fast 20 Auftritte hat er im Wahlkampf absolviert, 80 Poster aufgehängt und immer wieder Handzettel mit seinem Foto verteilt: Neu-Politiker Jurmey ist bis zum Tag vor der Wahl in den vier Tälern Bumthangs unterwegs. Mit seiner rechteckigen Brille sieht er ein wenig wie Buddy Holly aus, den hier allerdings niemand kennt. Sein Mitbewerber um den Abgeordnetensitz von Bumthang hat seine Plakate gleich neben die von Jurmey gehängt. Ein robuster Mann von Ende 40, er blickt väterlich streng, er strahlt Erfahrung aus. Auf seiner Wahlwerbung ist ein Stück Käse abgebildet, der wichtigste Exportartikel der Region. In sieben Unterpunkten führt der Kandidat seine Ziele an: Sicherheit, Erziehung, Entwicklung...

Wenn Jurmey von Haus zu Haus geht, bittet er bewusst nicht darum, für ihn zu stimmen. "Für den Besseren soll man sich entscheiden, das reicht", sagt er bescheiden. Und wenn der Gegner gewinnt? "Dann ist der vielleicht einfach besser als ich, und auch besser fürs Land." Er bleibt meist 20 Minuten bei einer Familie, trinkt den Buttertee, den man ihm anbietet, und zieht weiter. Einmal hat eine Bauernfamilie Jurmey, dem Politiker, ihren Stromzähler gezeigt, der ein Jahr zuvor an ihrem Haus befestigt worden war. Der Zähler stand nach wie vor auf null, denn durch die Leitung war noch kein einziges Mal Strom geflossen.

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Im Vorgebirge, auf 3000 Metern, stehen die Häuser des Dorfes Chunphel. Die Bauern geben ihre Stimme in der weiß getünchten Schule ab

Ob er damit etwas zu tun habe, haben die Bauern Jurmey vorsichtig gefragt. Er hat ihnen zugesichert, sich zu erkundigen – nach der Wahl. Versprechen wollte er nichts. Obwohl die Bauern in Bhutan von ihren Anführern eigentlich kidus erwarten, kleine Zuwendungen und Hilfen. Mit diesem Patronage-System ist das Land jahrhundertelang regiert worden: Die Bauern folgten ihren Fürsten, die sich im Gegenzug um deren Wohlergehen kümmerten, ihnen Geld gaben für die Hochzeit einer Tochter oder den Bau eines Hauses. Jetzt sollen aus Untertanen, die Wohltaten empfangen, Bürger werden, die politische Rechte haben. Viele Bauern sind sich nicht sicher, ob das ein guter Tausch ist.

Warten auf den Wähler

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Demokratie ist manchmal langweilig: Choni, Wahlhelferin Nr. 2, wartet auf Wähler. Ihre Aufgabe: Nach der Stimmabgabe wird sie bei den Wählern einen Fingernagel markieren, damit niemand zweimal zur Urne geht

Noch eine Kehre, dann endet die Straße vor einem Gebirgsbach. Hier warten vier Träger mit dicken Tauen in den Händen auf Wangchuk, um seiner Karawane zu helfen. Denn das Dorf Chunphel liegt noch viele Stunden Fußmarsch entfernt, in den Wolken, weit über 3000 Meter hoch. Die Männer schultern ihre Rucksäcke. Der Weg führt durch dichte Wälder aus Bambus und Koniferen. Kleine Flussläufe, die kein Sonnenschein erreicht, sind zu Eis gefroren. Immer häufiger begegnet die Wahl-Kolonne nun Männern, die lange Stämme aus dem Wald schleppen. Wer über 3000 Meter lebt, kann nicht genug Brennholz lagern. Endlich, am Nachmittag, die Sonne ist schon hinter den vorhin noch eisig glitzernden Bergen verschwunden, erreichen Wangchuk und sein Team die Schule von Chunphel. Sofort lässt Wangchuk den Ofen anheizen, und die Frauen beginnen bei Kerzenschein Kartoffeln zu schälen.

Am nächsten Morgen liegt Raureif liegt auf den Wiesen, ein Junge treibt ein paar Kühe vor sich her. Die Polizisten in der Schule treten unrasiert und müde von einem Bein auf das andere. Es ist kurz nach sieben Uhr am nächsten Morgen. "Weiter nach links, da fällt mehr Licht auf die Fotos! Dann können die Leute besser wählen." Choni wischt den Wahlraum aus, Dawa und Wangchuk schieben die blaue Wahlkabine hin und her. Dann verteilt Wangchuk die Aufgaben: "Dawa, wenn einer abgestimmt hat, immer das Foto im Wahlbuch durchstreichen. Choni, du markierst die Fingernägel, damit keiner zweimal wählen kann." Wangchuk reibt sich die Hände warm. Über der Wahlkabine hängt jetzt ein thangka, ein buddhistisches Meditationsbild, das den "Buddha der höchsten Weisheit" zeigt. An Tisch Nr. 2 schüttelt Choni das Glas mit lilafarbener Tinte. Und dann ist es acht Uhr. Wahlbeginn im Dorf. Und es kommt niemand.

