Linguistik: Bayern in Neuseeland

Am anderen Ende der Welt hat sich ein alter bayerischer Dialekt erhalten

Rund 18 000 Kilometer liegen zwischen dem Bayerischen Wald und der Siedlung Puhoi auf der Nordinsel Neuseelands. Und doch konnte sich der Regensburger Germanist Alfred Wildfeuer mit einigen Einheimischen dort ohne Probleme in seinem bayerischen Heimatdialekt unterhalten.

Der Grund: Die Neuseeländer in Puhoi sind Nachfahren von Auswanderern aus dem bayerisch-böhmischen Grenzgebiet des 19. Jahrhunderts und sprechen noch das sogenannte Nordbairisch ihrer Großeltern und Urgroßeltern. Die über hundert Männer und Frauen aus der Gegend um die nordböhmische Kleinstadt Staab (Stod), die sich 1863 auf den Weg in die neue Heimat gemacht hatten, waren mehr als drei Monate unterwegs. Vor allem die Verheißung von jeweils 16 Hektar eigenem Land zog die Kleinbauern und Handwerker in die Ferne. Bei der Ankunft in Puhoi, etwa 50 Kilometer nördlich von Auckland, fanden sie allerdings statt der erhofften landwirtschaftlichen Nutzflächen dichten Urwald. Nur mithilfe der Maori, der Ureinwohner Neuseelands, schafften es die Neuankömmlinge, in der neuen Heimat zu überleben.

Für Sprachwissenschaftler ist die Entdeckung einer solchen Sprachinsel ein Glücksfall: Hier können sie Dialekte erforschen, die zum Teil in den Ursprungsländern bereits ausgestorben sind. Interessant ist aber auch, wie der Kontakt mit einer anderen Sprache jene der Auswanderer beeinflusst hat. Oft konnten Alfred Wildfeuer und seine Kollegin Nicole Eller hybride Bildungen, also Mischformen, beobachten. Das „Duschen“ heißt bei den Neuseeländern „Showern“, den Pfirsichbaum nennen sie „Pieetschnbam“. Als einer von einem Geschäft erzählt, das ausgeraubt wurde, sagt er: „Da hams den Laden grobbt“. Für das Auto, das es zum Zeitpunkt der Auswanderung noch nicht gegeben hat, verwenden die Neuseeländer den englischen Begriff „car“. Beim Wort „telefonieren“ ist das anders: „I dou de otelegrafiern“ heißt „Ich werde dich anrufen“.

Auch beim Satzbau fielen den Wissenschaftlern Unterschiede zur deutschen Variante auf. So gibt es die Satzklammer, die im Deutschen häufig verwendet wird, in der Sprachinsel nicht. Statt „Wir haben Bäume gehabt“ sagen die neuseeländischen Bayern „Wir haben gehabt Bäume“. Schon seit 2005 sind die Sprachwissenschaftler der Universität Regensburg auf der Suche nach deutsch-böhmischen Sprachinseln (etwaige Hinweise bitte per E-Mail an Alfred Wildfeuer).

In der Ukraine, in Rumänien und in Nordamerika entdeckten sie zum Teil ganze Dörfer, in denen noch aktiv die bairisch-böhmische Mundart gesprochen wird. Noch in diesem Jahr wollen sich die Regensburger auf die Reise nach Brasilien machen. Dort sollen noch rund 1000 Sprecher eines nordbairischen Dialektes leben.

In Neuseeland hingegen wird es das Phänomen der Sprachinsel nicht mehr lange geben. Der jüngste Sprecher des Idioms ist 74 Jahre alt, die wenigen anderen sind alle über 80 Jahre alt. Ihre Kinder verstehen den Dialekt zwar zum Teil noch, sprechen ihn aber nicht mehr.

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