Amsterdam: Ein Wochenende im Würfel

Das "Qbic-Hotel" in Amsterdam ist der Billigflieger unter den Designhotels. Hier gilt: "No frills" - keine Kinkerlitzchen, kein Portier, dafür stilvolle Zimmer. Ein System mit Zukunft?

Im "digitalen kiosk" gibt es keine Rezeptionsglocke. Geschweige denn einen Menschen, der auf ihr Bimmeln reagieren würde. Ratlos setzt die junge Frau ihre Koffer ab und sieht sich um: Ledersessel auf rotem Teppich, Stehlampen wie Skulpturen und eine grün schimmernde Wand aus Bambushölzern. "Sieht ja toll aus", sagt sie. "Aber wo checken wir ein?" Übers Internet hat sie das Amsterdamer "Qbic-Hotel" (www.qbichotels.com) gebucht, für ein Wochenende mit ihrer Schwiegermutter. Die steht mit sorgenvollem Gesicht hinter ihr und fragt: "Wie kommen wir jetzt auf unsere Zimmer?"

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Herz des "Qbic"-Zimmers: der Plastikwürfel mit Bar, Bett, Bad

"Qbic"-Gäste machen alles selbst

Eine Rezeption gibt es nicht und auch keine Kofferträger, die um den Gast herumwieseln. Dafür jenen digitalen Kiosk, an dem man ein- und auscheckt – per Touchscreen-Computer. Der spuckt eine Scheckkarte aus, die Zugang zu Liften und Zimmern gibt – vorausgesetzt, man hat alles richtig gemacht. Low Cost mit High Design – das ist das "Qbic"-Konzept. Junge und namhafte Designer durften sich hier austoben, Personal aber wird ingespart. "Selfservice ist der beste Service", sagt der Unternehmer und "Qbic"-Erfinder Paul Rinkens und klingt wie sein eigener Werbetexter. Den Roomservice ersetzt eine "Grab and Go Corner": In dem Automaten findet der Gast Snacks und Schokoriegel, Getränke und Obst, Zahnbürsten und Toilettenpapier, Aufladegeräte, Telefonkarten, Zeitschriften und Kondome.

Manche scheitern. Und stellen fest: Selfservice kann ziemlich einsam machen. "Für Leute in meinem Alter ist das nichts!", klagt der 55-jährige Leo Troost, der sich einen Parkschein für die Tiefgarage ausdrucken lassen will: "Meine Geduld wurde beim Einchecken ziemlich auf die Probe gestellt!" Resolut winkt er die junge Frau zu sich, die immer noch in der Lobby steht. "Ich an Ihrer Stelle würde Hilfe rufen!", sagt Troost und zeigt auf das Telefon neben dem Computer. Ganz ihrem Schicksal überlassen werden "Qbic"-Gäste nicht: Drei Service-Manager sind abwechselnd im Einsatz, schauen nach dem Rechten, helfen beim Einchecken, bereiten das Frühstück zu. "Das schmeckt handgemacht doch am besten!", sagt Service-Manager Chris Severigns, während er Croissants aus dem Ofen holt.

Ein zukunftsweisendes Konzept

Paul Rinkens hält sein Konzept für zukunftsweisend: 15 "Qbic-Hotels" mit 1500 Betten sollen in Europa entstehen. "In London, Rom, Barcelona – überall, wo Reisende sind." Nach Amsterdam eröffnen noch in diesem Jahr Häuser in Antwerpen und Maastricht. Von deren Erfolg ist Rinkens überzeugt. Er sieht es so: "In traditionellen Hotels muss man für den Roomservice bezahlen, auch wenn man ihn nicht in Anspruch nimmt. Bei uns hingegen zahlt man nur für das, was man auch wirklich kriegt!" DieZimmerpreise bewegen sich zwischen 69 und 139 Euro - je nach dem, wie frühzeitig man bucht. Rinkens "Wir sind die Easyjets unter den Hotels: Wer schnell bucht, wird belohnt!" Möglich ist das nicht nur durch Serviceeinsparungen. In jedem "Qbic"- Zimmer steht ein Kunststoffwürfel, der in China produziert wird und der Hotelkette ihren Namen beschert hat: der Cubic. "Er geht auf die Vorstellung von einem Himmelbett mit vier Pfosten und einer Decke zurück, um das man herumlaufen kann", erklärt Rinkens. In und an diesem Cubic findet der Hotelgast auf rund acht Quadratmetern, was er braucht – ein extralanges Hästensbett, eine Waschzelle mit Philippe-Starck-Elementen, LCD-TV, wifi-Internetzugang und einen Schreibtisch. So ein Wohnbauklötzchen kostet rund 10.000 Euro. "Man muss es nur in ein Zimmer schieben, anschließen – und fertig!"

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Den Roomservice ersetzt im "Qbic"-Hotel der "Grab and Go Corner"

Die Fenster lassen sich nicht öffnen

Die ideale Lösung, um leerstehende Büroräume zu Hotelzimmern umzufunktionieren. In Amsterdam liegt das "Qbic" im WTC, das World Trade Center ist ein Business-District aus der Retorte an der Peripherie der Metropole. Nach Büroschluss fühlt man sich hier einsam wie zwischen den Hochhäusern der Londoner Docklands. Gemäß WTC-Bauvorschrift lassen sich die Fenster im "Qbic" nicht öffnen – aus Sicherheitsgründen. Doch hat das Hotel eine Auslastungsquote von rund 90 Prozent. "In Amsterdam zahlt man leicht eine dreistellige Summe für ein Zimmer pro Nacht", sagt Leo Troost, der endlich sein Parkticket in Händen hält. Im "Qbic" hat er 90 Euro bezahlt – für ein schickes Zimmer. "Dass man alles selbst machen muss, ist zwar gewöhnungsbedürftig. Dafür stimmt der Preis, und auch Bett und Dusche sind 1 a."

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