Mljet: Die wilde Insel

Uralte Kiefernwälder, Olivenhaine, unberührte Buchten: Seit griechische Seefahrer hier landeten, hat sich Mljet in Kroatien kaum verändert. Auch die Legenden leben fort

Wenn ein Mann mehrere Monate im Jahr allein auf einem exponierten Karstgipfel sitzt und seinen Dienst als Feuermelder versieht, dann macht ihn das nicht gerade gesprächig. So folge ich der lakonischen Handbewegung des bärtigen Mannes in der Ranger-Uniform und setzte mich zu ihm. "Marco", stellt er sich vor. Das muss erst einmal reichen. Der 253 Meter hohe Montokuc ist Marcos Arbeitsplatz. Eine schiefe Holzhütte, eine Leine mit trocknenden Hemden, zerschlissene Stühle. Hier sitzt Marco und späht über die bewaldeten Hügel. Trüge er nicht die Uniform des Nationalparks Mljet, man könnte ihn auch für den gestrandeten Odysseus halten oder für einen seiner Gefährten. Hager ist sein Gesicht, die Haut von der Sonne gebräunt, das Haar gebleicht.

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Viele Buchten der Insel Mljet erreicht man nur per Boot

Wälder, soweit das Auge reicht

Seine beiden kräftigen Hände umfassen ein großes Fernglas. Das ist Marcos wichtiges Werkzeug. Damit wacht er darüber, dass im Nationalpark Mljet auf der gleichnamigen Insel

vor der Küste Dalmatiens kein Feuer ausbricht. Die Insel Mljet bietet einen ganz und gar ungewöhnlichen Anblick. Mljet ist anders als die meisten Landschaften rund um das Mittelmeer. Nicht kahl und struppig; nicht voller weißgebleichter Felsen, Gebüsch und Macchia. Nein, fast die ganze Insel ist von hohen und dichten Wäldern bewachsen - Steineichen, Aleppokiefern, Lorbeer. Ausladende Bäume, knorrige Methusalems und stolze Patriarchen, ebenso von Wind und Wetter geformt und gegerbt wie ein Mensch, der lange hier oben lebt.

Es duftet nach Harz, und man kann den Wind in den Baumkronen rauschen hören. Von seinem Ausguck blickt Marco auf grüne Hügel, auf ein dichtes Dach von Baumwipfeln, das sich bis zu den Küsten hinunterzieht. Doch, sagt Marco, nachdem er mir lange, sehr lange Zeit gegeben hat, das Naturwunder zu betrachten - so muss es Odysseus auch schon gesehen haben. Wie bitte - Odysseus? Aber der ist doch eine literarische Figur. Eine erfundene Gestalt. Marco lächelt. Dann klärt er mich auf. Selbstverständlich sei der große Reisende aus der griechischen Literatur ein Mythos. Aber jeder Mythos habe eine wahre Seite. Trage ein Stück Wirklichkeit in sich. Auf Mljet glauben die Menschen, dass er tatsächlich gelebt hat. Und zwar auf ihrer Insel. Und dass er hier Kalypso verfiel, der Nymphe, und zwar sieben Jahre lang. Und wenn man Homer, der das alles aufschrieb, glauben darf, waren es nicht seine langweiligsten Jahre.

Seen mit Salzwasser gefüllt

Nun konkurrieren noch andere Inseln um die Odysseus- und-Kalypso-Story. Doch wer will heute noch feststellen, was wo geschah? Bleiben wir also bei Mljet und malen uns aus, dass diese Insel heute, im 21. Jahrhundert, immer noch genauso aussieht, wie der seefahrende Kriegsheld der Griechen sie gesehen hat. Wälder und Weinberge, Olivenhaine und Gärten, mit Bruchsteinmauern abgegrenzt, ein paar Felder, auf denen Ziegen weiden. Dazu kleine Buchten mit Sandstränden - die Art von Buchten, an denen man das Gefühl hat, als erster Mensch seinen Fußabdruck in diesen Sand gesetzt zu haben. Bestimmt schlenderten Odysseus und Kalypso auch händchenhaltend zum "Großen See" und zum "Kleinen See".

Um ein Bad zu nehmen, im Süßwasser. Heute sind die Seen mit Salzwasser gefüllt. Verantwortlich dafür sind benediktinische Mönche aus Apulien. Sie kamen im 12. Jahrhundert, bauten ein Kloster und hoben, um ihre Mühlen zu betreiben, einen Stichkanal aus, der die Seen mit dem Meer verband. So drang das Salzwasser ein. Ganz eigene Biotope entstanden - weshalb der gesamte Westen von Mljet 1960 zum Nationalpark erklärt wurde.

Nur zehn Minuten entfernt von der Wildnis um die tiefblauen Seen liegt Pomena. Das Hafendorf hat etwa 50 Einwohner, einige Pensionen, Restaurants und ein Hotel, das natürlich "Odisej" heißt. Damit ist Pomena das Touristenzentrum. Hier treffen wir am Abend Marco beim Feierabendbier. Jetzt ist er gesprächiger. Ob er sich vorstellen könnte, woanders zu leben als auf Mljet, frage ich ihn. "Manchmal fühle ich mich hin- und hergerissen", antwortet er. "Hier gibt es ja nicht viel. Kein Kino, kein Nachtleben." Die 1200 Bürger von Mljet kommen mit einem Supermarkt, ein paar Tante-Emma-Läden, drei Bäckern, einem Friseur und zwei Ärzten aus. "Und im Winter kann es richtig einsam werden", sagt Marco. Dann gönnt er sich gern einen Trip nach Zagreb oder Dubrovnik.

Fährt einen Tag lang mit Fähre und Bus, um Stadtluft zu atmen. Aber wegziehen? "Auf keinen Fall", sagt er bestimmt. Er mag nicht nur die Natur. Ihm gefällt auch das Sperrige der Inselbewohner: "Die haben ihren eigenen Kopf. Wenn ich eine Weile in Zagreb bin, vermisse ich Mljet. Betrete ich dann die Insel wieder, atme ich auf. Weil ich hier frei sein kann."

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Im Hafen von Pomena schaukeln die Segelboote

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