Kroatien: Das lebendigste Museum der Welt

Das hätte sich der römische Kaiser nicht träumen lassen: In seinem Prachtpalast schlägt heute das Herz von Split, toben Kinder und stoßen Twens auf ihre Zukunft an

Im Säulenhof des Kaiserpalasts sitzen Petra Nizetic und Marijana Batinic auf purpurnen Samtkissen, trinken Wein und lachen über die Frage, wie es sich in einem Museum lebt. "Sieh dich um", sagt Petra. Kinder spielen Verstecken hinter dem Jupitertempel, reiten auf venezianischen Löwen, Pärchen fotografieren sich an den Säulen. Exponate sehen anders aus. Petra Nizetic trägt ihr weißblondes Haar kurz geschnitten. Sie ist in Kroatien so bekannt "wie Stefan Raab bei euch in Deutschland", sagt sie lächelnd und deutet auf ihre Freundin: "Mit ihr zusammen." Marijana Batinic sieht aus, als hätte ein Designer den farblichen Gegenpart zu Petra entworfen: brünett, lange Mähne, schwarze Augen. Wir sitzen in einem edel gestylten Café in der Altstadt, und das bedeutet in Split unweigerlich: in historischen Mauern.

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Zwei Stars zeigen die Stadt

Mit Petra und Marijana als Stadtführerinnen durch Split zu streifen hatte ich mir als Idealbesetzung vorgestellt. Die beiden haben Split immerhin zum TV-Schauplatz gemacht. Gemeinsam moderierten sie die Talkshow "Eine halbe Stunde Folter". Darin schafften sie es zum Vergnügen des Landes, Prominente durch lustige und freche Fragen aus der Reserve zu locken. Gedreht wurde, oft mit versteckter Kamera, in der Altstadt. Wenn also jemand Split kennt, dann Petra und Marijana. Zwar haben sie ihre Show nun aufgegeben, um ihr Studium abzuschließen, doch wer anders als die beiden könnte mich besser darüber aufklären, warum ausgerechnet diese Stadt aus römischer Zeit noch so aussieht wie im Altertum, aber ganz modern lebt.

Zusammen spazieren wir durch ein Portal, dann durch Gassen und Gässchen. Nach wenigen Schritten wird mir klar, wie mühelos hier Jung und Alt zusammenpassen. Da stehen venezianische Torbögen vor einem Holzofen für Pizza. In Palazzi mit schmiedeeisernen Balkonen und Drachenwappen hängen Designerkleidchen und Schmuck. Ein steinerner Satyr zieht über einem Musikshop seine Fratze. Unter Renaissancegiebeln werden Schuhe verkauft. Wo Studenten und Müßiggänger Espresso schlürfen, war die Wache der römischen Soldaten. So sieht also das Museum aus, von dem wir gesprochen haben. "Split ist alt an Jahren. Aber immer jung geblieben", sagt Petra. Eines der wichtigsten Daten in der Stadtgeschichte fiel in das Jahr 305: Der römische Kaiser Diokletian dankte ab und zog in seine dalmatinische Heimat. Für seinen Lebensabend hatte er sich hier einen Palast bauen lassen. Von angemessenen 30.000 Quadratmetern - eine der größten Privatresidenzen, die je errichtet wurden. Befestigt mit 16 Türmen und starken Außenmauern, mit einer 40-Zimmer-Luxus-Villa nur für ihn, mit Thermen und einem Aquädukt, mit vier Tempeln, Stallungen, Unterkünften für Soldaten und Dienerschaft. Eine Stadt für sich. Politik hat Diokletian hier nicht mehr gemacht. Zehn Jahre lang genoss er sein luxuröses Pensionärsdasein. Dann fand er im Mausoleum seine letzte Ruhestätte.

300 Jahre blieb der gigantische Palast verwaist

Das zweite wichtige Datum der Stadtgeschichte lässt sich nicht mehr so genau bestimmen. Es lag ungefähr 300 Jahre nach dem Tod des Kaisers. So lange blieb der gigantische Palast verwaist. Dann fing er an, neu zu leben. Dieses Mal nicht als Residenz, sondern als Stadt. Seit dem Mittelalter wird in ihm neu gebaut. Jede Generation und jede Epoche richtete sich in ihm ein. Im jeweils eigenen Stil. Viele kleine Häuser fanden in den Palastmauern Platz, ineinander verschachtelt, übereinander getürmt. Bis auch diese Stadt wieder überquoll und über die alten Mauern hinauswuchs. Heute ist Split mit rund 200.000 Einwohnern die zweitgrößte Metropole Kroatiens - innerhalb der Palastmauern leben noch 2000 Menschen.

Dies ist Splits ganzes Geheimnis, versichern Petra und Marijana: "Wer hier lebt, für den ist die Vergangenheit selbstverständlich. Wir respektieren sie. Wir stellen sie aber nicht auf ein Podest oder ins Museum." Die Stadt hat Geschichte, aber die Geschichte erdrückt sie nicht. Sie bietet ihr einen Platz zum Leben. Zu sehen abends an der Uferpromenade. Wenn der Corso beginnt, auf dem glattpolierten Boulevard, an den Cafés vorbei, zu Füßen der gewaltigen Frontseite des Palasts. Am Kai legen die Fähren zu den Inseln ab. Ganz Split scheint auf den Beinen zu sein, alle Plätze auf den Terrassen sind belegt. "Auch wenn wir kein Geld haben", sagt Marijana, "gehen wir gern aus. Wir können stundenlang vor einer Tasse Kaffee sitzen und das Leben genießen." Niemals würde sie nach Zagreb umziehen - wie angeblich so viele junge Leute. "Split hat mehr als Atmosphäre. Split hat Seele. Hier leben wir am Meer." Die Leute seien warmherziger und fröhlicher. Marijana nickt. "Außerdem sind wir stolz auf unseren alten Palast. Wir bevölkern ihn, das erhält ihn jung. Ist das nicht einmalig in der Welt?"

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