Die Stunde null der Demokratie

"Bergbauern haben morgens zu tun", gibt sich Wangchuk gelassen. Außerdem ist es immer noch eisig kalt. Aus dem quakenden Funkgerät hört man vom Bergdorf gegenüber, dass dort sogar eine Wahlmaschine eingefroren ist. Um drei Minuten nach neun erscheint in Wangchuks Wahlstation der Erste von 169 Wahlberechtigten. Er blickt im Schein einer Solarlampe auf die briefmarkengroßen Bilder der Kandidaten. Rückt die Brille zurecht. Überlegt. Drückt. Nichts geschieht: Auch in Chunphel streikt die Abstimmungsmaschine. Das Ersatzgerät wird ausgepackt. Und dann wählt der Herr mit der Brille ein zweites Mal zum ersten Mal.

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Sieg der Jugend: Die Bürger der Region Bumthang schicken den 27-jährigen Hochschulabsolventen Jurmey ins Oberhaus. In seinem Dorf wird er von Honoratioren begrüßt

Inzwischen hat sich eine Handvoll Menschen vor dem Schulgebäude versammelt. Jeder wird kurz abgetastet. Messer gehören nicht ins Wahllokal, selbst wenn jemand gerade von der Feldarbeit kommt. Mit einer Schnur werden die Männer von den Frauen in der Warteschlange getrennt; weshalb, weiß keiner so recht. Die Demokratie schafft viele undurchschaubare Regeln. Und macht auch erst einmal schweigsam. Kaum einer mag über die Wahl sprechen. Vorher nicht. Nachher nicht. "Es ist doch geheim", sagt eine junge Frau und errötet. "Zu Hause erzähl ich’s auch niemandem." Ein Bauer erklärt: "Ich wähle. Vor allem aus Respekt für den König. Mehr weiß ich nicht. Mein Finger wird mich zu dem führen, dem ich meine Stimme geben soll."

Selbst dem Premierminister war der Weg zu weit

In Chunphel, teilt Wangchuk später über Funk der Zentrale mit, sind am Nachmittag nur noch sieben Wähler gekommen, insgesamt haben 79 der 169 Wahlberechtigten abgestimmt. Nebel zieht auf, als das Team sich fertig macht für den Marsch zurück ins Tal. "Ein wenig enttäuscht bin ich schon von der Wahlbeteiligung", sagt Wangchuk und mutmaßt: "Vielleicht liegt es an der Kälte." Oder daran, dass die Wahl in die Hauptpilgerzeit der Buddhisten gefallen ist. Außerdem haben die Bhutaner nur dort abstimmen dürfen, wo sie gemeldet sind, also meist in ihrem Heimatdorf; und die Reise dorthin hätte manch einen ein Monatsgehalt gekostet. Selbst dem Premierminister war, wie sich herausstellen wird, der Weg zur Urne zu weit.

Im Palast zu Jakar, der Provinzhauptstadt von Bumthang, ist am Abend trotz der Stille die große Erwartung der Anwesenden zu spüren. Die Honoratioren schieben wieder Heizkörper vor ihre nackten Knie. Dann zählt der Wahlleiter die per Telefon eingehenden Stimmen aus den Dörfern zusammen. "Es gibt kaum Worte für meine Freude, ich bin glücklich und stolz. Wir haben es geschafft!", hebt er schließlich an und verkündet, wen das Volk der Region Bumthang als seine Vertretung in die Hauptstadt entsenden wird: den schüchternen Jurmey.

Und gewonnen hat: die Jugend

Zur Überraschung aller hat Bumthang also die Jugend gewählt, Jurmey hat 314 Stimmen mehr auf sich vereinigt als sein Konkurrent. Der Verlierer verlässt wortlos den Palast und verschwindet in die Nacht. Jurmey strahlt. Als suche er nach Bestätigung, schaut er immer wieder zu seinem Bruder; wie so oft während des Wahlkampfes ist er auch in der Stunde seines Sieges verlegen. Wie deutlich er sich freuen darf und wie viel Zurückhaltung er wahren muss – dafür gibt es kein Protokoll. "Alle haben immer gesagt, dass ich noch so jung bin – aber die Demokratie ist ja auch ganz frisch. Das passt doch!"

Bei der Wahl zum Unterhaus Ende März 2008 wird der Verwaltungsbeamte Wangchuk wieder dabei sein. Mit Wahlbuch, Wachs und Zählmaschine. Dann wird erstmals, wie in der Verfassung festgeschrieben, unter zwei Parteien gewählt, wer die Regierung stellt und wer die Opposition. Wangchuk hat einen Wunsch für diese Wahl: "Ich würde mich freuen, wenn ich die Demokratie in einem größeren Dorf organisieren dürfte." Mit mehr Menschen, mehr Verantwortung und weniger Kälte. In Chunphel, dem Weiler in den Wolken, ist er, Chef eines zehnköpfigen Teams, drei Tage im Einsatz gewesen. Für 79 Wähler, die ein erstes Mal Demokratie kosten wollten.

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